Einstellungen erfolgreich gespeichert

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Mehr erfahren

Das glauben wir

"I hob fei en Hitler überlebt" - die Geschichte der Magdalena Endl

Redaktion am 28.01.2020

Verborgenesleben20 Pandora / Iris-Productions

Liebe Lena,

heute bekommst Du einen Brief von mir, auch wenn Du – leider –schon verstorben bist.

In die­sen Tagen habe ich an Dich und Dei­ne Geschich­te gedacht, die Du als jun­ges Mäd­chen in Dei­ner Hei­mat erlit­ten und mir oft erzählt hast. Durch die bei­den Kino­fil­me über Franz Jäger­stät­ter und Otto Neuru­rer (sie­he Sei­te 1, 10 und 11), die den Natio­nal­so­zia­lis­ten die Stirn boten, in ihrer Mensch­lich­keit stand­haft blie­ben und des­halb ermor­det wur­den, ist mir auch Dein Schick­sal durch den Kopf gegan­gen. Du bist – gott­lob – mit dem Leben davon­ge­kom­men. Wenn ich Dir zum neu­en Jahr alles Gute wünsch­te oder zum Geburts­tag gra­tu­lier­te, kam von Dir meis­tens ein Satz mit unbän­di­ger Lebens­freu­de: I hob fei an Hit­ler über­lebt!“ Das von Dir Gesag­te mach­te stets deut­lich, dass der brau­ne Ter­ror auch bei uns direkt vor der Haus­tür war. 

Schon als klei­nes Mäd­chen hast Du in dem Dorf an der Donau gespürt, dass, wo das Recht hin­aus­ge­wor­fen wird, der Schre­cken Ein­zug hält. Wir Nach­ge­bo­re­nen haben viel über die­se Zeit gehört, gele­sen und gese­hen – und den­noch ist das Gesche­he­ne unbegreiflich. 

Dei­ne Geschich­te, die der klei­nen Lena, berührt und bewegt: Da die Nazi-Bar­ba­rei kei­ne Gren­zen kann­te, wur­den auch Kran­ke und Behin­der­te umge­bracht. Du bist mit einem etwas kür­ze­ren Bein auf die Welt gekom­men. Damit das nicht auf­fällt“, hat man Dir am Tag des Schul­ein­tritts beim obli­ga­to­ri­schen Foto die Schie­fer­ta­fel mit der Jah­res­zahl vors Bein gestellt… Eines Tages wur­de Dein Vater, Land- und Gast­wirt, in die Gemein­de­kanz­lei geru­fen. Und dort bekam er etwas zu hören, das ihm das Gefühl gab, als wür­de ihm jemand das Herz aus dem Lei­be rei­ßen. Dei­ne Wor­te: Da ist ihm vom Nazi-Bür­ger­meis­ter eröff­net wor­den, dass er sich vor­be­rei­ten soll, dass ich ein­mal abge­holt wer­den kann, weil es sol­che Kin­der wie mich nim­ma geben darf in der Hitlerzeit.“

Dei­ne Eltern haben Dir von dem Gespräch in der Gemein­de­kanz­lei natür­lich nichts erzäh­len wol­len. Doch wie es bei Kin­dern ist, bekom­men sie lan­ge Ohren, wenn die Gro­ßen etwas zu bere­den haben. Und so bekamst Du mit, wie Dein Vater der Mut­ter in der Kuchl drau­ßen“ die schlim­me Nach­richt über­brach­te. Da habe ich viel wei­nen müs­sen. Mei­ne Eltern waren tod­un­glück­lich. Wir leb­ten in stän­di­ger Angst“, so Dei­ne Schilderung.

Schlimm für Dich mit Dei­nen damals zehn Jah­ren: Jedes Mal, wenn ich ein Auto schon von Wei­tem gese­hen habe, bin ich davon­ge­lau­fen. Ich hab’ mich oben im Heu­bo­den ver­steckt oder bin zu den Nach­barn gegan­gen. I hab’ g‘laubt, iatz muaß i furt!“

Men­schen wie Du, Franz Jäger­stät­ter, Otto Neuru­rer und Mil­lio­nen ande­re haben im Gebet Halt gefun­den. So hat der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge Diet­rich Bon­hoef­fer noch eines im Nazi-Ker­ker auf­ge­schrie­ben: Von guten Mäch­ten wun­der­bar geborgen…“ 

Es macht betrof­fen, dass es im ach so zivi­li­sier­ten 21. Jahr­hun­dert (noch immer) Men­schen gibt, bei denen, wie es der Pas­sau­er Mon­si­gno­re Bern­hard Kirch­gess­ner aus­drückt, schon wie­der brau­ner Dreck an deut­schen Schu­hen klebt“. Ein Satz von Dir, lie­be Lena, hat da etwas Pro­phe­ti­sches, der uns alle auf­ruft, wach­sam zu sein: Den Cha­rak­ter eines Men­schen erkennt man erst, wenn er Macht hat.“

Foto: Pan­do­ra / Iris-Productions

Mag­da­le­na Endl ist in der Pfar­rei Künz­ing auf­ge­wach­sen und 2012 im Alter von 82 Jah­ren verstorben

Friedenberger_Werner

Werner Friedenberger

stellv. Chefredakteur

Weitere Nachrichten

S14 Sammarei PB
29.06.2022

Jetzt braucht Sammarei selber Hilfe

Wallfahrtskirche muss dringend renoviert werden – nur ist leider kein Geld dafür da. Hilferuf aus einem…

S24 Leserreisen PB
27.06.2022

Der schönste Nebenjob der Welt

Als Reisebegleiterin von Gästegruppen bei Bistumsblatt-Leserreisen dabei: ein himmlisches Vergnügen! – Wenn…

2022 06 20 pb alb wallfahrtskirche grongoergen kamerateam
21.06.2022

Glasklar: Der hl. Petrus ist auch Patron der Glaser

Über 20 Berufsgruppen haben sich den Apostel Petrus als Schutzpatron ausgesucht, zum Beispiel die Glaser. Das…

2022 06 20 pb alb wallfahrtsmosaike traktoren1
Wallfahrt
20.06.2022

Mosaike aus der Wallfahrt

Auch nach dem großen „Pfingst-Pilger-Sturm“ geht die Wallfahrt nach Altötting weiter. Unter anderen kamen…