Das glauben wir

Ein Pfeil mehr im Köcher

Redaktion am 14.09.2026

Info Icon Foto: Matthias Ziegler
Sein Buch „Unter Heiden“ ist ein Bestseller, am Freitagabend, 9. Oktober, spricht er in Altötting über das Fun­da­ment des christ­li­chen Glau­bens: Tobias Haberl.

Der christliche Glaube beginnt mit einer einfachen Wahrheit: Gott liebt uns – und er ruft jeden Menschen zur Liebe. Diese Erfahrung steht im Mittelpunkt von Adoratio 2026 vom 9. bis 11. Oktober in Altötting. Wir stellen im Vorfeld wichtige Referenten des Glaubensfests in einer Interviewreihe vor. Heute: der Autor Tobias Haberl.

Herr Haberl, Ihr Vor­trag bei Ado­ra­tio 2026 am 9. Okto­ber hat das The­ma ​„Geschaf­fen aus Lie­be“. Trifft das für alle Men­schen zu, gleich wel­cher Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung?
Tobi­as Haberl: Davon gehe ich aus. Got­tes Lie­be gilt bedin­gungs­los und umfas­send für jeden Men­schen. Im Johan­nes­evan­ge­li­um heißt es: ​„Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er sei­nen ein­zi­gen Sohn gab, damit alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­lo­ren gehen, son­dern das ewi­ge Leben haben.“

„Gott ist Lie­be“ heißt es im 1. Johan­nes­brief der Bibel (1 Joh 4,16). Für Sie ist Gott ​„über­all, wo etwas aus Lie­be gesagt oder getan wird“. Eine schö­ne Defi­ni­ti­on – aber auch rea­lis­tisch in einer säku­la­ren Welt? Kön­nen Athe­is­ten nicht auch aus Lie­be han­deln?
Tobi­as Haberl: Selbst­ver­ständ­lich. Aber nur weil Gott in jeman­des Han­deln kei­ne Rol­le spielt, heißt das nicht, dass er sei­ne Fin­ger nicht im Spiel hat, wenn ich das so salopp aus­drü­cken darf. Wenn es Gott gibt, gibt es ihn unter allen Umstän­den, auch wenn nie­mand an ihn glaubt.

Wie defi­nie­ren Sie Lie­be?
Tobi­as Haberl: Wenn man auf­hört zu fra­gen: Was bringt mir das?

Um das Mot­to des Kon­gres­ses auf­zu­grei­fen: Sind Chris­ten in beson­de­rer Wei­se ​„zur Lie­be beru­fen“?
Tobi­as Haberl: Selbst­ver­ständ­lich sind sie das. Die Fein­des­lie­be ist eines der zen­tra­len Moti­ve des Neu­en Tes­ta­ments. Es ist der revo­lu­tio­nä­re und ent­schei­den­de Schritt, in dem das Chris­ten­tum wei­ter geht als ande­re Reli­gio­nen. Ich ver­su­che mich immer wie­der an ihr, schei­te­re und ver­su­che es wie­der. Weil nur sie dabei hel­fen kann, unse­re in Schief­la­ge befind­li­che Welt zu heilen.

Ihr Lebens­fun­da­ment ist der katho­li­sche Glau­be. Sie haben ein­mal gesagt: ​„Ich habe mich irgend­wann dazu ent­schlos­sen, zu glau­ben“. Was braucht es, damit ein sol­cher Ent­schluss rei­fen kann? Und gibt es dann einen Unter­schied zwi­schen ​„getauf­ter Christ“ und ​„glaubender/​gläubiger Christ“?
Tobi­as Haberl: Die zwei­te Fra­ge wür­de ich gern an Theo­lo­gen wei­ter­lei­ten, da fehlt mir das Wis­sen. Selbst­ver­ständ­lich ist die Tau­fe wich­tig, ich rate jedem, der an Jesus Chris­tus glaubt, sich tau­fen zu las­sen, aber der Glau­be ist doch ent­schei­dend, wür­de ich sagen. Und was mei­nen Ent­schluss zu glau­ben betrifft: Ich bin katho­lisch groß­ge­wor­den und in den Glau­ben hin­ein­ge­wach­sen. Trotz­dem war ich zwi­schen 20 und 40 sehr weit weg, viel­leicht nicht von Gott, aber von der Kir­che, nach zag­haf­ten Annä­he­rungs­ver­su­chen kam dann der Ent­schluss, das ganz und gar Unglaub­li­che zu glau­ben, denn das emp­fin­de ich so. Was es dazu braucht? Das Ver­trau­en dar­auf, dass es Gott gibt und dass ein Leben mit ihm bes­ser, schö­ner, tie­fer und sinn­vol­ler ist als ein Leben ohne ihn. 

Buchtipp

Info Icon Foto: red

Tobi­as Haberl: Unter Hei­den. War­um ich trotz­dem Christ blei­be – Was kann das 21. Jahr­hun­dert eigent­lich von gläu­bi­gen Men­schen ler­nen? btb, 288 Sei­ten, 22 Euro, ISBN 978−3−442−76287−3

Tobi­as Haber zu die­sem Buch: Ich bin ein mit­tel­mä­ßi­ger Christ, ganz sicher sind vie­le, die nicht an Gott glau­ben, bes­se­re Men­schen als ich. Aber ich ver­su­che jeden Tag mit gro­ßer Ernst­haf­tig­keit, Gott zu gefal­len – es gelingt halt nicht immer. Und des­halb erzählt die­ses Buch davon, wie der Glau­be mein Leben nicht nur ver­schö­nert, son­dern ver­tieft, wie ich ein ​„zeit­ge­mä­ßes Leben“ mit einem ver­meint­lich ​„unzeit­ge­mä­ßen Glau­ben“ ver­bin­de, weil Frei­heit eine gran­dio­se Sache ist, man aber schon eine Idee haben soll­te, was man mit ihr anstel­len will. Ich glau­be, dass der moder­ne Mensch dar­un­ter lei­det, dass er sei­nen Glau­ben ver­lo­ren hat, ohne dass er es merkt. Ich glau­be, dass sein Glück in fal­schen Din­gen und an fal­schen Orten sucht. Ich glau­be, dass er Sehn­sucht nach etwas hat, das er sich nicht erklä­ren kann. Was das sein könn­te, steht in die­sem Buch.

Hier im Dom­la­den bestel­len: https://​www​.bis​tum​-pas​sau​.de/​s​h​o​p​/​p​/​u​n​t​e​r​-​h​eiden

Sie ver­tre­ten Ihren katho­li­schen Glau­ben öffent­lich, haben ihn in Buch-Best­sel­lern the­ma­ti­siert – und wer­den das auch bei Ado­ra­tio in Alt­öt­ting tun. Wie passt dazu fol­gen­des State­ment gegen­über ​„ref​.ch“: ​„Ich möch­te mit mei­nem Glau­ben weder posi­tiv noch nega­tiv, son­dern am liebs­ten über­haupt nicht auf­fal­len“? Nie­mand sol­le das Gefühl haben, sich zu Ihrer Reli­gio­si­tät ver­hal­ten zu müs­sen.
Tobi­as Haberl: Jetzt haben Sie mich erwischt. Sie haben recht. Ich bin mit mei­nem Glau­ben 49 Jah­re lang tat­säch­lich nicht auf­ge­fal­len und habe ihn allein und im Hin­ter­grund prak­ti­ziert. Mit dem Erfolg mei­nes Buches Unter Hei­den, das ja nichts ande­res als ein öffent­li­ches Glau­bens­zeug­nis ist, hat sich das geän­dert: Ich hat­te 170 Lesun­gen mit die­sem Buch, dar­aus hat sich eine Art Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ent­wi­ckelt, mei­nen Glau­ben muti­ger zu beken­nen, auch weil ich viel posi­ti­ve Reso­nanz bekom­men habe. Ich fal­le als Christ also inzwi­schen mehr auf als frü­her, wer­de mei­nen Glau­ben aber wei­ter­hin nicht zu mei­ner allei­ni­gen Iden­ti­tät oder mei­nem publi­zis­ti­schen Lebens­the­ma machen. Dafür inter­es­sie­ren mich zu vie­le ande­re Din­ge. Aber er spielt eine gro­ße Rol­le, klar. 

Ihr Glau­be ist für Sie ​„ein gro­ßes Glück“ – war­um?
Tobi­as Haberl: Weil er mir hilft, mein Leben zu ver­schö­nern und zu ver­tie­fen. Weil er mir eine Per­spek­ti­ve über das irdi­sche Leben hin­aus ermög­licht. Weil ich – anders als vie­le Men­schen in mei­nem Umfeld – einen zusätz­li­chen Pfeil im Köcher habe, um mit Ängs­ten und Tra­gö­di­en umge­hen zu kön­nen. Macht das mein Leben leich­ter? Nicht unbe­dingt. Aber es geht mir nicht um ein leich­tes, son­dern ein wahr­haf­ti­ges Leben, und dazu gehört immer auch das Kreuz.

Ein gro­ßes Anlie­gen ist Ihnen die Gefahr, die dem Men­schen durch eine zuneh­men­de Tech­nik­gläu­big­keit und Digi­ta­li­sie­rung droht – näm­lich die Ent­zau­be­rung des Hei­li­gen, des Unver­füg­ba­ren. Was macht Ihnen da beson­ders Angst?
Tobi­as Haberl: Ich bin Laie, kein Tech-Spe­zia­list, aber was auch immer ich über aktu­el­le For­schung und mög­li­che künf­ti­ge Mög­lich­kei­ten auf­schnap­pe, macht mir Angst. Dass KI unse­ren Arbeits­markt durch­ein­an­der wir­beln wird, dass vie­le Leu­te ihre Jobs ver­lie­ren wer­den, ist das eine. Mei­ne Angst ist grund­sätz­li­cher und bezieht sich auf die Wür­de des Men­schen, auf das Huma­n­um, das in Gefahr gera­ten könn­te. Was ist der Mensch? Ware und Pro­dukt? Oder ein von Gott gewoll­tes und bedin­gungs­los gelieb­tes Geschöpf – und zwar vom Moment der Zeu­gung an.

„Gera­de jun­ge Men­schen schei­nen sich nicht nach einem poli­ti­schen, son­dern einem spi­ri­tu­el­len Chris­ten­tum zu seh­nen, als Ergän­zung und Ver­tie­fung eines oft erschöp­fen­den säku­la­ren All­tags, aus der man Kraft schöp­fen kann in einer Pha­se der Unsi­cher­heit. Wich­tig ist, dass Kir­che bei­des ist: in der Wirk­lich­keit und außer­halb von ihr, ver­läss­lich als Insti­tu­ti­on und offen für Wun­der aller Art.”

Tobias Haberl

Als Heil­mit­tel gegen die ​„Aus­trock­nung der See­len“, gegen die Selbst­ver­zwe­ckung des Men­schen zitie­ren Sie einen Satz des katho­li­schen Theo­lo­gen Johann Bap­tist Metz: ​„Die kür­zes­te Defi­ni­ti­on von Reli­gi­on ist Unter­bre­chung“ und plä­die­ren für mehr Unter­bre­chun­gen vom digi­ta­len All­tag, um wie­der das Rät­sel­haf­te, das Mehr­deu­ti­ge, das Hei­li­ge, das Erha­be­ne in unser Leben zu las­sen – und offen zu wer­den für über­ra­schen­de Glücks­mo­men­te. Wie kann es gelin­gen, sich aus einer Posi­ti­on der Selbst­op­ti­mie­rung einem unsicht­ba­ren Gott anzu­ver­trau­en?
Tobi­as Haberl: Argu­men­te brin­gen wenig. Auch die Kir­che tut sich schwer damit, Leu­te für die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti zu begeis­tern. Es gibt einen schö­nen Satz von Eichen­dorff, den mein Ger­ma­nis­tik­pro­fes­sor fast tour­et­te­ar­tig wie­der­holt hat: ​„Wo ein Begeis­ter­ter steht, ist der Gip­fel der Welt.“ Es braucht Men­schen, Lai­en wie Kle­ri­ker, Frau­en wie Män­ner, Jun­ge wie Alte, die Zeug­nis able­gen und ande­ren von ihrem Glau­ben erzäh­len, ein­schließ­lich Zwei­fel und Kri­sen. Ich glau­be, im Moment sind vie­le Men­schen so gefan­gen in einem Kreis­lauf aus Erschöp­fung und Begier­de und stän­di­gen digi­ta­len Impul­sen, dass sie ihre eige­ne Sehn­sucht nach mehr Tie­fe, nach einem grund­sätz­li­chen Gehal­ten-Sein gar nicht mehr spü­ren. Es geht dar­um, die­sen Men­schen zu hel­fen, die eige­ne Sehn­sucht wie­der stär­ker wahrzunehmen.

Sie träu­men erklär­ter­ma­ßen von einer Kir­che, ​„die bei­des ist: geheim­nis­voll und ver­läss­lich, rät­sel­haft und ver­ant­wor­tungs­be­wusst, eine gött­li­che Offen­ba­rung und eine ver­trau­ens­wür­di­ge Insti­tu­ti­on“, ​„eine Kir­che, die alle Men­schen nicht theo­re­tisch, son­dern wirk­lich liebt“. Wie opti­mis­tisch sind Sie da im Moment, dass Ihr Traum Wirk­lich­keit wird – und wann?
Tobi­as Haberl: Zuletzt war mir die Kir­che – vor allem in Deutsch­land – etwas zu poli­tisch. Es ging fast nur noch um struk­tu­rel­le Refor­men, um Fra­gen zur Frau­en­or­di­na­ti­on oder zum Pflicht­zö­li­bat, als wäre die Kir­che eine Art Ver­ein, der sich aus­schließ­lich für Moral und Wer­te ein­setzt. Das ist sie natür­lich auch, aber vor allem hat sie die Auf­ga­be, die Men­schen zu Gott zu füh­ren und mit dem Evan­ge­li­um in Berüh­rung zu brin­gen, das soll­te man nicht ver­ges­sen. Zum Glück scheint sich da gera­de etwas zu ver­schie­ben, und zwar zum Guten. Den­ken Sie an die vie­len Tau­fen jun­ger Erwach­se­ner in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en, selbst in Deutsch­land sind es wie­der mehr gewor­den. Gera­de jun­ge Men­schen schei­nen sich nicht nach einem poli­ti­schen, son­dern einem spi­ri­tu­el­len Chris­ten­tum zu seh­nen, als Ergän­zung und Ver­tie­fung eines oft erschöp­fen­den säku­la­ren All­tags, aus der man Kraft schöp­fen kann in einer Pha­se der Unsi­cher­heit. Wich­tig ist, dass Kir­che bei­des ist: in der Wirk­lich­keit und außer­halb von ihr, ver­läss­lich als Insti­tu­ti­on und offen für Wun­der aller Art.

Was kann Kir­che heu­te sein in unse­rer und für unse­re Gesell­schaft? Und was muss dazu pas­sie­ren?
Tobi­as Haberl: Sie kann so vie­les sein. Ein Ort, der Halt gibt und Trost spen­det, das mei­ne ich ganz wört­lich und bezie­he mich auf den Kir­chen­raum und die Lit­ur­gie. Sie kann und muss aber auch ein Sta­chel im Fleisch einer immer schnel­ler und digi­ta­ler wer­den­den Gesell­schaft sein, die stän­dig in Gefahr schwebt, das Wesent­li­che aus den Augen zu ver­lie­ren, weil sie zu sehr um sich selbst kreist. Was man von der Kir­che ler­nen kann? Klei­ner wer­den statt grö­ßer, lei­ser statt lau­ter, run­ter auf die Knie statt im Ram­pen­licht sozia­ler Netz­wer­ke. Man kann ler­nen, wie man zu sich selbst kommt, indem man von sich weg geht, hin zu Gott, hin zu ande­ren Menschen. 

Abschlie­ßend möch­te ich den Völ­ker­apos­tel Pau­lus aus sei­nem ers­ten Brief an die Korin­ther zitie­ren (1 Kor 16,13−14): ​„Seid wach­sam, steht fest im Glau­ben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, gesche­he in Lie­be“. Eigent­lich eine schö­ne Zusam­men­fas­sung Ihres eige­nen Weges? Den­noch: Was ist Ihr wich­tigs­ter Rat für ein dau­er­haft leben­di­ges Glau­bens­le­ben?
Tobi­as Haberl: Ich hat­te im Som­mer eine ziem­li­che Kri­se, es hat­ten sich Din­ge ereig­net, die mir den Boden unter den Füßen weg­zu­zie­hen droh­ten. Und ich geste­he, in den ers­ten Wochen war da eine erschre­cken­de Got­tes­fer­ne, ich habe Jesus um Hil­fe gebe­ten, aber kei­ne Ant­wort erhal­ten, alles blieb stumm. Ich habe dann einen befreun­de­ten Domi­ni­ka­ner­bru­der um Rat gefragt. Sei­ne Ant­wort: ​„Fast alle gro­ßen Gestal­ten des Chris­ten­tums muss­ten über größ­te Pha­sen ihres Lebens in erschre­cken­der geis­ti­ger Tro­cken­heit ver­brin­gen.“ Aber: In sol­chen Pha­sen hel­fe es, sich der Momen­te zu erin­nern, in denen es punk­tu­ell anders gewe­sen sei. Es gehe mit dem lie­ben Gott nicht dar­um, etwas zu füh­len, son­dern eine Treue zu leben, die viel­leicht den Kern der Lie­be aus­ma­che. Trotz der Abwe­sen­heit einer posi­ti­ven Erfah­rung sei­ner Gegen­wart an ihm fest­zu­hal­ten. Das habe ich getan. Und es hat geholfen.

Alle Infos zum Ado­ra­tio-Kon­gress: www​.ado​ra​tio​-alt​oet​ting​.de

Wolfgang
Terhörst

Redaktionsleiter

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