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Bistum

Himmlisches Versicherungspaket

Werner Friedenberger am 24.02.2022

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Die heilige Zahnreißerin in der Filialkirche von Roggersing (Pfarrei Grattersdorf): Apollonia mit ihren Attributen Zahn und Beißzange. Unschwer zu erkennen: sie ist Patronin der Zahnkranken. – Bild unten: Die Marter des heiligen Vitus in einem siedenden Ölkessel; Altarblatt in der Filialkirche St. Veit (Pfarrei Bad Birnbach).

Die Zahl ist groß. In Deutschland soll es etwa eine halbe Milliarde Versicherungsverträge geben – sozusagen von der Wiege bis zur Bahre. In Zeiten, als es das alles noch nicht gab und es auch mit der ärztlichen Heilkunst nicht so weit her war, setzten Menschen auf den Beistand von Schutzheiligen, auf ein himmlisches Versicherungspaket.

Nicht nur gegen Feu­er, Hagel, Was­ser, Sturm und Tier­seu­chen schnür­ten die Men­schen frü­her ein himm­li­sches Ver­si­che­rungs­pa­ket. Ging es um Leib und Leben, um Krank­hei­ten von Kopf bis Fuß, war vor allem die Apo­the­ke des Him­mels gefragt. Man­chen mag das als kuri­os anmu­ten­des Sam­mel­su­ri­um exo­ti­scher Hei­li­ger gel­ten. Doch in frü­he­ren Zei­ten, als das Leben bekann­ter­ma­ßen bedroh­li­cher und das gewöhn­li­che Volk den Quack­sal­bern aus­ge­lie­fert war, war die Anru­fung der Hei­li­gen ein zen­tra­ler Bestand­teil der Lebensbewältigung. 

die Apo­the­ke des Himmels”

Werner Friedenberger

Man ver­trau­te sich in sei­nen Ängs­ten und Nöten den himm­li­schen Mäch­ten an, bat sie um exis­ten­ti­el­le Din­ge: Schutz vor schlech­tem Wet­ter, um eine gute Ern­te oder Hei­lung von einer Krank­heit. Letz­te­res war eine lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­me, an jeder Ecke lau­er­ten mit­tel­al­ter­li­che Schar­la­ta­ne und Kurpfuscher.

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Mar­kus Hofer und Andre­as Rudi­ger in ihrem Buch über Die 14 Not­hel­fer“: Sie waren Hel­din­nen und Hel­den und dien­ten als Vor­bil­der, sie boten Ori­en­tie­rung und mach­ten Mut. Dass es für ihr Leben kaum his­to­ri­sche Bele­ge gibt, spiel­te kei­ne Rol­le. Im Gegen­teil, die bio­gra­fi­schen Lücken wur­den mit aben­teu­er­li­chen Hel­den­ge­schich­ten gefüllt: Die Mär­ty­rer über­leb­ten Kämp­fe mit Dra­chen, Bäder im kochen­den Öl und konn­ten von ihren Geg­nern meist nur durch Ent­haup­tung gestoppt wer­den.“ Die Autoren in ihrem Fazit: Die­se Legen­den sind heu­ti­gen Fan­ta­sy-Geschich­ten nicht unähn­lich, sie punk­ten beim Publi­kum mit Ner­ven­kit­zel und einer Pri­se Hor­ror. Jede Zeit hat ihre Hel­den. Heu­te sind es Sport­ler, Pop­stars oder Film­schau­spie­ler, frü­her waren es eben Hei­li­ge. Je hel­den­haf­ter ihre Geschich­te, des­to mehr trau­te man ihnen zu.“

Vier Apo­the­ker des Him­mels“ sol­len in die­ser Repor­ta­ge kurz vor­ge­stellt wer­den. Zunächst ein Besuch in der Fili­al­kir­che von Rog­ger­sing (Pfar­rei Grat­ters­dorf); dort befin­det sich die hei­li­ge Apol­lo­nia, die Patro­nin der Zahn­kran­ken (Gedenk­tag: 9. Febru­ar). Die Grün­de für Apol­lo­ni­as Patro­nat lie­gen auf der Hand. Man muss sich nur in die Ver­gan­gen­heit zurück­ver­set­zen und sich die dama­li­ge Zahn­me­di­zin“ vor Augen hal­ten. Frü­her gab es kei­ne Zahn­ärz­te im heu­ti­gen Sinn, viel­mehr waren es Zahn­bre­cher, Schmie­de und Schar­la­ta­ne, die von Dorf zu Dorf zogen und auf Jahr­märk­ten den Lei­den­den die Zäh­ne aus den Kie­fern her­aus­bra­chen. Schon der Anblick der frü­he­ren Instru­men­te ist haar­sträu­bend. Dabei soll­te auch nicht ver­ges­sen wer­den, dass die gesam­te Behand­lung ohne irgend­wel­che Art von Betäu­bung statt­fand. Die Furcht vor dem Zahn­rei­ßer war mehr als berech­tigt und erklärt, wes­halb die Leu­te lie­ber den Him­mel um Hil­fe anfleh­ten, als sich sol­chen Qua­len zu unterwerfen. 

Namen­ge­bend wur­de der hei­li­ge Vitus (Gedenk­tag: 15. Mai) für ein Dorf im Rot­tal bei Bad Birn­bach – auf dem Orts­schild steht St. Veit“. Sei­ne Mar­ter hat ein unbe­kann­ter Künst­ler auf dem Altar­blatt der Fili­al­kir­che unter die Haut gehend gemalt: Tod in einem sie­den­den Ölkes­sel. Hei­li­gen­le­gen­den emp­feh­len ihn um Hil­fe bei Auf­re­gung, Hys­te­rie, Hun­de- und Schlan­gen­biss, gegen Krämp­fe, Toll­wut und Epi­lep­sie, bett­näs­sen­de Kin­der, Augen- und Ohren­lei­den, Unwet­ter, Blitz und Feu­ers­ge­fahr, Unfrucht­bar­keit.

Die 14 Not­hel­fer sind ein geschick­tes Modell, das sich im Zuge der katho­li­schen Hei­li­gen­ver­eh­rung her­aus­ge­bil­det hat­te. Die Logik dahin­ter, so Volks­kund­ler, dürf­te eine ein­fa­che und boden­stän­di­ge gewe­sen sein: Wenn es hilft, in der Not einen Hei­li­gen anzu­ru­fen, umso mehr muss es dann hel­fen, vie­le Hei­li­ge gleich­zei­tig anzu­ru­fen.“ Zu ihnen gehö­ren der hei­li­ge Dio­ny­si­us (Gedenk­tag: 9. Okto­ber) und der hei­li­ge Pan­ta­le­on (Gedenk­tag: 27. Juli), bei­de zu sehen an einem Sei­ten­al­tar der Stadt­pfarr­kir­che von Neuöt­ting. Und bei­de spiel­ten eine gro­ße Rol­le, wenn ein Mit­tel gegen Kopf­weh gesucht wur­de.

War­um das so ist, wird in der bil­den­den Kunst dras­tisch dar­ge­stellt. Dio­ny­si­us trägt den abge­schla­ge­nen Kopf auf sei­nen Hän­den, dar­un­ter die Bibel. Nach der Hin­rich­tung, so erzählt die Legen­de, soll er sei­nen Kopf auf­ge­ho­ben und noch sechs Kilo­me­ter weit gegan­gen sein bis zu dem Ort, an dem er begra­ben sein woll­te.

Und der über­zeug­te Christ Pan­ta­le­on soll gesagt haben: Lie­ber sol­len mei­ne Hän­de ver­dor­ren, als dass ich sie zum Schwur der heid­ni­schen Göt­ter erhe­be.“ An einem Oli­ven­baum ange­bun­den nagel­ten ihm sei­ne Pei­ni­ger des­halb bei­de Hän­de auf den Kopf. Auch wenn er heut­zu­ta­ge vie­len wohl nichts mehr bedeu­tet, gilt ein Gebet noch immer: Hei­li­ger Pan­ta­le­on, du weißt, wie schwer es ist, krank zu sein ohne Hoff­nung auf Hei­lung und oft ist es noch schwe­rer, Men­schen lei­den zu sehen; Men­schen, die wir lie­ben und denen wir nicht hel­fen kön­nen. Erbit­te den Ärz­ten, denen wir Ver­trau­en schen­ken, Weis­heit und Geduld zur rech­ten Behand­lung.“

Zur Wahr­heit gehört auch, dass dort, wo in der moder­nen Medi­zin die Mög­lich­kei­ten der Hei­lung erschöpft sind, der Mensch, beson­ders in ver­zwei­fel­ten und hoff­nungs­lo­sen Situa­tio­nen, einst­mals – wie auch heu­te – an die Hel­fer im Him­mel denkt.

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Werner Friedenberger

stellv. Chefredakteur

Der verlorene Zahn

Wie Apollonia doch noch zu ihrem Attribut kam.

Ein altes Foto im Archiv des Kunst­re­fe­ra­tes der Diö­ze­se Pas­sau brach­te den Bis­tums­blatt-Redak­teur auf die Spur, dass in der Fili­al­kir­che Rog­ger­sing (Pfar­rei Grat­ters­dorf) sich eine Figur der hei­li­gen Apol­lo­nia befin­det – mit ihren Attri­bu­ten Zahn und Beiß­zan­ge. Ein Foto­ter­min mit Mes­ne­rin Mari­an­ne Liebl war schnell aus­ge­macht. Doch beim Tele­fo­nat stell­te sich her­aus, dass die Hei­li­ge längst kei­nen Zahn mehr in der Beiß­zan­ge hält. In all der Zeit ist er ein­mal ver­lo­ren gegan­gen. Guter Rat war gefragt. Ein Bild in der Kir­chen­zei­tung ohne Zahn wäre nur die hal­be Mie­te gewe­sen. Obwohl die Opfer­be­reit­schaft von Jour­na­lis­ten gele­gent­lich hoch ist, kam für den Mann vom Bis­tums­blatt nicht in Fra­ge, sich fürs per­fek­te Foto­mo­tiv sel­ber einen Zahn zie­hen zu las­sen… Doch Rat und Tat sind in Rog­ger­sing daheim. Franz Liebl, Ehe­mann der Mes­ne­rin und hand­werk­lich geschickt, wuss­te sich zu hel­fen. Kur­zer­hand schnitz­te er nach Fei­er­abend für die hei­li­ge Apol­lo­nia einen Zahn aus Holz. Natür­lich hät­te er ein so makel­lo­ses Exem­plar machen kön­nen, wie wir es im Fern­se­hen aus der Zahn­pas­ta-Wer­bung ken­nen. Doch er hielt sich genau an die his­to­ri­schen Vor­ga­ben auf dem alten Archiv­bild. Und so ist die hei­li­ge Apol­lo­nia von Rog­ger­sing nach kur­zer Behand­lung wie­der zu ihrem Zahn gekommen.