Glaube und Tradition

„Und wenn der Wind durchs Karnerfenster pfeift …“

Redaktion am 26.10.2026

Info Icon Foto: Maximiliane Heigl-Saalfrank
Fegefeuer-Darstellung in einem Beinhaus in Kammer bei Traunstein.

Auf Spurensuche: Karner, Beinhäuser und Seelenkammerl zwischen Isen, Rott, Inn und Salzach

Er ist mit grü­nen Eiben­blät­tern umkränzt, die rote Früch­te tra­gen. Auf der Stirn­mit­te glänzt ein klei­nes schwar­zes Kreuz: ein grau­er, schma­ler Frau­en­schä­del mit schad­haf­tem Gebiss aus dem Fun­dus der Anthro­po­lo­gi­schen Staats­samm­lung. Wie ver­letz­lich und zart er vor 42 Jah­ren in sei­ner Aus­stel­lungs­vi­tri­ne im Münch­ner Stadt­mu­se­um am Jakobs­platz wirk­te. Dort bin ich Anna Heigl das ers­te Mal per­sön­lich begeg­net, in der Aus­stel­lung ​„Die letz­te Rei­se. Ster­ben, Tod und Trau­er­sit­ten in Ober­bay­ern“. Bei mei­nen Recher­chen ent­deck­te ich ihren Toten­kopf auf einem Foto wie­der, den der Jung­frau Anna Heigl, Stadt­mau­rer­meis­ters­toch­ter von hier, gestor­ben am 25. April 1811, 14 Jah­re alt. Er rührt mich mit sei­ner Zer­brech­lich­keit immer noch an, nicht zuletzt, weil ich zufäl­lig heu­te den­sel­ben Nach­na­men tra­ge wie die tote Münch­ne­rin, vor allem weil ich mich in mei­ner enge­ren Hei­mat schon vor län­ge­rem auf eine Spu­ren­su­che bege­ben habe nach den letz­ten Kar­nern, See­len­stöckl, Bein- oder Seelenkammerln.

Im Land zwi­schen Isen, Rott, Inn und Salz­ach soll es, wie nicht nur münd­lich über­lie­fert, son­dern immer wie­der auch in volks- und hei­mat­kund­li­chen Schrif­ten nie­der­ge­legt wur­de, eine auf­fal­len­de Häu­fung bau­lich unter­schied­li­cher Kar­ner gege­ben haben – am häu­figs­ten kom­men die Seel­ker­ker vor, nischen­ar­ti­ge ver­git­ter­te Anbau­ten an Kir­chen und Fried­hofs­mau­ern wie in Mar­ga­re­then­berg. Eini­ge Bein­häu­ser sind immer noch voll­stän­dig erhal­ten und wer­den sorg­fäl­tig im Andenken an die Ver­stor­be­nen gepflegt wie in Unter­neu­kir­chen oder Burg­kir­chen an der Alz – und das wohl optisch in sei­ner Voll­stän­dig­keit beein­dru­ckends­te in Perach.

Auf­fal­lend präch­tig bemalt sind die Schä­del der toten Män­ner und Frau­en, mit Lor­beer- und Blü­ten­krän­zen, roten Schleif­chen, bun­ter Flit­ter in den lee­ren Augen­höh­len, schwar­zen Kreu­zen, ihren in der Regi­on bis heu­te ver­traut klin­gen­den Fami­li­en­na­men und ihren Lebens­da­ten. Wie mag sich da jemand füh­len, wenn er ins Ant­litz eines Ahnen im Armen­see­lenkam­merl blickt. Memen­to Mori! Ist es immer noch spür­bar, das prag­ma­ti­sche Ver­hält­nis des Alt­bay­ern zum Tod? Zum Kar­ner? Nach­zu­le­sen bei Oskar Maria Graf, dem in Traun­stein auf­ge­wach­se­nen Tho­mas Bern­hard und bei Eme­renz Mei­er, die schrieb: ​„Und wenn der Wind durchs Kar­ner­fens­ter pfeift, nacha moanst a, die Dodn drentn redn mit­anand. Sie sagn dir, dass alls eins is – ob‘st reich warst oder bet­tel­arm, am End bleibn nur die weißn Knochn und a Hand­voll Staub.“

Impressionen aus Beinhäusern

Durch die Sünd ist der Todt in die Welt eingegangen. So steht es unter der Darstellung des Sensenmanns auf dem Deckenfresko im Karner in Alzgern.
Deckenfresko im Karner in Alzgern.
Tafelbild im Seelenkammerl in Perach.
Tafelbild im Seelenkammerl in Perach.
Blick in den Karner in Margarethenberg.
Barockkarner in Laufen an der Salzach.
Fegefeuer-Darstellung am früheren Beinhaus in Winhöring.

Weiß­graue Kno­chen fin­det man kaum mehr. Bei den meis­ten Bein­häu­sern in der Regi­on ist der eigent­li­che Zweck nicht mehr erkenn­bar. Sie wur­den zu präch­ti­gen Lour­des­grot­ten umge­stal­tet, sind zweck­mä­ßig genutz­te Abstell­kam­mern, waren vor­über­ge­hend Pfarr­hei­me bis zur Unkennt­lich­keit umge­baut, ber­gen Hei­zungs­an­la­gen, sind schlich­te Krie­ger­ge­dächt­nis- oder kit­schi­ge Ölbergkapellen.

Und doch gibt es die, die ihrer Wie­der­ent­de­ckung har­ren, gemäß ihrer gro­ßen kunst­his­to­ri­schen Bedeu­tung wie das Alz­ger­ner See­len­haus und hof­fent­lich, es sei eine per­sön­li­che Anmer­kung erlaubt, auch eines groß­zü­gi­gen Mäzens. Das Decken­fres­ko im einst­ma­li­gen Ossa­ri­um Sand­marein­kir­chens erzählt von der Macht des Todes über den Men­schen. In acht Medail­lons tau­chen Sym­bo­le baro­cker Vani­tas auf, die Franz Joseph Soll 1789 über noch älte­ren, ver­mut­lich goti­schen Wand­zeich­nun­gen auf­ge­tra­gen hat. Zum Teil wur­den sie vor Jah­ren ohne kon­ser­va­to­ri­schen Schutz frei­ge­legt. An der Ost­sei­te des Kar­ner­in­ne­ren, wo sich ver­mut­lich auch das in der älte­ren Fach­li­te­ra­tur als ein­zig­ar­tig in der Regi­on beschrie­be­ne Licht­häus­chen befand, erin­nert eine Sec­co­ma­le­rei an Dar­stel­lun­gen des hei­li­gen Ono­phri­os, einen alten, fast ver­ges­se­nen Schutz­pa­tron für einen gnä­di­gen, nicht unvor­her­ge­se­he­nen Tod. Sah man ihn an, starb man an die­sem Tag nicht, so der Volksglaube.

Ande­re Oss­a­ri­en legen still und ele­gant Zeug­nis ihrer einst­ma­li­gen Bedeu­tung für die ört­li­che Sepul­kral­kul­tur ab wie die zwei­ge­schos­si­ge baro­cke frei­ste­hen­de Micha­els­ka­pel­le in Lau­fen mit ihrem Kar­ner­un­ter­ge­schoss – oder ihr Schwes­ter­bau, die heu­ti­ge Kapel­le St. Johann Bap­tist, ehe­mals auch eine Micha­els­ka­pel­le, in Mühl­dorf am Inn. Selbst im Her­zen Bay­erns, in der Alt­öt­tin­ger Stift­s­pfarr­kir­che, kann man noch die Anla­ge eines dop­pel­ge­schos­si­gen Bein­hau­ses erken­nen. Das Erd­ge­schoss der Sie­ben­schmer­zen­ka­pel­le – sie wur­de um 1500 errich­tet und 1511 geweiht – wur­de bis 1792 als Kar­ner genutzt. Am Jah­res­tag für alle Kano­ni­ker und Digni­tä­re des Kapi­tels hielt man dort regel­mä­ßig die Ves­per. Und dann sind da die vie­len klei­nen, aber fei­nen Hin­wei­se auf ehe­ma­li­ge See­lenkam­merl, sei es in Form eines Altar­blatts mit armen See­len im Fege­feu­er wie in Nie­der­gott­sau oder die klei­ne fla­che Plas­tik der fünf armen See­len über deren Köp­fen die Flam­men nur so auf­lo­dern, die es in Arbing zu ent­de­cken gilt.

Auf den Fotos (von links): Blick in das Bein­haus in Burg­kir­chen an der Alz; dane­ben: Außen­an­sicht; See­lenkam­merl in Per­ach; Kar­ner in Alzgern.

For­men sekun­dä­rer Bei­set­zun­gen wur­den in Euro­pa bereits in der jün­ge­ren Alt­stein­zeit und in der Stein­zeit prak­ti­ziert. Dahin­ter ver­birgt sich die Idee, dass die Ver­ei­ni­gung mit den Ahnen im Jen­seits eben durch die­se Riten über­haupt erst mög­lich wird. Ob es ver­gleich­ba­re paga­ne Ideen in früh­christ­li­cher Zeit immer noch gab, ist nicht über­lie­fert. Gehal­ten hat sich aber bis ins 20. Jahr­hun­dert in unse­rer Gegend ein unap­pe­tit­li­cher Aber­glau­be um die Gebei­ne aus Bein­häu­sern. So soll­te ein ent­wen­de­ter Fin­ger­kno­chen Ein­bre­cher vor der Ent­de­ckung und ein aus­ge­bro­che­ner Zahn vor Zahn­schmer­zen und dem Kriegs­dienst schüt­zen. Umschlä­ge aus Moos­flech­ten, die auf den Toten­schä­deln sie­del­ten, soll­ten gegen Zahn­schmer­zen hel­fen und in die Nase gestopft gegen Nasenbluten.

War­um ab dem 12. Jahr­hun­dert die Erd­be­stat­tung auf­ge­ge­ben wur­de, bün­delt sich ver­mut­lich in grund­le­gen­den demo­gra­phi­schen, his­to­ri­schen, kli­ma­ti­schen und reli­giö­sen Ver­än­de­run­gen die­ser Epo­che. Schon im 6. Jahr­hun­dert, dann ganz deut­lich in der Karo­lin­ger­zeit hat­te es die ers­ten Regu­la­ri­en für Erd­be­stat­tun­gen gege­ben: Das Auf­ein­an­der­le­gen von zwei Toten in einem Grab wur­de ver­bo­ten, ers­te Bau­ten für Gebei­ne ent­stan­den, meist dem hei­li­gen Micha­el, dem See­len­ge­lei­ter, geweiht. Anschau­lich beschreibt der fran­zö­si­sche Bene­dik­ti­ner Rodol­fus Gla­ber, wie ver­roht man im Mit­tel­al­ter auf Krieg, Krank­heit und Hun­gers­nö­te reagier­te. Er schil­dert, dass sich Men­schen zu kan­ni­ba­li­schen Akten genö­tigt sahen, um über­le­ben zu kön­nen. Frei­lau­fen­de Schwei­ne und Hun­de plün­der­ten eben­falls die Got­tes­äcker – alles in allem ein nicht mehr hin­nehm­ba­rer ethi­scher und hygie­ni­scher Zustand, dem die Syn­oden von Müns­ter und Köln bereits um 1280 lösungs­ori­en­tiert begeg­ne­ten: Die Errich­tung von Bein­häu­sern wur­de verpflichtend.

Reli­giö­se Vor­stel­lun­gen, den Reli­qui­en der Hei­li­gen im Altar mög­lichst nah und gleich sein zu wol­len, spiel­ten dabei auch eine Rol­le, die Unter­schei­dung zwi­schen hei­lig und nor­mal-sterb­lich ver­schwamm. Der Gedan­ke an die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen im Tode, bild­haft erkenn­bar in der Ord­nung der Gebei­ne, rück­te in den Mit­tel­punkt. Die Relik­te der Toten soll­ten der dau­ern­den und sie schüt­zen­den Ver­eh­rung zugäng­lich gemacht wer­den, denn, so for­mu­lier­te es 1591 der Regens­bur­ger Theo­lo­ge Jacob Mül­ler, ​„die Leben­den soll­ten durch den Anblick zu akti­ve­rem Mit­leid und Gebet für die Ver­stor­be­nen, die noch im Fege­feu­er schmach­te­ten, auf­ge­ru­fen wer­den“. Erst mit der Auf­klä­rung ord­ne­ten Kir­che und Staat die Abschaf­fung der Bein­häu­ser an, deren tat­säch­li­che Umset­zung soll­te noch bis ins frü­he 20. Jahr­hun­dert dauern.

Text und Fotos: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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