Der Friedhof als Ort des stillen Gedenkens? An Allerheiligen ist es vorbei mit der Ruhe. Von weither reisen die Menschen an. Jede noch so kleine Parkfläche im Dorf wird genutzt. Man muss zeitig da sein, wenn man nicht allzu weit zu Fuß gehen möchte. Die Leute strömen auf den Friedhof und versammeln sich um die Gräber ihrer Angehörigen. Sie schauen, sie lauschen, sie reden, sie beten, sie erinnern sich. Und machen wir uns nichts vor: Natürlich geht es an diesem Tag auch um das Sehen und Gesehenwerden. Um Äußerlichkeiten. Um Grabschmuck, Mode, Lifestyle und Partnerwahl.
„In vielen Häusern wird dieser Nachmittag zum Lebensfest”
Doch unter der Oberfläche geht es um mehr, um Selbstvergewisserung: Wir leben, solange sich jemand an uns erinnert, heißt es im Volksmund. Umso schöner, wenn liebevolle Gedanken dieses Erinnern prägen. Dazu passt, dass nach dem Totengedenken die Familien zusammenkommen, gemeinsam Kaffee trinken, ratschen und sich über große und kleine Ereignisse austauschen. In vielen Häusern wird dieser Nachmittag so zum Lebensfest, zum Ritus einer wertschätzenden Gemeinschaft.
Ursprünglich war der 1. November kein Tag des Totengedächtnisses, sondern ein Fest für alle Heiligen – auch die unbekannten. Allerseelen, einen Tag später, war dem Totengedenken vorbehalten. Aber da Allerheiligen in vielen Ländern Feiertag ist, hat es sich durchgesetzt, schon an diesem Tag die Friedhöfe zu besuchen und die Gräber zu segnen. Und es passt ja auch: Zu Allerheiligen bekennt die Kirche, „dass es eine große Schar von Menschen gibt aus allen Zeiten und Völkern, deren Leben für immer und ewig geglückt ist“, schreibt die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) über diesen Feiertag. Die Verkündigung sei von dem Glauben geprägt, dass viele Verstorbene wie Heilige verehrt werden können. Von diesen Menschen nehme die Kirche an, dass sie die höchste Vollendung ihres Lebens in der Gemeinschaft mit Gott erreicht haben. Besser geht es nicht. Mehr kann man einem Menschen wohl nicht wünschen.
„Wenn sich die Füße vom Boden abstoßen, geht der Blick wie von selbst vom Boden zum Himmel”
Auf dem Michaelisfriedhof in Lüneburg hat die Künstlerin Nina Heinzel drei Baumstämme kunstvoll zusammengefügt – Gestell und Skulptur zugleich (siehe Seite 8). Daran hängt eine Schaukel, von der aus man zu den Häusern der Stadt blickt. Die Schaukel sollte etwas Unerwartetes sein in diesem Umfeld. „Wenn sich Ältere nach dem Gebet am Grab auf die Schaukel setzen, dann rührt mich das besonders“, sagte Heinzel in einem Interview. Das sei ein „Moment der Schwerelosigkeit“. Und wenn sich die Füße vom Boden abstoßen, geht der Blick wie von selbst vom Boden zum Himmel. Vom Gedenken zur liebevollen Erinnerung, vom Abschied zur Hoffnung, von der Trauer zum Licht.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur


