Foto: Anna Kelbel
Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der ersten Folge: Hubert Weizenberger, Winzer aus Leidenschaft.
Hubert Weizenberger trägt den falschen Nachnamen. Denn wer im Passauer Stadtteil Grubweg von der Donau hoch zum Hof des 61-Jährigen geht, bekommt oben am Berg bei ihm kein Weißbier. Weizenberger kredenzt Sauvignac und Veltliner. Der gelernte Schlosser und Maschinenbauer ist Winzer – zumindest seit neun Jahren.
Sehr viel älter ist die Tradition seiner Zunft. Wein wurde schon im dritten Jahrtausend vor Christus von den Ägyptern angebaut. Auch die Bibel beschäftigt der Rebensaft. Direkt oder indirekt wird der Wein 979-mal im Wort Gottes erwähnt: Vom Gleichnis der Arbeiter im Weinberg bis hin zur entscheidenden Einsetzung der Eucharistie.
Welche Wein-Geschichte Weizenberger am meisten gefällt? Der gebürtige Obernzeller, der später als Internatsschüler in Pfarrkirchen Ministrant war, muss nicht lange überlegen: „Da fällt mir sofort ein, wie Jesus Wasser in Wein umwandelte.“ Gewissermaßen mache er das heute auch so wie Jesus damals bei der Hochzeit von Kana (Johannes 2,1). „Ich verwandle quasi Regenwasser zu leckerem Wein“, grinst er spitzbübisch.
Den ersten edlen Tropfen kostete der Winzer bereits mit zwölf Jahren. „Heimlich nach dem Gottesdienst habe ich Messwein probiert.“ Der junge Hubert kam nicht auf den Geschmack und machte stattdessen in den nächsten Jahrzehnten seinem Nachnamen alle Ehre: „Ich habe eigentlich immer lieber Bier getrunken.“
Irgendwann im Toskana-Urlaub folgte dann das Schlüsselerlebnis: „Da habe ich einen ganz schweren Wein probiert. Ich war hin und weg“, erzählt Weizenberger. Auch seine Frau Eva wurde Weinfan. Die gelernte Dolmetscherin aus Dänemark und der bodenständige Niederbayer lernten sich beim Skifahren in Italien kennen.
Sie verliebten sich ineinander und später in ihr gemeinsames Weingut. Eva langt dazu und hilft, wo sie kann. Von einer 40-Stunden-Woche können die Weizenbergers nur träumen: „Es sind eher 60 Stunden.“
Doch dazu hat Hubert Weizenberger sich ganz bewusst entschieden – und könnte glücklicher nicht sein. „Ich dachte mir einfach: Das kann es nicht gewesen sein, ich kann doch jetzt nicht mein Leben lang das Gleiche arbeiten.“ Böse Zungen würden von einer Midlife Crisis sprechen, Weizenberger lässt unbeeindruckt davon seither seinen eigenen Wein auf der Zunge prickeln.
Bis zur ersten Lese in Grubweg war es jedoch ein langer Weg: Zunächst absolvierte Weizenberger eine zweijährige Winzerausbildung. Schließlich kaufte er von einem Freund ein Grundstück in Grubweg hoch über der Donau. Auf eineinhalb Hektar wachsen und gedeihen hier nun rund 7000 Reben in idyllischster Lage.
Es ist sieben Uhr morgens, über der Donau liegt noch ein leichter Nebelschleier, der viereckige Schlot der Grubweger Zahnradfabrik ragt daraus hervor. Tautropfen glänzen auf dem Gras. Mit einem leisen Surren startet Weizenbergers dunkelgrünes Golfcart und fährt über die sattgrüne Wiese. Los geht die allmorgendliche Kontrollfahrt durch seine geliebten Weinhänge. Die Hälfte aller Reben sind schon leer, ihre Erzeugnisse werden zum Teil schon durch die Weinpresse gejagt.
Foto: Anna Kelbel
Beim Ernten unterstützen Weizenberger und seine Frau, die außerdem einen Festangestellten haben, Erntehelfer. „Letztens hatten wir zum Beispiel eine Delegation der Stadt Burghausen da.“ Weizenberger ist dort zuständig für den städtischen Weinberg am Wöhrsee. Die Lese war „bisher zufriedenstellend“. Rund 10.000 Liter fassen die riesigen glänzend silbernen Maschinen insgesamt, die Weizenberger in seinem Kelter-Raum stehen hat. Er prüft die Gerätschaften, während er weitererzählt. Viel Zeit hat der Winzer in der heißen Erntephase nicht. „Die Namen für unsere Weine denkt sich eine Werbeagentur aus“, berichtet er, während er zufrieden nickend an einer Weinpresse vorbei geht.
Ilzart, Innfusion oder DanuBio heißen die Weinsorten des einzigen Winzers in der Dreiflüssestadt: Für den kleinsten Fluss, die oft verwunschen wirkende Ilz, auch schwarze Perle genannt, ein mystischer Perlwein, für den kraftvollen Inn eine intensive Rotwein-Cuveé, für die Donau einen Rebensaft, der wie der Fluss auf Italienisch heißt, wo Weizenbergers seine Weinaffinität lebt. Dieses ausgeklügelte Konzept kommt an. Kunden bestellen häufig im Internet. Weizenberger ist gerade auf dem Sprung: Er muss noch einige Weinkisten in das Restaurant „Wilma Wunder“ in die Passauer Fußgängerzone bringen. Seine Kunden beliefert er alle persönlich. Auch der „Landgasthof zum Müller“ in Ruderting (Landkreis Passau) und das Michelin-Restaurant „Marcel von Winckelmann“ in Passau-Heining beziehen ihren Wein regional von Weizenberger. Zudem finden an seinem Hof in Grubweg Hochzeiten oder andere Feiern statt.
Der Urvater aller Winzer war Noah, der, wie das Buch Genesis des Alten Testamentes schildert, die Arche baute. Nachdem die Sintflut überstanden war, kultivierte Noah als erste Pflanze eine Weinrebe. Er erntete, kelterte und trank seinen Wein – erwischte allerdings zu viel von dem Getränk: Kontrollverlust, im Rausch entblößt er sich.
Ebenfalls im Alten Testament in Psalm 80 wird das Volk Israel mit einem aus Ägypten entwurzelten Weinstock verglichen, den der himmlische Weingärtner Gott liebevoll wieder im gelobten Land einpflanzen wird. In Israel war man mit dem Beruf des Winzers vertraut.
Deshalb fand der Wein auch Eingang in die Bildsprache Jesu. Das Wort Jesu, „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Johannes 15,5), lernen bereits Grundschüler im Religionsunterricht.
So Wein, so gut. Der langen Tradition seines Berufes ist sich auch Hubert Weizenberger bewusst. Eine Tradition, die weitergeführt wird: Seine Tochter Thilde absolviert gerade ihre Winzerausbildung in der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau in Veitshöchheim (Landkreis Würzburg). Das macht den Papa stolz. Ihr Gesellenstück, eine neue Weinsorte, probiert Weizenberger heute zum ersten Mal. Gekonnt schüttet er sich einen Daumen breit des Rebensafts ein. Erst schwenkt er sein Glas, dann schnuppert er an den sich dadurch optimal entfaltenden Duftstoffen. „So entscheide ich, ob ich einen Wein überhaupt probieren mag.“ Ohne Hektik nimmt Weizenberger einen kräftigen Schluck von der trüben, hellgelben Flüssigkeit. Eine Spannungssekunde später hält er das Glas feierlich hoch: „Hmmm, der wird richtig gut.“ Es sind Glücksmomente wie dieser, die Weizenberger mit den biblischen Weintrinkern verbinden und ihn mit 61 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denken lassen. „Ich mach das so lange, wie ich kann.“ Darauf einen zweiten Schluck: Prost!
Text und Fotos: Anna Kelbel



