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Der christliche Glaube beginnt mit einer einfachen Wahrheit: Gott liebt uns – und er ruft jeden Menschen zur Liebe. Diese Erfahrung steht im Mittelpunkt von Adoratio 2026 vom 9. bis 11. Oktober in Altötting. Wir stellen im Vorfeld wichtige Referenten des Glaubensfests in einer Interviewreihe vor. Heute: der Autor Tobias Haberl.
Herr Haberl, Ihr Vortrag bei Adoratio 2026 am 9. Oktober hat das Thema „Geschaffen aus Liebe“. Trifft das für alle Menschen zu, gleich welcher Religion oder Weltanschauung?
Tobias Haberl: Davon gehe ich aus. Gottes Liebe gilt bedingungslos und umfassend für jeden Menschen. Im Johannesevangelium heißt es: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“
„Gott ist Liebe“ heißt es im 1. Johannesbrief der Bibel (1 Joh 4,16). Für Sie ist Gott „überall, wo etwas aus Liebe gesagt oder getan wird“. Eine schöne Definition – aber auch realistisch in einer säkularen Welt? Können Atheisten nicht auch aus Liebe handeln?
Tobias Haberl: Selbstverständlich. Aber nur weil Gott in jemandes Handeln keine Rolle spielt, heißt das nicht, dass er seine Finger nicht im Spiel hat, wenn ich das so salopp ausdrücken darf. Wenn es Gott gibt, gibt es ihn unter allen Umständen, auch wenn niemand an ihn glaubt.
Wie definieren Sie Liebe?
Tobias Haberl: Wenn man aufhört zu fragen: Was bringt mir das?
Um das Motto des Kongresses aufzugreifen: Sind Christen in besonderer Weise „zur Liebe berufen“?
Tobias Haberl: Selbstverständlich sind sie das. Die Feindesliebe ist eines der zentralen Motive des Neuen Testaments. Es ist der revolutionäre und entscheidende Schritt, in dem das Christentum weiter geht als andere Religionen. Ich versuche mich immer wieder an ihr, scheitere und versuche es wieder. Weil nur sie dabei helfen kann, unsere in Schieflage befindliche Welt zu heilen.
Ihr Lebensfundament ist der katholische Glaube. Sie haben einmal gesagt: „Ich habe mich irgendwann dazu entschlossen, zu glauben“. Was braucht es, damit ein solcher Entschluss reifen kann? Und gibt es dann einen Unterschied zwischen „getaufter Christ“ und „glaubender/gläubiger Christ“?
Tobias Haberl: Die zweite Frage würde ich gern an Theologen weiterleiten, da fehlt mir das Wissen. Selbstverständlich ist die Taufe wichtig, ich rate jedem, der an Jesus Christus glaubt, sich taufen zu lassen, aber der Glaube ist doch entscheidend, würde ich sagen. Und was meinen Entschluss zu glauben betrifft: Ich bin katholisch großgeworden und in den Glauben hineingewachsen. Trotzdem war ich zwischen 20 und 40 sehr weit weg, vielleicht nicht von Gott, aber von der Kirche, nach zaghaften Annäherungsversuchen kam dann der Entschluss, das ganz und gar Unglaubliche zu glauben, denn das empfinde ich so. Was es dazu braucht? Das Vertrauen darauf, dass es Gott gibt und dass ein Leben mit ihm besser, schöner, tiefer und sinnvoller ist als ein Leben ohne ihn.
Buchtipp
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Tobias Haberl: Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe – Was kann das 21. Jahrhundert eigentlich von gläubigen Menschen lernen? btb, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN 978−3−442−76287−3
Tobias Haber zu diesem Buch: Ich bin ein mittelmäßiger Christ, ganz sicher sind viele, die nicht an Gott glauben, bessere Menschen als ich. Aber ich versuche jeden Tag mit großer Ernsthaftigkeit, Gott zu gefallen – es gelingt halt nicht immer. Und deshalb erzählt dieses Buch davon, wie der Glaube mein Leben nicht nur verschönert, sondern vertieft, wie ich ein „zeitgemäßes Leben“ mit einem vermeintlich „unzeitgemäßen Glauben“ verbinde, weil Freiheit eine grandiose Sache ist, man aber schon eine Idee haben sollte, was man mit ihr anstellen will. Ich glaube, dass der moderne Mensch darunter leidet, dass er seinen Glauben verloren hat, ohne dass er es merkt. Ich glaube, dass sein Glück in falschen Dingen und an falschen Orten sucht. Ich glaube, dass er Sehnsucht nach etwas hat, das er sich nicht erklären kann. Was das sein könnte, steht in diesem Buch.
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Sie vertreten Ihren katholischen Glauben öffentlich, haben ihn in Buch-Bestsellern thematisiert – und werden das auch bei Adoratio in Altötting tun. Wie passt dazu folgendes Statement gegenüber „ref.ch“: „Ich möchte mit meinem Glauben weder positiv noch negativ, sondern am liebsten überhaupt nicht auffallen“? Niemand solle das Gefühl haben, sich zu Ihrer Religiosität verhalten zu müssen.
Tobias Haberl: Jetzt haben Sie mich erwischt. Sie haben recht. Ich bin mit meinem Glauben 49 Jahre lang tatsächlich nicht aufgefallen und habe ihn allein und im Hintergrund praktiziert. Mit dem Erfolg meines Buches Unter Heiden, das ja nichts anderes als ein öffentliches Glaubenszeugnis ist, hat sich das geändert: Ich hatte 170 Lesungen mit diesem Buch, daraus hat sich eine Art Verantwortungsgefühl entwickelt, meinen Glauben mutiger zu bekennen, auch weil ich viel positive Resonanz bekommen habe. Ich falle als Christ also inzwischen mehr auf als früher, werde meinen Glauben aber weiterhin nicht zu meiner alleinigen Identität oder meinem publizistischen Lebensthema machen. Dafür interessieren mich zu viele andere Dinge. Aber er spielt eine große Rolle, klar.
Ihr Glaube ist für Sie „ein großes Glück“ – warum?
Tobias Haberl: Weil er mir hilft, mein Leben zu verschönern und zu vertiefen. Weil er mir eine Perspektive über das irdische Leben hinaus ermöglicht. Weil ich – anders als viele Menschen in meinem Umfeld – einen zusätzlichen Pfeil im Köcher habe, um mit Ängsten und Tragödien umgehen zu können. Macht das mein Leben leichter? Nicht unbedingt. Aber es geht mir nicht um ein leichtes, sondern ein wahrhaftiges Leben, und dazu gehört immer auch das Kreuz.
Ein großes Anliegen ist Ihnen die Gefahr, die dem Menschen durch eine zunehmende Technikgläubigkeit und Digitalisierung droht – nämlich die Entzauberung des Heiligen, des Unverfügbaren. Was macht Ihnen da besonders Angst?
Tobias Haberl: Ich bin Laie, kein Tech-Spezialist, aber was auch immer ich über aktuelle Forschung und mögliche künftige Möglichkeiten aufschnappe, macht mir Angst. Dass KI unseren Arbeitsmarkt durcheinander wirbeln wird, dass viele Leute ihre Jobs verlieren werden, ist das eine. Meine Angst ist grundsätzlicher und bezieht sich auf die Würde des Menschen, auf das Humanum, das in Gefahr geraten könnte. Was ist der Mensch? Ware und Produkt? Oder ein von Gott gewolltes und bedingungslos geliebtes Geschöpf – und zwar vom Moment der Zeugung an.
„Gerade junge Menschen scheinen sich nicht nach einem politischen, sondern einem spirituellen Christentum zu sehnen, als Ergänzung und Vertiefung eines oft erschöpfenden säkularen Alltags, aus der man Kraft schöpfen kann in einer Phase der Unsicherheit. Wichtig ist, dass Kirche beides ist: in der Wirklichkeit und außerhalb von ihr, verlässlich als Institution und offen für Wunder aller Art.”
Als Heilmittel gegen die „Austrocknung der Seelen“, gegen die Selbstverzweckung des Menschen zitieren Sie einen Satz des katholischen Theologen Johann Baptist Metz: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung“ und plädieren für mehr Unterbrechungen vom digitalen Alltag, um wieder das Rätselhafte, das Mehrdeutige, das Heilige, das Erhabene in unser Leben zu lassen – und offen zu werden für überraschende Glücksmomente. Wie kann es gelingen, sich aus einer Position der Selbstoptimierung einem unsichtbaren Gott anzuvertrauen?
Tobias Haberl: Argumente bringen wenig. Auch die Kirche tut sich schwer damit, Leute für die Nachfolge Jesu Christi zu begeistern. Es gibt einen schönen Satz von Eichendorff, den mein Germanistikprofessor fast touretteartig wiederholt hat: „Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt.“ Es braucht Menschen, Laien wie Kleriker, Frauen wie Männer, Junge wie Alte, die Zeugnis ablegen und anderen von ihrem Glauben erzählen, einschließlich Zweifel und Krisen. Ich glaube, im Moment sind viele Menschen so gefangen in einem Kreislauf aus Erschöpfung und Begierde und ständigen digitalen Impulsen, dass sie ihre eigene Sehnsucht nach mehr Tiefe, nach einem grundsätzlichen Gehalten-Sein gar nicht mehr spüren. Es geht darum, diesen Menschen zu helfen, die eigene Sehnsucht wieder stärker wahrzunehmen.
Sie träumen erklärtermaßen von einer Kirche, „die beides ist: geheimnisvoll und verlässlich, rätselhaft und verantwortungsbewusst, eine göttliche Offenbarung und eine vertrauenswürdige Institution“, „eine Kirche, die alle Menschen nicht theoretisch, sondern wirklich liebt“. Wie optimistisch sind Sie da im Moment, dass Ihr Traum Wirklichkeit wird – und wann?
Tobias Haberl: Zuletzt war mir die Kirche – vor allem in Deutschland – etwas zu politisch. Es ging fast nur noch um strukturelle Reformen, um Fragen zur Frauenordination oder zum Pflichtzölibat, als wäre die Kirche eine Art Verein, der sich ausschließlich für Moral und Werte einsetzt. Das ist sie natürlich auch, aber vor allem hat sie die Aufgabe, die Menschen zu Gott zu führen und mit dem Evangelium in Berührung zu bringen, das sollte man nicht vergessen. Zum Glück scheint sich da gerade etwas zu verschieben, und zwar zum Guten. Denken Sie an die vielen Taufen junger Erwachsener in Frankreich und Großbritannien, selbst in Deutschland sind es wieder mehr geworden. Gerade junge Menschen scheinen sich nicht nach einem politischen, sondern einem spirituellen Christentum zu sehnen, als Ergänzung und Vertiefung eines oft erschöpfenden säkularen Alltags, aus der man Kraft schöpfen kann in einer Phase der Unsicherheit. Wichtig ist, dass Kirche beides ist: in der Wirklichkeit und außerhalb von ihr, verlässlich als Institution und offen für Wunder aller Art.
Was kann Kirche heute sein in unserer und für unsere Gesellschaft? Und was muss dazu passieren?
Tobias Haberl: Sie kann so vieles sein. Ein Ort, der Halt gibt und Trost spendet, das meine ich ganz wörtlich und beziehe mich auf den Kirchenraum und die Liturgie. Sie kann und muss aber auch ein Stachel im Fleisch einer immer schneller und digitaler werdenden Gesellschaft sein, die ständig in Gefahr schwebt, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren, weil sie zu sehr um sich selbst kreist. Was man von der Kirche lernen kann? Kleiner werden statt größer, leiser statt lauter, runter auf die Knie statt im Rampenlicht sozialer Netzwerke. Man kann lernen, wie man zu sich selbst kommt, indem man von sich weg geht, hin zu Gott, hin zu anderen Menschen.
Abschließend möchte ich den Völkerapostel Paulus aus seinem ersten Brief an die Korinther zitieren (1 Kor 16,13−14): „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“. Eigentlich eine schöne Zusammenfassung Ihres eigenen Weges? Dennoch: Was ist Ihr wichtigster Rat für ein dauerhaft lebendiges Glaubensleben?
Tobias Haberl: Ich hatte im Sommer eine ziemliche Krise, es hatten sich Dinge ereignet, die mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohten. Und ich gestehe, in den ersten Wochen war da eine erschreckende Gottesferne, ich habe Jesus um Hilfe gebeten, aber keine Antwort erhalten, alles blieb stumm. Ich habe dann einen befreundeten Dominikanerbruder um Rat gefragt. Seine Antwort: „Fast alle großen Gestalten des Christentums mussten über größte Phasen ihres Lebens in erschreckender geistiger Trockenheit verbringen.“ Aber: In solchen Phasen helfe es, sich der Momente zu erinnern, in denen es punktuell anders gewesen sei. Es gehe mit dem lieben Gott nicht darum, etwas zu fühlen, sondern eine Treue zu leben, die vielleicht den Kern der Liebe ausmache. Trotz der Abwesenheit einer positiven Erfahrung seiner Gegenwart an ihm festzuhalten. Das habe ich getan. Und es hat geholfen.
Alle Infos zum Adoratio-Kongress: www.adoratio-altoetting.de
Wolfgang
Terhörst
Redaktionsleiter



