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Leben spüren – Die große Freiheit auf zwei Rädern

Redaktion am 22.03.2022

2022 03 21 pb alb wolfgang krinninger auf dem bike Foto: Wolfgang Krinninger
Auf dem Bike …

… oder wie ich Papst Johannes Paul II. zufällig begegnete. – Ein Erlebnisbericht aus unserer Rubrik „Leben spüren“.

Ich bin Papst Johan­nes Paul II. begeg­net. Und, ja, es war ein spi­ri­tu­el­les Erleb­nis. Ein Moment, den ich nie ver­ges­sen wer­de. Aber doch auch schräg. Irgendwie. 

Blick zurück: Es war ein Sams­tag im Mai 1987, als mein bes­ter Kum­pel und ich mit unse­ren Motor­rä­dern nach Mün­chen auf­bra­chen. Freun­de besu­chen, bei einem Old­ti­mer­markt nach Tei­len Aus­schau hal­ten. Ein herr­li­cher Tag: Son­ne, Wär­me, blau­er Him­mel. Wie geschaf­fen, um die blei­er­ne Käl­te der ver­gan­ge­nen Mona­te abzu­schüt­teln und den Früh­ling lächelnd zu begrü­ßen. Mit der Nase im Wind und leich­tem Gepäck. An so einem Tag wird das Herz leicht, wäh­rend der Asphalt unter einem dahin­fließt und die Augen sich kaum satt­se­hen kön­nen an den fri­schen Farben.

Leben spü­ren“ steht als Mot­to über die­ser Sei­te. Gemeint sind Ereig­nis­se, die den All­tag spren­gen, wo wir kom­plett in unse­rem Tun auf­ge­hen, alles um uns her­um ver­ges­sen, eben das ech­te Leben spü­ren. Motor­rad­fah­ren gehört für mich zwei­fel­los dazu. Schon immer. Als Vier­zehn­jäh­ri­ger kauf­te ich mir für 50 Mark von mei­nem Taschen­geld eine ver­gam­mel­te Zünd­app, die jah­re­lang in einem Schup­pen auf mich gewar­tet hat­te. Ich war ein Ass beim Zer­le­gen, eher phleg­ma­tisch bei der Feh­ler­su­che und schlud­rig beim Zusam­men­bau­en. Zudem ziem­lich grün hin­ter den Ohren. Des­halb lief das Moped nur sel­ten. Doch wenn der Zwei­tak­ter dann doch mal klei­ne blaue Qualm­wol­ken aus­spuck­te, war es um mich gesche­hen. Ich flog über die Wie­sen und Fel­der rund um unser Haus. Und mir war klar: Nicht anders kann die Frei­heit duf­ten. Das hat sich auch nie geän­dert. Auf dem Motor­rad bist du mit­ten­drin. Nichts ist auch nur einen Augen­blick dem unmit­tel­ba­ren Bewusst­sein ent­zo­gen. Kon­zen­trier­te Selbst­ver­ges­sen­heit in einem Rausch der Kur­ven. Du siehst alles, spürst alles, riechst alles. Auch die Wol­ken, die sich höher und höher auf­tür­men und dabei immer schwär­zer wer­den, bis sich schließ­lich alle Schleu­sen öffnen. 

„Mir war klar: Nicht anders kann die Freiheit duften“

Genau das pas­sier­te an jenem Sonn­tag im Mai 1987, als mein Freund und ich die Motor­rä­der bepack­ten und uns auf den Rück­weg mach­ten. Erst Regen, dann Hagel, dann Schnee. Wir hät­ten uns den­ken kön­nen, dass so ein Früh­lings­tag im Mai auch mal ein elen­der Betrü­ger sein kann. Doch jetzt war es zu spät. Schon weni­ge Kilo­me­ter nach dem Start waren wir nass bis auf die Unter­wä­sche. Und fast noch schlim­mer: Wir kamen kaum vor­wärts. Kom­plett durch­ge­fro­ren stan­den wir auf dem Mitt­le­ren Ring. Nichts ging mehr. Auf einer Sei­te Voll­sper­rung. Und alle paar Meter ein Poli­zist. Ein Spa­lier. Gefühlt war es eine höl­li­sche Ewig­keit, real viel­leicht eine Stun­de. War­um das alles? Wir hat­ten kei­ne Ahnung.

Dann geschah es: Er fuhr an mir vor­bei, in viel­leicht fünf Metern Ent­fer­nung, auf der allein für ihn gesperr­ten Gegen­fahr­bahn, schla­fend, im rie­si­gen, bestimmt kusche­lig beheiz­ten 600er Mer­ce­des: Johan­nes Paul II., der Papst. 

Mein Kum­pel und ich waren noch­mal rund zwei­ein­halb Stun­den unter­wegs. Betro­gen vom Früh­ling am Vor­tag und viel zu leicht­sin­nig hat­ten wir die war­men Regen­kla­mot­ten daheim im Schrank gelas­sen. Es war ein Höl­len­trip. Wir fro­ren, bete­ten, bib­ber­ten und fluch­ten. In Land­au war ich soweit, dass ich mir in Gedan­ken aus­mal­te, wie es wäre, auf der schnee­be­deck­ten Fahr­bahn zu stür­zen und dann im war­men Kran­ken­wa­gen abtrans­por­tiert zu wer­den. Es schien mir nicht die schlech­tes­te Wahl. Aber wir kamen irgend­wie doch daheim an. Dort war die größ­te Schwie­rig­keit, den stei­fen, völ­lig unter­kühl­ten Kör­per vom Motor­rad zu hie­ven. Dann war es geschafft. In der Bade­wan­ne tau­te ich lang­sam auf. Nicht ein­mal ein Schnup­fen blieb. Dafür ein unver­gess­li­ches Erleb­nis mehr. Sei­en wir mal ehr­lich: Sind es nicht oft die Stun­den, an denen man sei­ne Gren­zen spürt, die dann in der Erin­ne­rung bestehen bleiben? 

Wol­len Sie noch wis­sen, wie es Papst Johan­nes Paul II. an jenem Sonn­tag erging? Umju­belt von vie­len Zuschau­ern fuhr er im Papa­mo­bil“ durch die Münch­ner Innen­stadt zur Bür­ger­saal­kir­che, um am Grab Pater Rupert May­ers zu beten. Von der The­re­si­en­wie­se soll­te der Hub­schrau­ber abhe­ben nach Augs­burg. Die Süd­deut­sche Zei­tung“ schrieb dar­über: Just zum Abflug­ter­min set­zen gewal­ti­ge Sturm­bö­en, Blitz, Don­ner, Hagel und Schnee­ge­stö­ber ein. An einen Flug ist nicht zu den­ken. Johan­nes Paul II. ist gezwun­gen, Mün­chen mit dem Auto zu ver­las­sen. Es ist ein Abschied für immer.“ 

Geschichts­träch­tig. Und zwei zit­tern­de Motor­rad­fah­rer waren recht nah dran.

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Wolfgang Krinninger

Chefredakteur

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