Soziales

„Wenn Godn und Göd an Allerseelen süßes Backwerk schenken“

Redaktion am 23.10.2023

2023 10 23 pb alb seelenzoepfe backen feichten1 Foto: Tine Limmer
Brauchtum zu Allerseelen: In Feichten/Alz backen Ministranten Seelenzöpfe.

Über das Brauchtum der Seelenzöpfe, Seelenwecken und Seelenbrezen im katholischen Schwaben und Altbayern

Heu­te ist alles anders als ges­tern – auf dem alten Fried­hof in der ober­baye­ri­schen Klein­stadt. Heu­te ist es lei­se und beschei­den. Viel­leicht liegt es an der frü­hen Stun­de, es ist drei­vier­tel Acht, viel­leicht auch am Novem­ber­ne­bel, der sich undurch­dring­lich wie graue Wat­te über die alten Bäu­me gelegt hat. Es ist kalt, die Nebel­luft brennt beim Atmen, man zieht sich ger­ne einen Schal vor den Mund oder schlägt den Man­tel­kra­gen rasch hoch. Von den mor­schen blät­ter­lo­sen Ästen plump­sen dicke Was­ser­trop­fen und löschen die Grab­ker­zen zischend aus. Man ist unter sich. Die lang schon Weg­ge­zo­ge­nen, die ges­tern für eini­ge Stun­den ein­fie­len und das Aller­hei­li­gen­schau­lau­fen um den schicks­ten Man­tel und das dicks­te Auto bestimmt hat­ten, sit­zen längst wie­der in der gro­ßen Stadt in ihren Büros oder in ihren Feri­en­flie­gern Rich­tung Wärme.

2023 10 23 pb alb allerheiligen allerseelen Foto: Roswitha Dorfner
Heute ist alles anders als gestern – auf dem alten Friedhof in der oberbayerischen Kleinstadt ...

An Aller­see­len ste­hen an den Grä­bern nur die, die schon immer hier leben und gelebt haben. Es sind über­wie­gend die Frau­en, Töch­ter, Enke­lin­nen und Nich­ten der alten Bau­ern­ge­schlech­ter, aus alt­ein­ge­ses­se­nem Gewer­be und Hand­werk und Ange­hö­ri­ge der weni­gen Beam­ten­fa­mi­li­en des Orts. Män­ner sieht man kaum.

Anders als ges­tern trägt man heu­te gedeck­te war­me All­tags­klei­dung. Der alte Orts­pfar­rer spricht sei­ne Gebe­te und Für­bit­ten unplug­ged“, kein ble­chern schep­pern­der Laut­spre­cher und kei­ne schrill pfei­fen­de Rück­kopp­lung stört die Andacht. Nach einer hal­ben Stun­de ist das Geden­ken vor­bei. Es wird geschäf­tig, denn jetzt besu­chen sie die Grä­ber früh ver­stor­be­ner Schul­freun­de, ehe­ma­li­ger Nach­barn und Arbeits­kol­le­gen, aber auch ent­fern­ter Ver­wand­ter, für die am Aller­hei­li­gen­tag kei­ne Zeit blieb.

Irgend­et­was treibt die Fried­hofs­ge­her an. Aus den Man­tel- und Hand­ta­schen nes­teln sie rasch rote Grab­ker­zen, See­len­lich­ter“ sagen sie heu­te dazu, stel­len sie auf die Grä­ber und zün­den sie an. Sie sol­len, so ihre tra­di­tio­nel­le Vor­stel­lung des Aller­see­len­tags, ein Weg­wei­ser in die Ewig­keit für ihre Toten sein.

Aller­see­len geht, so sind sich alle Über­lie­fe­run­gen einig, auf Odi­lo von Clu­ny zurück, der den Gedenk­tag für die armen See­len im Jahr 998 ein­ge­führt hat. Papst Bene­dikt XV. erklär­te ihn erst 1915 für die gesam­te katho­li­sche Kir­che als ver­bind­li­chen Feiertag.

In den ört­li­chen Cafés macht man sich unter­des­sen bereit für den Ansturm der Fried­hofs­be­su­cher. In den Kuchen­the­ken liegt das typi­sche Aller­see­len­ge­bäck der Regi­on aus: Üppig mit klei­nen roten Mar­zi­pan­blü­ten und bun­ten Lie­bes­per­len deko­rier­te Aller­see­len­we­cken aus Bis­kuit­teig, zu Dut­zen­den. In ihrer Form unter­schei­den sie sich etwas, der eine Bäcker bevor­zugt die Rau­te, der ande­re Laden, nur weni­ge Schrit­te ent­fernt, mehr die abge­run­de­te Ellip­se. See­len­schif­fe: Unter der gefärb­ten Fond­ant­mas­se lie­gen min­des­tens drei bis vier Schich­ten aus But­ter­creme, Scho­ko­creme und süßer roter Mar­me­la­de. Es gehört zur Tra­di­ti­on, dass am heu­ti­gen Aller­see­len­tag Godn und Göd“, wie die Patin und der Pate hier noch genannt wer­den, ihren Paten­kin­dern Aller­see­len­we­cken schen­ken und so den zwei­ten Gedenk­tag der Seel­wo­che ver­sü­ßen. Mit einem Vergelt‘s Gott für die armen See­len“ nimmt man das süße Nasch­werk unge­dul­dig an. Mitt­ler­wei­le gibt es in der klei­nen Stadt in Süd­ost­bay­ern nur mehr die übli­chen ste­ri­len Bäcke­rei­fi­lia­len mit Back­sta­tio­nen. Der Aller­see­len­tag ist ein nor­ma­ler lau­ter Werk­tag, es fin­det kei­ne Früh­mes­se mehr statt, der klei­ne, fei­ne, beschei­de­ne Grä­ber­um­gang ist nur mehr eine blas­se Erin­ne­rung – genau­so wie das Ver­schen­ken der Allerseelenwecken.

Viel­leicht ist es des­halb an der Zeit, sich an die Tra­di­tio­nen und Legen­den zu erin­nern, die den Aller­see­len­tag gera­de in Schwa­ben und Alt­bay­ern so beson­ders mach­ten; etwa Erzäh­lun­gen, dass Sün­der an Aller­see­len einen Tag lang als Krö­ten aus dem Fege­feu­er krie­chen dürf­ten und dass sogar ein­mal die uner­lös­te See­le eines Räu­bers in Krö­ten­ge­stalt von der Stei­er­mark bis Alt­öt­ting gewall­fahr­tet sei. Auch ein merk­wür­di­ges Sum­men mach­te man ger­ne in der Woche um den ers­ten Novem­ber aus: die armen See­len jam­mern heu­te wie­der, sag­te man dann, über­zeugt davon, dass in der Seel­wo­che und ganz beson­ders an Aller­see­len die Geis­ter der Toten sich von den Qua­len des Fege­feu­ers erhol­ten, in ihrer alten ver­trau­ten Welt umher­wan­der­ten und ihre Ver­wand­ten aufsuchten.

Über­lie­fert ist, dass man für die armen See­len die Stu­ben heiz­te, damit sie sich wär­men konn­ten, lee­re Pfan­nen vom Herd nahm, Mes­ser nicht mit der Schnei­de nach oben legen durf­te und vie­ler­orts sogar nachts Tel­ler mit Hirse‑, Gries- oder Boh­nen­bei und Kuchen auf den Küchen­tisch stell­te, damit die Geis­ter der Toten etwas zu essen hat­ten. Und um ihnen den Weg in die Ewig­keit zu wei­sen und sie vom Haus zu ban­nen, bete­te man jetzt täg­lich einen See­len­ro­sen­kranz und zün­de­te dabei eine Ker­ze an.

In Feichten/Alz backen Ministranten Seelenzöpfe – Impressionen

Fotos: Tine Limmer

Das Beson­de­re am Aller­see­len­tag ist aber das Backen und Ver­schen­ken von Kult- oder Toten­bro­ten, sei­en es See­len­zöp­fe aus Hefe- oder Blät­ter­teig, See­len­we­cken aus Bis­kuit- oder Leb­ku­chen­teig oder Aller­see­len­bre­zen wie in Schwa­ben. Dort kre­denz­te man den Ver­stor­be­nen ein soge­nann­tes See­len­mahl aus süßem Gebäck und Bre­zen, das auf die Grä­ber gestellt wur­de. Bre­zen häng­te man in man­chen Gegen­den sogar an die Grab­kreu­ze. Sie wur­den dann von den Dorf­ärms­ten und Kin­dern nach den Grä­ber­um­gän­gen ein­ge­sam­melt. Aus dem Baye­ri­schen Wald ist über­lie­fert, dass noch bis weit in die Mit­te des vor­ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts arme Men­schen um Aller­see­len­ge­bäck bet­tel­ten: Die Armen gin­gen in die See­len­we­cken“, sag­te man dazu.

Weit­aus ver­brei­te­ter ist der Brauch der See­len­zöp­fe, glaub­te man doch in vor­christ­li­cher Zeit, dass in den Haa­ren die See­le wohn­te und man durch das Abschnei­den des Zop­fes den Toten ein Opfer brach­te. In der christ­li­chen Tra­di­ti­on inter­pre­tier­te man die drei Zopf­strän­ge als Sinn­bild der Hei­li­gen Drei­fal­tig­keit und das Flecht­werk als Sym­bol der Ewigkeit.

Die Minis­tran­ten­grup­pe um Regi­na Zenz in Feich­ten an der Alz im Land­kreis Alt­öt­ting jeden­falls ist über­zeugt, dass vier Strän­ge den idea­len See­len­zopf aus­ma­chen. Seit eini­gen Jah­ren haben die Kin­der und Jugend­li­chen dort den Brauch des See­len­zopf­ba­ckens wie­der­be­lebt, ange­regt von der engen Ver­wandt­schaft aus dem nahen Chiem­gau. Und nicht zuletzt such­ten die enga­gier­ten Minis auch nach einer Geld­quel­le, um ihre gemein­sa­men Rom­rei­sen oder cari­ta­ti­ve Spen­den­vor­ha­ben zu finanzieren.

Und so tref­fen sie sich jedes Jahr kurz vor Aller­hei­li­gen in der Schul­kü­che des ehe­ma­li­gen Feich­te­ner Schul­hau­ses, um zu kne­ten, flech­ten, backen und zu ver­zie­ren. Zwei Kilo Wei­zen­mehl erge­ben um die 20 Zöp­ferl“, sagt Regi­na Zenz und gibt dann das ein­fa­che Rezept zum Nach­ba­cken des Hefe­teigs preis: 2 kg Wei­zen­mehl, Hefe, 2 l Milch, 2 – 3 Eier, 3 EL Zucker, eine Pri­se Salz und etwas Zitro­nen­ab­rieb.“ Bestri­chen wer­den die Zöp­fe nach dem Backen mit einer ein­fa­chen Puder­zu­cker­gla­sur. Die Feicht­ner Minis­tran­ten war­ten auch heu­er vor den Kir­chen­tü­ren am Aller­hei­li­gen­tag auf Abneh­mer ihrer süßen Aller­see­len­zöp­fe. Gegen eine Spen­de ver­steht sich.

Text: Maxi­mi­lia­ne Heigl-Saalfrank

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