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Auf dem Gipfel

Wolfgang Krinninger am 17.11.2020

Bischof-Neumann-Kapelle info-icon-20px Wolfgang Krinninger

Der Körper, die Seele, sie lechzen nach Licht und Sonne. Gerade jetzt, wo die Nächte so lang sind und die Nachrichten so trist. Man muss hoch hinauf. Auf einen Gipfel. Auf einen, der die Wolkendecke durchbricht und sich in den blauen Himmel schraubt.

Diens­tag­früh. Frei­er Tag. Die Hän­de klamm von der Käl­te. Ich kurb­le mit mei­nem Rad durch die Stil­le. Graue Ein­tö­nig­keit. Vor­bei an Wie­sen, Fel­dern und Bäu­men, vom Rau­reif über­zo­gen. Im Tal unvor­stell­bar, aber es pas­siert: Der Nebel wird schwach und schwä­cher und irgend­wann durch­sich­tig. Und dann gibt er klein bei. Macht der Son­ne Platz. Der Wär­me. Dem Licht. Unter mir ein Meer aus Wol­ken. Ich bin um die­se Zeit ganz allein auf dem Hoch­stein an der Bischof-Neu­mann-Kapel­le. Es ist so still, dass man die Autos unten im neb­li­gen Tal hört. Nur ein ein­zi­ger Flie­ger kreuzt den Himmel.

Dies ist ein beson­de­rer Ort. Es hat vie­le Jah­re gedau­ert, bis ich hin­ter­fragt habe, wer das eigent­lich ist, des­sen Bild in die­ser Kapel­le hängt. Heu­te weiß ich es – und ich möch­te Ihnen den span­nen­den Mann, auf des­sen Patro­nat die­ser Gebets­ort vor 40 Jah­ren geweiht wur­de, kurz vor­stel­len: Johann Nepo­muk Neu­mann (1811 — 1860) oder auch John New­man ist der ers­te hei­lig­ge­spro­che­ne US-Bischof, der Apos­tel der Neu­en Welt“. Er war Bischof von Phil­adel­phia und gilt bis heu­te als einer der wich­tigs­ten Glau­bens­vä­ter im Ame­ri­ka der Besied­lungs­zeit. Bischof Neu­mann hat mehr als 100 Schu­len gegrün­det. Denn in einer guten Schul­aus­bil­dung sah er den ent­schei­den­den Schlüs­sel für den sozia­len Auf­stieg. Er hielt sich vor allem an die ein­fa­chen und armen Leu­te; ihnen fühl­te er sich ver­wandt, mit ihnen aß er Kar­tof­fel­sup­pe, spül­te selbst in der Küche.

Und die­ser Mann hat hier ganz in der Nähe sei­ne Wur­zeln. Am 28. März 1811 wur­de Johann Nepo­muk Neu­mann in Pracha­titz (Pracha­ti­ce) im Böh­mer­wald gebo­ren. Er wan­der­te in die USA aus, weil es in sei­ner Hei­mat so vie­le Pries­ter­amt­skan­di­da­ten gab, dass er nicht gleich zur Wei­he zuge­las­sen wur­de. Er lief sei­ner Beru­fung hin­ter­her. Neu­mann war ein Lebens- und Glau­bens­aben­teu­rer. Einer, der nie­mals auf­gab und alles aus sei­nem Leben herausholte.

Am 5. Janu­ar 1860 um 3 Uhr nach­mit­tags brach der 1,60 Meter gro­ße Mann wegen eines Herz­still­stan­des auf der Stra­ße zusam­men und starb noch am glei­chen Tag. Er wur­de in der Redemp­to­ris­ten­kir­che von Phil­adel­phia bestat­tet. Sein Begräb­nis war die größ­te Fei­er, die die Stadt bis dahin erlebt hat­te. 1963 wur­de er selig‑, 1977 hei­lig­ge­spro­chen. Sein Gedenk­tag ist der 5. Janu­ar. Bischof Neu­mann war der Brü­cken­bau­er schlecht­hin – zwi­schen Völ­kern, zwi­schen Menschen. 

Könn­te es einen bes­se­ren Ort als die­se Kapel­le geben, um das Getö­se der letz­ten Wochen hin­ter sich zu las­sen? In der Stil­le bete ich ein Vater­un­ser. Dank­bar. Dann geht‘s gestärkt hin­ab ins Tal. Über Stock und Stein hin­ein in den Nebel.

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Wolfgang Krinninger

Chefredakteur