Er ist mit grünen Eibenblättern umkränzt, die rote Früchte tragen. Auf der Stirnmitte glänzt ein kleines schwarzes Kreuz: ein grauer, schmaler Frauenschädel mit schadhaftem Gebiss aus dem Fundus der Anthropologischen Staatssammlung. Wie verletzlich und zart er vor 42 Jahren in seiner Ausstellungsvitrine im Münchner Stadtmuseum am Jakobsplatz wirkte. Dort bin ich Anna Heigl das erste Mal persönlich begegnet, in der Ausstellung „Die letzte Reise. Sterben, Tod und Trauersitten in Oberbayern“. Bei meinen Recherchen entdeckte ich ihren Totenkopf auf einem Foto wieder, den der Jungfrau Anna Heigl, Stadtmaurermeisterstochter von hier, gestorben am 25. April 1811, 14 Jahre alt. Er rührt mich mit seiner Zerbrechlichkeit immer noch an, nicht zuletzt, weil ich zufällig heute denselben Nachnamen trage wie die tote Münchnerin, vor allem weil ich mich in meiner engeren Heimat schon vor längerem auf eine Spurensuche begeben habe nach den letzten Karnern, Seelenstöckl, Bein- oder Seelenkammerln.
Im Land zwischen Isen, Rott, Inn und Salzach soll es, wie nicht nur mündlich überliefert, sondern immer wieder auch in volks- und heimatkundlichen Schriften niedergelegt wurde, eine auffallende Häufung baulich unterschiedlicher Karner gegeben haben – am häufigsten kommen die Seelkerker vor, nischenartige vergitterte Anbauten an Kirchen und Friedhofsmauern wie in Margarethenberg. Einige Beinhäuser sind immer noch vollständig erhalten und werden sorgfältig im Andenken an die Verstorbenen gepflegt wie in Unterneukirchen oder Burgkirchen an der Alz – und das wohl optisch in seiner Vollständigkeit beeindruckendste in Perach.
Auffallend prächtig bemalt sind die Schädel der toten Männer und Frauen, mit Lorbeer- und Blütenkränzen, roten Schleifchen, bunter Flitter in den leeren Augenhöhlen, schwarzen Kreuzen, ihren in der Region bis heute vertraut klingenden Familiennamen und ihren Lebensdaten. Wie mag sich da jemand fühlen, wenn er ins Antlitz eines Ahnen im Armenseelenkammerl blickt. Memento Mori! Ist es immer noch spürbar, das pragmatische Verhältnis des Altbayern zum Tod? Zum Karner? Nachzulesen bei Oskar Maria Graf, dem in Traunstein aufgewachsenen Thomas Bernhard und bei Emerenz Meier, die schrieb: „Und wenn der Wind durchs Karnerfenster pfeift, nacha moanst a, die Dodn drentn redn mitanand. Sie sagn dir, dass alls eins is – ob‘st reich warst oder bettelarm, am End bleibn nur die weißn Knochn und a Handvoll Staub.“
Impressionen aus Beinhäusern
Weißgraue Knochen findet man kaum mehr. Bei den meisten Beinhäusern in der Region ist der eigentliche Zweck nicht mehr erkennbar. Sie wurden zu prächtigen Lourdesgrotten umgestaltet, sind zweckmäßig genutzte Abstellkammern, waren vorübergehend Pfarrheime bis zur Unkenntlichkeit umgebaut, bergen Heizungsanlagen, sind schlichte Kriegergedächtnis- oder kitschige Ölbergkapellen.
Und doch gibt es die, die ihrer Wiederentdeckung harren, gemäß ihrer großen kunsthistorischen Bedeutung wie das Alzgerner Seelenhaus und hoffentlich, es sei eine persönliche Anmerkung erlaubt, auch eines großzügigen Mäzens. Das Deckenfresko im einstmaligen Ossarium Sandmareinkirchens erzählt von der Macht des Todes über den Menschen. In acht Medaillons tauchen Symbole barocker Vanitas auf, die Franz Joseph Soll 1789 über noch älteren, vermutlich gotischen Wandzeichnungen aufgetragen hat. Zum Teil wurden sie vor Jahren ohne konservatorischen Schutz freigelegt. An der Ostseite des Karnerinneren, wo sich vermutlich auch das in der älteren Fachliteratur als einzigartig in der Region beschriebene Lichthäuschen befand, erinnert eine Seccomalerei an Darstellungen des heiligen Onophrios, einen alten, fast vergessenen Schutzpatron für einen gnädigen, nicht unvorhergesehenen Tod. Sah man ihn an, starb man an diesem Tag nicht, so der Volksglaube.
Andere Ossarien legen still und elegant Zeugnis ihrer einstmaligen Bedeutung für die örtliche Sepulkralkultur ab wie die zweigeschossige barocke freistehende Michaelskapelle in Laufen mit ihrem Karneruntergeschoss – oder ihr Schwesterbau, die heutige Kapelle St. Johann Baptist, ehemals auch eine Michaelskapelle, in Mühldorf am Inn. Selbst im Herzen Bayerns, in der Altöttinger Stiftspfarrkirche, kann man noch die Anlage eines doppelgeschossigen Beinhauses erkennen. Das Erdgeschoss der Siebenschmerzenkapelle – sie wurde um 1500 errichtet und 1511 geweiht – wurde bis 1792 als Karner genutzt. Am Jahrestag für alle Kanoniker und Dignitäre des Kapitels hielt man dort regelmäßig die Vesper. Und dann sind da die vielen kleinen, aber feinen Hinweise auf ehemalige Seelenkammerl, sei es in Form eines Altarblatts mit armen Seelen im Fegefeuer wie in Niedergottsau oder die kleine flache Plastik der fünf armen Seelen über deren Köpfen die Flammen nur so auflodern, die es in Arbing zu entdecken gilt.
Auf den Fotos (von links): Blick in das Beinhaus in Burgkirchen an der Alz; daneben: Außenansicht; Seelenkammerl in Perach; Karner in Alzgern.
Formen sekundärer Beisetzungen wurden in Europa bereits in der jüngeren Altsteinzeit und in der Steinzeit praktiziert. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass die Vereinigung mit den Ahnen im Jenseits eben durch diese Riten überhaupt erst möglich wird. Ob es vergleichbare pagane Ideen in frühchristlicher Zeit immer noch gab, ist nicht überliefert. Gehalten hat sich aber bis ins 20. Jahrhundert in unserer Gegend ein unappetitlicher Aberglaube um die Gebeine aus Beinhäusern. So sollte ein entwendeter Fingerknochen Einbrecher vor der Entdeckung und ein ausgebrochener Zahn vor Zahnschmerzen und dem Kriegsdienst schützen. Umschläge aus Moosflechten, die auf den Totenschädeln siedelten, sollten gegen Zahnschmerzen helfen und in die Nase gestopft gegen Nasenbluten.
Warum ab dem 12. Jahrhundert die Erdbestattung aufgegeben wurde, bündelt sich vermutlich in grundlegenden demographischen, historischen, klimatischen und religiösen Veränderungen dieser Epoche. Schon im 6. Jahrhundert, dann ganz deutlich in der Karolingerzeit hatte es die ersten Regularien für Erdbestattungen gegeben: Das Aufeinanderlegen von zwei Toten in einem Grab wurde verboten, erste Bauten für Gebeine entstanden, meist dem heiligen Michael, dem Seelengeleiter, geweiht. Anschaulich beschreibt der französische Benediktiner Rodolfus Glaber, wie verroht man im Mittelalter auf Krieg, Krankheit und Hungersnöte reagierte. Er schildert, dass sich Menschen zu kannibalischen Akten genötigt sahen, um überleben zu können. Freilaufende Schweine und Hunde plünderten ebenfalls die Gottesäcker – alles in allem ein nicht mehr hinnehmbarer ethischer und hygienischer Zustand, dem die Synoden von Münster und Köln bereits um 1280 lösungsorientiert begegneten: Die Errichtung von Beinhäusern wurde verpflichtend.
Religiöse Vorstellungen, den Reliquien der Heiligen im Altar möglichst nah und gleich sein zu wollen, spielten dabei auch eine Rolle, die Unterscheidung zwischen heilig und normal-sterblich verschwamm. Der Gedanke an die Gemeinschaft der Gläubigen im Tode, bildhaft erkennbar in der Ordnung der Gebeine, rückte in den Mittelpunkt. Die Relikte der Toten sollten der dauernden und sie schützenden Verehrung zugänglich gemacht werden, denn, so formulierte es 1591 der Regensburger Theologe Jacob Müller, „die Lebenden sollten durch den Anblick zu aktiverem Mitleid und Gebet für die Verstorbenen, die noch im Fegefeuer schmachteten, aufgerufen werden“. Erst mit der Aufklärung ordneten Kirche und Staat die Abschaffung der Beinhäuser an, deren tatsächliche Umsetzung sollte noch bis ins frühe 20. Jahrhundert dauern.
Text und Fotos: Maximiliane Heigl-Saalfrank

