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Was kann uns ein so altes Buch wie die Bibel heute sagen? Wie können wir sie richtig verstehen? Was hat sie mit meinem Leben konkret zu tun? Katharina Hauser kam in unserer Adoratio-Interviewreihe mit Prof. Sandra Huebenthal ins Gespräch.
Der Satz „Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht“ geht auf Hieronymus zurück. Was bedeutet diese Aussage konkret für unser Glaubensleben heute?
Sandra Huebenthal: Die Heilige Schrift ist der Basistext unseres Glaubens. Sie offenbart Jesus als den Christus und seine Stellung im göttlichen Heilsplan. Ein echtes und richtiges Verständnis Christi an der Schrift vorbei ist nicht möglich. Sie ist damit Tor zum Verständnis und gibt gleichzeitig den Rahmen des Verständnisses vor – wie bei einem schön angelegten, aber klar umzäunten Garten. In der Schrift lässt sich Christus auf vielfache Weise begegnen: als verkündeter, erzählter, verborgener, prophezeiter und geglaubter Christus – und als der Herr, der das Leben der Menschen für immer verändert.
Viele Menschen finden den Einstieg in die Bibel schwierig. Was würden Sie jemandem raten, der anfangen möchte zu lesen, aber nicht weiß, wo und wie?
Sandra Huebenthal: Eine gute Möglichkeit für den Einstieg sind das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte. Sie erzählen lebendig, unterhaltsam und theologisch reflektiert von Jesus und dem Beginn der Kirche. Lukas ist Theologe und Schriftsteller und ganz auf der antiken Linie des „prodesse et delectare“ – nützen und unterhalten. Sein Werk liest sich fast wie eine Einführung in den Glauben und das notwendige Wissen über die jüdischen Wurzeln des Christusglaubens, ohne die man Jesus nicht richtig verstehen kann. Von dort aus gibt es dann unterschiedliche Wege, je nach Interessenslage: zu Paulus, zu den anderen Evangelien oder ins Alte Testament. Grundsätzlich würde ich immer ganze biblische Bücher lesen, nicht nur Einzelstellen, und nicht einfach fortlaufend von Genesis bis Offenbarung – erfahrungsgemäß steigen viele Leser irgendwo im Buch Levitikus aus. Was auch sehr hilft: nicht allein lesen, sondern in Gemeinschaft.
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Die Bibel ist für viele zugleich faszinierend und herausfordernd. Wie kann man mit schwierigen oder unverständlichen Stellen gut umgehen?
Sandra Huebenthal: Eine Möglichkeit ist, erst einmal für sich zu klären, was genau einen Text schwierig oder unverständlich macht. Das kann eine sprachliche Formulierung sein, eine fremde Lebenswelt oder ein ungewohnter, komplexer Gedanke. Je nachdem, was es ist, würde ich unterschiedlich vorgehen. Manchmal hilft schon eine andere Übersetzung weiter, die das sprachliche Problem anders löst, manchmal braucht es genauere Informationen über den Kontext, in dem ein Text steht, und manchmal hilft ein geistliches Gespräch. Wenn ich mit anderen Menschen Bibel lese, sind die ersten Fragen meist Verständnisfragen, die sich im Gespräch oder mit einer Studienbibel lösen lassen. Nicht selten entstehen daraus Glaubensgespräche, weil die Schrift uns weiterführt. Internet und KI können bei diesen Fragen eine erste Anlaufstelle sein, sind aber nie so gut wie ein theologisches Buch und ein persönliches Gespräch.
Sie beschäftigen sich beruflich täglich mit der Schrift: Was begeistert Sie persönlich immer wieder neu an diesem Text?
Sandra Huebenthal: Wie vielseitig und lebensnah die Texte der Heiligen Schrift sind. Es gibt in dieser Glaubensbibliothek ganz unterschiedliche Bücher. Für jede Frage, jede Lebenssituation und jede Stimmung gibt es eine ganze Auswahl von Texten, die nie langweilig werden. Meine Erfahrung ist, dass sich die Texte der Heiligen Schrift immer wieder neu lesen und neu entdecken lassen. Das ist faszinierend und herausfordernd zugleich. „Die Heilige Schrift wächst irgendwie mit den Lesern“, sagt Gregor der Große. Stimmt. Und wir dürfen täglich und in jeder Lebenssituation neu mitwachsen.
Adoratio 2026
Prof. Sandra Huebenthal ist Professorin für Exegese und biblische Theologie an der Universität Passau und wird bei Adoratio Altötting vom 9. bis 11. Oktober einen Workshop geben zum Thema „Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht – Frag alles, was du schon immer über die Bibel wissen wolltest!“
Beim Glaubensfest im Herzen Bayerns gibt es außerdem Vorträge von Autor Tobias Haberl, Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Bischof Stefan Oster SDB, zahlreiche weitere Workshops, Gebetsabende und eine Lichterprozession um die Gnadenkapelle. Gläubige aus dem Bistum Passau zahlen für das Ticket nur die Hälfte.
Unter der Leitung des Referats für Neuevangelisierung des Bistums Passau wird der Kongress 2026 in Zusammenarbeit mit den Bistümern Augsburg und Eichstätt bereits zum siebten Mal veranstaltet. Adoratio wird über Radio (Radio Horeb) und Fernsehen (EWTN.TV und K‑TV) übertragen werden. Weitere Informationen finden Sie auf www.adoratio-altoetting.de
Oft stellt sich die Frage, wie alte Texte heute noch relevant sein können. Wie wird die Bibel konkret zu einem „Go-To-Text“ für das eigene Leben?
Sandra Huebenthal: Wenn ich mit anderen über die Heilige Schrift spreche, ist das Problem weniger, dass die Texte alt sind, als dass sie unbekannt sind und man nicht weiß, wie man sich ihnen nähern soll. Damit sind wir wieder bei den Fragen 2 und 3. Hinzu kommt, dass uns das Weltverständnis der biblischen Texte oftmals nicht mehr vertraut ist. Die Welt ist Schöpfung und vom Geist Gottes durchdrungen? Gott hat einen Plan mit der Welt und den Menschen? Das klingt für postmoderne Ohren fremd. Es wird viel einfacher, wenn es jemanden gibt, der einen mitnimmt in die Welt der Bibel und ihre Schönheit aufschließt. Ob das im realen oder im digitalen Leben ist, ist dabei fast egal, so lange es einen echten Austausch und nicht nur Input gibt. Ein guter Bibel-Guide hilft, die passenden Texte zu finden und behutsam zu entdecken. Und das Beste daran ist: Absolut jeder, der die Schrift liebt und oft in ihr liest, kann ein solcher Guide sein – vom Großvater bis zur besten Freundin. Dafür muss man nicht Professor sein.

