Ein Hauch von Unsterblichkeit

Redaktion am 29.08.2022

Info Icon Foto: Werner Friedenberger
Olympiasieger Klaus Wolfermann mit der Goldmedaille, die er 1972 beim Speerwerfen in München gewann. Auf der Vorderseite der Medaille ist – mit Lorbeerkranz und Palmzweigen – Siegesgöttin Victoria abgebildet.

Olympiasieger umgibt ein Hauch von Unsterblichkeit. Wie sonst wäre es erklärbar, dass Speerwerfer Klaus Wolfermann ein halbes Jahrhundert nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in München (1972) noch Autogrammwünsche aus aller Welt erreichen.

Nur zwei Zen­ti­me­ter mehr. Die reich­ten Klaus Wol­fer­mann zum Sieg. Bei den Olym­pi­schen Spie­len 1972 in Mün­chen bezwang der Speer­wer­fer den aus Lett­land stam­men­den, haus­ho­hen Favo­ri­ten, durf­te mit der Gold­me­dail­le nach Hau­se gehen und schrieb Sport­ge­schich­te. Ein Bis­tums­blatt-Gespräch über den schöns­ten Moment im Leben eines Ath­le­ten und die Fra­ge, war­um die Deut­schen sich zwar ger­ne Olym­pi­sche Spie­le im Fern­se­hen anschau­en, aber die­ses Groß­ereig­nis im eige­nen Land nicht (mehr) haben wollen.

3. Sep­tem­ber 1972: Klaus Wol­fer­mann wirft den Speer 90,48 Meter weit. Den aller­letz­ten Ver­such aber hat Janis Lusis, der für die dama­li­ge Sowjet­uni­on antritt. Als die Anzei­ge­ta­fel im Sta­di­on 90,46 Meter anzeigt, stockt Zuschau­ern wie Ath­le­ten der Atem, dann unbe­schreib­li­cher Jubel. Ein Bay­er aus der Pfar­rei Burg­kir­chen an der Alz ist im Olymp ange­kom­men: Gold.

50 Jah­re spä­ter erzählt Klaus Wol­fer­mann im Gespräch mit dem Pas­sau­er Bis­tums­blatt: Mir wur­de ganz anders. Urplötz­lich war ich nicht mehr einer der Drit­ten, son­dern ich stand ganz oben auf dem Sie­ger­trepp­chen, die Natio­nal­hym­ne erklang. Mir rie­sel­te ein Schau­er über den Rücken. Selbst heu­te noch, wenn ich über die­sen Moment spre­che und Bil­der von damals sehe, schüt­telt es mich ein bisschen.“

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Unzählige Souvenirs kamen 1972 anlässlich der Olympischen Spiele in München auf den Markt. Und beim „2. Internationalen Volksmarsch Rotthalmünster“ gab es für die Wanderer auch eine Medaille – mit dem Bild von Olympiasieger und Weltrekordler Klaus Wolfermann.

Für Klaus Wol­fer­mann wäre es schon eine Sen­sa­ti­on gewe­sen, wenn er Bron­ze gewon­nen hät­te – aber Gold! Janis Lusis gilt in die­ser Sport­art zu die­sem Zeit­punkt ein­fach als der Uner­reich­ba­re; er ist der kla­re Favo­rit. Der Ober­bay­er nimmt sein metal­le­nes Wurf­ge­rät – 2,60 Meter lang, 800 Gramm schwer. Fünf­ter Ver­such habe ich gesagt, so, jetzt hau ich alles rein, Anlauf ver­län­gern, schnel­ler ein­lau­fen, und vor­ne, wie man so schön sagt im Speer­wer­fen, ein­fach drauf­hau­en.“ Was sich in der Theo­rie soooooooooooo ein­fach anhört, ist in der Pra­xis unglaub­lich schwer. Unge­zähl­te Trai­nings­stun­den – um am Tag X den ein­stu­dier­ten Ablauf mit der Prä­zi­si­on einer Schwei­zer Uhr abzu­ru­fen. Es gelingt. Ein Wumms! 90,48 Meter.

Aber Janis Lusis ist noch dran. Und der letz­te Ver­such ist in der Regel die Spe­zia­li­ät des Let­ten. Das gro­ße Zit­tern beginnt. Am Ende wird es knapp, sehr knapp sogar. Der Unbe­zwing­ba­re aus dem Bal­ti­kum ist geschla­gen, das Kapi­tel um den größ­ten Zwei­kampf der Speer­wurf­ge­schich­te geschrie­ben. Für Klaus Wol­fer­mann wird ein olym­pi­scher Traum wahr und er zeigt Sports­geist. Da der Kon­kur­rent aus Lett­land für ihn eine Respekt­per­son ist, ent­schul­digt sich Wol­fer­mann bei die­sem zunächst für den Sieg. Aber auch Janis Lusis ist ganz Sports­mann und nimmt die Nie­der­la­ge gelassen. 

Aus den sport­li­chen Geg­nern wur­den Freun­de fürs Leben. Selbst als der Eiser­ne Vor­hang noch Ost und West trenn­te, riss die Ver­bin­dung nie ab. Die Fami­li­en besuch­ten sich gegen­sei­tig. Ein­mal kam Janis Lusis nach Ober­bay­ern – gemein­sam mit Klaus Wol­fer­mann gin­gen sie zum Angeln an den Wöhr­see in Burghausen. 

In Mün­chen wur­de die digi­ta­le Wei­ten­mes­sung ein­ge­führt. Des­we­gen wol­len bei Wol­fer­mann auch nach 50 Jah­ren kei­ne Tri­umph­ge­füh­le über sei­nen mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Freund auf­kom­men. Beschei­den sin­niert er: Hät­te man, wenn man sich vor­stellt, wie vor­her, mit dem Maß­band gemes­sen – Maul­wurfs­hü­gel, Uneben­hei­ten – es wäre viel­leicht anders gekommen …“

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Unzählige Souvenirs kamen 1972 anlässlich der Olympischen Spiele in München auf den Markt, wie zum Beispiel dieser Bierkrug.

Ein Jahr spä­ter warf Klaus Wol­fer­mann Welt­re­kord: 94,08 Meter. Bei­des, Olym­pia­sieg und Welt­re­kord, wur­de beim 2. Inter­na­tio­na­len Volks­marsch“ in Rott­hal­müns­ter im Jahr 1974 gebüh­rend gewür­digt: Jeder Wan­de­rer durf­te sich eine Medail­le mit nach Hau­se neh­men, auf der Klaus Wol­fer­mann genau in dem Moment zu sehen ist, als er einen Speer auf die Rei­se schickt. 

Der Jahr­hun­dertsport­ler ist sei­ner Lei­den­schaft treu geblie­ben. Jeden Tag trai­niert er eine Stun­de im Fit­ness­raum. Mitt­ler­wei­le lebt der 76-Jäh­ri­ge in Penz­berg, einem Städt­chen zwi­schen Starn­ber­ger See und dem Fuß der baye­ri­schen Alpen. Dass es mit dem Nach­wuchs hapert, tut ihm in der See­le weh. Zwei Grün­de macht er dafür aus: Zum einen wer­de, so der stu­dier­te Sport­leh­rer, an baye­ri­schen Schu­len der Sport­un­ter­richt mehr und mehr gekürzt. Und zum ande­ren sei der inner­be­trieb­li­che Büro­kra­tis­mus in so man­chen Sport­ver­bän­den“ oft ein Hemm­schuh. Kein Blatt vor den Mund nimmt er, wenn es um das Inter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Komi­tee (IOC) geht. Hier plä­diert er für mehr Ein­fach­heit. Nur dann hät­te die Olym­pi­sche Idee eine Zukunft. Geld schef­feln und Gigan­tis­mus auf Kos­ten der Natur sind nicht mehr pas­send für unse­re Welt.“

Und was ihn nicht los­lässt: Der paläs­ti­nen­si­sche Ter­ror­an­schlag auf die israe­li­sche Mann­schaft 1972 in Mün­chen. Klaus Wol­fer­mann: Damit wur­den den bun­ten Spie­len die Far­ben genom­men. Der Tod so vie­ler Men­schen hat mich mit­ge­nom­men. Das ging mir unter die Haut. Ich weiß nicht, ob ich zu mei­ner Höchst­leis­tung im Stan­de gewe­sen wäre, wenn mein Wett­kampf in den Tagen nach dem Atten­tat statt­ge­fun­den hätte …“

Der lie­be Gott hat mir einen unheim­li­chen Ehr­geiz gege­ben“: Ziel­stre­big ist Klaus Wol­fer­mann noch heu­te – und wie! Sei­nen sport­li­chen Erfolg nutzt er für den guten Zweck. Gemein­sam mit sei­ner Frau Frie­de­ri­ke ver­an­stal­tet er Sport­events, um Kin­dern (und deren Fami­li­en) zu hel­fen, die eine Organ­spen­de brau­chen. Das mit dem Hauch von Unsterb­lich­keit“ bezieht sich auch auf das Leben jen­seits olym­pi­schen Lor­beers: Mir ist bewusst, dass ich am Ende mei­nes eige­nen Lebens ein ande­res ret­ten kann. Des­we­gen bin ich Organspender!“

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