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Alt und weise

Wolfgang Krinninger am 07.10.2021

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Gehöre ich auch schon dazu? Ab wann ist man ein „alter weißer Mann“? Und kann man vielleicht verhindern, einer zu werden? Das sind so Fragen, die einem Mann, der dem 60. Geburtstag näher ist als dem 50., unweigerlich durch den Kopf gehen, seit sich dieser ideologische Kampfbegriff in der Gesellschaft breitgemacht hat. So richtig wurde ja nie ganz genau geklärt, was der „alte weiße Mann“ denn nun genau ist. Nur soviel scheint klar: Er ist fortgeschrittenen Alters, weißer Hautfarbe, hat einen guten Posten und gewisse Privilegien und will, dass das so bleibt, so lange es irgendwie geht. Warum Feministinnen den „alten weißen Mann“ gleich zum absoluten Feindbild einer offenen und toleranten Gesellschaft erkoren haben – ich habe es (noch) nicht ganz verstanden.

Und doch stel­le ich immer häu­fi­ger fest: Es gibt ihn tat­säch­lich. Aber es ist eher der zor­ni­ge wei­ße Mann, der das Zusam­men­le­ben in die­sem Land schwie­rig macht. Dass mit dem Alter die vie­len Ver­än­de­run­gen, die in gefühlt immer kür­ze­ren Zeit­ab­stän­den über uns her­ein­bre­chen, auch Sor­gen berei­ten, ist völ­lig nach­voll­zieh­bar. Auch das Ner­ven­kos­tüm wird mit jedem grau­en Haar dün­ner, im Gegen­zug wächst die Lust am Gran­teln, wie ich an mir sel­ber fest­stel­len muss. Das ist, den­ke ich, Teil einer natür­li­chen Ent­wick­lung. Dafür haben die rei­fen Jah­re ja auch ein Geschenk parat: Beson­nen­heit, die aus der Erfah­rung wächst. Wir müs­sen nicht mehr jedem Trend hin­ter­her­he­cheln, wis­sen, dass ein wenig Dis­zi­plin kein Teu­fels­zeug ist und genie­ßen es, gele­gent­lich zumin­dest mit einem Fuß aus dem all­täg­li­chen Hams­ter­rad aus­zu­stei­gen. Im bes­ten Fall erken­nen wir spä­tes­tens im Lebens­herbst, wor­auf es wirk­lich ankommt, wie wir unser Leben und das der ande­ren rei­cher machen. 

Doch ich fürch­te, dem zor­ni­gen Mann bleibt die­se Gna­de ver­sagt. Irgend­wann in einer Lebens­pha­se ste­cken­ge­blie­ben, igelt er sich ein in fal­scher Nost­al­gie, grenzt alles aus, was anders ist als er selbst und ver­teu­felt alles Neue. Auf­fal­lend oft sind es Män­ner, die einst Macht­po­si­tio­nen besetz­ten, die über­haupt nicht damit umge­hen kön­nen, wenn die­se Macht schwin­det. Sie ver­fas­sen Streit­schrif­ten, kan­zeln ande­re ab und beschwe­ren sich laut­stark über bei­na­he alles, was nicht in ihr Welt­bild passt. Nur mit Lösun­gen gehen sie eher spar­sam um. Und blind vor Wut mer­ken sie gar nicht, aus welch pri­vi­le­gier­ter, gut situ­ier­ter War­te her­aus sie ihr Füll­horn der Schmä­hun­gen ausgießen.

Viel­leicht soll­ten wir uns beim Alt­wer­den dann doch eher an ech­ten Vor­bil­dern ori­en­tie­ren. Mar­tin Buber war gewiss so eines. Von ihm stammt der Satz: Alt sein ist ja ein herr­li­ches Ding, wenn man nicht ver­lernt hat, was anfan­gen heißt.“ Gro­ße Wor­te eines wei­ßen, aber vor allem wei­sen Mannes. 

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Wolfgang Krinninger

Chefredakteur

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