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Wallfahrt

„Der Kapellplatz soll ein Kraftort für alle sein“

Redaktion am 01.02.2022

2022 01 24 pb alb buergermeister stephan antwerpen1 Foto: Wolfgang Terhörst
Altöttings Bürgermeister Stephan Antwerpen in seinem Büro.

Seit bald zwei Jahren ist Stephan Antwerpen (CSU) Erster Bürgermeister der Stadt Altötting. Sein Vorgänger Herbert Hofauer hatte den Wallfahrtsort ein Vierteljahrhundert lang geprägt. Im Interview zeigt Nachfolger Antwerpen, dass er durchaus seine eigenen Vorstellungen von der Entwicklung im „Herzen Bayerns“ hat.

Herr Ant­wer­pen, Alt­öt­ting lebt nicht nur mit der Wall­fahrt, son­dern auch von der Wall­fahrt. Coro­na hat für einen mas­si­ven Ein­bruch der Pil­ger­zah­len gesorgt. Wie kön­nen Sie als Bür­ger­meis­ter gegen­steu­ern?
Ant­wer­pen: Grund­sätz­lich ist das Bür­ger­meis­ter­amt in Alt­öt­ting auch ver­pflich­tet, mit der Kir­che und allen geist­li­chen Gemein­schaf­ten eng zusam­men zu arbei­ten – weil Alt­öt­ting ohne die Wall­fahrt nicht Alt­öt­ting wäre. Alt­öt­ting hat sei­nen Bekannt­heits­grad der Wall­fahrt zu ver­dan­ken, über Jahr­hun­der­te hin­weg. Wirt­schaft­lich aller­dings lebt Alt­öt­ting heu­te nicht mehr von der Wall­fahrt. Bestimm­te Spar­ten wie die Gas­tro­no­mie oder die Devo­tio­na­li­en­lä­den ja, aber vom gesam­ten Gewer­be­steu­er­auf­kom­men spielt das nur eine mar­gi­na­le Rol­le. Doch natür­lich prägt uns die Wall­fahrt. Allein der Kapell­platz ist ein Juwel, für ähn­li­ches muss man weit suchen. Mei­ne Auf­ga­be als Bür­ger­meis­ter ist es, das zu erhal­ten. Außer­halb des Kapell­plat­zes ist es aller­dings nicht immer gelun­gen, Alt­öt­ting attrak­tiv zu hal­ten. Das möch­te ich ändern.

Und die Wall­fahrt?
Ant­wer­pen: Was die Ent­wick­lung der jüngs­ten zwei Jah­re betrifft: Ich den­ke, Coro­na zeigt nicht nur im Bereich der Wall­fahrt und der Kir­che wie unter einem Brenn­glas das auf, was als Pro­blem eigent­lich schon vor­han­den war – bei­spiels­wei­se stei­gen­de Aus­tritts­zah­len und ein erschre­ckend nach­las­sen­der Kir­chen­be­such. Schön war aller­dings, dass die Alt­öt­tin­ger in der Coro­na-Zeit ihren Kapell­platz wie­der­ent­deckt haben, wo sie sonst eher fern blei­ben, wenn vie­le Frem­de da sind – weil sie viel­leicht den Tru­bel nicht wol­len oder sich nicht unbe­dingt der Kir­che ver­bun­den füh­len. Hier kann man viel­leicht etwas wei­ter­den­ken und den Kapell­platz als Kraft­ort sehen auch für Gläu­bi­ge, die nicht zwangs­läu­fig der katho­li­schen Kir­che nahe­ste­hen. Da müs­sen wir welt­of­fen sein, die Arme aus­brei­ten und es jedem ermög­li­chen, hier­her zu kom­men. Ich bin auch der Mei­nung, ein Got­tes­haus soll­te für alle da sein. Wer hier auch außer­halb von Kir­chen­struk­tu­ren Kraft und Spi­ri­tua­li­tät spürt oder ein Kir­chen­kon­zert genießt, dann kann es durch­aus sein, dass er wie­der zu sei­nem Glau­ben, zum Ursprung findet.

2022 01 24 pb alb buergermeister stephan antwerpen2 Foto: Wolfgang Terhörst
Weiß um die Bedeutung der Wallfahrt für Altötting: Stephan Antwerpen mit einer Kopie des Gnadenbildes in seinem Büro als Erster Bürgermeister im „Herzen Bayerns“.

Die Wall­fahrt hat sich in der Tat schon vor Coro­na ver­än­dert …
Ant­wer­pen: Was wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beob­ach­ten konn­ten, ist, dass die Zahl der Indi­vi­du­al­pil­ger deut­lich gestie­gen ist und spe­zi­ell in den Coro­na-Jah­ren vie­le Klein­grup­pen kamen. Die­se haben wahr­schein­lich eine ganz ande­re Art der Wall­fahrt erfah­ren als von den gro­ßen Pil­ger­zü­gen gewohnt: viel­leicht fin­det man da noch mehr zu sich selbst und hat gleich­zei­tig die Gele­gen­heit, den Wall­fahrts­ort mit sei­nen Attrak­tio­nen wie Wall­fahrts­mu­se­um, Diora­ma oder Pan­ora­ma bes­ser ken­nen zu ler­nen. Die­se Indi­vi­du­al­pil­ger wol­len wir auf jeden Fall unter­stüt­zen mit ver­schie­de­nen Ange­bo­ten und Aktio­nen des Wall­fahrts- und Tou­ris­mus­bü­ros der Stadt wie etwa digi­ta­le Rei­se­füh­rer für Alt­öt­ting und Umge­bung oder dem Alt­öt­tin­ger Pil­ger­sa­ckerl“ mit einer Kar­te zu Pil­ger­we­gen und Impuls­kar­ten zum Durch­at­men“. Die Koope­ra­ti­on zwi­schen Stadt, Bür­ger­meis­ter und der Kir­che ist gemein­sam gefor­dert: Wir müs­sen einer­seits die Pil­ger moti­vie­ren nach Alt­öt­ting zu kom­men – das macht natür­lich in ers­ter Linie die Mut­ter­got­tes selbst –, aber das Drum­her­um muss auch pas­sen. Wir brau­chen Viel­falt in der Gas­tro­no­mie, das ist kein Selbst­läu­fer mehr, wo der Pil­ger auto­ma­tisch das­sel­be Lokal besucht, weil er da schon immer hin­ge­gan­gen ist. Das Preis-Leis­tungs­ver­hält­nis und die Gast­freund­schaft müs­sen passen.

Dazu soll­te das Per­so­nal auch etwas über Alt­öt­ting wis­sen und an Gäs­te ver­mit­teln kön­nen. Hier kön­nen wir als Stadt Ver­ständ­nis wecken und der Gas­tro­no­mie Ange­bo­te für Fort­bil­dun­gen machen. Eben­so wol­len wir in Zusam­men­ar­beit mit dem Tou­ris­mus­ver­band bei­spiels­wei­se das Fahr­rad­we­ge­netz wei­ter ver­bes­sern, um noch attrak­ti­ver für Rad­pil­ger zu werden.

Der christ­li­che Glau­be gibt mir Kraft und einen Rhythmus.”

Altöttings Bürgermeister Stephan Antwerpen

Glau­ben Sie, dass die gro­ßen Wall­fahr­ten nach Coro­na zurück­kom­men?
Ant­wer­pen: Die Pro­ble­me, die ich schon geschil­dert habe, wer­den nicht von heu­te auf mor­gen hei­len, die gro­ßen Wall­fahr­ten wer­den nicht ein­fach so zurück­kom­men. Wir müs­sen auf den Trend zum Indi­vi­du­al­pil­gern eingehen.

Und wie ist es in die­ser Bezie­hung um die von Ihnen gefor­der­te Gemein­sam­keit zwi­schen Stadt und Kir­che aktu­ell bestellt?
Ant­wer­pen: Wir sind auf einem guten gemein­sa­men Weg. Ich ver­ste­he mich sehr gut mit dem Stadt­pfar­rer und Wall­fahrts­rek­tor, Prä­lat Klaus Metzl und habe auch zu den Gemein­schaf­ten wie den Kapu­zi­nern, den Brü­dern Sama­ri­ter oder der Gemein­schaft Emma­nu­el einen guten Draht. Wir ste­hen in regel­mä­ßi­gem Aus­tausch. Ich wün­sche mir aber auch ein gutes Mit­ein­an­der unter den Gemein­schaf­ten selbst.

Wel­che Rol­le spielt der Shri­nes of Euro­pe-Ver­bund (sie­he unten) für die Stadt, für die Wall­fahrt?
Ant­wer­pen: Shri­nes of Euro­pe hat gro­ße Chan­cen. Die Pro­ble­me sind ja in den jewei­li­gen Städ­ten ähn­lich. Wir haben hier regel­mä­ßig einen wert­vol­len fach­li­chen Gedan­ken­aus­tausch. Aber auch das gemein­sa­me Mar­ke­ting spielt eine Rol­le. War­um soll­te ein Besu­cher von Maria­zell nicht ger­ne auch ein­mal Alt­öt­ting besu­chen? Zur­zeit pla­nen wir zum Bei­spiel auch eine Wan­der­aus­stel­lung mit Bil­dern, die die Schön­heit der Mit­glieds­or­te zeigt. Im Rah­men der Euro­pa­ta­ge der Musik vom ers­ten bis drit­ten Juli in Alt­öt­ting möch­ten wir übri­gens die Fei­er zum 25-jäh­ri­gen Bestehen der Shri­nes of Euro­pe nachholen.

Ganz per­sön­lich: Wel­che Rol­le spielt für Sie der Glau­be im Leben und im Amt?
Ant­wer­pen: Der christ­li­che Glau­be gibt mir Kraft und einen Rhyth­mus. Ich bin christ­lich erzo­gen wor­den, unser Kalen­der ist bestimmt wor­den von den Fest­ta­gen. Es ist ganz wesent­lich, so geprägt zu sein und sein Leben danach zu gestal­ten. Das geht lei­der immer mehr ver­lo­ren, wird immer weni­ger von einer auf die nächs­te Genera­ti­on über­tra­gen. Allein schon die Fami­lie hat nicht mehr den Sta­tus, den sie viel­leicht noch vor 50 Jah­ren hatte.

Abschlie­ßend: Waren Sie schon zum Antritts­be­such beim Alt­öt­tin­ger Ehren­bür­ger, Papst em. Bene­dikt XVI.?
Ant­wer­pen: Nach­dem es 2020 lei­der nicht geklappt hat­te, war ich letz­tes Jahr in Beglei­tung von Alt­bür­ger­meis­ter Her­bert Hof­au­er in Rom. Da wur­de mir schon sehr deut­lich, dass mein Vor­gän­ger regel­mä­ßig in Rom war und auch künf­tig noch sein wird (schmun­zelt).

Inter­view: Wolf­gang Terhörst

Shrines of Europe

Shri­nes of Euro­pe“ ist die 1996 gegrün­de­te Arbeits­ge­mein­schaft zwi­schen Euro­pas wich­tigs­ten Mari­en­wall­fahrts­or­ten Alt­öt­ting, Tschen­sto­chau, Lour­des, Lore­to, Fáti­ma, Maria­zell (seit 2004) und Ein­sie­deln (seit 2017).