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Editorial: Hint höher wia vorn

Michael Glaß am 24.02.2022

2022 02 23 pb alb verdreht Foto: Christian Dorn / Pixabay

In Bayern gibt es eine schöne Redensart, wenn plötzlich etwas völlig Unvorhergesehenes passiert: „Etz werd’s hint höher wia vorn (Jetzt wird es hinten höher als vorne)“. Man kann sich bildlich sehr schön ausmalen, wie da einer verblüfft die Augen verdreht.

Nun kann die­ses Unvor­her­ge­se­he­ne lus­tig sein oder bedroh­lich wir­ken. Es kann bei der Redens­art auch Ärger mit­schwin­gen gegen den mut­maß­li­chen Ver­ur­sa­cher die­ses unvor­her­ge­se­he­nen Ereig­nis­ses. Wenn da jemand mit stren­gem Blick aus­ruft Jetzt aber werd’s …“, dann ist Vor­sicht ange­sagt! Oft ist aber auch Respekt dabei, weil so etwas Unvor­her­ge­se­he­nes ist ja doch meist unter­halt­sam; und es traut sich auch nicht ein jeder, etwas Über­ra­schen­des zu tun.

Ein biss­chen ver­dreht, ein biss­chen spon­tan und irra­tio­nal muss die­ses Leben schon auch sein. Es wäre ziem­lich lang­wei­lig, wenn immer alles und jeder logisch, dis­zi­pli­niert und ver­nünf­tig agiert. Zu viel irra­tio­na­les Ver­hal­ten ist aber auch nicht gut. Im Duden ist das Wort irra­tio­nal“ ein Nach­bar vom Wort irre“, und das ist schon mal ein ver­steck­ter Hin­weis, was pas­siert, wenn da einer überdreht.

Im Rin­gen um das rich­ti­ge“ Ver­hal­ten hat sich im Brauch­tum sogar eine eige­ne fünf­te Jah­res­zeit“ her­aus­ge­bil­det: im Fasching ist Über­ra­schen­des, gar Chao­ti­sches extra erwünscht. Man kann jetzt dar­über strei­ten, ob so ein Spaß auf Kom­man­do wirk­lich der Sinn der Sache ist, weil eigent­lich liegt es in der Natur des Irra­tio­na­len und Unvor­her­ge­se­he­nen, dass es sich eben nicht an Regeln und zeit­li­che Vor­ga­ben hält. Aber die Faschings­zeit ist eben doch eine gro­ße Wert­schät­zung der ver­rück­ten Natur im Men­schen, die auch ihren Raum braucht. Und es passt per­fekt, dass im Kir­chen­jahr gleich nach dem Fasching die Fas­ten­zeit folgt, in der sich die Leu­te in Dis­zi­plin üben dürfen.

So weit, so gut. Nur leben wir gera­de in ziem­lich ver­rück­ten Zei­ten. Irgend­wie ist es zur­zeit stän­dig hin­ten höher als vor­ne. Weil näm­lich stän­dig etwas pas­siert, mit dem zuvor kaum jemand gerech­net hat. Welt­po­li­tisch über­schla­gen sich die Ereig­nis­se, kir­chen­po­li­tisch auch, die Gesell­schaft ist in Unru­he, der Ein­zel­ne reagiert gereizt. Und sowie­so will jeder Recht behal­ten, auch wenn er Unsin­ni­ges denkt, macht, sagt oder schreit. Auf Net­flix läuft die x‑te Serie, eine ver­rück­ter als die ande­re. Und der Fasching, bei dem alle mal aus­ge­flippt sein dürf­ten, fällt schon wie­der aus.

Klar, dass unter die­sen Umstän­den eini­ge kei­ne Lust auf die Fas­ten­zeit haben. Ver­zich­tet haben wir unter Coro­na schon genug, heißt es allent­hal­ben. Das aber haben auch kirch­li­che Ver­ei­ne und Ver­bän­de fest­ge­stellt und Fas­ten­ak­tio­nen der ande­ren Art ins Leben geru­fen. Wer im Inter­net unter Plus­fas­ten“ oder umge­kehr­tes Fas­ten“ sucht, der fin­det jede Men­ge Anre­gun­gen. Nicht Ver­zicht“ lau­tet hier das Mot­to, son­dern: Neu­es aus­pro­bie­ren, sich selbst und ande­re über­ra­schen und dabei etwas Gutes tun. Viel­leicht auch ganz bewusst Acht­sam­keit üben, wie Sie dies in mei­ner Kin­der­ge­schich­te aus der Rei­he Lea und Theo“ auf Sei­te 33 lesen kön­nen. Halt ein­fach was tun statt nur zu ver­zich­ten – damit es auch nach vor­ne raus mal wie­der höher wird, und wir ein biss­chen lebens­fro­her und opti­mis­ti­scher in die Zukunft bli­cken können.

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Michael Glaß

Redakteur