Letzte Runde

Wolfgang Krinninger am 03.05.2022

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Wir geben Bescheid, dass wir schließen.“ Diese Nachricht lässt nicht mehr viel Interpretationsspielraum zu. Plötzlich wird aus Vermutungen, Überlegungen und Gerüchten Gewissheit: Mein Lieblingswirtshaus sperrt zu. Die Gründe sind dieselben wie in zig anderen Gastronomiebetrieben, die in letzter Zeit aufgaben: Es ist unglaublich schwer, Personal zu finden; die Belastung für die Familie wird dadurch immer noch größer; rechnet man die Arbeitszeit, bleibt viel zu wenig übrig. Und dann auch noch Corona. Zwei Jahre voller Ungewissheit, die vielen Wirtshäusern endgültig den Todesstoß versetzten.

Richard Loibl, der umtrie­bi­ge Direk­tor des Muse­ums der Baye­ri­schen Geschich­te, griff genau die­sen Wan­del auf. Er hat­te offen­sicht­lich den rich­ti­gen Rie­cher: Wirts­haus­ster­ben? Wirts­haus­le­ben!“ ist die neue Aus­stel­lung in Regen­burg über­schrie­ben. Es geht um einen wich­ti­gen Teil unse­rer Kul­tur, der dort von 29. April bis 11. Dezem­ber auf etwa 500 Qua­drat­me­tern gezeigt wird. Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder spar­te bei der Eröff­nung nicht mit gro­ßen Wor­ten: Ohne Kir­che fehlt die See­le“ sag­te er, ohne Wirts­haus fehlt das Herz“.

Wobei Herz und See­le oft eng bei­ein­an­der lie­gen. Schön, dass d‘ wie­der da bist!“ Ich erin­ne­re mich gut an die­sen Satz, mit dem mei­ne“ Wir­tin mich vor bei­na­he 40 Jah­ren bei den ers­ten jugend­li­chen Bier­ver­kos­tungs­be­su­chen begrüß­te. Auch die nach­fol­gen­de Gene­ra­ti­on hat die­sen Will­kom­mens­gruß über­nom­men und gelebt. Und weil auch noch alles, was aus der Küche kam, den Gau­men tan­zen ließ und die Aus­sicht auf die Böh­mer­wald-Ber­ge im Gast­gar­ten unüber­treff­lich war, fei­er­ten wir an die­sem Ort unse­re Fami­li­en­fes­te, kehr­ten mit Freun­den ein und lie­ßen bei­na­he jede Rad­tour hier enden. 

Hin­zu kam die Magie des Unvor­her­seh­ba­ren. Ger­hard Polt hat ein­mal gesagt, dass ein gutes Wirts­haus der gan­zen Gesell­schaft eine Hei­mat bie­te: Kind und Kegel, Dep­pen, Gau­nern, Intel­lek­tu­el­len, Beam­ten, Rück­keh­rern aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft wie Rück­keh­rern von den Sey­chel­len“. Und ent­spre­chend groß ist das Reper­toire an Geschich­ten, die an so einem Ort erzählt wer­den. Wie man damit umge­hen muss, hat der gro­ße baye­ri­sche Erzäh­ler Oskar Maria Graf vor lan­ger Zeit wun­der­bar beschrie­ben: „,Man kennt sich oft gar nicht mehr aus, aber zuhö­ren könnt man dir ewig‘, loben die Bau­ern einen flot­ten Wirts­haus­un­ter­hal­ter, der ihnen Geschich­ten, Wit­ze und Schnur­ren erzählt, und jeder geht erhei­tert und zufrie­den nach Hau­se und behält bloß das, was ihm am meis­ten gefal­len hat.“

Ja, so ent­steht Hei­mat. Das Schnell­re­stau­rant am Orts­rand oder die Schaf­kopf­run­de im Inter­net mögen güns­tig und prak­tisch sein, doch die­se Welt kön­nen sie nicht annä­hernd erset­zen. Aber wir mer­ken das wahr­schein­lich erst, wenn es zu spät ist.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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