KNA/Harald Oppitz
Die Seele spielt beim Heilungsprozess eine wesentliche Rolle. Deshalb sind auch Menschen, die Zeit und Zuwendung schenken, im Krankenhaus wichtig. Über den Dienst der Krankenhausseelsorge sprach das Bistumsblatt mit Adi Ortmeier (Klinikum Passau) sowie Alexandra Kalchauer und Bernhard Saliter (Innklinikum Altötting-Burghausen).
Wie sieht ein typischer Arbeitstag im Krankenhaus für Sie aus?
Ortmeier: Jeder Tag ist anders. Wichtige Aufgaben sind Gespräche mit Patienten, Krankensalbungen, Sterbegebete und die Begleitung in Krisen. Dazu kommen Gespräche mit Mitarbeitenden, die Vorbereitung der Gottesdienste und die Zusammenarbeit mit Kollegen.
Saliter: Bei uns sind die Abläufe ähnlich, auch wenn das Altöttinger Klinikum etwas kleiner ist. Ich bin aber auch im Pfarrverband Neuötting noch mit eingebunden. Jeder Tag ist eine Wundertüte. Man hat feste Termine, aber oft gibt es auch unvorhergesehene Notfälle oder spontane Anfragen. Was ich nicht mehr so viel habe wie als Gemeindepfarrer, sind abendliche Sitzungstermine.
Sind kranke Menschen empfänglicher für Seelsorge als Menschen im „normalen“ Leben?
Ortmeier: Krankheit bringt Menschen oft in existenzielle Krisen, und unser Glaube kann hier neue Perspektiven eröffnen. Im Getriebe des Alltags werden existenzielle Fragen oft beiseite geschoben. In der Krankheit brechen diese Fragen auf. Die Offenheit der Menschen ist sehr unterschiedlich: Manche lehnen uns sofort ab, andere sind trotz langer Abwesenheit von der Kirche plötzlich offen für Gespräche.
Kalchauer: Das Krankenhaus ist sicherlich ein Ort, an dem sich Menschen, besonders wenn sie mit schweren Krankheiten konfrontiert werden, mehr Gedanken über ihr Leben, über Schuld- und Sinnfragen, oft auch über ungelöste Konflikte im familiären Umkreis machen. Ein seelsorgliches Gespräch wird da oft dankbar angenommen.
Was ist das Wichtigste an Ihrem Dienst?
Kalchauer: Wenn mir ein Patient am Ende eines Krankenbesuches sagt, dass ihm das Gespräch sehr gutgetan und Hoffnung gegeben hat, dann spüre ich immer wieder aufs Neue, wie wichtig mein Dienst ist. Für Patienten, ihre Angehörigen und alle Mitarbeiter im Haus ansprechbar zu sein, ihre Sorgen, Ängste und Nöte zu hören, ihr Leben und ihre Arbeit zu würdigen und ihnen Hoffnung aus dem Glauben heraus zu machen ist Seelsorge pur.
Saliter: Es geht darum, menschlichen Beistand zu leisten und Zeit für die Menschen zu haben. Wir sind oft die Einzigen im Krankenhaus, die sich wirklich Zeit nehmen können. Gleichzeitig vermitteln wir Hoffnung und Trost aus unserem christlichen Glauben: Du bist nicht allein. Es gibt jemanden, der dich hält, egal ob du an ihn glaubst oder nicht.
Wolfgang Krinninger
Was treibt Sie in Ihrem Dienst an?
Saliter: Mein Glaube und der Wunsch, Menschen in schweren Situationen zu helfen. Papst Franziskus hat gesagt: „Geht an die Ränder!“ Das ist für mich zentral. Jesus hat sich den Kranken, Aussätzigen und denen am Rand der Gesellschaft zugewandt. Das ist auch mein Antrieb.
Kalchauer: Ich möchte meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Liebe Gottes zu den Menschen und Hoffnung für sie erlebbar und spürbar wird.
Ortmeier: Ich möchte vor allem ein Zuhörender sein. Aktives Zuhören ist mir wichtig. Nicht vorschnelle Antworten zu geben. Ich frage mich immer: Wie kann ich diesem Menschen in seiner schwierigen Situation beistehen? Was ist jetzt für ihn wichtig?
Wie viele Klinikseelsorger gibt es aktuell im Bistum Passau?
Saliter: Derzeit sind es 20, die meisten in Teilzeit. In kleineren Kliniken oder Reha-Einrichtungen sind es oft nur wenige Stunden pro Woche.
Spüren Sie die Auswirkungen der aktuellen Gesundheitsreform?
Saliter: In meiner konkreten Arbeit merke ich noch nichts. Aber bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spüre ich eine gewisse Unruhe. Es muss an allen Ecken gespart werden, manchmal sogar bei Kleinigkeiten wie Handtüchern.
Ortmeier: Ich bemerke die Unruhe oft. In der Kantine höre ich oft Diskussionen über politische Entscheidungen und die Zukunft des Gesundheitssystems. In meiner konkreten Arbeit spüre ich noch nichts.
Wenn Sie auf das letzte Jahr zurückblicken: Gibt es ein besonders prägendes Erlebnis?
Ortmeier: Ich würde es nicht auf ein einzelnes Erlebnis reduzieren. Es sind oft die kleinen Momente: zum Beispiel, wenn ältere Menschen aus ihrem Leben erzählen. Das sind oft überraschende Biografien. Und es ist faszinierend, was da an Lebensweisheit vorkommt. Welcher Schatz wird mir da übermittelt! Oder die Neugeborenensegnungen am Sonntagvormittag auf der Geburtsstation. Das sind auch oft sehr schöne Erlebnisse. Auch Feiern mit Mitarbeitenden sind schön – das Krankenhaus ist nicht nur ein Ort des Leids, sondern auch des Lachens und der Freude.
Kalchauer: Gerade ältere, kranke, einsame oder beginnend demente Patienten sind unglaublich dankbar, wenn man sich für sie interessiert, ihr Leben gemeinsam anschaut und würdigt. Dabei zeigt sich oft tiefe Dankbarkeit für Gelungenes, aber auch Versöhnung mit Schwierigem. In Erinnerung habe ich aber auch gute Gespräche mit einer jungen, magersüchtigen Patientin, die mir vor kurzem eine Dankeskarte geschrieben und von ihrer weiteren Therapie berichtet hat und Dank zeigte für die Hoffnung, die ich ihr zu gegeben versucht habe. Solche kleinen Rückmeldungen, aber auch ein Lächeln oder dankbarer Blick geben mir Kraft und Ansporn, auf meinem Weg weiterzugehen.
Wolfgang Krinninger
Haben Sie ein besonderes Ereignis in Erinnerung, Herr Saliter?
Saliter: Ja, eine kleine Alltagsbegegnung: In meinem Büro habe ich eine Kaffeemaschine und Süßigkeiten. Eines Tages war die Schachtel mit den Keksen leer, und am nächsten Tag war sie wieder aufgefüllt. Ich schrieb einen Zettel: „Danke fürs Auffüllen der Süßigkeiten.“ Einige Tage später hing ein Zettel mit einem gemalten Smiley daneben: „Habe ich gern gemacht.“ Später stellte sich heraus, dass es eine Reinigungskraft war. Das hat der gegenseitigen Wertschätzung gut getan.
Wie gehen Sie mit den Belastungen um, die mit Tod, Trauer und Leid verbunden sind?
Saliter: Reden, reden, reden. Reden mit dem Herrgott, das Gebet. Aber genauso wichtig ist das Reden mit anderen. Ich habe das Glück, mehrmals pro Woche mit meiner Kollegin Alexandra Kalchauer über Belastendes sprechen zu können. Zudem gibt es Supervisionsgruppen, in denen wir uns austauschen.
Ortmeier: Der Austausch und die Supervision sind sehr wichtig. Manchmal brauche ich auch ein Ritual, um abzuschalten – zum Beispiel Händewaschen, wenn ich das Krankenhaus verlasse. Eine Psychologin hat mir das einmal empfohlen. Es hilft, eine Grenze zwischen der Arbeit und dem Privatleben zu ziehen. Ich darf mich selber nicht vergessen.
Saliter: Ich habe auch so ein Ritual. Bevor ich das Haus verlasse, gehe ich noch einmal in die Kapelle, um dort kurz zu verweilen und alles sacken zu lassen.
Kalchauer: Nach schwierigen und belastenden Erlebnissen habe ich die Möglichkeit, mich mit meinem Kollegen im Haus ganz unmittelbar auszutauschen oder einen Konflikt in der Supervision zu bearbeiten. Zu meiner Arbeit gehört aber auch, sich nach solchen Situationen zurückziehen zu können (Büro, Kapelle oder Andachtsraum), um das Erlebte zu bedenken und in Gottes Hand zurückzulegen. In der Regel gelingt mir das ganz gut. Nur wenn sich Erfahrungen mit Tod und Trauer in kürzerer Zeit häufen oder sogar im eigenen familiären Bereich ereignen, kann es länger dauern. Da kann auch mir ein Gespräch mit einem Seelsorgenden helfen, das Erlebte einzuordnen und anzunehmen.
Kann die Klinikseelsorge ein Bereich sein, in dem die Kirche wieder an Bedeutung gewinnt?
Ortmeier: Ja, absolut. Selbst Menschen, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben oder ausgetreten sind, nehmen unsere Seelsorge in Anspruch. Das zeigt, dass es eine Verbindung gibt, die über konfessionelle Grenzen hinausgeht. Die Klinikseelsorge arbeitet in einem säkularen Umfeld und kann der Kirche Impulse geben, aus der „kirchlichen Blase“ auszubrechen und zu sehen, was in der Gesellschaft passiert.
Kalchauer: Auf jeden Fall! Da ich als Klinikseelsorgerin für alle Menschen im Haus da bin und mit den unterschiedlichsten Konfessionen, aber auch mit völlig kirchenfernen Menschen in Berührung komme, vermittelt Kirche mit dem Dienst der Klinikseelsorge eine besondere Zugewandtheit zu den Menschen und kommt dem Auftrag der Nächstenliebe sichtbar nach. Wenn Papst Franziskus in seinem Schreiben Evangelii gaudium fordert, sich den Menschen an den Rändern der Gesellschaft zuzuwenden, dann sind damit auch Kranke, Einsame, Trauernde und von Angst erfüllte Menschen gemeint. Die Menschen spüren ganz unmittelbar, dass sie gesehen, gehört und wertgeschätzt werden.
Wie schätzen Sie die Unterstützung durch die Diözese ein?
Kalchauer: Die Unterstützung der Diözese ist sehr gut und wichtig. Im Vergleich zu anderen Bistümern bundesweit werden bei uns noch alle Stellen besetzt, wenn auch manchmal mit reduziertem Stundenkontingent. Zur Mindestqualifikation in diesem Bereich zählt der KSA-Kurs, der für alle verpflichtend ist. Weiterbildungen werden unterstützt. Alle Klinikseelsorgenden treffen sich zweimal im Jahr in Arbeitsgemeinschaften zu Austausch und Absprache und bilden sich an einem Studientag weiter. Supervision in Gruppen ist verpflichtend und wird sechsmal im Jahr ermöglicht. Die Vernetzung mit den anderen Bistümern ist wichtig und geschieht bei den Bayern- und Bundeskonferenzen der Klinikseelsorgenden.
Ortmeier: Ich habe bisher nur Zuspruch und Unterstützung erfahren – nie Hindernisse. Die Klinikseelsorge wird als wichtig erachtet, und das ist ermutigend.
Bistum Passau/pbp
Wie sehen Sie die Zukunft der Klinikseelsorge?
Saliter: Ich denke, sie wird immer wichtiger. In der Wissenschaft gibt es Tendenzen, die Klinikseelsorge als Teil der Heilberufe aufzuwerten. Spirituelle Bedürfnisse werden heute höher bewertet als früher. Dass die Diözesanleitung und das Domkapitel alle Klinik- und Reha-Standorte in unserem Bistum mit Voll- oder Teilzeitkräften in der Seelsorge ausstatten, ist ein sehr positives Signal. Ich sehe eine vielversprechende Zukunft.
Kalchauer: Qualifizierte Klinikseelsorge wird immer ein bedeutender Teil der Seelsorge bleiben und hoffentlich auch weiterhin von unserer Diözese unterstützt werden. Wie in allen Bereichen wird aber auch in unserem die Personalnot sichtbar werden. Andere Bistümer entwickeln und erproben bereits Modelle für den Quereinstieg, der besonders von Personen aus dem Pflegedienst oder verwandter Berufe nachgefragt wird. Auch die Qualifizierung und Begleitung von Ehrenamtlichen im Besuchsdienst werden an Bedeutung gewinnen.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur


