Glaube und Tradition

Fischer aus Berufung

Redaktion am 26.01.2026

Knapp 80 Netze hat Karl Köck jun. in seinem Lagerraum in der Ilzstädter Löwenmühlstraße. Info Icon Foto: Anna Kelbel
Knapp 80 Netze hat Karl Köck jun. in seinem Lagerraum in der Ilzstädter Löwenmühlstraße. Einen Teil der Netze strickte Köcks Großvater selbst.

Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der zweiten Folge: die Apostelfischer-Familie Köck.

Wenn die Köcks Schach spie­len, merkt man: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Oder im Fall die­ses Vater-Sohn-Gespanns Karl und Karl: Der Fisch schwimmt nicht weit vom Schwarm. Fie­ber­haft star­ren bei­de auf das karier­te Spiel­feld, jeder Beu­te­zug ist wohl über­legt. Der 63-jäh­ri­ge Juni­or stellt eine Fal­le, aber der 86-jäh­ri­ge Seni­or geht ihm nicht ins Netz. Die Köcks sind Köni­ge im Ködern – als Apos­tel­fi­scher eigent­lich selbstverständlich.

Vater und Sohn ste­hen dafür, dass eine Tra­di­ti­on, die es so nur in der Drei­flüs­se­stadt Pas­sau gibt, wei­ter fließt. Erst­mals ist ein fischen­der Köck im 17. Jahr­hun­dert über­lie­fert. Eine Apos­tel­fi­scher-Fami­lie sind sie seit Gene­ra­tio­nen. Zwölf Aus­er­wähl­te dür­fen in Pas­sau zwi­schen der Ortspit­ze und Kach­let auf rund fünf Kilo­me­tern in der Donau fischen. Ihre his­to­ri­sche Auf­ga­be: Sie sor­gen sich um Hege und Pfle­ge des Fisch­be­stan­des. Die Idee, dass Fischer Apos­tel wer­den, ist über 1900 Jah­re älter.

Damals fisch­ten Petrus, Andre­as, Jako­bus und Johan­nes am See Gene­za­reth, als ein cha­ris­ma­ti­scher Wan­der­pre­di­ger ihre Leben für immer ver­än­der­te: Jesus for­der­te sie auf, ihren Beruf, ihre Fami­lie und ihr Zuhau­se hin­ter sich zu las­sen (Mt 4,19). Heu­te wür­de man sagen: Es galt, But­ter bei die Fische zu tun“. So wur­den die Fischer zu Jesu ers­ten Apos­teln. Jesus woll­te sie zu Men­schen­fi­schern machen.

Men­schen­fi­scher waren auch Karl Köck und sein Vater Hans, als sie in den Sieb­zi­ger­jah­ren an einem nebe­li­gen Tag gemein­sam rund um die Pas­sau­er Ortspit­ze mit ihrer Zil­le unter­wegs waren. Dort zogen sie anstatt Fischen drei jun­ge Bur­schen aus dem Was­ser. Die haben an der Ortspit­ze Fuß­ball gespielt, der Ball ist ins Was­ser gefal­len und sie sind alle drei hin­ter­her ins Was­ser. Der Schwächs­te hat sich am Ball fest gehal­ten, wäh­rend sie immer wei­ter abge­trie­ben sind“, erzählt der Sohn und berich­tet, dass die Köcks inzwi­schen neben Men­schen­fi­schern auch Fahr­rad-Fischer“ sind. Ich möch­te gar nicht wis­sen, wie vie­le gestoh­le­ne Radl in Pas­saus Flüs­sen sind. Die gehen immer wie­der ins Netz.“

Karl und Karl Köck liefern sich gerne Schachpartien. Info Icon Foto: Anna Kelbel
Beim Schach ist der Vater am Zug, beim Fischen inzwischen der Sohn. Karl und Karl Köck liefern sich gerne Schachpartien.

Die Köcks ret­te­ten die Leben der drei jun­gen Kicker, doch nicht sel­ten waren sie es, die Hil­fe gebraucht hät­ten. Vor allem mein Vater war da so ein Kan­di­dat. Der war im Gegen­satz zu mir ein noto­ri­scher Schwimm­wes­ten-Ver­wei­ge­rer“, so der Juni­or. Mei, i hob halt gut schwim­men kin­na“, erklärt der Vater ach­sel­zu­ckend. Als ich drei Jah­re alt war, hat mich mein Papa Hans an der Ufer­stra­ße ange­bun­den. Ich muss­te in die Ilz rein und hab schwim­men können.“

Resul­tat die­ser simp­len Metho­de: Angst vor dem Was­ser hat­te ich nie“, erklärt der Seni­or. Respekt habe er schon, das lehr­ten ihn eini­ge film­rei­fe“ Erleb­nis­se auf sei­ner Zil­le. Erleb­nis­se wie die­ses: Wegen star­ken Wel­len­gangs fiel Karl Köck über Bord. Dort wur­de er nicht wie der Pro­phet Jona (Mt 12,40) von einem Fisch für drei Tage und Näch­te ver­schluckt und schließ­lich geret­tet. Köck wuss­te sich sel­ber zu hel­fen. Die Zil­le hat sich um mich her­um gedreht und ich kam nicht mehr rein. Also habe ich mich am Boot ent­lang zum Motor gehan­gelt. Den Motor habe ich dann geschubst, dass er gera­de­aus in Rich­tung Ufer fährt, und ich hab mich festgehalten.“

Wenn der 86-Jäh­ri­ge sol­che Geschich­ten zum Bes­ten gibt, glän­zen sei­ne was­ser­blau­en Augen, die ihm sonst so vie­le Pro­ble­me berei­ten. Grund dafür sind zwei Schlag­an­fäl­le. Mit einem Sau­er­stoff­schlauch und einem Rol­la­tor neben sich sitzt der 86-Jäh­ri­ge auf sei­ner Holz-Eck­bank in Grub­weg. Dort bau­te er 1985 ein Haus und zog weg von sei­nem Eltern­haus in der Ilz­städ­ter Löwen­mühl­stra­ße unten am Fluss, dort wo nun sein Sohn Karl wohnt. Der Seni­or ist dank­bar dafür, dass er rund 80 Jah­re mehr­mals wöchent­lich aufs Was­ser hin­aus fah­ren konnte.

An das ers­te Mal erin­nert er sich noch gut. Da war ich drei Jah­re alt und mein Opa hat mich mit­ge­nom­men. Er hat mich im Boot ange­bun­den, damit ich nicht her­aus­fal­len kann.“ Der ers­te gefan­ge­ne Fisch war ein Schied“, auch Rap­fen genannt, ein Fisch aus der Karp­fen­fa­mi­lie („I woas immer nur die baye­ri­schen Bezeich­nun­gen.“). Spä­ter soll­te Karl Köck ein­mal einen 1,80 Meter gro­ßen Wels aus dem Was­ser ziehen.

Karl Köck mit seinem Vater Hans. Info Icon Foto: privat
Karl Köck mit seinem Vater Hans: Von ihm lernte der 86-Jährige alles, was er übers Fischen weiß.

Spä­tes­tens mit die­sem Rekord­fang bewahr­hei­te­te sich eine Vor­her­sa­ge von Opa Hans über den drei­jäh­ri­gen Karl: Des wird a moi a Fischer, des merkt ma sofort.“ Wenig spä­ter ertrank der gelieb­te Groß­va­ter in der Nähe des Kraft­werks Kach­let. Sei­ne Zil­le geriet bei Hoch­was­ser zu nahe an das Kraft­werk. Doch die­ses ein­schnei­den­de Erleb­nis stopp­te den jun­gen Karl Köck nicht, sei­ner Lei­den­schaft fürs Fischen wei­ter zu fol­gen. Alles, was ich gelernt habe, habe ich von mei­nem Vater.“ Ein Kurs zum Fischer­meis­ter in Starn­berg war damals zu teu­er. Köck fing statt­des­sen eine Aus­bil­dung bei Auto Leeb­mann als Auto­me­cha­ni­ker an und küm­mer­te sich sei­ne letz­ten 35 Berufs­jah­re bei der Post um gel­be Autos.

Das Fischen war zwar nicht sein Beruf, aber sei­ne Beru­fung. Mit mei­nen Eltern Frie­da und Hans war ich don­ners­tags oft bis halb drei Uhr nachts am Was­ser, weil wir frei­tags am Wochen­markt und ansons­ten auch daheim im Laden die frisch gefan­ge­nen Fische ver­kauft haben. Am nächs­ten Tag bin ich dann in die Schu­le gegangen.“

Spä­ter nahm er sich für Volks­fes­te wie die Pas­sau­er Dult oder das Pichl­stei­ner­fest in Regen Urlaub, um dort von früh bis spät Fisch zu ver­kau­fen. Seit Coro­na öff­net die Fische­rei Köck ledig­lich jeden Frei­tag ihr Standl in der Löwen­mühl­stra­ße. Weil der Nach­wuchs fehlt und die Gesund­heit nach­lässt, sind wir nicht mehr in der Lage, Volks­fes­te zu bewerk­stel­li­gen“, bedau­ert Köck.

Unter­stützt wur­de der Seni­or über Jahr­zehn­te von sei­ner Frau Elsa. Sie ver­starb im April 2021 und fehlt ihm sehr. Ken­nen­ge­lernt hat­ten sich die Ehe­leu­te, die 61 Jah­re ver­hei­ra­tet waren, im Wirts­haus Gol­de­ner Steig“ in der Ilz­stadt. Dort schenk­te sie als Wirts­toch­ter aus und schenk­te schließ­lich auch Karl Köck, der öfter zu Gast war, ihr Herz. Der Rest ist Geschich­te. Vor Sohn Karl kam Toch­ter Bri­git­te und schließ­lich das Nest­häk­chen Susan­ne zur Welt. Beson­ders stolz ist Köck auf sei­ne sie­ben Enkel und acht Urenkel.

Es war ein Leben am und auf dem Fluss, das Karl Köck als Apos­tel­fi­scher führ­te. 2021 wur­de der jah­re­lan­ge zwei­te Vor­sit­zen­de zum Ehren­mit­glied der Apos­tel­fi­scher ernannt. Jetzt führt sein Sohn Karl die Tra­di­ti­on weiter.

Dar­um benei­det ihn der Vater nicht immer: Die Fische­rei ist im Ver­gleich zu mei­nen Anfän­gen um 90 Pro­zent schlech­ter gewor­den.“ Gegen die lee­ren Net­ze wür­de wohl auch nicht der jesu­a­ni­sche Vor­schlag hel­fen, ein­fach die Net­ze auf der rech­ten Sei­te aus­zu­wer­fen (Joh 21). Damals am See Tibe­ri­as hat­ten die Jün­ger wohl nicht unter Kor­mo­ra­nen zu lei­den.
Die­se Vögel fres­sen gro­ße Men­gen an Fisch, was den Bestand bestimm­ter Fisch­ar­ten sehr dezi­miert. Auch die Kreuz­fahrt­schif­fe machen den Fischen zu schaf­fen. Da reden wir aber nicht von den nor­ma­len Schif­fen, die für Tages­tou­ris­ten durch Pas­sau schip­pern“, so der Juni­or. Die Kreuz­fahrt­schif­fe sind Rie­sen­din­ger, haben einen mords Wel­len­schlag und schä­di­gen die Fisch­brut“, stimmt der Vater zu. Pro­ble­me gibt es auch mit der über­trie­be­nen Ufer­be­fes­ti­gung und feh­len­den Laich­plät­zen für bestimm­te Fisch­ar­ten wie zum Bei­spiel Kiesbänke.

Sein Sohn geht trotz­dem meist ein­mal wöchent­lich aufs Was­ser. Ich fische nach­hal­tig, also nur so viel, wie wir für den Frei­tags­ver­kauf brau­chen“, so Köck. Mit dabei ist immer sein Hel­fer Lud­wig Edelfurtner.

Dann wün­schen sich die bei­den Petri Heil“, den Gruß der Fischer. Waid­manns Heil“ erhof­fen sich Jäger, Glück auf“ Berg­leu­te, Hals- und Bein­bruch“ Schau­spie­ler – und eben Petri Heil“ die Fischer. Der Grund: Petrus ist der Schutz­pa­tron die­ser Zunft, sei­ne Kar­rie­re zum Papst star­te­te er als Fischer am See Gene­za­reth. Die Schau­plät­ze der Bibel kennt Karl Köck jun.. Er reis­te ein­mal durch Isra­el und bestaun­te den 21 Kilo­me­ter lan­gen See.

Jeder Papst trägt einen Fischer­ring, weil Jesus Petrus beauf­trag­te, die Kir­che zu füh­ren und ihm so den Schlüs­sel zum Him­mel­reich“ (Mt 16,19) ver­lieh. Den Schlüs­sel zu sei­nem per­sön­li­chen Him­mel­reich trägt Köck immer bei sich. Der sperrt das Unter­ge­schoss in sei­nem Haus in der Löwen­mühl­stra­ße auf. Dort sind Kescher, Net­ze und Reu­sen in Reih und Glied geord­net. Rund 80 Net­ze sei­en es, schätzt Köck. Außer­dem befin­det sich hin­ten rechts eine drei auf drei Meter gro­ße Kühl­kam­mer, die den Fisch frisch hält. Im lin­ken Eck ist eine Werk­statt, für klei­ne­re Repa­ra­tu­ren“, zum Bei­spiel an den Net­zen. Eini­ge hat mein Groß­va­ter noch sel­ber gestrickt, wenn die Zeit es zuließ: ein Wahn­sinns­auf­wand für heu­ti­ge Ver­hält­nis­se“, erin­nert sich der 63-Jährige.

Wer die­se Schät­ze ein­mal alle krie­gen soll? Köcks Sohn Sebas­ti­an ist wenig an der Fische­rei inter­es­siert. Toch­ter Danie­la hin­ge­gen hat einen Fische­rei­schein. Die stu­dier­te Bio­che­mi­ke­rin mit Dok­tor­ti­tel ist beim Was­ser­wirt­schafts­amt in Lands­hut für das Moni­to­ring Che­mie sowie gewerb­li­che Abwas­ser-Ein­lei­ter zuständig.

Ein Rogner, also ein weib­li­cher Hecht, im Karp­fen­teich? Eine Frau als Apos­tel? Jesus hat­te damals nur Män­ner um sich her­um ver­sam­melt. 450 Jah­re alte Tra­di­ti­on hin oder hier: In die­ser Hin­sicht sind die Pas­sau­er Apos­tel­fi­scher offen. Und über­haupt: Bereits in der Bibel war Debo­ra Rich­te­rin, Esther eine Köni­gin und Thek­la eine Pre­di­ge­rin. Die Danie­la wäre sogar schon die zwei­te Apos­tel­fi­sche­rin“, erklärt Karl Köck jun.. Doch das ist alles Zukunfts­mu­sik. Denn bis Köck sein Ruder aus der Hand gibt, fließt noch viel Was­ser die Donau, den Inn und die Ilz herunter.

Text: Anna Kelbel

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