Damit Glaube wieder nährt

Lisa Stockinger am 09.10.2019

Gruppenbild

Bischof Stefan Oster beginnt die Visitation im Dekanat Osterhofen mit intensiven Diskussionen auf gut besuchten Pfarrverbandsabenden. Reizthemen werden nicht ausgelassen. Aber es wird auch deutlich, wie wichtig den Menschen „ihre“ Kirche ist.

Zahl­reich und gut vor­be­rei­tet kamen die Gläu­bi­gen zu den Pfarr­ver­bands­aben­den für Oster­ho­fen, Nie­der­al­teich und Lal­ling anläss­lich der anste­hen­den bischöf­li­chen Visi­ta­ti­on im Deka­nat Oster­ho­fen. Im Früh­jahr die­ses Jah­res hat­ten sich vie­le von ihnen jeweils zu einer ein­tä­gi­gen Pfarr­ver­bands­klau­sur getrof­fen und über ihr Pfar­rei­le­ben nach­ge­dacht. Was läuft gut? Was nicht? Wo braucht es Ver­än­de­run­gen? Die Ergeb­nis­se die­ser Über­le­gun­gen, die Bischof Ste­fan Oster nun an drei Aben­den vor­ge­stellt wur­den, spie­gel­ten die gro­ßen Lini­en der Umbrü­che und Ver­än­de­run­gen wie­der, mit denen sich die Pfar­rei­en hier­zu­lan­de schon seit eini­gen Jahr­zehn­ten zuneh­mend kon­fron­tiert sehen: Die Kirch­gän­ger wer­den ste­tig weni­ger, vor allem jun­ge Erwach­se­ne und Fami­li­en blie­ben aus; beson­ders die Jugend sei immer weni­ger für kirch­li­che Akti­vi­tä­ten zu begeis­tern. Es wer­de immer schwe­rer, Frei­wil­li­ge zu fin­den, die sich im Pfarr­ge­mein­de­rat oder ande­ren Ehren­äm­tern län­ger­fris­tig enga­gie­ren wol­len. Kirch­li­che Fes­te und Brauch­tum sei­en zwar noch beliebt, doch die Orga­ni­sa­to­ren wür­den immer älter, eben­so wie die Teil­neh­mer an tra­di­tio­nel­len Got­tes­dienst­for­men wie Andach­ten oder Bittgängen. 

Frei­lich war es den Pfar­rei­en dann auch beson­ders wich­tig her­vor­zu­he­ben, wo das kirch­li­che Leben blüht: Man­cher­orts gibt es groß­ar­ti­ge Kir­chen­mu­sik mit Chö­ren für jung und älter. Vie­ler­orts sind die Minis­tran­ten gern dabei, auch ver­band­li­che Jugend­ar­beit ist an man­chen Orten gut prä­sent. Oder es gibt funk­tio­nie­ren­de ehren­amt­li­che sozia­le Diens­te, etwa Kran­ken­be­su­che. Auch ein reges Leben akti­ver Fröm­mig­keit – in Andach­ten, Brauch­tums­pfle­ge und fest­li­chen Got­tes­diens­ten ist oft sehr bemer­kens­wert. Die Dorf- und Pfarrei­gemein­schaf­ten hal­ten fest zusam­men, wenn es dar­auf ankommt. Und auf die schö­ne eige­ne Kir­che ist man an allen Orten ohne­hin stolz. 

All das und mehr gibt frei­lich dann auch wie­der Anlass zur Sor­ge, ob und wie man die­ses Gute bewah­ren kön­ne. Die aus­drück­li­che Sor­ge um die Jugend treibt vie­le um, und der Vor­satz kommt häu­fig, auf die­sem Gebiet mehr oder Neu­es zu ver­su­chen. Und auch wenn die Fir­mung mit 16 von eini­gen kri­tisch gese­hen wird, so sehen doch ande­re gera­de dar­in eine Chan­ce, die jun­gen Men­schen auch inhalt­lich neu zu begleiten. 

Natür­lich kamen auch die kirch­li­chen Reiz­the­men“ zur Spra­che, Kir­che sol­le moder­ner, und damit attrak­ti­ver wer­den – dazu gehö­re die Locke­rung des Zöli­bats eben­so wie die Wei­he von Frau­en. So möch­te bei­spiels­wei­se die Expo­si­tur Auer­bach-Loh aus dem Pfarr­ver­band Lal­ling die ers­te Pfar­rei im Pas­sau­er Bis­tum mit einer Pfar­re­rin wer­den: Herr Bischof, wenn Sie sich in ein paar Jah­ren fra­gen: Wohin soll ich sie sen­den? – nach Auer­bach-Loh“, erklär­te Josef-Mar­kus Bloch.

Bischof Oster zeig­te sich beein­druckt von allem Ein­satz in den Gemein­den, für den Wil­len nach vor­ne zu schau­en und auch offen für neue Impul­se zu sein. Wir spü­ren inzwi­schen die größ­ten Ver­än­de­rungs­pro­zes­se der letz­ten paar hun­dert Jah­re in Bezug auf Glau­be und Kir­che“, so der Bischof: Und ich bin der Mei­nung: Wir ste­hen erst am Anfang der Trans­for­ma­ti­on. Die Fra­ge ist nun: Wie ant­wor­ten wir darauf?“

Die gän­gi­ge Glau­bens­so­zia­li­sa­ti­on von frü­her – katho­li­sche Eltern, katho­li­scher Kin­der­gar­ten, Kom­mu­ni­on- und Firm­un­ter­richt, Jugend­grup­pe – die dann einen jun­gen gläu­bi­gen Men­schen her­vor­bringt, funk­tio­nie­re heu­te kaum mehr. Und der Bischof fuhr von hier aus fort mit dem Zen­trum sei­nes Anlie­gens: Wenn wir uns frag­ten, was Kir­che heu­te anzie­hend mache, dann sei­en das weni­ger äuße­re Maß­nah­men“. Viel­mehr gin­ge es dar­um deut­lich zu machen, dass wir einen Gott fei­ern, der in Jesus Chris­tus da ist, im Leben von jedem von uns und beson­ders in unse­rer Gemein­schaft. Kir­che ist Leib Chris­ti“, sag­te er – aber merkt man das an uns? Ken­nen wir ihn und spü­ren die Leu­te, dass wir ihn ken­nen und lie­ben? Oder wenn nicht, wie fin­den wir dahin, dass man es wie­der merkt?“ Das sei letzt­lich der inne­re Kern sei­ner Bemü­hun­gen: die erneu­er­te, leben­di­ge, kon­kre­te Got­tes­be­zie­hung unse­rer Gläu­bi­gen und Gemein­den. Dar­aus erwach­se dann auch das Enga­ge­ment für die ande­ren, für die Armen oder für den Erhalt der Schöp­fung. Wir müs­sen ler­nen, uns gegen­sei­tig von Gott zu erzäh­len, was er in unse­rem Leben wirkt. Wir brau­chen auch neue Orte der Begeg­nung mit Gott und unter­ein­an­der im Lesen der Schrift, im Gebet, im gemein­sa­men Dienst an ande­ren.“ So wür­den wir in die Erfah­rung hin­ein­wach­sen, dass Glau­be näh­ren und erfül­len kann. 

Die Stim­mungs­bil­der, die die Mode­ra­to­ren Lud­wig Raischl und Bri­git­ta Necker­mann-Lipp zu Beginn der Aben­de per Hand­zei­chen ein­hol­ten, hat­ten die Ansicht erge­ben, dass es einer­seits um den Glau­ben in den Gemein­den ganz gut bestellt sei – dass aber ande­rer­seits mehr Tie­fe mög­lich sei. Die Mehr­heit zeig­te sich auch über­zeugt, dass das Glau­bens­zeug­nis des Ein­zel­nen in der Gesell­schaft zukünf­tig immer wich­ti­ger wer­de. Die­se Her­aus­for­de­rung liegt nicht nur beim Pfar­rer“, sag­te Bischof Oster: Jede und jeder von uns ist getauft und damit auch gesalbt mit dem Auf­trag, Chris­tus zu ver­ge­gen­wär­ti­gen – und zwar dort, wo ein jeder steht. Es geht für uns alle dar­um, Sehn­sucht nach Gott zu wecken – und nicht zuerst dar­um, einen Kir­chen­be­trieb auf­recht zu erhalten.“ 

Die Hin­wei­se von Bischof Oster, Glau­ben wie­der leben­di­ger in Her­zen zu ver­an­kern und somit kirch­li­chen Akti­vi­tä­ten wie­der ihren bis­wei­len ver­ges­se­nen, tie­fe­ren Sinn zu ver­lei­hen, klin­gen nicht schwer: Setzt euch zusam­men, lest gemein­sam die Hei­li­ge Schrift, betet mit­ein­an­der offen und frei, sprecht offen über den Glau­ben und die Schrift! Fragt euch, was ist mir wich­tig am Glau­ben? Fragt ande­re: Was ist euch wich­tig am Glau­ben? Lernt Jesus zu begeg­nen!“ Ein sol­cher Weg nach innen, so der Bischof, wür­de Kir­che aus dem Kern her­aus authen­tisch und damit anzie­hend machen.

Vie­le waren von den Wor­ten des Bischofs bewegt, aber man­chem erschien das womög­lich nur fromm“. Das war in den abschlie­ßen­den Fra­ge­run­den zu bemer­ken. Es ging um die For­de­run­gen nach struk­tu­rel­len Ände­run­gen in der Kir­che. Die Kir­che müs­se end­lich moder­ner“ wer­den, sag­ten eini­ge. Bischof Oster stell­te sich die­ser Kri­tik, ver­such­te Miss­ver­ständ­nis­se auf­zu­klä­ren und mach­te deut­lich, dass auch er Fra­gen habe. Ich habe ver­spro­chen, den Glau­ben der Kir­che zu ver­kün­den, aber natür­lich spü­ren wir, dass es uns heu­te oft nicht gelingt, die­sen Glau­ben plau­si­bel zu machen – ange­sichts der Reiz­the­men, die im Raum ste­hen.“ Vom Syn­oda­len Weg der Kir­che in Deutsch­land erhof­fe er ein ech­tes Gespräch, ein ech­tes Hören auf­ein­an­der und ein neu­es Fin­den ins Mit­ein­an­der – unter der Füh­rung des Hei­li­gen Geis­tes. Und in die­sem Sinn ver­ste­he ich auch unse­re neu ein­ge­führ­ten Pfarr­ver­bands­aben­de: Der Visi­ta­tor hört erst ein­mal auf alles, was da ist, was gesagt wird, auf das Gute und auch auf die Sor­gen. Dann bringt der Visi­ta­tor sei­ne Per­spek­ti­ve ein, in der Hoff­nung, dass dar­aus ein ech­tes Gespräch und ein gemein­sa­mer Weg wer­den kann“, so der Bischof abschließend.

Pres­se­stel­le Bis­tum Pas­sau
Foto: Anna Hofmeister