Bischof

Eine „Gewissensentscheidung, die mir alles andere als leicht gefallen ist“

Redaktion am 20.06.2023

2022 11 14 pb alb bischof stefan oster Foto: pbp
Bischof Stefan Oster SDB.

Vier Bischöfe haben gegen die Finanzierung des geplanten Synodalen Ausschusses über den Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) gestimmt. Neben den Bischöfen von Eichstätt, Regensburg und Köln zählt auch Bischof Stefan Oster aus Passau dazu. Im Interview erläutert er seine Position.

Herr Bischof Oster, über was wur­de heu­te kon­kret abge­stimmt? Und was sind die Fol­gen?
Bischof Ste­fan Oster:
Im ver­gan­ge­nen Febru­ar ist der Syn­oda­le Weg mit der letz­ten Syn­odal­ver­samm­lung vor­erst zu Ende gewe­sen. Aber die Ver­samm­lung hat­te zugleich eine klei­ner dimen­sio­nier­te Fol­ge­ver­an­stal­tung beschlos­sen: den Syn­oda­len Aus­schuss. Die­ser hat­te sein Ziel auch schon beschlos­sen, näm­lich einen Syn­oda­len Rat“ auf der Bun­des­ebe­ne für die Kir­che in Deutsch­land ein­zu­rich­ten – als ein neu­es Bera­tungs- und Ent­schei­dungs­gre­mi­um für die katho­li­sche Kir­che in unse­rem Land. Den Aus­schuss zu orga­ni­sie­ren kos­tet Geld. Vie­le Bischö­fe wol­len, dass der Ver­band der Diö­ze­sen Deutsch­lands (VDD), der der Rechts­trä­ger der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz ist, dafür die Mit­tel bereit­stellt und zusätz­lich neue Stel­len dafür schafft. Für sol­che Ent­schei­dun­gen des VDD braucht es aber Ein­stim­mig­keit. Und weil es die nicht gege­ben hat, ist nun nicht mehr die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz Geld­ge­ber und Mit­ver­an­stal­ter“ des Syn­oda­len Aus­schus­ses, son­dern die ein­zel­nen Bis­tü­mer – und gege­be­nen­falls eine neue Trä­ger­struk­tur. Doch das wird man sehen.

Was hat Sie bewo­gen, mit nein zu stim­men?
Bischof Ste­fan Oster:
Zuerst war die Ent­schei­dung geprägt von den Erfah­run­gen aus den gro­ßen Syn­odal­ver­samm­lun­gen in Frank­furt. Ich habe die­se nicht in dem Sinn als syn­odal“ erlebt, wie das Papst Fran­zis­kus ver­steht. Es war jedes Mal sehr stark poli­tisch moti­viert mit kla­ren Ziel­set­zun­gen für sehr bestimm­te Reform­vor­schlä­ge – die im Kern der gro­ßen Mehr­heit von Anfang an vor Augen stan­den. Ich bin auch zutiefst davon über­zeugt, dass unse­re Kir­che Refor­men braucht, aber ich sehe die­se sehr viel stär­ker in der Suche nach Wegen der Ver­tie­fung und Erneue­rung des Glau­bens als in der Arbeit an Reform­vor­schlä­gen, die seit Jahr­zehn­ten zur Agen­da einer Kir­che in einer sich immer wei­ter libe­ra­li­sie­ren­den Gesell­schaft gehören.

Was mir wich­tig ist: Der sexu­el­le Miss­brauch in der Kir­che ist eine Kata­stro­phe, die mich wirk­lich erschüt­tert. Daher braucht es auch sys­te­mi­sche Ver­än­de­run­gen, für die es gute Impul­se auch vom Syn­oda­len Weg gibt. Und tat­säch­lich arbei­ten wir an sys­te­mi­schen Ver­än­de­run­gen auch schon län­ger und inten­siv: Zum Bei­spiel durch die Ein­rich­tung neu­er Gre­mi­en wie den Bera­ter­stab, die unab­hän­gi­gen Auf­ar­bei­tungs­kom­mis­sio­nen, die Betrof­fe­nen­bei­rä­te, durch Inter­ven­ti­ons- und Prä­ven­ti­ons­ord­nun­gen und eini­ges ande­re mehr. Wich­tig ist mir aber auch, dass wir das tun, ohne das zu ver­än­dern, was ich den sakra­men­ta­len Kern unse­res Ver­ständ­nis­ses vom Men­schen und von der Kir­che nenne.Dazu kam schließ­lich auch noch, dass vom Vati­kan fort­wäh­rend deut­li­che Ein­sprü­che gegen den Syn­oda­len Weg gekom­men sind. Zuletzt ins­be­son­de­re das Ver­bot, einen Syn­oda­len Rat ein­zu­rich­ten – mit der aus­drück­li­chen Bekräf­ti­gung des Papstes.

2023 06 20 pb alb synodaler weg bischof stefan oster Foto: Synodaler Weg / Robert Kiderle
Bischof Stefan Oster bei der Regionenkonferenz des Synodalen Wegs am 4. September 2020 in München.

Im Zen­trum der Kri­tik steht der Syn­oda­le Aus­schuss, durch den der Syn­oda­le Rat vor­be­rei­tet wer­den soll. War­um ste­hen Sie die­sem Gre­mi­um kri­tisch gegen­über?
Bischof Ste­fan Oster:
Zunächst: In allen Diö­ze­sen gibt es längst syn­oda­le Gre­mi­en“, also Ver­samm­lun­gen, in denen Kle­ri­ker und Lai­en mit­ein­an­der bera­ten und Teil­ha­be an Ent­schei­dun­gen gelebt wird. Die aller­meis­ten wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die ich tref­fe, etwa in Finanz- oder Per­so­nal­fra­gen, wer­den mit­ein­an­der in Gre­mi­en bera­ten und abge­stimmt. Auch auf der Bun­des­ebe­ne haben wir sol­che Gre­mi­en. Für Papst Fran­zis­kus – und die gan­ze Tra­di­ti­on der Kir­che – ist es aber wesent­lich, dass die Bischö­fe in ihrer Letzt­ver­ant­wor­tung frei bleiben.

Der Syn­oda­le Rat will aber eine ver­bind­li­che und zugleich frei­wil­li­ge Selbst­bin­dung der Bischö­fe an Mehr­heits­vo­ten. Das ist von Rom deut­lich kri­ti­siert wor­den. Zudem: Die Zusam­men­set­zung des Syn­oda­len Aus­schus­ses ist bereits jetzt schon so beschlos­sen, dass sich Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen, die sich in wich­ti­gen The­men der gel­ten­den katho­li­schen Leh­re ver­pflich­tet füh­len, noch stär­ker mar­gi­na­li­siert wissen.

2023 06 20 pb alb synodaler weg2 Foto: Synodaler Weg / Maximilian von Lachner
Fünfte Synodalversammlung des Synodalen Weges (09.-11. März 2023): Beratungen der Synodalversammlung.

Vie­le Men­schen sind ent­täuscht. Wie erklä­ren Sie Ihnen die­ses Veto?
Bischof Ste­fan Oster:
Tat­säch­lich gibt es bei­des: Gro­ße Ent­täu­schung auf der einen Sei­te und gro­ße Dank­bar­keit auf der ande­ren Sei­te. Schon nach weni­gen Stun­den hat­te ich z.B. auf mei­ne Social Media-Kanä­len hun­der­te dank­ba­re Zustim­mun­gen. Den Ent­täusch­ten will ich sagen: Ich möch­te in jedem Fall mit ihnen in der Weg­ge­mein­schaft des Glau­bens und vor allem im ehr­li­chen Gespräch blei­ben. Und ich möch­te auch dar­um bit­ten, mei­ne Ent­schei­dung als eine Gewis­sens­ent­schei­dung zu respek­tie­ren, die mir alles ande­re als leicht gefal­len ist. Was am Ende den Aus­schlag gege­ben hat: Dass ich der Über­zeu­gung bin, dass die Glau­bens­fra­gen, die hin­ter den Reform­wün­schen ste­hen, sehr tief rei­chen und ent­schei­dend sind: Es geht um unser Men­schen­bild und unser Ver­ständ­nis von Kirche.

Wird damit der Keil nicht noch tie­fer in die katho­li­sche Kir­che in Deutsch­land getrie­ben?
Bischof Ste­fan Oster:
Ja, das ist wirk­lich trau­rig. Aber im Grun­de kommt auch ans Licht, was seit eini­gen Jah­ren schon da ist. Ich füh­le mich auch nicht wohl ange­sichts der Vehe­menz, mit der der Syn­oda­le Weg und sei­ne The­men vor­an­ge­trie­ben wur­den. Und ich habe zahl­rei­che Stim­men aus Rom und aus der Welt­kir­che ver­nom­men, die sich gro­ße Sor­gen um die Kir­che in Deutsch­land machen.

Tat­säch­lich glau­be ich, dass eine grund­sätz­li­che Libe­ra­li­sie­rung in Struk­tu­ren und The­men am Ende die Selbst­sä­ku­la­ri­sie­rung unse­rer Kir­che nur beschleu­ni­gen und nicht den ver­lo­re­nen Glau­ben zurück­brin­gen wird. Und unse­re gesell­schaft­li­che Rele­vanz wird auch nicht dadurch ver­mehrt, wenn wir in wesent­li­chen Fra­gen nichts ande­res mehr zu sagen haben, als die Mehr­heits­ge­sell­schaft ohne­hin erklärt. Sie ken­nen das Bild, in dem Jesus von dem Salz spricht, das schal gewor­den ist …

In der Mel­dung heißt es: Sie wol­len den Weg zu einer syn­oda­le­ren Kir­che in ihren Bis­tü­mern gemein­sam und abge­stimmt mit dem syn­oda­len Pro­zess der Welt­kir­che gehen. Was bedeu­tet das?
Bischof Ste­fan Oster:
Syn­oda­li­tät ist ein Wort, das Papst Fran­zis­kus wie­der neu ein­ge­bracht hat – und das nach sei­nem Ver­ständ­nis zum Wesen der Kir­che gehört: Gemein­sam gehen. Und in der Welt­kir­che wird gera­de eine Syn­ode dar­über orga­ni­siert, wie wir eigent­lich Syn­oda­li­tät ver­ste­hen und leben kön­nen – als einen geist­li­chen Pro­zess und im Stil des erneu­er­ten Mit­ein­an­ders von Kir­che. Ich habe vor­ge­schla­gen, dass wir nun die Ergeb­nis­se unse­res deut­schen Syn­oda­len Weges erst ein­mal in den Pro­zess der Welt­kir­che ein­brin­gen – und dann am Ende sehen, was wir nach den bei­den Bischofs­syn­oden in die­sem und im nächs­ten Jahr als Ergeb­nis vom Papst bekom­men. Und danach kön­nen wir uns neu fra­gen, wel­che Gre­mi­en, gege­be­nen­falls auch wel­che neu­en Gre­mi­en braucht es, um Syn­oda­li­tät zu leben? Ich mei­ne, wir soll­ten das nicht ein­fach vor­weg­neh­men, zumal nicht nach dem Brief aus Rom vom ver­gan­ge­nen Januar.

Offen­bar fehlt es bei ein­zel­nen Diö­ze­san­bi­schö­fen an Ernst­haf­tig­keit!“, so lau­tet eine ers­te Stel­lung­nah­me vom ZdK (Irme Stet­ter-Karp). Was ent­geg­nen Sie?
Bischof Ste­fan Oster:
Ich wür­de mir wün­schen, sie hät­te mir in den letz­ten Wochen und Mona­ten ins Herz sehen kön­nen – wie nahe mir das alles geht. Wie soll­te ich mich ohne Ernst­haf­tig­keit zu einer Gewis­sens­ent­schei­dung durch­rin­gen, mit der ich mich dann – lei­der – gegen die deut­li­che Mehr­heit mei­ner Mit­brü­der im Bischofs­amt stelle?

Es sol­len alter­na­ti­ve Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten des Syn­oda­len Aus­schus­ses gesucht wer­den. Wie bewer­ten Sie das?
Bischof Ste­fan Oster:
Ich kann das noch nicht bewer­ten, weil ich nicht weiß, in wel­che Rich­tung es jetzt gehen wird. Klar ist aber, dass die Mehr­heit der Bischö­fe trotz­dem einen Syn­oda­len Aus­schuss ein­rich­ten will.

Wolfgang krinninger

Wolfgang Krinninger

Chefredakteur

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