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Soziales

Traumjob am Abgrund

Redaktion am 22.06.2021

KW26 S03 Diakon PB Fotos: Privat
"Da wird man still und schluckt." Mit dem jeder Schwimmweste auf der riesigen Deponie ist ein menschlisches Schicksal verbunden. Den Anblick lässt den Feichtner Diakon Günther Jäger nicht mehr los. Die Zubereitung der Mahlzeiten gehört zu seinen Aufgaben auf Lesbos. "Es gibt keine schönere Aufgabe, als hier den Menschen zu helfen", sagt er.

Ende Mai ist Günther Jäger, der als Diakon im Pfarrverband Feichten tätig ist, nach Lesbos aufgebrochen. Doch ein Urlaub ist es nicht – er arbeitet dort zehn Wochen als Flüchtlingshelfer und blickt täglich in Abgründe der Menschheit.

Oberbuch/​Lesbos. Dem 65-Jäh­ri­gen war es ein Bedürf­nis, an die Rän­der zu gehen, wie es Papst Fran­zis­kus gefor­dert hat. Täg­lich fährt er ins Lager Kara Tepe 2 (RIC Les­vos), nahe dem Lager Moi­ra, wel­ches durch einen Brand zer­stört wor­den ist. In dem pro­vi­so­ri­schen Lager leben etwa 7500 Men­schen, dar­un­ter 2500 Kinder. 

Die Lage ist desaströs”

Günther Jäger

Die Lage ist desas­trös“, sagt Gün­ther Jäger. Die Bli­cke der Men­schen, der Müt­ter, Väter und Kin­der berüh­ren mich sehr. Sie schau­en uns hil­fe­su­chend an. Doch wir kön­nen nicht allen hel­fen, son­dern müs­sen uns auf die beschrän­ken, die die Hil­fe am meis­ten benö­ti­gen. Das sind die neu ange­kom­me­nen Flücht­lin­ge, wel­che die ers­ten zehn Tag im abge­schlos­se­nen Qua­ran­tä­ne­be­reich unter­ge­bracht sind. Dort sind schein­bar gesun­de und die­je­ni­gen mit Covid-Ver­dacht“, berich­tet Jäger. 

Täg­lich ist er meh­re­re Stun­den im Camp unter­wegs, je nach­dem was zu tun ist. Der weit­aus größ­te Teil der Flücht­lin­ge vege­tiert in Zel­ten auf Sand­bo­den zwi­schen Abwas­ser­grä­ben und stau­bi­gen Wegen. Alles ist eng auf eng. Der Müll und der Gestank aus den Kloa­ken ist teil­wei­se grau­sam“, fasst er zusammen.

KW26 S01 Diakonfreude PB Foto: Christine Limmer
Die Dankbarkeit der Menschen ist der schönste Lohn: Diakon Günther Jäger bei seinem Einsazt als Flüchtlingshelfer im Lager Kara Tepe 2 auf der Insel Lesbos.

Der weit­aus größ­te Teil der Flücht­lin­ge vege­tiert in Zel­ten auf Sand­bo­den zwi­schen Abwas­ser­grä­ben und stau­bi­gen Wegen. Alles ist eng auf eng. Der Müll und der Gestank aus den Kloa­ken ist teil­wei­se grausam”

Günther Jäger

Die Arbeit hier stel­le ihn täg­lich vor neue Her­aus­for­de­run­gen. Hier macht jeder alles. Essen vor­be­rei­ten, die Zuta­ten her­rich­ten, Essen­s­por­tio­nen in die Scha­len abfül­len. Ins­ge­samt wer­den bis zu 1200 Mahl­zei­ten für die Flücht­lin­ge bereit­ge­stellt und etwa 100 Mahl­zei­ten für Men­schen außer­halb des Camps. Ich fah­re nahe­zu täg­lich vor­mit­tags die Außen­tour‘. Ich bin mit einem klei­nen Auto durch die engen Gas­sen von Myti­li­ne unter­wegs, um Bedürf­ti­ge außer­halb des Camps mit einer war­men Mahl­zeit und sons­ti­gen Hilfs­mit­teln wie Sei­fe oder Dusch­gel zu versorgen.“

Für die Flücht­lin­ge ist die Lage nicht ein­fach: Über 30 Grad, die Son­ne bren­ne, die Zel­te bestün­den aus Pla­nen, unter denen die Hit­ze uner­träg­lich sei. Die Was­ser­ver­sor­gung erfol­ge über gro­ße Schlauch­tanks an einer Stel­le des Camps und klei­ne­ren Ver­teil­sta­tio­nen für Trink- und Brauch­was­ser. Hun­der­te Dixi­toi­let­ten stün­den in gro­ßen Abtei­lun­gen zusam­men. In den Abschie­be­ge­fäng­nis­sen sei es eng und sti­ckig, je nach Bele­gung, so berich­tet Jäger.

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Ein­kau­fen sei für die Flücht­lin­ge kaum mög­lich. Ihnen stellt die grie­chi­sche Regie­rung 70 Euro pro Monat zur Ver­fü­gung. Kin­der bekom­men kein Geld. – Zum Ver­gleich: Ein Stan­gen­brot kos­tet in Grie­chen­land 1,20 Euro. – Im Abschie­be­ge­fäng­nis bekä­men die Men­schen noch weni­ger und müss­ten ihr Essen von ihren kor­rup­ten Bewa­chern erkau­fen, so hat es Gün­ther Jäger erfahren.

Im Lager auf Les­bos gibt es aber auch Licht­bli­cke, die dem Dia­kon Kraft, Zuver­sicht und Mut geben wei­ter­zu­ma­chen. Ein beson­ders schö­nes Erleb­nis war es für mich, als ich einer allein­ste­hen­den jun­gen Mut­ter mit drei Kin­dern einen Kin­der­wa­gen brin­gen konn­te, den sie so drin­gend brauch­te. Wir haben nicht vie­le davon in unse­rem Lager und gehen sehr sorg­sam damit um, wie mit allen Spen­den, die wir hier ver­wal­ten. Die freu­de­strah­len­den Augen der Mut­ter zu sehen, war ein zu Her­zen gehen­der Moment für mich – schon weil ich selbst bald wie­der Opa werde.“ 

Ein beson­ders schö­nes Erleb­nis war es für mich, als ich einer allein­ste­hen­den jun­gen Mut­ter mit drei Kin­dern einen Kin­der­wa­gen brin­gen konn­te, den sie so drin­gend brauch­te. Wir haben nicht vie­le davon in unse­rem Lager und gehen sehr sorg­sam damit um, wie mit allen Spen­den, die wir hier ver­wal­ten. Die freu­de­strah­len­den Augen der Mut­ter zu sehen, war ein zu Her­zen gehen­der Moment für mich – schon weil ich selbst bald wie­der Opa werde.”

Günther Jäger

Vor kur­zem fei­er­ten eini­ge Afri­ka­ner einen klei­nen Got­tes­dienst, berich­tet der Dia­kon. Da sei er kurz hin­ge­gan­gen, um das Gesche­hen am Ran­de mit­zu­ver­fol­gen. Es hat mich sehr berührt, wie inten­siv gebe­tet, gepre­digt und gesun­gen wurde.“

Jäger hadert damit, dass die grie­chisch-ortho­do­xe Kir­che kei­ner­lei Unter­stüt­zung für die Flücht­lin­ge leis­tet. Gera­de das Gegen­teil sei der Fall. Die ortho­do­xe Kir­che hier will die Flücht­lin­ge weg haben und ver­ur­teilt jede Hil­fe. Man fei­ert hier täg­lich Got­tes­diens­te, bekreu­zigt sich hun­dert Mal, küsst die Iko­nen, betet zu Gott und ist zugleich ein gro­ßer Geg­ner der Flücht­lin­ge und deren Hel­fer. Wie passt denn das zusam­men? Für mich hat das mit Kir­che und Glau­ben nichts mehr zu tun. Ich ken­ne mitt­ler­wei­le eini­ge Ein­hei­mi­sche, die aus die­sem Grund mit ihrer Kir­che hier nichts mehr zu tun haben wollen.“ 

Es hat mich sehr berührt, wie inten­siv gebe­tet, gepre­digt und gesun­gen wurde.”

Günther Jäger
KW26 S03 diakon kueche PB

Ein wei­te­res scho­ckie­ren­des Erleb­nis sei es gewe­sen, als er mit Kol­le­gen nach der täg­li­chen Arbeit nach Moly­vos an die engs­te Stel­le zwi­schen Les­bos und der Tür­kei gefah­ren ist. Täg­lich patrouil­lie­ren hier Küs­ten­wa­che und Fron­tex­schif­fe samt Heli­ko­ptern mit Wär­me­bild­ka­me­ras und Droh­nen. Wenn Flücht­lin­ge geor­tet wer­den, wer­den sie oft in tür­ki­sche Gewäs­ser zurück­ge­schleppt, so hät­ten es ein­hei­mi­sche Fischer berich­tet. An einem ver­steck­ten Ort, schlecht über Feld­we­ge zu errei­chen, befin­det sich eine Depo­nie mit Tau­sen­den Schwimm­wes­ten sowie zer­fetz­ten Schlauch­boo­ten und sons­ti­ge Schwimm­hilfs­mit­tel. Vie­le erreich­ten die ver­meint­li­che Frei­heit – vie­le jedoch auch nicht. Manch­mal wird hier alles ange­zün­det. Es kom­me ja immer wie­der was dazu. Hier zu ste­hen, dass muss man aus­hal­ten. Da wird man still und schluckt“, sagt Jäger. Ganz tief in mir regt sich die Fra­ge: War­um nur, Gott, war­um lässt du das zu…?‘“

War­um nur, Gott, war­um lässt du das zu…?”

Günther Jäger

Trotz allem hat es Jäger noch kei­ne Sekun­de bereut, dort­hin gefah­ren zu sein. Es gibt für mich kei­ne schö­ne­re Auf­ga­be, als hier zusam­men mit einem groß­ar­ti­gen Team alles zu ver­su­chen, Men­schen zu hel­fen.“ Ein Bier mit dem Team am Abend, etwas Sport oder lan­ge Spa­zier­gän­ge, die Lau­des, die Ves­per und die Kom­plet, ein stil­les Gespräch mit Gott unter­wegs und das täg­li­che Tele­fo­nat mit sei­ner Frau Uschi am Abend hel­fen, den Kopf für den nächs­ten Tag frei zu bekom­men, um bei die­ser Arbeit am Ran­de der Zivi­li­sa­ti­on den Mut nicht zu verlieren.

Text: Chris­ti­ne Limmer

Mehr über Günther Jägers Reise lesen Sie hier:

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