Wallfahrt

Pilgern als Pilotprojekt

Redaktion am 14.03.2023

2023 03 14 pb alb hennes riedl1 Foto: Wolfgang Terhörst
Lebensbejahend: Trotz seiner körperlichen Einschränkungen ist Hennes Riedl ein positiver Mensch. Er ist gesellig, singt bei den „Disslinga Huadara“ und ist sehr viel in der freien Natur unterwegs.

Zuerst begrüßt Katze Mimi den Besucher vor dem Einfamilienhaus in Tüßling bei Altötting. Dann öffnet sich ein Fenster, und der Hausherr reicht vertrauensvoll den Haustürschlüssel hinaus. Begegnung mit einem (glaubens)starken Menschen.

Hen­nes Riedl bit­tet den Redak­teur und Diö­ze­san­pil­ger­lei­te­rin Ire­ne Huber zum Gespräch an den hei­mi­schen Küchen­tisch. Es wird ein sehr offe­nes Gespräch.

Am 1. Dezem­ber 2013 ist Riedl in Ren­te gegan­gen. Mit 63 Jah­ren freu­te er sich nach einem arbeits­rei­chen Leben als Werk­zeug­ma­cher – zuletzt war er 20 Jah­re bei der Alt­öt­tin­ger Gie­ße­rei Este­rer in der Qua­li­täts­kon­trol­le beschäf­tigt – auf die freie Zeit gemein­sam mit sei­ner Frau. 

Doch dann dia­gnos­ti­zier­te ein Neu­ro­lo­ge nach meh­re­ren Stür­zen eine Mus­kel­er­kran­kung. Er über­wies Riedl ins Fried­rich-Baur-Insti­tut nach Mün­chen: Die haben mich kom­plett auf den Kopf gestellt“. Am Ende wur­de die sel­te­ne Krank­heit Ein­schluss­kör­per-Myo­si­tis“ fest­ge­stellt, eine unheil­ba­re ent­zünd­li­che Mus­kel­er­kran­kung, die mit einer lang­sam fort­schrei­ten­den Mus­kel­schwä­che ein­her­geht. Damit nicht genug, ist zu der Zeit auch noch Riedls Frau an einem Sar­kom, einem sehr aggres­si­ven Krebs erkrankt und inner­halb weni­ger Mona­te ver­stor­ben. Hen­nes Riedl ist ihr bei­gestan­den, wo er doch selbst Bei­stand bedurfte. 

Doch der lebens­fro­he Mann hat sein Schick­sal aktiv ange­nom­men. Gehol­fen habe ihm dabei auch die christ­li­che Reli­gi­on: Ich bin ein gläu­bi­ger Mensch. Der Glau­be gibt mir Kraft.“ Kraft, die er braucht. Seit jeher viel und ger­ne im Frei­en unter­wegs, konn­te Riedl anfangs noch viel mit einem Lie­ge­drei­rad unter­wegs sein. Schließ­lich aber muss­te er der Krank­heit Tri­but zol­len und auf einen elek­tri­schen Spe­zi­al­roll­stuhl umschwenken. 

2023 03 14 pb alb hennes riedl2 Foto: Wolfgang Terhörst
Hennes Riedl und Diözesanpilgerleiterin Irene Huber.

Über die pri­va­te Bekannt­schaft mit Ire­ne Huber, die eben­falls in Tüß­ling wohnt, ist Riedl auf das The­ma Pil­gern auf­merk­sam gewor­den – für ihn ein viel­deu­ti­ger Begriff: Auch wenn ich in den Wald fah­re und eine hal­be Stun­de dort mit geschlos­se­nen Augen sit­ze, ist das Pil­gern – inne­res Pil­gern.“ Die Natur ermög­li­che es ihm, total abzu­schal­ten, inner­lich zur Ruhe zu kom­men – und Kraft zu schöp­fen. Einen Pil­ger­weg zu gehen, dazu sei er aller­dings noch nicht gekom­men. Wel­che Hin­der­nis­se Riedl hier sieht? Das größ­te Pro­blem ist wahr­schein­lich das Hin­kom­men zum Aus­gangs­ort.“ Und die Etap­pen dürf­ten nicht zu lan­ge dau­ern, denn er sei für vie­le Ver­rich­tun­gen auf Hil­fe angewiesen.

Gibt es denn genug Ange­bo­te für beein­träch­tig­te Men­schen, genü­gend Infor­ma­tio­nen? Bes­ser geht immer, aber wir sind ja ein recht begrenz­ter Kun­den­kreis“, ant­wor­tet der 72-Jäh­ri­ge sehr reflek­tiert. Für ihn geht es auch um Eigen­ver­ant­wor­tung: Man muss sich infor­mie­ren, man muss neu­gie­rig sein. Dann fin­det man unheim­lich viel raus.“ Das gel­te auch für die Teil­ha­be von kör­per­lich beein­träch­tig­ten Men­schen am Glau­bens­le­ben all­ge­mein. Wenn man wirk­lich will, geht eini­ges“, bekräf­tigt der Tüß­lin­ger. Und: Außer­dem sind immer Men­schen da, die ich um Hil­fe bit­ten kann. Man muss auf die Leu­te zuge­hen und ein­fach fra­gen. Ich habe noch kei­nen erlebt, der nein‘ gesagt hat.“

Gegen pass­ge­naue­re“ Ange­bo­te habe er natür­lich den­noch nichts ein­zu­wen­den, gera­de wenn man in der frei­en Natur unter­wegs sein möch­te. Und hier kommt Ire­ne Huber ins Spiel. Riedl habe sie ein­mal nach Wegen gefragt, die gut fahr­bar sei­en mit einem Roll­stuhl. Das wie­der­um war für mich der Aus­lö­ser, ein­mal etwas zu orga­ni­sie­ren, bei dem sich auch Roll­stuhl­fah­rer gemein­sam auf den Weg machen kön­nen“, erklärt die Diö­ze­san­pil­ger­lei­te­rin. Huber wei­ter: Durch die Begeg­nung mit Hen­nes bin ich auf die Idee gekom­men, ein­mal eine Pil­ger­fahrt für Men­schen mit Mobi­li­täts­ein­schrän­kun­gen zu orga­ni­sie­ren. Das ist ein Pilot­pro­jekt, das möch­ten wir jetzt mal aus­pro­bie­ren und sind gespannt, wie es ange­nom­men wird. Bei der Pla­nung war es uns wich­tig, dass wir für jeden Teil­neh­mer eine fach­kräf­ti­ge Beglei­tung von den Mal­te­sern dabeihaben.“ 

Sie sei bei der Recher­che auf den Cami­no Incluso“ im Oden­wald gesto­ßen, einen inklu­si­ven Pil­ger­weg, der 2021 eröff­net wur­de. Huber erläu­tert das wei­te­re Vor­ge­hen: Wir haben uns den Weg dann mit den Augen eines älte­ren Roll­stuhl­fah­rers ange­schaut und auf sei­ne Mach­bar­keit hin geprüft. Schließ­lich brau­chen wir die pas­sen­de Infra­struk­tur von Weg­be­schaf­fen­heit über Gast­häu­ser bis hin zu Unter­künf­ten für zehn Roll­stuhl­fah­rer samt Beglei­tun­gen.“ Mit dem Semi­nar­ho­tel der Man­fred-Sau­er-Stif­tung unweit von Hei­del­berg sei schließ­lich die per­fek­te Basis­sta­ti­on gefun­den worden.

Nie­mand müs­se Angst haben, über­for­dert zu wer­den, so die Pil­ger­ex­per­tin des Bis­tums Pas­sau: Wir haben immer drei, vier Fahr­zeu­ge dabei und die Wege in der Natur sind nicht mehr als ein, zwei Stun­den lang.“ Um den Rei­se­preis trotz der per­sön­li­chen Betreu­ung der Teil­neh­mer mög­lichst fair hal­ten zu kön­nen sam­melt die Diö­ze­san­pil­ger­stel­le Spen­den, auch das Bis­tum gibt einen Zuschuss. 

Für Ire­ne Huber soll der Cami­no Incluso frei­lich kein ein­ma­li­ges Pro­jekt blei­ben. Sie bekom­me zum Bei­spiel auch immer wie­der Anfra­gen von Men­schen mit Seh­be­hin­de­rung – auch die­se benö­ti­gen ja eine spe­zi­el­le Beglei­tung“. Aber zuerst ein­mal gel­te es nun, das Pilot­pro­jekt erfolg­reich durchzuführen.

Unterwegs auf dem Camino Incluso – Rollstuhlgeeignete Pilgerreise vom 8. bis 13. August

Der Cami­no Incluso“ ist ein inter­re­li­giö­ser Pil­ger­weg und führt von Bens­heim bis Hei­del­bergnähe­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie hier.

Die Rei­se des Baye­ri­schen Pil­ger­bü­ros fin­det statt vom 8. bis 13. August und kos­tet pro Per­son im Dop­pel­zim­mer 1160,- Euro inklu­si­ve Trans­port, Unter­kunft, Betreu­ung und Halb­pen­si­on (Ein­zel­zim­mer­zu­schlag 95,- Euro). Nähe­re Infor­ma­tio­nen und Anmel­dung bei der Diö­ze­san­pil­ger­stel­le Pas­sau, Resi­denz­platz 8, 94032 Pas­sau oder Kapell­platz 8, 84503 Alt­öt­ting, Tel. 08513931432, E‑Mail: pilgerbuero@​bistum-​passau.​de, Inter­net­sei­te: www​.pil​ger​rei​sen​.bis​tum​-pas​sau​.de. Nach tele­fo­ni­scher Ver­ein­ba­rung ist eine per­sön­li­che Bera­tung vor Ort möglich.

Die Diö­ze­san­pil­ger­stel­le freut sich über Spen­den, um mög­lichst vie­len Men­schen die Teil­nah­me an der Pil­ger­rei­se ermög­li­chen zu können:

Mal­te­ser Hilfs­dienst e. V. Pas­sau, IBAN: DE53 7509 0300 0004 3911 36, BIC: GENODEF1M05, LIGA-Bank Pas­sau, Ver­wen­dungs­zweck: Spen­de für Cami­no Incluso-Fahrt

Die Web­site bet​ter​place​.org ermög­licht Spen­den­über­wei­sun­gen direkt über ihre Platt­form für das Pil­ger­pro­jekt: https://​bet​ter​place​.org/​p​119999

Wolfgang Terhoerst

Wolfgang Terhörst

Redaktionsleiter

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