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Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der zweiten Folge: die Apostelfischer-Familie Köck.
Wenn die Köcks Schach spielen, merkt man: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Oder im Fall dieses Vater-Sohn-Gespanns Karl und Karl: Der Fisch schwimmt nicht weit vom Schwarm. Fieberhaft starren beide auf das karierte Spielfeld, jeder Beutezug ist wohl überlegt. Der 63-jährige Junior stellt eine Falle, aber der 86-jährige Senior geht ihm nicht ins Netz. Die Köcks sind Könige im Ködern – als Apostelfischer eigentlich selbstverständlich.
Vater und Sohn stehen dafür, dass eine Tradition, die es so nur in der Dreiflüssestadt Passau gibt, weiter fließt. Erstmals ist ein fischender Köck im 17. Jahrhundert überliefert. Eine Apostelfischer-Familie sind sie seit Generationen. Zwölf Auserwählte dürfen in Passau zwischen der Ortspitze und Kachlet auf rund fünf Kilometern in der Donau fischen. Ihre historische Aufgabe: Sie sorgen sich um Hege und Pflege des Fischbestandes. Die Idee, dass Fischer Apostel werden, ist über 1900 Jahre älter.
Damals fischten Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes am See Genezareth, als ein charismatischer Wanderprediger ihre Leben für immer veränderte: Jesus forderte sie auf, ihren Beruf, ihre Familie und ihr Zuhause hinter sich zu lassen (Mt 4,19). Heute würde man sagen: Es galt, „Butter bei die Fische zu tun“. So wurden die Fischer zu Jesu ersten Aposteln. Jesus wollte sie zu Menschenfischern machen.
Menschenfischer waren auch Karl Köck und sein Vater Hans, als sie in den Siebzigerjahren an einem nebeligen Tag gemeinsam rund um die Passauer Ortspitze mit ihrer Zille unterwegs waren. Dort zogen sie anstatt Fischen drei junge Burschen aus dem Wasser. „Die haben an der Ortspitze Fußball gespielt, der Ball ist ins Wasser gefallen und sie sind alle drei hinterher ins Wasser. Der Schwächste hat sich am Ball fest gehalten, während sie immer weiter abgetrieben sind“, erzählt der Sohn und berichtet, dass die Köcks inzwischen neben Menschenfischern auch „Fahrrad-Fischer“ sind. „Ich möchte gar nicht wissen, wie viele gestohlene Radl in Passaus Flüssen sind. Die gehen immer wieder ins Netz.“
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Die Köcks retteten die Leben der drei jungen Kicker, doch nicht selten waren sie es, die Hilfe gebraucht hätten. „Vor allem mein Vater war da so ein Kandidat. Der war im Gegensatz zu mir ein notorischer Schwimmwesten-Verweigerer“, so der Junior. „Mei, i hob halt gut schwimmen kinna“, erklärt der Vater achselzuckend. „Als ich drei Jahre alt war, hat mich mein Papa Hans an der Uferstraße angebunden. Ich musste in die Ilz rein und hab schwimmen können.“
Resultat dieser simplen Methode: „Angst vor dem Wasser hatte ich nie“, erklärt der Senior. Respekt habe er schon, das lehrten ihn einige „filmreife“ Erlebnisse auf seiner Zille. Erlebnisse wie dieses: Wegen starken Wellengangs fiel Karl Köck über Bord. Dort wurde er nicht wie der Prophet Jona (Mt 12,40) von einem Fisch für drei Tage und Nächte verschluckt und schließlich gerettet. Köck wusste sich selber zu helfen. „Die Zille hat sich um mich herum gedreht und ich kam nicht mehr rein. Also habe ich mich am Boot entlang zum Motor gehangelt. Den Motor habe ich dann geschubst, dass er geradeaus in Richtung Ufer fährt, und ich hab mich festgehalten.“
Wenn der 86-Jährige solche Geschichten zum Besten gibt, glänzen seine wasserblauen Augen, die ihm sonst so viele Probleme bereiten. Grund dafür sind zwei Schlaganfälle. Mit einem Sauerstoffschlauch und einem Rollator neben sich sitzt der 86-Jährige auf seiner Holz-Eckbank in Grubweg. Dort baute er 1985 ein Haus und zog weg von seinem Elternhaus in der Ilzstädter Löwenmühlstraße unten am Fluss, dort wo nun sein Sohn Karl wohnt. Der Senior ist dankbar dafür, dass er rund 80 Jahre mehrmals wöchentlich aufs Wasser hinaus fahren konnte.
An das erste Mal erinnert er sich noch gut. „Da war ich drei Jahre alt und mein Opa hat mich mitgenommen. Er hat mich im Boot angebunden, damit ich nicht herausfallen kann.“ Der erste gefangene Fisch war ein „Schied“, auch Rapfen genannt, ein Fisch aus der Karpfenfamilie („I woas immer nur die bayerischen Bezeichnungen.“). Später sollte Karl Köck einmal einen 1,80 Meter großen Wels aus dem Wasser ziehen.
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Spätestens mit diesem Rekordfang bewahrheitete sich eine Vorhersage von Opa Hans über den dreijährigen Karl: „Des wird a moi a Fischer, des merkt ma sofort.“ Wenig später ertrank der geliebte Großvater in der Nähe des Kraftwerks Kachlet. Seine Zille geriet bei Hochwasser zu nahe an das Kraftwerk. Doch dieses einschneidende Erlebnis stoppte den jungen Karl Köck nicht, seiner Leidenschaft fürs Fischen weiter zu folgen. „Alles, was ich gelernt habe, habe ich von meinem Vater.“ Ein Kurs zum Fischermeister in Starnberg war damals zu teuer. Köck fing stattdessen eine Ausbildung bei Auto Leebmann als Automechaniker an und kümmerte sich seine letzten 35 Berufsjahre bei der Post um gelbe Autos.
Das Fischen war zwar nicht sein Beruf, aber seine Berufung. „Mit meinen Eltern Frieda und Hans war ich donnerstags oft bis halb drei Uhr nachts am Wasser, weil wir freitags am Wochenmarkt und ansonsten auch daheim im Laden die frisch gefangenen Fische verkauft haben. Am nächsten Tag bin ich dann in die Schule gegangen.“
Später nahm er sich für Volksfeste wie die Passauer Dult oder das Pichlsteinerfest in Regen Urlaub, um dort von früh bis spät Fisch zu verkaufen. Seit Corona öffnet die Fischerei Köck lediglich jeden Freitag ihr Standl in der Löwenmühlstraße. „Weil der Nachwuchs fehlt und die Gesundheit nachlässt, sind wir nicht mehr in der Lage, Volksfeste zu bewerkstelligen“, bedauert Köck.
Unterstützt wurde der Senior über Jahrzehnte von seiner Frau Elsa. Sie verstarb im April 2021 und fehlt ihm sehr. Kennengelernt hatten sich die Eheleute, die 61 Jahre verheiratet waren, im Wirtshaus „Goldener Steig“ in der Ilzstadt. Dort schenkte sie als Wirtstochter aus und schenkte schließlich auch Karl Köck, der öfter zu Gast war, ihr Herz. Der Rest ist Geschichte. Vor Sohn Karl kam Tochter Brigitte und schließlich das Nesthäkchen Susanne zur Welt. Besonders stolz ist Köck auf seine sieben Enkel und acht Urenkel.
Es war ein Leben am und auf dem Fluss, das Karl Köck als Apostelfischer führte. 2021 wurde der jahrelange zweite Vorsitzende zum Ehrenmitglied der Apostelfischer ernannt. Jetzt führt sein Sohn Karl die Tradition weiter.
Darum beneidet ihn der Vater nicht immer: „Die Fischerei ist im Vergleich zu meinen Anfängen um 90 Prozent schlechter geworden.“ Gegen die leeren Netze würde wohl auch nicht der jesuanische Vorschlag helfen, einfach die Netze auf der rechten Seite auszuwerfen (Joh 21). Damals am See Tiberias hatten die Jünger wohl nicht unter Kormoranen zu leiden.
Diese Vögel fressen große Mengen an Fisch, was den Bestand bestimmter Fischarten sehr dezimiert. Auch die Kreuzfahrtschiffe machen den Fischen zu schaffen. „Da reden wir aber nicht von den normalen Schiffen, die für Tagestouristen durch Passau schippern“, so der Junior. „Die Kreuzfahrtschiffe sind Riesendinger, haben einen mords Wellenschlag und schädigen die Fischbrut“, stimmt der Vater zu. Probleme gibt es auch mit der übertriebenen Uferbefestigung und fehlenden Laichplätzen für bestimmte Fischarten wie zum Beispiel Kiesbänke.
Sein Sohn geht trotzdem meist einmal wöchentlich aufs Wasser. „Ich fische nachhaltig, also nur so viel, wie wir für den Freitagsverkauf brauchen“, so Köck. Mit dabei ist immer sein Helfer Ludwig Edelfurtner.
Dann wünschen sich die beiden „Petri Heil“, den Gruß der Fischer. „Waidmanns Heil“ erhoffen sich Jäger, „Glück auf“ Bergleute, „Hals- und Beinbruch“ Schauspieler – und eben „Petri Heil“ die Fischer. Der Grund: Petrus ist der Schutzpatron dieser Zunft, seine Karriere zum Papst startete er als Fischer am See Genezareth. Die Schauplätze der Bibel kennt Karl Köck jun.. Er reiste einmal durch Israel und bestaunte den 21 Kilometer langen See.
Jeder Papst trägt einen Fischerring, weil Jesus Petrus beauftragte, die Kirche zu führen und ihm so den „Schlüssel zum Himmelreich“ (Mt 16,19) verlieh. Den Schlüssel zu seinem persönlichen Himmelreich trägt Köck immer bei sich. Der sperrt das Untergeschoss in seinem Haus in der Löwenmühlstraße auf. Dort sind Kescher, Netze und Reusen in Reih und Glied geordnet. Rund 80 Netze seien es, schätzt Köck. Außerdem befindet sich hinten rechts eine drei auf drei Meter große Kühlkammer, die den Fisch frisch hält. Im linken Eck ist eine Werkstatt, „für kleinere Reparaturen“, zum Beispiel an den Netzen. „Einige hat mein Großvater noch selber gestrickt, wenn die Zeit es zuließ: ein Wahnsinnsaufwand für heutige Verhältnisse“, erinnert sich der 63-Jährige.
Wer diese Schätze einmal alle kriegen soll? Köcks Sohn Sebastian ist wenig an der Fischerei interessiert. Tochter Daniela hingegen hat einen Fischereischein. Die studierte Biochemikerin mit Doktortitel ist beim Wasserwirtschaftsamt in Landshut für das Monitoring Chemie sowie gewerbliche Abwasser-Einleiter zuständig.
Ein Rogner, also ein weiblicher Hecht, im Karpfenteich? Eine Frau als Apostel? Jesus hatte damals nur Männer um sich herum versammelt. 450 Jahre alte Tradition hin oder hier: In dieser Hinsicht sind die Passauer Apostelfischer offen. Und überhaupt: Bereits in der Bibel war Debora Richterin, Esther eine Königin und Thekla eine Predigerin. „Die Daniela wäre sogar schon die zweite Apostelfischerin“, erklärt Karl Köck jun.. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Denn bis Köck sein Ruder aus der Hand gibt, fließt noch viel Wasser die Donau, den Inn und die Ilz herunter.
Text: Anna Kelbel



