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Editorial - Im Vertrauen

Redaktion am 11.01.2022

Es ist etwas verloren gegangen, ohne das eine demokratische Gesellschaft nicht lebensfähig ist: Vertrauen. Gerade Christen können hierbei Vorbilder sein.

Soeben zieht er wie­der unter mei­nem Büro­fens­ter vor­bei, der Spa­zier­gang gegen Impf­zwang und für sofor­ti­ge Been­di­gung der Coro­na­maß­nah­men“. Mit Tril­ler­pfei­fen, Trom­meln und Trans­pa­ren­ten demons­trie­ren die Teil­neh­mer für Frei­heit und Men­schen­rech­te – ein Wider­spruch in sich. Etwas for­dern, das man gera­de selbst wahr­nimmt? Mit den Argu­men­ten der Laut­spre­cher“ möch­te ich mich daher gar nicht befas­sen, wohl aber mit ihren Ängsten. 

Denn neben Trotz scheint mir eine unbe­stimm­te – und oft genug gezielt geschür­te – Furcht bestim­mend für den Unmut der Pro­tes­tie­rer: Die da oben“ oder die ande­ren“, die wol­len mir Böses. In der Aus­ein­an­der­set­zung um die wirk­sams­ten Coro­na-Maß­nah­men ist schlei­chend etwas ver­lo­ren gegan­gen, ohne das eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft nicht lebens­fä­hig ist: Ver­trau­en. Eine Min­der­heit hat sich in ihrer Wagen­burg ver­schanzt – die kleins­te Lücke könn­te das eige­ne Ver­der­ben bedeuten.

Wir müs­sen neu ler­nen, ein­an­der zu ver­trau­en. Es geht nicht anders im Leben, im Klei­nen wie im Gro­ßen. Erst recht nicht in einer immer kom­pli­zier­ter wer­den­den Welt. Das Leben ist eben kein lan­ger, ruhi­ger Fluss. Wir brau­chen Brü­cken, wir brau­chen Anle­ge­stel­len und siche­re Häfen.

Ver­trau­en ist der Anfang von allem“ – so wenig die Deut­sche Bank ihren Slo­gan von 1995 viel­leicht mit Inhalt füll­te, so rich­tig ist die Grund­aus­sa­ge den­noch. Wer nicht ver­trau­en kann, lebt in stän­di­ger Furcht. Nie­mand kann aus dem Haus gehen, ohne zu ver­trau­en: Dass der Nach­bar den Geh­weg gestreut hat, dass der Bus­fah­rer weiß, was er tut, dass der Fahr­stuhl nicht run­ter­fällt oder der Kron­leuch­ter von der Kirchendecke.

Ja, Ver­trau­en fällt uns auf­ge­klär­ten“ Men­schen erst ein­mal schwer. Denn es bedeu­tet los­zu­las­sen, ein Stück Kon­trol­le abzu­ge­ben, nicht alles bis ins letz­te Detail selbst im Griff zu haben. Aber ist das nicht auch unglaub­lich befrei­end? Es hängt nicht alles an mir! Ich darf abge­ben: Kom­pe­ten­zen, Ver­ant­wor­tung, Ent­schei­dun­gen. Das heißt ja kei­nes­wegs, den eige­nen Ver­stand aus­zu­schal­ten – wohl aber sei­ne Begrenzt­heit zu akzep­tie­ren. Gera­de uns Chris­ten müss­te das leicht fal­len. Glau­ben heißt eben nicht: wis­sen. Glau­ben heißt: vertrauen.

Der Fran­zis­ka­ner Cor­ne­li­us Bohl geht noch wei­ter: Für den Chris­ten ergibt sich Sinn nicht aus einer Leh­re, son­dern aus einer Bezie­hung, aus der Lebens­ge­mein­schaft mit Chris­tus. Der Sinn des Lebens‘ ist dar­um weni­ger eine Erklä­rung der Welt als viel­mehr die Fähig­keit und Bereit­schaft ver­trau­en zu dürfen“. 

Der Begriff Ver­trau­en“ zieht sich durch die gesam­te Bibel – 86 Mal taucht er auf, unter ande­rem hier im Buch Jesus Sirach: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Lie­be zu ihm, Ver­trau­en aber ist der Anfang der Bin­dung an ihn.“ (Sir 25,12) Kommt Ihnen das bekannt vor? Deut­sche Bank? Es kommt halt dar­auf an, wor­in wir unser Ver­trau­en set­zen. Gut ange­legt – um im Finanz­jar­gon zu blei­ben – ist unser Ver­trau­en jeden­falls in ande­ren Men­schen. Und beson­ders gut im Menschensohn.

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Wolfgang Terhörst

Redaktionsleiter