Soziales

Für einen Klinikseelsorger geht die Arbeit nie aus

Redaktion am 26.10.2026

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Die Seele spielt beim Heilungsprozess eine wesentliche Rolle. Deshalb sind auch Menschen, die Zeit und Zuwendung schenken, im Krankenhaus wichtig. Über den Dienst der Krankenhausseelsorge sprach das Bistumsblatt mit Adi Ortmeier (Klinikum Passau) sowie Alexandra Kalchauer und Bernhard Saliter (Innklinikum Altötting-Burghausen).

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag im Kran­ken­haus für Sie aus?
Ort­mei­er: Jeder Tag ist anders. Wich­ti­ge Auf­ga­ben sind Gesprä­che mit Pati­en­ten, Kran­ken­sal­bun­gen, Ster­be­ge­be­te und die Beglei­tung in Kri­sen. Dazu kom­men Gesprä­che mit Mit­ar­bei­ten­den, die Vor­be­rei­tung der Got­tes­diens­te und die Zusam­men­ar­beit mit Kol­le­gen. 
Sali­ter: Bei uns sind die Abläu­fe ähn­lich, auch wenn das Alt­öt­tin­ger Kli­ni­kum etwas klei­ner ist. Ich bin aber auch im Pfarr­ver­band Neuöt­ting noch mit ein­ge­bun­den. Jeder Tag ist eine Wun­der­tü­te. Man hat fes­te Ter­mi­ne, aber oft gibt es auch unvor­her­ge­se­he­ne Not­fäl­le oder spon­ta­ne Anfra­gen. Was ich nicht mehr so viel habe wie als Gemein­de­pfar­rer, sind abend­li­che Sitzungstermine.

Sind kran­ke Men­schen emp­fäng­li­cher für Seel­sor­ge als Men­schen im ​„nor­ma­len“ Leben?
Ort­mei­er: Krank­heit bringt Men­schen oft in exis­ten­zi­el­le Kri­sen, und unser Glau­be kann hier neue Per­spek­ti­ven eröff­nen. Im Getrie­be des All­tags wer­den exis­ten­zi­el­le Fra­gen oft bei­sei­te gescho­ben. In der Krank­heit bre­chen die­se Fra­gen auf. Die Offen­heit der Men­schen ist sehr unter­schied­lich: Man­che leh­nen uns sofort ab, ande­re sind trotz lan­ger Abwe­sen­heit von der Kir­che plötz­lich offen für Gesprä­che.
Kal­chau­er: Das Kran­ken­haus ist sicher­lich ein Ort, an dem sich Men­schen, beson­ders wenn sie mit schwe­ren Krank­hei­ten kon­fron­tiert wer­den, mehr Gedan­ken über ihr Leben, über Schuld- und Sinn­fra­gen, oft auch über unge­lös­te Kon­flik­te im fami­liä­ren Umkreis machen. Ein seel­sorg­li­ches Gespräch wird da oft dank­bar angenommen.

Was ist das Wich­tigs­te an Ihrem Dienst?
Kal­chau­er: Wenn mir ein Pati­ent am Ende eines Kran­ken­be­su­ches sagt, dass ihm das Gespräch sehr gut­ge­tan und Hoff­nung gege­ben hat, dann spü­re ich immer wie­der aufs Neue, wie wich­tig mein Dienst ist. Für Pati­en­ten, ihre Ange­hö­ri­gen und alle Mit­ar­bei­ter im Haus ansprech­bar zu sein, ihre Sor­gen, Ängs­te und Nöte zu hören, ihr Leben und ihre Arbeit zu wür­di­gen und ihnen Hoff­nung aus dem Glau­ben her­aus zu machen ist Seel­sor­ge pur.
Sali­ter: Es geht dar­um, mensch­li­chen Bei­stand zu leis­ten und Zeit für die Men­schen zu haben. Wir sind oft die Ein­zi­gen im Kran­ken­haus, die sich wirk­lich Zeit neh­men kön­nen. Gleich­zei­tig ver­mit­teln wir Hoff­nung und Trost aus unse­rem christ­li­chen Glau­ben: Du bist nicht allein. Es gibt jeman­den, der dich hält, egal ob du an ihn glaubst oder nicht.

Klinikseelsorger Adi Ortmeier Info Icon Wolfgang Krinninger
Klinikseelsorger Adi Ortmeier

Was treibt Sie in Ihrem Dienst an?
Sali­ter: Mein Glau­be und der Wunsch, Men­schen in schwe­ren Situa­tio­nen zu hel­fen. Papst Fran­zis­kus hat gesagt: ​„Geht an die Rän­der!“ Das ist für mich zen­tral. Jesus hat sich den Kran­ken, Aus­sät­zi­gen und denen am Rand der Gesell­schaft zuge­wandt. Das ist auch mein Antrieb.
Kal­chau­er: Ich möch­te mei­nen klei­nen Bei­trag dazu leis­ten, dass die Lie­be Got­tes zu den Men­schen und Hoff­nung für sie erleb­bar und spür­bar wird.
Ort­mei­er: Ich möch­te vor allem ein Zuhö­ren­der sein. Akti­ves Zuhö­ren ist mir wich­tig. Nicht vor­schnel­le Ant­wor­ten zu geben. Ich fra­ge mich immer: Wie kann ich die­sem Men­schen in sei­ner schwie­ri­gen Situa­ti­on bei­ste­hen? Was ist jetzt für ihn wichtig?

Wie vie­le Kli­nik­seel­sor­ger gibt es aktu­ell im Bis­tum Pas­sau?
Sali­ter: Der­zeit sind es 20, die meis­ten in Teil­zeit. In klei­ne­ren Kli­ni­ken oder Reha-Ein­rich­tun­gen sind es oft nur weni­ge Stun­den pro Woche.
Spü­ren Sie die Aus­wir­kun­gen der aktu­el­len Gesund­heits­re­form?
Sali­ter: In mei­ner kon­kre­ten Arbeit mer­ke ich noch nichts. Aber bei den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern spü­re ich eine gewis­se Unru­he. Es muss an allen Ecken gespart wer­den, manch­mal sogar bei Klei­nig­kei­ten wie Hand­tü­chern. 
Ort­mei­er: Ich bemer­ke die Unru­he oft. In der Kan­ti­ne höre ich oft Dis­kus­sio­nen über poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen und die Zukunft des Gesund­heits­sys­tems. In mei­ner kon­kre­ten Arbeit spü­re ich noch nichts.

Wenn Sie auf das letz­te Jahr zurück­bli­cken: Gibt es ein beson­ders prä­gen­des Erleb­nis?
Ort­mei­er: Ich wür­de es nicht auf ein ein­zel­nes Erleb­nis redu­zie­ren. Es sind oft die klei­nen Momen­te: zum Bei­spiel, wenn älte­re Men­schen aus ihrem Leben erzäh­len. Das sind oft über­ra­schen­de Bio­gra­fien. Und es ist fas­zi­nie­rend, was da an Lebens­weis­heit vor­kommt. Wel­cher Schatz wird mir da über­mit­telt! Oder die Neu­ge­bo­re­nen­seg­nun­gen am Sonn­tag­vor­mit­tag auf der Geburts­sta­ti­on. Das sind auch oft sehr schö­ne Erleb­nis­se. Auch Fei­ern mit Mit­ar­bei­ten­den sind schön – das Kran­ken­haus ist nicht nur ein Ort des Leids, son­dern auch des Lachens und der Freu­de.
Kal­chau­er: Gera­de älte­re, kran­ke, ein­sa­me oder begin­nend demen­te Pati­en­ten sind unglaub­lich dank­bar, wenn man sich für sie inter­es­siert, ihr Leben gemein­sam anschaut und wür­digt. Dabei zeigt sich oft tie­fe Dank­bar­keit für Gelun­ge­nes, aber auch Ver­söh­nung mit Schwie­ri­gem. In Erin­ne­rung habe ich aber auch gute Gesprä­che mit einer jun­gen, mager­süch­ti­gen Pati­en­tin, die mir vor kur­zem eine Dan­kes­kar­te geschrie­ben und von ihrer wei­te­ren The­ra­pie berich­tet hat und Dank zeig­te für die Hoff­nung, die ich ihr zu gege­ben ver­sucht habe. Sol­che klei­nen Rück­mel­dun­gen, aber auch ein Lächeln oder dank­ba­rer Blick geben mir Kraft und Ansporn, auf mei­nem Weg weiterzugehen.

Info Icon Wolfgang Krinninger
Klinikseelsorger Bernhard Saliter

Haben Sie ein beson­de­res Ereig­nis in Erin­ne­rung, Herr Sali­ter?
Sali­ter: Ja, eine klei­ne All­tags­be­geg­nung: In mei­nem Büro habe ich eine Kaf­fee­ma­schi­ne und Süßig­kei­ten. Eines Tages war die Schach­tel mit den Kek­sen leer, und am nächs­ten Tag war sie wie­der auf­ge­füllt. Ich schrieb einen Zet­tel: ​„Dan­ke fürs Auf­fül­len der Süßig­kei­ten.“ Eini­ge Tage spä­ter hing ein Zet­tel mit einem gemal­ten Smi­ley dane­ben: ​„Habe ich gern gemacht.“ Spä­ter stell­te sich her­aus, dass es eine Rei­ni­gungs­kraft war. Das hat der gegen­sei­ti­gen Wert­schät­zung gut getan. 
Wie gehen Sie mit den Belas­tun­gen um, die mit Tod, Trau­er und Leid ver­bun­den sind?
Sali­ter: Reden, reden, reden. Reden mit dem Herr­gott, das Gebet. Aber genau­so wich­tig ist das Reden mit ande­ren. Ich habe das Glück, mehr­mals pro Woche mit mei­ner Kol­le­gin Alex­an­dra Kal­chau­er über Belas­ten­des spre­chen zu kön­nen. Zudem gibt es Super­vi­si­ons­grup­pen, in denen wir uns austauschen.

Ort­mei­er: Der Aus­tausch und die Super­vi­si­on sind sehr wich­tig. Manch­mal brau­che ich auch ein Ritu­al, um abzu­schal­ten – zum Bei­spiel Hän­de­wa­schen, wenn ich das Kran­ken­haus ver­las­se. Eine Psy­cho­lo­gin hat mir das ein­mal emp­foh­len. Es hilft, eine Gren­ze zwi­schen der Arbeit und dem Pri­vat­le­ben zu zie­hen. Ich darf mich sel­ber nicht ver­ges­sen.
Sali­ter: Ich habe auch so ein Ritu­al. Bevor ich das Haus ver­las­se, gehe ich noch ein­mal in die Kapel­le, um dort kurz zu ver­wei­len und alles sacken zu las­sen.
Kal­chau­er: Nach schwie­ri­gen und belas­ten­den Erleb­nis­sen habe ich die Mög­lich­keit, mich mit mei­nem Kol­le­gen im Haus ganz unmit­tel­bar aus­zu­tau­schen oder einen Kon­flikt in der Super­vi­si­on zu bear­bei­ten. Zu mei­ner Arbeit gehört aber auch, sich nach sol­chen Situa­tio­nen zurück­zie­hen zu kön­nen (Büro, Kapel­le oder Andachts­raum), um das Erleb­te zu beden­ken und in Got­tes Hand zurück­zu­le­gen. In der Regel gelingt mir das ganz gut. Nur wenn sich Erfah­run­gen mit Tod und Trau­er in kür­ze­rer Zeit häu­fen oder sogar im eige­nen fami­liä­ren Bereich ereig­nen, kann es län­ger dau­ern. Da kann auch mir ein Gespräch mit einem Seel­sor­gen­den hel­fen, das Erleb­te ein­zu­ord­nen und anzunehmen.

Kann die Kli­nik­seel­sor­ge ein Bereich sein, in dem die Kir­che wie­der an Bedeu­tung gewinnt?
Ort­mei­er: Ja, abso­lut. Selbst Men­schen, die mit der Kir­che nichts mehr zu tun haben oder aus­ge­tre­ten sind, neh­men unse­re Seel­sor­ge in Anspruch. Das zeigt, dass es eine Ver­bin­dung gibt, die über kon­fes­sio­nel­le Gren­zen hin­aus­geht. Die Kli­nik­seel­sor­ge arbei­tet in einem säku­la­ren Umfeld und kann der Kir­che Impul­se geben, aus der ​„kirch­li­chen Bla­se“ aus­zu­bre­chen und zu sehen, was in der Gesell­schaft pas­siert. 
Kal­chau­er: Auf jeden Fall! Da ich als Kli­nik­seel­sor­ge­rin für alle Men­schen im Haus da bin und mit den unter­schied­lichs­ten Kon­fes­sio­nen, aber auch mit völ­lig kir­chen­fer­nen Men­schen in Berüh­rung kom­me, ver­mit­telt Kir­che mit dem Dienst der Kli­nik­seel­sor­ge eine beson­de­re Zuge­wandt­heit zu den Men­schen und kommt dem Auf­trag der Nächs­ten­lie­be sicht­bar nach. Wenn Papst Fran­zis­kus in sei­nem Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um for­dert, sich den Men­schen an den Rän­dern der Gesell­schaft zuzu­wen­den, dann sind damit auch Kran­ke, Ein­sa­me, Trau­ern­de und von Angst erfüll­te Men­schen gemeint. Die Men­schen spü­ren ganz unmit­tel­bar, dass sie gese­hen, gehört und wert­ge­schätzt werden.

Wie schät­zen Sie die Unter­stüt­zung durch die Diö­ze­se ein?
Kal­chau­er: Die Unter­stüt­zung der Diö­ze­se ist sehr gut und wich­tig. Im Ver­gleich zu ande­ren Bis­tü­mern bun­des­weit wer­den bei uns noch alle Stel­len besetzt, wenn auch manch­mal mit redu­zier­tem Stun­den­kon­tin­gent. Zur Min­dest­qua­li­fi­ka­ti­on in die­sem Bereich zählt der KSA-Kurs, der für alle ver­pflich­tend ist. Wei­ter­bil­dun­gen wer­den unter­stützt. Alle Kli­nik­seel­sor­gen­den tref­fen sich zwei­mal im Jahr in Arbeits­ge­mein­schaf­ten zu Aus­tausch und Abspra­che und bil­den sich an einem Stu­di­en­tag wei­ter. Super­vi­si­on in Grup­pen ist ver­pflich­tend und wird sechs­mal im Jahr ermög­licht. Die Ver­net­zung mit den ande­ren Bis­tü­mern ist wich­tig und geschieht bei den Bay­ern- und Bun­des­kon­fe­ren­zen der Kli­nik­seel­sor­gen­den.
Ort­mei­er: Ich habe bis­her nur Zuspruch und Unter­stüt­zung erfah­ren – nie Hin­der­nis­se. Die Kli­nik­seel­sor­ge wird als wich­tig erach­tet, und das ist ermutigend.

Info Icon Bistum Passau/pbp
Klinikseelsorgerin Alexandra Kalchauer

Wie sehen Sie die Zukunft der Kli­nik­seel­sor­ge?
Sali­ter: Ich den­ke, sie wird immer wich­ti­ger. In der Wis­sen­schaft gibt es Ten­den­zen, die Kli­nik­seel­sor­ge als Teil der Heil­be­ru­fe auf­zu­wer­ten. Spi­ri­tu­el­le Bedürf­nis­se wer­den heu­te höher bewer­tet als frü­her. Dass die Diö­ze­san­lei­tung und das Dom­ka­pi­tel alle Kli­nik- und Reha-Stand­or­te in unse­rem Bis­tum mit Voll- oder Teil­zeit­kräf­ten in der Seel­sor­ge aus­stat­ten, ist ein sehr posi­ti­ves Signal. Ich sehe eine viel­ver­spre­chen­de Zukunft.
Kal­chau­er: Qua­li­fi­zier­te Kli­nik­seel­sor­ge wird immer ein bedeu­ten­der Teil der Seel­sor­ge blei­ben und hof­fent­lich auch wei­ter­hin von unse­rer Diö­ze­se unter­stützt wer­den. Wie in allen Berei­chen wird aber auch in unse­rem die Per­so­nal­not sicht­bar wer­den. Ande­re Bis­tü­mer ent­wi­ckeln und erpro­ben bereits Model­le für den Quer­ein­stieg, der beson­ders von Per­so­nen aus dem Pfle­ge­dienst oder ver­wand­ter Beru­fe nach­ge­fragt wird. Auch die Qua­li­fi­zie­rung und Beglei­tung von Ehren­amt­li­chen im Besuchs­dienst wer­den an Bedeu­tung gewinnen.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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