Kein Zugriff auf die Unendlichkeit

Redaktion am 22.01.2024

2024 01 22 pb alb falcke teleskop Foto: IRAM-gre/CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)
Mit Radioteleskop-Anlagen wie dieser versuchen Wissenschaftler, den Kosmos zu erforschen. Mittlerweile sind sie so sogar in der Lage, Schwarze Löcher abzubilden.

„Nur Gott weiß alles“: Für Radioastronom Heino Falcke gehören Zweifel dazu.

Sein Foto ging um die Welt: 2019 gelang Hei­no Falcke und sei­nem Team die ers­te Auf­nah­me eines Schwar­zen Lochs im Welt­all. 20 Jah­re hat­te der deut­sche Astro­phy­si­ker und Pro­fes­sor an der Rad­boud-Uni­ver­si­tät in Nim­we­gen dar­auf hin­ge­ar­bei­tet, um die­sen sicht­ba­ren Nach­weis zu lie­fern. Als gläu­bi­ger Christ braucht er aller­dings nicht für alles Bewei­se, macht er im Exklu­siv-Inter­view deut­lich. Nur Gott weiß alles“, sagt er.

Herr Pro­fes­sor Falcke, sind Sie ein gläu­bi­ger Mensch?
Falcke:
Ja.

Wie beein­flusst Ihre Arbeit als Astro­nom Ihre Vor­stel­lung von Gott und Reli­gi­on?
Falcke:
Die Natur­wis­sen­schaf­ten zei­gen uns die Natur – Got­tes Schöp­fung. Die Astro­no­mie zeigt uns die Grö­ße und Schön­heit der Schöp­fung. Die Natur lehrt mich, mei­ne eige­nen Ideen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Das natur­wis­sen­schaft­li­che Expe­ri­ment ist da gna­den­lo­ser, als ich oft zu mir sel­ber bin. Das kann ich für mich sel­ber ler­nen, denn kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen öff­net den Weg, tie­fe­re Wahr­hei­ten zu ent­de­cken. Und danach suchen sowohl Natur­wis­sen­schaf­ten als auch Religionen.

2024 01 22 pb alb heino falcke Foto: Boris Breuer
Der 57-jährige Heino Falcke ist Professor für Astrophysik und Radioastronomie an der Radboud-Universität im niederländischen Nimwegen.

Waren Sie immer schon von der Wei­te des Alls fas­zi­niert?
Falcke:
Als Kind haben mich die Müll­män­ner mit ihren gro­ßen Wagen oft mehr inter­es­siert. Aber wenn ich dann im Bett lag, woll­te ich wis­sen, wie groß oder unend­lich der Him­mel ist. Die Fra­ge hat mich fast die gan­ze Zeit beglei­tet. Ich habe jetzt mit mei­ner Frau ein Buch mit dem Titel Keks­krü­mel im All – Wie groß ist die Unend­lich­keit?“ geschrie­ben, weil ich den­ke, dass jeder ein­mal dar­über nach­denkt, was sich hin­ter dem Nacht­him­mel verbirgt. 

Wel­che Wer­te sind für Sie wich­tig und wie spie­geln sie sich in Ihrer Arbeit wider?
Falcke
: Lie­be Gott und dei­nen Nächs­ten wie dich selbst.“ Ich kom­me die­sem Satz nicht immer per­ma­nent nach, doch in die­sem Wert steckt alles. Wer Gott, sich und die ande­ren lie­ben kann, hat schon fast alles erreicht. So arbei­te ich auch nach der Maxi­me, das Wohl der Mit­ar­bei­ter in den Vor­der­grund zu stel­len. Im Team kann man viel mehr errei­chen und auch neue Erfah­rung teilen. 

Kön­nen Sie die Rol­le der Astro­no­mie bei der Unter­su­chung und Erklä­rung der Welt näher erklä­ren?
Falcke:
Es geht nicht nur um das Ster­ne­gu­cken, die Astro­no­mie umfasst im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes alles:

Urknall, Gala­xien, Pla­ne­ten und letzt­lich auch die Erde. Wir benut­zen phy­si­ka­li­sche Geset­ze, die wir auf der Erde ent­deckt haben und wen­den sie im All an. Manch­mal tes­ten wir aber auch neue Geset­ze erst im All – zum Bei­spiel Ein­steins all­ge­mei­ne Rela­ti­vi­täts­theo­rie –, um sie dann erst spä­ter auf der Erde anzu­wen­den, in dem Fall zum Bei­spiel in unse­ren Navi­ga­ti­ons­sys­te­men. Die Astro­no­mie zeigt uns auch unse­ren Platz in die­sem Uni­ver­sum und wir fin­den, dass es mehr Ster­ne und Pla­ne­ten im All gibt, als es Sand­kör­ner an den Strän­den unse­rer Mee­re gibt. Die Bedeu­tung des Men­schen fin­den wir aber nicht durch Astronomie.

Wie gehen Sie mit der Fra­ge nach der Unend­lich­keit des Uni­ver­sums um, und wel­che Theo­rien oder Model­le wer­den dazu dis­ku­tiert?
Falcke:
Das Uni­ver­sum ist nicht unend­lich, weil es in einer end­li­chen Zeit erschaf­fen wur­de. Wir kön­nen nur einen end­li­chen Aus­schnitt sehen und wahr­neh­men, wis­sen aber nicht, ob es hin­ter dem Uni­ver­sum ein zwei­tes und hin­ter die­sem ein drit­tes gibt. Es ist Spe­ku­la­ti­on zu glau­ben, dass es neben dem Uni­ver­sum einen wei­te­ren Raum gibt. Das ist dann Meta­phy­sik. Auf die Unend­lich­keit haben wir kei­nen Zugriff.

So ganz neben­bei: Was war vor dem Urknall?
Falcke:
Das weiß ich nicht, das weiß kein Wis­sen­schaft­ler. Der bel­gi­sche Pries­ter und Astro­phy­si­ker Geor­ges Lemaît­re sag­te ein­mal, dass es eine Freu­de sei, zu sehen, dass eigent­lich der Urknall einen Schlei­er vor die Schöp­fung sel­ber lege. Dadurch war Gott der phy­si­ka­li­schen Unter­su­chung entzogen.

2024 01 22 pb alb falcke schwarzes loch Foto: EHT Collaboration
Das Schwarze Loch Sagittarius A* im Sternbild Schütze liegt im Zentrum der Milchstraße.

Wel­che ethi­schen Fra­gen oder Dilem­ma­ta kön­nen sich in Ihrer For­schungs­dis­zi­plin erge­ben?
Falcke:
Zum Glück wer­fen Ster­ne und Gala­xien sel­ber kei­ne gro­ßen ethi­schen Fra­gen auf. Astro­no­mie arbei­tet aber glo­bal zusam­men. Wie wir mit­ein­an­der umge­hen, ist daher eine wich­ti­ge Fra­ge, und wie wir mit den Men­schen und Res­sour­cen umge­hen in den Län­dern, in denen unse­re Tele­sko­pe ste­hen, ist dann schon ein The­ma. Astro­no­mie bie­tet auch das gro­ße Bild des Alls und unse­rer Erde, das wir im Prin­zip mit allen Men­schen auf der Welt tei­len. Dadurch haben wir eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung, unser Wis­sen mit der All­ge­mein­heit zu tei­len und ein Bewusst­sein für die­se gemein­sa­me Per­spek­ti­ve zu schaffen. 

Wie gehen Sie mit Zwei­feln und Unsi­cher­heit in Bezug auf Ihren Glau­ben an Gott um?
Falcke:
Zwei­fel gehö­ren bei bei­den dazu, Zwei­fel stär­ken einen. Ohne Zwei­fel kann ich mich schnell in fal­scher Selbst­si­cher­heit ver­ren­nen. Nur Gott weiß alles. Wer nicht zwei­felt, ist letzt­lich anma­ßend. Den­noch baut sich im Glau­ben und der Wis­sen­schaft mit der Zeit ein gewis­ses Fun­da­ment auf, auf dem man ste­hen kann. 

Ist ein wis­sen­schaft­li­ches Nar­ra­tiv ohne Gott­be­zug nüch­tern betrach­tet rea­lis­tisch?
Falcke:
Nein. Jeder hat eine Idee vom Ursprung, selbst wenn es ein unper­so­na­ler Ursprung ist. Auch das ist ein Got­tes­bild. Und unser Got­tes­bild beein­flusst, wie wir die Welt sehen. Die Astro­phy­sik geht bis an den Rand des phy­si­ka­lisch Mess­ba­ren und kommt damit letzt­lich immer auch mit dem Got­tes­bild in Berüh­rung – wenn man Gott hier als Ursprung und den unge­schaf­fe­nen ers­ten Bewe­ger definiert. 

Kann die Astro­no­mie hel­fen, das Ver­ständ­nis von Kli­ma und Umwelt auf der Erde zu ver­bes­sern?
Falcke:
Ich den­ke schon. Wenn wir das All und das Raum­schiff Erde sehen, erken­nen wir, wie ein­sam und ver­letz­lich unse­re Erde in den Wei­ten des Alls schwebt. Ob es ande­res Leben im All gibt, weiß ich nicht. Wir haben sicher kei­ne zwei­te Erde in Reich­wei­te, auf die wir aus­wan­dern kön­nen. Des­we­gen soll­ten wir mehr Bewusst­sein dafür haben, wie beson­ders sie ist. Die Erde sel­ber wer­den wir nicht zer­stö­ren kön­nen, aber wir kön­nen sie fast unbe­wohn­bar für uns machen.

Wel­ches Fazit zie­hen Sie in Bezug auf Astro­no­mie und Glau­ben?
Falcke:
Seit Jahr­tau­sen­den gibt es eine Koexis­tenz. Der Nacht­him­mel for­dert uns her­aus, wei­ter zu schau­en und wei­ter­zu­den­ken. Am Anfang waren Ster­ne und Pla­ne­ten Göt­ter. Im Juden- und Chris­ten­tum waren sie nur noch Lich­ter“, die wir unter­su­chen konn­ten, aber vie­le der gro­ßen Astro­no­men unse­rer Geschich­te waren tief gläu­bi­ge Men­schen, selbst ein Gali­leo, der mit der Amts­kir­che in Kon­flikt geriet. Für mich ist das All Aus­druck des krea­ti­ven Schöp­fers, so wie es Blu­men auf den Fel­dern sind. So ist es auch mit den Wor­ten Jesu in der Bibel: Ich kann sie unter­su­chen und ver­su­chen sie zu ver­ste­hen – oder ich kann sie ein­fach nur genießen.

Text: Andre­as Raffeiner/​CAP

Buchtipp

2024 01 22 pb alb falcke cover

Hei­no und Dag­mar Falcke: 

Keks­krü­mel im All – Wie groß ist die Unendlichkeit 

Das Buch von Hei­no und Dag­mar Falcke erscheint im März und kos­tet 16,90 Euro. 

Ver­lag Fischer Sauerländer 

ISBN 9783737372473

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