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Erleben und verstehen

Wolfgang Krinninger am 14.09.2021

S16 mahnmal PB info-icon-20px Friedenberger

Witze, Anekdoten und kleine Geschichten – sie waren mein erster Zugang zum Judentum. Unser damaliger Pfarrer Hieronymus Haydn baute sie immer mal wieder in seine Predigten ein. Der hintergründige Humor, das Eingehen auf menschliche Schwächen, ungewöhnliche Lösungen für vertrackte Probleme und vor allem die Chuzpe – diese Mischung aus Frechheit, intelligenter Unverschämtheit und charmanter Penetranz ließen mich aufhorchen. Selbst in den jugendlichen Sturm- und Drang-Jahren, wo der Kopf in der Kirche oft nur dazu da war, das Augenpaar auf eine Bank mit einem hübschen Mädchen zu lenken.

Vie­le Jah­re spä­ter dann Isra­el. Tou­ris­ten­gui­de Amir Orly hat mir ein­mal erklärt, Gott habe für Isra­el einen eige­nen Schöp­fungs­tag benö­tigt. Bestimmt hat er recht. Gott schuf an die­sem ach­ten Tag auf einem schma­len Land­strei­fen eine Minia­tur die­ser Welt, ein Muse­um für den Pla­ne­ten Erde. Schrof­fe Berg­rü­cken, frucht­ba­re Fluss­tä­ler, tro­pi­sche Hit­ze in der Wüs­te des Südens, gemä­ßig­tes Kli­ma im bewal­de­ten Nor­den und den hei­ligs­ten Ort der Erde, Jeru­sa­lem. Orte mit gro­ßen Bot­schaf­ten, Stät­ten vol­ler Wun­der. Wer ein­mal dort war, muss immer wie­der hin. 

In Isra­el habe ich in der groß­ar­ti­gen Gedenk­stät­te Yad Vas­hem im Inners­ten ver­stan­den, dass hin­ter jedem der sechs Mil­lio­nen von den Nazis ermor­de­ten Juden ein Name steht. In Isra­el durf­te ich im Kib­buz Zeu­ge wer­den, wie fami­li­är und fröh­lich Juden den Sab­bat fei­ern – und wie ver­rückt sich für uns man­che Regeln zu die­sem Fest anhö­ren. In Isra­el muss­te ich auch erken­nen, dass alle sich irren, die mei­nen, es gäbe für den gro­ßen Kon­flikt in die­sem Land eine ein­fa­che Lösung. Und in Isra­el wur­de mir ein­mal mehr klar: Im Erle­ben steckt Erkenntnis. 

Die Wirk­lich­keit erken­nen – das ist auch ein Ziel der Ver­an­stal­tun­gen im Jubi­lä­ums­jahr 1700 Jah­re jüdi­sches Leben in Deutsch­land“. Juden haben unse­re Gesell­schaft und Geschich­te mit­ge­formt und unse­re Kul­tur um so vie­le Schät­ze rei­cher gemacht – als Leh­rer, Stadt­rä­te, Dich­ter, Wis­sen­schaft­ler, Kauf­leu­te oder Poli­ti­ker. Sie waren und sind Nach­barn, Kol­le­gen und Freun­de. Und sie waren und sind Außen­sei­ter, Sün­den­bö­cke und Ver­folg­te. Immer wieder. 

Es grenzt an ein Wun­der, dass nach der Scho­ah wie­der jüdi­sches Leben in Deutsch­land ent­stand. In jün­ge­rer Zeit zieht es sogar jun­ge Israe­lis in deut­sche Groß­städ­te. Unse­re Gesell­schaft, wir alle, sind gefor­dert, die­ses zar­te Pflänz­chen zu hegen und zu pfle­gen und uns mit aller Macht gegen den immer stär­ker wer­den­den Anti­se­mi­tis­mus zu stem­men. Ein wich­ti­ger Schritt dabei ist das gegen­sei­ti­ge Ken­nen­ler­nen von Juden und Nicht­ju­den. Dazu bie­tet das Jubi­lä­ums­jahr vie­le Gele­gen­hei­ten. Und dazu möch­ten wir im Bis­tums­blatt mit die­ser Son­der­aus­ga­be bei­tra­gen. Denn Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er, der Schirm­herr des Fest­jahrs, hat recht: Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist nur voll­kom­men bei sich, wenn Juden sich hier voll­kom­men zu Hau­se fühlen.“

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Wolfgang Krinninger

Chefredakteur