Von der Trauer zum Licht

Redaktion am 26.10.2026

Info Icon Monika Zieringer

Wir leben, so lange sich jemand an uns erinnert, heißt es im Volksmund. Warum Allerheiligen-Allerseelen auch heute wichtig ist, erkundet der Autor des Editorials unserer aktuellen Ausgabe 44-2026.

Der Fried­hof als Ort des stil­len Geden­kens? An Aller­hei­li­gen ist es vor­bei mit der Ruhe. Von weit­her rei­sen die Men­schen an. Jede noch so klei­ne Park­flä­che im Dorf wird genutzt. Man muss zei­tig da sein, wenn man nicht all­zu weit zu Fuß gehen möch­te. Die Leu­te strö­men auf den Fried­hof und ver­sam­meln sich um die Grä­ber ihrer Ange­hö­ri­gen. Sie schau­en, sie lau­schen, sie reden, sie beten, sie erin­nern sich. Und machen wir uns nichts vor: Natür­lich geht es an die­sem Tag auch um das Sehen und Gese­hen­wer­den. Um Äußer­lich­kei­ten. Um Grab­schmuck, Mode, Life­style und Partnerwahl. 

„In vie­len Häu­sern wird die­ser Nach­mit­tag zum Lebensfest”

Doch unter der Ober­flä­che geht es um mehr, um Selbst­ver­ge­wis­se­rung: Wir leben, solan­ge sich jemand an uns erin­nert, heißt es im Volks­mund. Umso schö­ner, wenn lie­be­vol­le Gedan­ken die­ses Erin­nern prä­gen. Dazu passt, dass nach dem Toten­ge­den­ken die Fami­li­en zusam­men­kom­men, gemein­sam Kaf­fee trin­ken, rat­schen und sich über gro­ße und klei­ne Ereig­nis­se aus­tau­schen. In vie­len Häu­sern wird die­ser Nach­mit­tag so zum Lebens­fest, zum Ritus einer wert­schät­zen­den Gemeinschaft.

Ursprüng­lich war der 1. Novem­ber kein Tag des Toten­ge­dächt­nis­ses, son­dern ein Fest für alle Hei­li­gen – auch die unbe­kann­ten. Aller­see­len, einen Tag spä­ter, war dem Toten­ge­den­ken vor­be­hal­ten. Aber da Aller­hei­li­gen in vie­len Län­dern Fei­er­tag ist, hat es sich durch­ge­setzt, schon an die­sem Tag die Fried­hö­fe zu besu­chen und die Grä­ber zu seg­nen. Und es passt ja auch: Zu Aller­hei­li­gen bekennt die Kir­che, ​„dass es eine gro­ße Schar von Men­schen gibt aus allen Zei­ten und Völ­kern, deren Leben für immer und ewig geglückt ist“, schreibt die Katho­li­sche Nach­rich­ten­agen­tur (KNA) über die­sen Fei­er­tag. Die Ver­kün­di­gung sei von dem Glau­ben geprägt, dass vie­le Ver­stor­be­ne wie Hei­li­ge ver­ehrt wer­den kön­nen. Von die­sen Men­schen neh­me die Kir­che an, dass sie die höchs­te Voll­endung ihres Lebens in der Gemein­schaft mit Gott erreicht haben. Bes­ser geht es nicht. Mehr kann man einem Men­schen wohl nicht wünschen.

„Wenn sich die Füße vom Boden absto­ßen, geht der Blick wie von selbst vom Boden zum Himmel”

Auf dem Michae­lis­fried­hof in Lüne­burg hat die Künst­le­rin Nina Hein­zel drei Baum­stäm­me kunst­voll zusam­men­ge­fügt – Gestell und Skulp­tur zugleich (sie­he Sei­te 8). Dar­an hängt eine Schau­kel, von der aus man zu den Häu­sern der Stadt blickt. Die Schau­kel soll­te etwas Uner­war­te­tes sein in die­sem Umfeld. ​„Wenn sich Älte­re nach dem Gebet am Grab auf die Schau­kel set­zen, dann rührt mich das beson­ders“, sag­te Hein­zel in einem Inter­view. Das sei ein ​„Moment der Schwe­re­lo­sig­keit“. Und wenn sich die Füße vom Boden absto­ßen, geht der Blick wie von selbst vom Boden zum Him­mel. Vom Geden­ken zur lie­be­vol­len Erin­ne­rung, vom Abschied zur Hoff­nung, von der Trau­er zum Licht.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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