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"Was zählt, ist das Tun"

Wolfgang Krinninger am 16.09.2021

S15 koch PB info-icon-20px privat/Niels Rochlitzer/Tobias Hopfgarten
Mit Berlins Erzbischof Heiner Koch bei der Segnung des Königlichen Weinbergs in Potsdam im September 2019.

Walter Homolka ist einer der bekanntesten Rabbiner in Deutschland. Der Professor für Jüdische Religionsphilosophie ist unter anderem Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, des ersten Rabbinerseminars in Deutschland seit der Schoah. Auf seinem Weg zum Glauben spielten auch zwei katholische Geistliche aus dem Bistum Passau eine wichtige Rolle.

Wie kam der jun­ge Wal­ter Homol­ka in Land­au an der Isar mit dem jüdi­schen Glau­ben in Kon­takt?
Homol­ka: Ich erin­ne­re mich noch gern an den katho­li­schen Stadt­pfar­rer in Land­au zu mei­ner Jugend­zeit: den spä­te­ren Pas­sau­er Dom­de­kan Franz Seraph Gabri­el. Er hat mich als Bub immer mal wie­der ermun­tert, über mei­ne geist­li­che Beru­fung nach­zu­den­ken. Mit Erfolg. Auch wenn das Ergeb­nis anders als gemeint sein dürf­te. Ende der 1970er Jah­re habe ich als Gym­na­si­ast in Land­au von einem fas­zi­nie­ren­den Reli­gi­ons­leh­rer sehr pro­fi­tiert, dem 2019 ver­stor­be­nen Prä­la­ten Hel­muth Schuler. Wir nann­ten ihn nur den Guru“. Er hat uns ermun­tert, den Fra­gen des Lebens nach­zu­spü­ren: war­um wir hier sind, was unse­re Auf­ga­be im Leben ist, wohin wir gehen? Die Wahr­heit war ihm wich­tig. Dadurch hat­te ich die geis­ti­ge Frei­heit, mich mit etwa zwölf Jah­ren in der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de von Strau­bing zu enga­gie­ren. Nach­dem ich mit sech­zehn reli­gi­ös mün­dig gewor­den war, bin ich for­mal eingetreten. 

Was hat Sie dar­an so fas­zi­niert, dass das Juden­tum zum Lebens­in­halt wur­de?
Homol­ka: Ich kom­me aus einem reli­gi­ös wenig prä­gen­den Eltern­haus. Mein Vater Wal­ter lern­te mei­ne Mut­ter bei einer Rede Kurt Schu­ma­chers vor Sozi­al­de­mo­kra­ten und Gewerk­schaft­lern in der Pas­sau­er Nibe­lun­gen­hal­le ken­nen. Mei­ne Mut­ter Anny war eine aus­ge­zeich­ne­te Musi­ke­rin und Diri­gen­tin. Von ihr habe ich mei­ne Lie­be zur Musik mit­be­kom­men, eine star­ke Brü­cke zur Tran­szen­denz. Am Juden­tum hat mich fas­zi­niert, dass es hin­ter die Ursprün­ge des Chris­ten­tums zurück­geht. Gott bleibt für den Men­schen voll­kom­men unver­füg­bar, gleich­zei­tig gibt er uns Men­schen durch die Offen­ba­rung sei­ner Gebo­te den Schlüs­sel zur Bewäh­rung in die­ser Welt in die Hand. Zusätz­lich haben mich per­sön­li­che Begeg­nun­gen sehr geprägt: mit dem aus Mün­chen stam­men­den Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Scha­lom Ben-Cho­rin blieb ich von mei­ner Jugend an bis zu sei­nem Tod befreun­det; der aus Augs­burg stam­men­de Prä­si­dent der Zen­tral­kon­fe­renz ame­ri­ka­ni­scher Rab­bi­ner Wal­ter Jacob hat mich schon als Teen­ager geför­dert, mich zum Rab­bi­ner­stu­di­um ermun­tert, 1997 selbst zum Rab­bi­ner ordi­niert. Er ist heu­te der geis­ti­ge Vater des Abra­ham Gei­ger Kol­legs für Rab­bi­ner­aus­bil­dung in Pots­dam, des­sen Rek­tor ich bin. War­um bin ich Jude? Weil es mir die Frei­heit gibt, mich unter die Dis­zi­plin der Ver­nunft zu stel­len. Denn in der Ver­nunft ist die wah­re Frei­heit begrün­det, und in Got­tes Gesetz erfah­ren wir Sei­ne wah­re Liebe. 

S15 homolka Bub PB

Was bedeu­tet Ihnen Ihr Glau­be?
Homol­ka: Der hebräi­sche Begriff für Glau­ben, emu­na, hängt eng mit Treue, Zuver­läs­sig­keit und Wahr­heit zusam­men; was zählt, ist vor allem das Tun, also die Ethik. Got­tes Sat­zun­gen und Vor­schrif­ten geben jeder Jüdin und jedem Juden einen Rah­men für ihr Han­deln. Die Gestalt die­ser Geset­ze ist Ertrag eines immer­wäh­ren­den Dis­kur­ses, der Ent­schei­dun­gen für neue Situa­tio­nen in ande­ren Epo­chen her­vor­bringt und damit Wan­del ermög­licht und Kon­ti­nui­tät greif­bar macht. Der andau­ern­de Pro­zess mensch­li­cher Inter­pre­ta­ti­on wird so zum ste­ti­gen Offen­ba­rungs­pro­zess, der weit über das ein­ma­li­ge Gesche­hen am Berg Sinai hin­aus­geht. Für mich ist gera­de die­se Wan­del­bar­keit der Schlüs­sel, dem Juden­tum treu zu blei­ben.
Ein wesent­li­cher Aspekt, der die libe­ra­le Mehr­heit des Juden­tums von der ortho­do­xen Min­der­heit trennt, ist der Offen­ba­rungs­be­griff. Für das libe­ra­le Juden­tum ist der Offen­ba­rungs­pro­zess nicht abge­schlos­sen, er schrei­tet vor­an, so wie sich der Wil­le Got­tes fort­wäh­rend ent­fal­tet. Die­ser Offen­ba­rungs­be­griff ermög­licht eine Rela­ti­vie­rung der schrift­li­chen Tora durch das Kor­rek­tiv der münd­li­chen Tora. Die unter­schied­li­chen Rich­tun­gen inner­halb des Juden­tums unter­schei­den sich in der Inten­si­tät, mit der sie die­sen inter­pre­ta­to­ri­schen Ein­griff für die Moder­ne zulas­sen; und das nun schon seit 250 Jahren.

Wor­an den­ken Sie, wenn Sie an Land­au den­ken?
Homol­ka: Ich bin in Land­au rela­tiv behü­tet auf­wach­sen. An das Enga­ge­ment mei­ner Eltern im öffent­li­chen Musik­le­ben Land­aus den­ke ich beson­ders ger­ne. Ich ver­dan­ke aber auch mei­nen Erzie­hern eini­ges. Schwes­ter Engl­ber­ta von den Maria Ward-Schwes­tern im Kin­der­gar­ten zum Bei­spiel, Elfrie­de Golz­in­ger in der Grund­schu­le oder Klaus Eberl als Kol­leg­stu­fen­be­treu­er. An vie­le mei­ner Leh­rer erin­ne­re ich mich nament­lich – Elfrie­de Zurl, Albert Hart­mann, Anne Wet­zel, Inge­borg Helm­reich – und bin ihnen dank­bar, weil sie Per­sön­lich­kei­ten gewe­sen sind, die Per­sön­lich­kei­ten for­men konn­ten. Das ist auch mein Ziel als Hochschullehrer.

Gibt es noch Anknüp­fungs­punk­te nach Nie­der­bay­ern?
Homol­ka: Ich besu­che mei­ne Hei­mat­stadt regel­mä­ßig, um die Grä­ber unse­rer Fami­lie zu besu­chen, und bin auch oft in Strau­bing, wo mei­ne Schwes­ter lebt. 

S15 Steinmeier PB info-icon-20px privat/Niels Rochlitzer/Tobias Hopfgarten
Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des Europäischen Zentrums Jüdischer Gelehrsamkeit am 18. August 2021 in Potsdam.

Eines Ihrer Bücher aus dem Jahr 2020 trägt den Titel: Der Jude Jesus – Eine Heim­ho­lung. Wie sehen Juden Jesus heu­te?
Homol­ka: Zur Zeit Jesu gab es eine Viel­falt jüdi­scher Grup­pie­run­gen. In die­ses bun­te Mei­nungs­spek­trum muss man Jesus ein­ord­nen. Daher habe ich mein Buch auch Chris­ti­an Stückl gewid­met. Er hat die Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spie­le, die im kom­men­den Jahr wie­der auf­ge­führt wer­den, so umge­stal­tet, dass es nicht um eine Front­stel­lung hier Jesus, da die Juden“ geht, son­dern deut­lich wird: es ist eine inner­jü­di­sche Debat­te. Das ist ent­schei­dend dafür, dass Juden heu­te sagen kön­nen, Jesus war einer von uns. Jesu Pre­digt und Argu­men­ta­ti­ons­stil ist wesent­lich rab­bi­nisch. Wie Rab­bi Hil­lel räum­te Jesus der Nächs­ten­lie­be den glei­chen Rang wie der Got­tes­furcht ein und ord­ne­te sie den ande­ren Torage­bo­ten über. Aus dem Pha­ri­säis­mus ist spä­ter das rab­bi­ni­sche Juden­tum erwach­sen. Dar­aus ergibt sich ein gewis­ses Nahe­ver­hält­nis zwi­schen dem heu­ti­gen Juden­tum und dem authen­ti­schen Jesus. 

Bie­tet die Tat­sa­che, dass Jesus Jude war eine Mög­lich­keit, den jüdisch-christ­li­chen Dia­log wei­ter vor­an­zu­brin­gen?
Homol­ka:
Seit dem Ende des 18. Jahr­hun­derts ist die Heim­ho­lung Jesu in das Juden­tum ein zen­tra­les The­ma der jüdi­schen Jesus­for­schung. Jüdi­sche Den­ker wie Jacob Emden oder Moses Men­dels­sohn haben erst­mals das Jüdi­sche der Leh­re Jesu gewür­digt und posi­tiv betont, dass Jesus die­se Leh­re uni­ver­sa­li­siert, also weit über das Juden­tum hin­aus ver­brei­tet habe. Das Ziel war, ange­sichts der Alli­anz von Thron und Altar im 19. Jahr­hun­dert, für die Juden einen wür­di­gen Platz in der christ­lich gepräg­ten Gesell­schaft zu erar­bei­ten.
Das Inners­te des christ­li­chen Glau­bens müss­te aller­dings in Zukunft so beschrie­ben wer­den, dass es nicht das Juden­tum als den Geg­ner braucht, von dem man sich abset­zen und abgren­zen will. Die Grund­la­ge dafür ist, dass auch die römisch-katho­li­sche Kir­che seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ande­ren Reli­gio­nen einen Eigen­wert zuer­kennt. Die Plu­ra­li­tät der Bekennt­nis­se in der heu­ti­gen Gesell­schaft gibt allen mehr Raum zur Ent­fal­tung, auch dem Juden­tum. Juden kön­nen damit leben, dass Gott sich auf ver­schie­de­nen Wegen offen­bart. Es war eher das Pro­blem der katho­li­schen Kir­che, dass sie das lan­ge nicht zuge­stand.

Wo sehen Sie auf die­sem Weg die größ­ten Hin­der­nis­se und Her­aus­for­de­run­gen?
Homol­ka: Wir bli­cken auf Jahr­zehn­te einer Ent­wick­lung im Ver­hält­nis von Juden­tum und katho­li­scher Kir­che, die von Annä­he­rung und Erkennt­nis der Über­ein­stim­mung geprägt ist. Bei­de beten den­sel­ben Gott an. Bei­de stüt­zen sich auf das­sel­be Buch, die Hebräi­sche Bibel. Bei­de erken­nen die mora­li­schen Prin­zi­pi­en der Tora an und hegen eine gemein­sa­me Ver­ant­wor­tung für die­se Welt als Got­tes Schöp­fung. Es hat also in weni­ger als fünf­zig Jah­ren eine atem­be­rau­ben­de Ver­än­de­rung gege­ben. Ich mei­ne aber: Die Kir­che braucht eine Chris­to­lo­gie, die Jesu Wir­kungs­ge­schich­te im Chris­ten­tum fei­ert, ohne sie abso­lut zu set­zen.

Im Buch Umden­ken“ von 2021 erklä­ren Sie gemein­sam mit dem Islam­ge­lehr­ten Mouha­nad Khor­chi­de, wie Islam und Juden­tum unse­re Gesell­schaft bes­ser machen. Was ver­bin­det die bei­den Reli­gio­nen?

Homol­ka: Juden­tum und Islam wis­sen sich einig in ihrem Got­tes­bild, ihrer Vor­stel­lung von Offen­ba­rung und Got­tes Gebo­ten. Gott ist für Juden wie Mus­li­me ein ret­ten­der, beschüt­zen­der, ein barm­her­zi­ger Gott, der den Men­schen ewi­ge Treue und Lie­be ent­ge­gen­bringt. Mus­li­me haben immer schon gewusst, dass hier der­sel­be Gott ange­spro­chen wur­de und wird. Im Islam wie im Juden­tum offen­bart Gott sei­nen Wil­len in sei­nem Wort an die Men­schen. Im Juden­tum wie im Islam ist der Mensch vor Gott für sein Tun ver­ant­wort­lich, er hat den frei­en Wil­len, sich für das Gute zu ent­schei­den. Im Vor­der­grund ste­hen bei Juden­tum wie Islam das Leben mit Gott, das Stu­di­um sei­ner Schrift und die Ein­hal­tung der Gebo­te Got­tes.

Was ermu­tigt Sie zum Unter­ti­tel des Buches?

Homol­ka: In West­eu­ro­pa stellt sich die Fra­ge nach einem neu­en reli­giö­sen Plu­ra­lis­mus schon lan­ge: seit die Gast­ar­bei­ter‘ aus Süd­eu­ro­pa, der Tür­kei und Nord­afri­ka ein­tra­fen. Jetzt bie­tet sich die Chan­ce, eine Ant­wort zu geben. Wir Euro­pä­er müs­sen aus unse­rer bis­he­ri­gen Unfä­hig­keit, reli­gi­ös plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten poli­tisch Rech­nung zu tra­gen, die rich­ti­gen Leh­ren zie­hen. Die Lösung kann nicht mehr auf dem Modell eines homo­ge­nen säku­la­ren Natio­nal­staats beru­hen, wie es sich nach dem West­fä­li­schen Frie­den ent­wi­ckelt hat. Sie wird auf einer neu­en Form von post­na­tio­na­ler und post­sä­ku­la­rer Demo­kra­tie auf­bau­en müs­sen, damit allen Bür­gern, säku­la­ren wie reli­giö­sen, die glei­chen Rech­te und Frei­hei­ten ein­ge­räumt sind. Wir brau­chen ein Modell für hete­ro­ge­ne, plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaf­ten, in denen sich alle Reli­gio­nen – ob christ­lich, jüdisch, mus­li­misch oder anders­gläu­big – frei und gleich­be­rech­tigt zur Gel­tung brin­gen.

Was muss in Gesell­schaft und Poli­tik pas­sie­ren, damit Juden sich sicher und gut auf­ge­ho­ben in Deutsch­land füh­len?

Homol­ka:
(…) Unser Bun­des­prä­si­dent hat es bei der Eröff­nung unse­res Euro­päi­schen Zen­trums für jüdi­sche Gelehr­sam­keit gera­de so for­mu­liert: Anti­se­mi­tis­mus ist immer ein Seis­mo­graph dafür, wie es um unse­re Demo­kra­tie steht. Je offe­ner, je aggres­si­ver er sich äußert, umso mehr gera­ten die Wer­te, auf denen unser Grund­ge­setz grün­det, gera­ten Ach­tung der Men­schen­wür­de und Tole­ranz in Gefahr. Das ist die Leh­re aus unse­rer Geschich­te. Sie ist Mah­nung und Auf­trag für die Gegen­wart und für die Zukunft.“

Was kann die katho­li­sche Kir­che dazu bei­tra­gen?

Homol­ka:
Äuße­re Kri­tik an der jüdi­schen Reli­gi­on ist seit Jahr­tau­sen­den eine trau­ri­ge Begleit­erschei­nung jüdi­scher Exis­tenz. Gera­de die christ­li­che Theo­lo­gie zeich­ne­te nur zu oft ein schwar­zes Bild vom Juden­tum: als einem ver­gan­ge­nen Phä­no­men, einer ver­blüh­ten Lie­be Got­tes. Reli­giö­ser und ras­si­scher Anti­se­mi­tis­mus waren die tra­gi­sche Fol­ge. Der Umschwung kam vor etwas mehr als 50 Jah­ren mit dem II. Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Johan­nes Paul II. bekann­te 1986 vor der Jüdi­schen Gemein­de Roms: Die jüdi­sche Reli­gi­on ist für uns nicht etwas Äußer­li­ches‘, son­dern gehört in gewis­ser Wei­se zum Inne­ren‘ unse­rer Reli­gi­on.“ Unauf­heb­ba­re Unter­schie­de zwi­schen Juden­tum und Chris­ten­tum wer­den blei­ben. Trotz­dem muss die For­mu­lie­rung einer gemein­sa­men Zukunfts­hoff­nung und die Benen­nung gemein­sa­mer Auf­ga­ben für die Gestal­tung der Welt als ein bahn­bre­chen­des Ergeb­nis des Pon­ti­fi­kats Johan­nes Pauls II. aner­kannt wer­den.

Die christ­li­chen Kir­chen bekla­gen einen gro­ßen Mit­glie­der­schwund und eine zuneh­men­de Säku­la­ri­sie­rung der Gesell­schaft. Wie sieht die Ent­wick­lung in den jüdi­schen Gemein­den aus? Wel­che Rol­le spielt das Juden­tum in Deutsch­land in 20 Jah­ren?

Homol­ka: Wo ich arbei­te, in Bran­den­burg, gehö­ren die meis­ten Men­schen über­haupt kei­ner reli­giö­sen Gemein­schaft an. Die Men­schen dort fin­den es unge­wöhn­lich, wenn jemand in die Syn­ago­ge, die Kir­che oder in einen bud­dhis­ti­schen Tem­pel geht. Der moder­ne Reli­gi­ons­dia­log soll­te aus der Ein­sicht leben: Alle, die reli­gi­ös musi­ka­lisch sind, sind auf einem Weg hin zu Gott. Wir soll­ten nicht mes­sen wol­len, wie­viel Wahr­heit die ein­zel­ne Reli­gi­on nun habe. Was wäre der Maß­stab?
1989 gab es in ganz Deutsch­land nur mehr 29.000 Jüdin­nen und Juden. Nach dem Fall der Mau­er aller­dings gab es einen Zuzug von 212.000 Kon­tin­gent­flücht­lin­gen. Dies führ­te dazu, dass es heu­te über 120 jüdi­sche Gemein­den in Deutsch­land gibt. Aber auch wir wer­den uns auf einem nied­ri­ge­ren Niveau kon­so­li­die­ren. Jun­ge Jüdin­nen und Juden zie­hen in die Bal­lungs­räu­me, älte­re Men­schen ster­ben. Wir wer­den mit­tel­fris­tig auf fünf­zig Jüdi­sche Gemein­den in Mit­tel- und Ober­zen­tren schrump­fen. Mei­ne Arbeit als Direk­tor des Ernst-Lud­wig-Ehr­lich-Stu­di­en­werks, der jüdi­schen Begab­ten­för­de­rung, zeigt mir aber: das Inter­es­se am Juden­tum bleibt bei unse­ren jun­gen Leu­ten unge­bro­chen. Des­halb macht es Sinn, sich wei­ter für die Aus­bil­dung von jüdi­schen Geist­li­chen zu enga­gie­ren, auf dass jüdi­sches Leben in Deutsch­land eine Zukunft hat.

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Wolfgang Krinninger

Chefredakteur

Zur Person

Rabbiner Walter Homolka

Rab­bi­ner Prof. Dr. Wal­ter Homol­ka ist Rek­tor des Abra­ham Gei­ger Kol­legs und Pro­fes­sor für Jüdi­sche Theo­lo­gie der Uni­ver­si­tät Pots­dam. Am 18. August weih­te Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er das neue Euro­päi­sche Zen­trum Jüdi­scher Gelehr­sam­keit in Pots­dam ein, das Homol­ka lei­tet. Der Vor­sit­zen­de der Leo Baeck Foun­da­ti­on wur­de im Sep­tem­ber 2021 in den Stra­te­gie­rat von Jean Clau­de Kar­di­nal Hol­le­rich beru­fen, des Prä­si­den­ten der Kom­mis­si­on der euro­päi­schen Bischofs­kon­fe­ren­zen und Gene­ral­re­la­tors der 16. Ordent­li­chen Bischofs­syn­ode 2023. Homol­ka ist seit 2017 Vor­stands­vor­sit­zen­der der Uni­on pro­gres­si­ver Juden in Deutsch­land KdöR, seit 2009 Direk­tor des Ernst-Lud­wig-Ehr­lich-Stu­di­en­werks. Als Mit­glied im Gesprächs­kreis Juden und Chris­ten beim Zen­tral­ko­mi­tee der deut­schen Katho­li­ken setzt er sich seit 20 Jah­ren für das Mit­ein­an­der der Reli­gio­nen ein. 2004 nahm ihn Staats­prä­si­dent Jac­ques Chi­rac in die fran­zö­si­sche Ehren­le­gi­on auf.

Sta­tio­nen sei­nes beruf­li­chen Wer­de­gangs waren zuvor die Baye­ri­sche Hypo­the­ken- und Wech­sel­bank, Ber­tels­mann, Green­peace, die Alfred-Herr­hau­sen-Gesell­schaft für inter­na­tio­na­len Dia­log und die Kul­tur-Stif­tung der Deut­sche Bank AG. Im Sep­tem­ber 2002 wur­de Wal­ter Homol­ka zum Rek­tor des Abra­ham-Gei­ger-Kol­legs, des ers­ten Rab­bi­ner­se­mi­nars in Deutsch­land seit der Scho­ah, ernannt.