Foto: Pfarramt Mindelstetten
Ob Gott Leid zulässt und wie sich Schmerz mit dem Glauben an seine Liebe vereinbaren lässt, gehört zu den großen Fragen des Menschseins. Pfarrer Johann Bauer zeigt, welche Hoffnung aus dem Blick auf Jesus Christus erwachsen kann. Katharina Hauser sprach im Rahmen unserer Adoratio-Interviewreihe mit ihm.
Die Frage „Warum lässt Gott Leid zu?“ bewegt viele Menschen. Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt eine Antwort
darauf, oder müssen wir lernen, mit dieser Frage zu leben?
Johann Bauer: Diese Frage beschäftigt die Menschen, seit es sie gibt bzw. seit sie an Gott glauben. In der jüdisch-christlichen Tradition finden sich einige Stellen, die auf diese bohrende Frage eine Antwort geben wollen. Da heißt es im Schöpfungsbericht, nachdem sich Adam und Eva im Eigensinn und Ungehorsam gegen die Anordnung Gottes gestellt hatten: Adam bekam zu hören: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“. Und Eva: „Unter Schmerzen gebierst du Kinder“ (Gen 3,17ff.). Das Leben wird beschwerlich, nicht, weil Gott es so geschaffen oder gewollt hätte, sondern weil der Mensch das verursacht hat. Nicht Gott ist die Ursache des Leides, sondern der sich auflehnende und ungehorsame Mensch. Das Leid kommt nicht von Gott. Er ist nicht schuld an jenem „Betriebsunfall“. Damit ist aber noch nicht die Frage beantwortet: Warum lässt er das alles zu? Die Antwort wird wohl in dieser Richtung zu suchen sein: weil er keinen Menschen zu etwas zwingt, auch nicht zu seinem Glück.
Foto: privat
Wir glauben an einen liebenden Gott und erleben gleichzeitig Schmerz und Schwierigkeiten. Wie kann dieser scheinbare Widerspruch im Glauben ausgehalten werden, ohne dass man daran zerbricht?
Johann Bauer: Es besteht in der Tat ein Widerspruch zwischen dem liebenden Gott und dem Leid des Menschen. Er sieht ja unser Elend. Warum tut er nichts dagegen? Aber tut er wirklich nichts dagegen? Könnte es nicht sein, dass er mindestens ebenso an unserer belasteten Situation leidet (menschlich gesprochen) wie der Mensch selber. Vielleicht denkt er wehmütig daran, wie alles hätte werden können, wenn der Mensch ihm nicht sein ursprüngliches Konzept verdorben hätte. Ein unbefangener und tiefer Blick in die Heilsgeschichte zeigt, dass er sehr wohl begonnen hat, zu heilen, was zerbrochen war. Warum die Heilung nicht in einem Akt und sofort und durch und durch möglich ist, wissen wir nicht. Der Allmächtige hat mit Sicherheit Gründe dafür. Immerhin erfahren wir am Ende des Buches der Geheimen Offenbarung den endgültigen Plan Gottes, wenn er sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Apk 21,5).
Der Blick auf Jesus Christus spielt eine entscheidende Rolle im Umgang mit dem Leid. Was zeigt uns sein Leben – und besonders sein Kreuzweg – über Gottes Antwort auf das Leid?
Johann Bauer: Angesichts des Leides stellt jeder Mensch in der Regel die bohrende Frage: Warum? Warum trifft es gerade mich? Ich habe doch nichts verbrochen.
Vielen half in dieser Situation der gläubige Blick auf Jesus Christus und zwar auf den Gekreuzigten. Von ihm wissen wir, dass er vollkommen unschuldig von extremem Leid heimgesucht worden ist. Er hat gesagt: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16,24) Das ist eine Einladung, sein persönliches Kreuz mit dem seinen zu vereinigen. Eine Lebenserfahrung zeigt: Gemeinsam eine Freude zu erleben, verbindet sehr. Gemeinsam etwas Schweres durchzustehen, verbindet noch mehr.
Viele Menschen erleben persönliche „Kreuzwege“ im Alltag. Wie kann der Glaube konkret helfen, solche Zeiten nicht nur zu überstehen, sondern innerlich daran zu wachsen?
Johann Bauer: Der Glaube lehrt mich, ja er lädt mich ein, das persönliche leidvolle Schicksal nicht nur als etwas zu sehen, von dem nur ich allein betroffen bin. Man kann es auch als Teil eines größeren geistlichen Zusammenhangs sehen. Jesus hat sich am Kreuz geopfert als Sühne für die Erlösung der ganzen Welt. Er lädt uns ein, diese Haltung auch zu versuchen. Sie ist sehr anspruchsvoll. So, wie das Kreuz Jesu in einem tiefen Sinn für viele andere zum Heil geworden ist, kann das auch mit dem Leid eines jeden Menschen geschehen, wenn er es mit dem Leid Jesu verbindet und in seine Hingabe hineinlegt: statt Auflehnung geduldiges Aufopfern.
„Einen schweren Weg zu gehen bis hin zu neuer Hoffnung, ist nicht einfach. Dabei können uns manche Heilige helfen. Ihr Beispiel kann uns Mut machen: ihr Leben des Gebetes und ihre Wertschätzung der Eucharistie.”
Gibt es Erfahrungen oder Einsichten aus der Seelsorge, die Ihnen gezeigt haben, wie Menschen mitten im Leid neue Hoffnung finden können?
Johann Bauer: Einen schweren Weg zu gehen bis hin zu neuer Hoffnung, ist nicht einfach. Dabei können uns manche Heilige helfen. Ihr Beispiel kann uns Mut machen: ihr Leben des Gebetes und ihre Wertschätzung der Eucharistie. Die heilige Anna Schäffer hat auf diesem Weg tiefe Erfahrungen gesammelt. Sie schreibt über die Zeiten des Leidens: „Wie können wir da die harte Selbstsucht brechen. Und in heilsamer Zerknirschung dürfen wir denjenigen begleiten, der selbst für uns so viele Ölbergstunden gelitten hat. Und mit Jesus in der heiligen Kommunion vereint wird uns jede Last leicht. Und führt uns Jesus manchmal in den Ölberg und lässt uns Stunden der Angst, der Niedergeschlagenheit, der Bitterkeit und so manche Seelenleiden verkosten, so beten wir, wie es uns unser Meister gelehrt hat. Im Gebet klärt und beruhigt sich das Innere. Im Gebet werden der Kummer und das Leid veredelt, geheiligt. Ein Gebet im Leiden, in Trostlosigkeit, in Trockenheit, ein demütiges Gebet ist dem Herrn sehr wohlgefällig.“
Wenn jemand gerade in einer schweren Lebensphase steckt und Gott als fern oder schweigend erlebt: Was würden Sie ihm oder ihr mit auf den Weg geben?
Johann Bauer: Ich würde diesem Menschen raten, sich an die hl. Anna Schäffer zu wenden, zum Beispiel eine Novene zu ihr zu beten, oder die Gottesmutter als Schmerzensmutter anzurufen. Schließlich hat Jesus selber sich angeboten: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28). Sollten praktische Hilfen möglich sein, kann man darauf hinweisen. Geistliche Hilfen sind immer möglich. Man kann einem bedrückten Menschen sagen, dass man für ihn betet. Das vermittelt ihm die Gewissheit, dass er in seiner Lage nicht allein ist.
Katharina
Hauser
Glaubensfest im Herzen Bayerns
Johann Bauer war Pfarrer in Mindelstetten und wird bei Adoratio Altötting vom 9. bis 11. Oktober einen Workshop geben zum Thema „Gott und das Leid“. Beim Glaubensfest im Herzen Bayerns gibt es außerdem Vorträge von Autor Tobias Haberl, Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Bischof Stefan Oster SDB, zahlreiche weitere Workshops, Gebetsabende und eine Lichterprozession um die Gnadenkapelle. Gläubige aus dem Bistum Passau zahlen für das Ticket nur die Hälfte. Infos und Anmeldung unter: www.adoratio-altoetting.de


