Toni Scholz
Nur wer die Geschichte kennt, kann Gegenwart und Zukunft gestalten. Darin waren sich alle Festredner einig, die dem Verein für Ostbairische Heimatforschung und dem Institut für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen zum 100. Geburtstag gratulierten.
Passau. Die schönsten Geschenke machten sich Verein und Institut zu diesem Jubiläum selbst: Drei neue große Publikationen: „Hundert Jahre ostbairische Heimatforschung 1926 – 2026“, das aktuelle „Passauer Jahrbuch“ mit Beiträgen zur Geschichte, Geographie und Kultur Ostbaierns und den neuen Band zur Passauer Bistumsgeschichte: „Das Bistum Passau zwischen Säkularisation und Zweitem Vatikanum – Administration und Frömmigkeit, Kunst und Musik“ (dazu folgt ein ausführlicher Bericht in einer unserer nächsten Ausgaben).
Toni Scholz
Rechnet man diese drei Bücher hinzu, haben die beiden Institutionen allein 183 Publikationen in den vergangenen 100 Jahren veröffentlicht, wie Prof. em. Dr. Franz-Reiner Erkens bilanzierte. Das seit 1957 erscheinende Passauer Jahrbuch sei dabei das Flaggschiff. Ein enormer Beitrag zur Geschichtsforschung und zum Geschichtsbewusstsein der gesamten Region! Die vielen Gäste aus Politik, Kirche, Kultur und Gesellschaft, die Dr. Markus Eberhardt, der Vorsitzende des Vereins für Ostbairische Heimatforschung, beim Festakt begrüßen durfte, unterstrichen dies. Und der Große Rathaussaal mit seinen gewaltigen Gemälden des Historienmalers Ferdinand Wagner, ein „aufgeschlagenes Geschichtsbuch von Passau und seiner Umgebung“, so Eberhardt, bildete für das Jubiläum die perfekte Kulisse. Die Diözesanblechbläser unter der Leitung von Michael Beck und das Streichquartett des Passauer Konzertvereins sorgten auf musikalische Art für inspirierende Momente. Die Redner wollten da nicht nachstehen.
Toni Scholz
Bischof Stefan Oster trat als Erster ans Rednerpult und dankte dem Verein und dem wissenschaftlichen Institut „für ihre beeindruckende Arbeit in den letzten 100 Jahren“. Als geborener Oberpfälzer, der die meiste Zeit seiner Jugend in Regensburg verbracht habe und seit zwölf Jahren Bischof in Passau sein dürfe, habe er selbst erfahren, dass Ostbayern weit mehr ist als die Summe zweier Regierungsbezirke: Geschichte, Sprache, Kunst und Glaubenstraditionen würden dazu beitragen, dass sich für Menschen Heimaterfahrung als Identitätserfahrung ausbildet. Er hoffe sehr, dass es den beiden Institutionen gelinge, durch ihre Forschung Heimaterfahrung wachsen zu lassen und Identität zu formen, die sich ausstreckt auf das Wahre und Gute schlechthin – „denn dann ist Geschichte nicht Sinngebung des Sinnlosen, sondern bleibende Suche nach dem Sinn, der immer schon da ist und alles trägt“.
Passaus Oberbürgermeister Andreas Rother machte deutlich, wie wichtig es für das Geschichtsverständnis sei, dass Menschen historische Quellen erschließen und aufbereiten. Verein und wissenschaftliches Institut hätten das Wissen über Passau und die Region wesentlich erweitert und historische Forschung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er würdigte zudem, dass über den Jugendförderpreis auch junge Menschen an diese wichtige Aufgabe herangeführt werden.
Der stellvertretende Passauer Landrat Walter Bauer lobte, dass hier bürgerschaftliches Engagement und wissenschaftliche Forschung perfekt vereint seien. So würden Zusammenhänge sichtbar gemacht und Wissen bewahrt. Wenn Geschichte lebendig bleibe, helfe das, unsere heutige Heimat besser zu verstehen.
Darin stimmte er mit den Ausführungen von Prof. Dr. Daniela Wawra, Vizepräsidentin der Universität Passau, völlig überein. Sie würdigte zudem die Beharrlichkeit und das Engagement der Akteure in Verein und Institut und den Mut und Weitblick der Gründer. Eine zentrale Aufgabe bleibe, Menschen für Geschichte zu begeistern und so auch das gemeinsame Bewusstsein für die eigenen Wurzeln zu stärken.
„Wir müssen aufpassen, dass der Heimatbegriff nicht von falscher Seite vereinnahmt wird.”
Dr. Michael Stephan, der Vorsitzende des Verbandes Bayerischer Geschichtsvereine, in dem 210 Geschichts- und Heimatvereine vereint sind und so „Lobbyarbeit für Geschichtsbewusstsein“ betreiben, sprach eine Mahnung aus: „Wir müssen aufpassen, dass der Heimatbegriff nicht von falscher Seite vereinnahmt wird.“ Der bayerische Heimatbegriff, so wie er ihn verstehe, sei integrativ und offen. Er vereine Weltoffenheit, Fortschritt und Traditionsliebe.
Diese Begriffe fanden sich auch im humorvollen und mit viel Ironie gespickten Festvortrag von Prof. Dr. Bernhard Löffler, Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg, wieder. „Starke Männer, viele Berge“ war er überschrieben und zeigte damit auch auf, wie Bilder von Bayern instrumentalisiert werden. Mit vielen Beispielen machte er deutlich, welche enorme eigenmächtige Wirkung Fotos entfalten können, wie sie unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflussen. „Bilder sind Konstrukteure der Wirklichkeit“, sagte Löffler. Die Geschichtswissenschaft müsse sich deshalb noch viel stärker mit ihnen beschäftigen. Bildkompetenz sei genauso wichtig wie Textkompetenz.
Löfflers Vortrag machte auch deutlich: Es gibt auch künftig noch viel zu tun für den Verein für Ostbairische Heimatforschung und das Institut für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen. Ein Segenswunsch gilt deshalb zum 100. Geburtstag ganz besonders: Ad multos annos!
Wolfgang Krinninger



