Jetzt aber mal langsam

Redaktion am 20.05.2025

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Schildkröten sind phänomenal ...

Regelmäßig innehalten und sich von der Muße küssen lassen, rät der Autor des Editorials der aktuellen Ausgabe 21-2025 – und blickt dabei auf ein besonderes Tier.

Die­ses Jahr hat es die Zeit beson­ders eilig; fast die Hälf­te des Jah­res ist schon dahin­ge­flos­sen. War nicht gera­de erst noch Weih­nach­ten und ein paar Tage danach das Oster­fest? Irgend­wie haben sich die Momen­te ver­flüch­tigt, ohne dass ich sie recht grei­fen konn­te. Mer­ken Sie das? Die Zeit läuft uns davon …

Ein paar Jähr­chen mehr hät­te ich ger­ne. Das Leben ist ein­fach zu kurz. Das gilt umso mehr, da wir Men­schen heut­zu­ta­ge ja nicht nur das rea­le, son­dern auch noch das vir­tu­el­le Leben meis­tern müs­sen. Wie soll das denn bit­te zu schaf­fen sein in so kur­zer Zeit?

Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
Auch die Pauliner in Altötting schätzen Schildkröten. Im Bild Pater Benjamin Bakowski OSPPE im Klostergarten St. Magdalena.

Als ich letz­tens mal wie­der durchs Inter­net gehetzt bin, da bin ich über den Welt­schild­krö­ten­tag am 23. Mai gestol­pert. Seit rund 220 Mil­lio­nen Jah­ren pro­me­nie­ren die Wüsten‑, Schlangenhals‑, Leder- und Mee­res­schild­krö­ten über unse­ren Pla­ne­ten und nur wenig scheint sie aus der Ruhe zu brin­gen. Beein­dru­ckend! Und sehr alt kön­nen sie wer­den, die­se ange­nehm stil­len Zeit­ge­nos­sen. Auf 256 Jah­re brach­te es das ein­zig­ar­ti­ge“ Ald­abra-Rie­sen­schild­krö­ten­männ­chen Adwai­ta“ im Zoo­lo­gi­schen Gar­ten Ali­pur in Indi­en. So alt wür­de ich eigent­lich auch ger­ne wer­den, wenn auch eher ungern in einem Zoo …

Doch offen­bar sind die wech­sel­war­men Rep­ti­li­en mit ihren 360 Arten mit über 200 Unter­ar­ten vom Aus­ster­ben bedroht. Und daher der Welt­schild­krö­ten­tag, damit wir uns bes­ser um sie küm­mern. Das wäre auch sehr rat­sam, denn die­se Tie­re sind phä­no­me­nal. Wie Astro­no­men und Mytho­lo­gen ver­mu­ten, schwimmt seit dem Urknall die Schild­krö­te Kur­ma mit unse­rer Welt auf dem Rücken durch das All. Dank der Unend­li­chen Geschich­te“ wis­sen wir, dass die uralte Schild­krö­te Mor­la in den Sümp­fen der Trau­rig­keit in Phan­ta­sien des­halb so wei­se ist, weil ihre Gedan­ken über Jahr­tau­sen­de gereift sind. Und dann ist da ja noch Meis­ter Horas Schild­krö­te Kas­sio­peia, die eine hal­be Stun­de in die Zukunft schau­en kann und das Mäd­chen Momo“ vor den grau­en Her­ren“ geret­tet hat.

Egal wie toll die Rea­li­tät ist, die Vor­stel­lung, die man sich von etwas macht, ist nicht zu über­tref­fen. Denn in der Vor­stel­lung bin ich gren­zen­los, nicht limi­tiert, in der Wirk­lich­keit aber schon. Des­we­gen ist Fan­ta­sie eine so star­ke Macht.”

Die georgisch-deutsche Romanautorin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili (41) im Interview der Zeitschrift „Psychologie Heute“ (Juni-Ausgabe).

Schild­krö­ten ste­hen sym­bo­lisch für Weis­heit und Har­mo­nie, für Lang­le­big­keit und Geduld, und dank ihres Pan­zers für Schutz. Und auch wenn die Tie­re in der Bibel nicht direkt erwähnt wer­den, so sind ihre Beharr­lich­keit und Aus­dau­er auch für uns nach­ah­mens­wer­te Tugen­den: Lasst uns mit Aus­dau­er in dem Wett­kampf lau­fen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus bli­cken, den Urhe­ber und Voll­ender des Glau­bens“ (Hebr 12,12). Oder: Die Geduld aber soll zu einem voll­kom­me­nen Werk füh­ren, damit ihr voll­kom­men und unta­de­lig seid und es euch an nichts fehlt“ (Jak 1,4).

Das sind zwei­fel­los hilf­rei­che Rat­schlä­ge in einer Zeit, in der wir durchs Jahr het­zen und dabei so Vie­les ver­pas­sen. Um die wesent­li­chen Momen­te ein­zu­fan­gen, hilft es viel­leicht, wenn wir mal lang­sa­mer machen, regel­mä­ßig inne­hal­ten, ruhen, uns von der Muße küs­sen las­sen“. Der Kaba­ret­tist Ger­hard Polt hat dafür einen eige­nen Aus­druck geprägt: Her­um­schild­krö­teln“.

Michael
Glaß

Redakteur

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