Soziales

Genussvoller Verzicht

Wolfgang Krinninger am 25.09.2019

Wenn jemand kein Fleisch essen will, kann ich das verstehen. Schließlich kommen fast täglich neue, hässliche Tiertransport- oder Schlachthofbilder in Umlauf. Und dass der enorme Fleischkonsum in den Industrienationen den Klimawandel beschleunigt, ist mittlerweile auch kein Geheimnis mehr.


Aber muss man gleich zum Vega­ner wer­den und auf alle tie­ri­schen Pro­duk­te ver­zich­ten? Ich geb‘s zu: Das klang für mich bis­her doch sehr nach Aske­se und Freudlosigkeit. 

Bis zu jenem Diens­tag­abend in Ber­lin. Mit Kol­le­gen besu­che ich abends ein klei­nes Restau­rant im Zen­trum. Vie­le jun­ge, chi­ce und unglaub­lich freund­li­che Men­schen wuseln durch den Raum, um die kuli­na­ri­schen Wün­sche der Gäs­te zu erfül­len. FREA steht über dem Ein­gang. In der Küche die­ses vega­nen Restau­rants wer­den aus­schließ­lich Pro­duk­te von Bio­bau­ern und ande­ren Lie­fe­ran­ten aus der Regi­on ver­ar­bei­tet. Damit nicht genug: Das Gast­haus pro­du­ziert kei­nen Müll. Selbst die Essens­res­te wer­den in einer haus­ei­ge­nen Kom­pos­tier­ma­schi­ne ver­ar­bei­tet und gehen als Boden­er­satz­stoff zurück an die Lie­fe­ran­ten. Und jetzt stel­len Sie sich vor: Die kön­nen auch noch kochen. Ich habe her­vor­ra­gend geges­sen: Gemisch­te Vor­spei­sen und pikan­te Spa­get­ti mit einer Mais­creme-Sau­ce und mit Pfif­fer­lin­gen gar­niert. Es stimmt, was FREA als Unter­ti­tel gewählt hat: Full Tas­te, zero was­te (auf deutsch: vol­ler Geschmack, kein Müll).

Inner­halb von ein­ein­halb Stun­den wur­de an die­sem Abend ein Vor­ur­teil genuss­voll abser­viert. Es lös­te sich in Rauch auf. Wie scha­de wäre es gewe­sen, wenn ich mich auf die­ses Expe­ri­ment nicht ein­ge­las­sen hät­te, wenn ich an die­sem Restau­rant vor­bei­ge­gan­gen wäre, nur weil es nicht mei­nen (Ess-)Gewohnheiten ent­sprach. Es sind immer wie­der Augen­bli­cke wie die­ser, die unser Leben rei­cher machen. 

Der Sozio­lo­ge Hart­mut Rosa nennt das die Fähig­keit, sich von der Welt berüh­ren zu las­sen. Wenn wir uns nicht mehr anru­fen und ver­wan­deln las­sen, oder wenn wir auf die zahl­rei­chen Stim­men da drau­ßen nicht mehr selbst­wirk­sam zu ant­wor­ten ver­mö­gen, sind wir inner­lich tot, ver­stei­nert“, sag­te Rosa im Stern“-Interview. Um die­sem Welt­ver­stum­men zu ent­ge­hen, sei es wich­tig, fest­ge­fah­re­ne Hal­tun­gen immer wie­der infra­ge zu stel­len, offen zu sein für neue Erleb­nis­se, neue Sinneseindrücke. 

Vega­ner wer­de ich des­halb nicht. Auch das erschie­ne mir als Beschrän­kung auf eine bestimm­te Lebens­wei­se. Ich wer­de wei­ter­hin nicht Nein sagen zu einem schö­nen Stück Fleisch, von dem ich weiß, wo es her­kommt. Ich wer­de guten Käse und erst recht die Eier unse­rer glück­li­chen Hüh­ner genie­ßen. Doch bei der Heim­fahrt im ICE gab’s statt einer Cur­ry­wurst ein Gemü­se­cur­ry mit Kokos­reis. Und in Gedan­ken war ich bei den jun­gen, lust­vol­len Welt­ver­bes­se­rern aus Ber­lin-Mit­te. Sie haben mich nach­hal­tig beeindruckt.

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Wolfgang
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