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Editorial: Zeit nehmen zum Zeit haben

Redaktion am 29.03.2022

2022 03 28 pb alb zeit Foto: Gerd Altmann / Pixabay
Zeit ist kostbar.

Das allerkostbarste aber, das wir besitzen, ist Zeit. Glücklich, wer das verinnerlicht.

Lie­ber Mar­tin Wal­ser, was wür­den Sie tun, wenn Sie wüss­ten, Sie hät­ten nur noch 24 Stun­den zu leben?

Sol­che und ähn­li­che Fra­gen – wie die­se an den berühm­ten Schrift­stel­ler – wer­den ger­ne gestellt. Vie­le Men­schen den­ken, dass Geld kost­bar sei. Oder ihr Haus. Das alles ist kost­bar, ohne Fra­ge. Das aller­kost­bars­te aber, das wir besit­zen, ist Zeit. Sie ist das Ein­zi­ge, was wir nie­mals erset­zen kön­nen. Der Moment, neh­men wir ein­fach den 25. Mai 2019 um 11.41 Uhr, ist uner­setz­bar. Die­se Sekun­de kann nicht noch ein­mal erlebt wer­den. Nein! Ver­stri­che­ne Zeit ist ver­stri­chen und nichts, was man auch unter­nimmt, wird dar­an etwas ändern.

Unse­re Zeit ist halt schnell-lebi­ger gewor­den, heißt es ent­schul­di­gend. Nur kein Leer­lauf. Immer unter Strom. Hat der Tag nicht noch immer 24 Stun­den? Ist das Leben wirk­lich schneller? 

Zeit, so scheint es, ist olym­pia­ver­däch­tig gewor­den. Es gibt Radio­mo­de­ra­to­ren, die einem in aller Herr­gotts­früh mit nicht enden­dem Wort­schwall ein­re­den wol­len, dass sie – und nur sie – uns in den Fei­er­abend brin­gen. Dabei hat der Tag doch erst gera­de begon­nen. Da wünsch­te man sich, dass jene Stel­le im Mat­thä­us-Evan­ge­li­um wahr wer­den möge: Über jedes unnüt­ze Wort, das die Men­schen reden, wer­den sie am Tag des Gerichts Rechen­schaft able­gen müssen.“

Und erst die mul­ti-media­le Reiz­über­flu­tung. Han­dy und Inter­net, so prak­tisch und wich­tig sie auch sein mögen – brin­gen sie ein Mehr an Zeit oder eher Zeit rau­ben­de Abhän­gig­keit? Müs­sen wir tat­säch­lich – wie der Hams­ter im Rad – fast pau­sen­los in Bewe­gung sein, alles mit­ma­chen, über­all dabei sein? Wer­den wir dadurch glück­li­cher, aus­ge­gli­che­ner, zufrie­de­ner? Oder nur rastloser?

Dann „... würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen ...“, sagte der kleine Prinz

Gewiss haben auch Sie schon sol­che Sät­ze gehört: Ich hab‘ grad gar kei­ne Zeit! Mir pressiert‘s! Ich muss noch schnell…“ Phi­lo­so­phen, Theo­lo­gen und Sozi­al­for­scher legen uns ans Herz, auch Ruhe­plät­ze für die See­le zu suchen. Der Christ braucht einen Ort der Ruhe und die Begeg­nung mit Gott. Doch wird die­se Bot­schaft über­haupt gehört in einer hek­ti­schen Welt, die geprägt ist von Indi­vi­dua­lis­mus, Akti­vis­mus und Zer­streu­ung? Alle Appel­le für mehr Ruhe möch­te man ger­ne unter­schrei­ben mit dem Zusatz: Gott gab die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt.

Zeit neh­men zum Zeit haben. Glück­lich, wer das ver­in­ner­licht. Das mit der Geduld muss ja nicht gleich so ver­stan­den wer­den, dass man im ers­ten Stock der Woh­nung noch Blu­men gießt, wäh­rend es im Erd­ge­schoss lich­ter­loh brennt. 

Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry fängt in der Geschich­te Der klei­ne Prinz und der Pil­len­händ­ler“ eine Debat­te um Zeit­er­spar­nis wun­der­bar ein. Dar­in macht der Händ­ler den Vor­schlag, dass man mit Durst stil­len­den Pil­len nicht mehr zu trin­ken brau­che und sich dadurch drei­und­fünf­zig Minu­ten Zeit spa­re. Wenn ich drei­und­fünf­zig Minu­ten übrig hät­te“, sag­te dar­auf­hin der klei­ne Prinz, wür­de ich ganz gemäch­lich zu einem Brun­nen laufen…“

Ach ja, bleibt noch die Ant­wort nach­zu­rei­chen, die Mar­tin Wal­ser einem Her­aus­ge­ber geschrie­ben hat, der wis­sen woll­te, was der Schrift­stel­ler tun wür­de, wenn er wüss­te, dass er nur noch 24 Stun­den zu leben habe: 

Lie­ber Till Weis­haupt, ich wür­de sagen: Die­se Uhr geht falsch!

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Werner Friedenberger

stellv. Chefredakteur