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Was verpasst?

Redaktion am 20.10.2020

Was verpasst_Wolken Pa Bi info-icon-20px Uschi Friedenberger
Luftschlösser bauen und sich tierisch darüber zu freuen, gerade nichts zu "müssen" - das ist ein Freitzeit-Trend JOMO.

Sich auf das Wesentliche zu besinnen und bewusst auf vieles zu verzichten – das kann dem Leben nicht nur mehr Tiefe und Sinn geben, sondern auch richtig Freude machen. Keine Verabredung, kein Event, keine organisierte Freizeitaktivität. Zu Hause bleiben und mal nichts tun. Das kommt uns allen bekannt vor. Während des Lockdowns im Zuge der Corona-Krise blieb den Menschen vielfach gar nichts anderes übrig, als zu Hause zu bleiben und Kontakte zu vermeiden. Daraus ist inzwischen ein neuer gesellschaftlicher Trend namens „JOMO“ geworden. Das ist die Abkürzung für „Joy of Missing Out“ und heißt übersetzt soviel wie „Die Freude, etwas zu verpassen“.

Der Lock­down im Früh­jahr hat vie­le Men­schen ver­ständ­li­cher­wei­se hart getrof­fen: Lang geplan­te Fami­li­en­fei­ern muss­ten aus­fal­len oder ver­scho­ben wer­den. Älte­re Men­schen ver­ein­sam­ten, weil sie sich nicht mehr unter Leu­te trau­ten. Kin­der konn­ten nicht mehr ins gelieb­te Trai­ning. Erkrank­te und Tote, ver­zwei­fel­te Ange­hö­ri­ge, Kurz­ar­beit, Arbeits­platz­ver­lust und Exis­tenz-Ängs­te sorg­ten für Cha­os und Ausnahmezustand.

Aber nicht alle sahen nur die Nach­tei­le davon, wenn die Welt plötz­lich den Atem anhält. Jeder hat auch Reak­tio­nen erlebt wie die Bemer­kung mei­ner Freun­din, berufs­tä­tig und Mut­ter von zwei Jungs:

Ich mag es gar nicht laut sagen, aber ich genie­ße es. Nir­gends hin­müs­sen, kein Fuß­ball-Trai­ning der Kin­der, kei­ne sons­ti­gen Ter­mi­ne, nicht schon wie­der das nächs­te Wochen­en­de pla­nen müs­sen, um es sinn­voll‘ zu nut­zen. Die Buben spie­len im Gar­ten oder die Fami­lie macht gemein­sam einen Aus­flug mit den Fahr­rä­dern, zudem wer­den wie­der alte Spie­le her­vor­ge­holt. Man hat mehr Zeit zum gemein­sa­men Kochen und Essen. Und kei­ner in der Fami­lie beschwert sich übers Daheim­sein, weil es halt eh nicht anders geht!”

Eine ande­re Bekann­te erzähl­te: Mit Beginn des Lock­downs waren plötz­lich mei­ne bei­den aus­wärts stu­die­ren­den Töch­ter wie­der zu Hau­se. Ich hät­te mir nicht mehr vor­stel­len kön­nen, dass vier erwach­se­ne Men­schen mona­te­lang so har­mo­nisch in einer Woh­nung zusam­men­le­ben, wenn man gar nichts unter­neh­men kann!“ Das sahen wohl vie­le so posi­tiv: In einer Umfra­ge der ZEIT“ im März 2020 erfuhr die Zei­tung, dass mehr Men­schen wäh­rend des Lock­downs gut gelaunt waren als zu nor­ma­len“ Zeiten.

Weni­ger ist mehr – könn­te man das Sprich­wort auch auf die­se Aus­nah­me­si­tua­ti­on über­tra­gen? Und macht Ver­zicht viel­leicht sogar glück­li­cher? Bedeu­tet die­ses Weni­ger“ ein Mehr“ an Lebens­qua­li­tät? Eine bewuss­te Beschrän­kung kann auch ganz neue Frei­hei­ten schaf­fen“, bestä­tigt der däni­sche Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor Svend Brink­mann von der Aal­borg Uni­ver­si­tät. Der Wis­sen­schaft­ler hat kürz­lich im Poli­ty Ver­lag ein Buch ver­öf­fent­licht mit dem Titel The Joy of Mis­sing Out“ (JOMO). Der däni­sche For­scher rät dazu, mehr zu leben, indem man weni­ger tut“. JOMO beschreibt die Ein­stel­lung, in der Frei­zeit nicht mehr über­all dahin zu müs­sen, wo jeder gera­de hin­rennt. Ereig­nis­se, Din­ge, Akti­vi­tä­ten bewusst zu ver­pas­sen. Aus frei­em Wil­len und ohne schlech­tes Gewis­sen Frei­zeit-Events sau­sen zu las­sen. Und das auch noch zu genie­ßen. Das gehe natür­lich mit einem Aus­stieg aus dem Kon­sum­zwang ein­her, mit einer bewuss­ten Aus­wahl, was das wirk­lich Wich­ti­ge im Leben ist. Das kön­ne dem Leben aber auch Sinn, Tie­fe und mehr Frei­heit geben.

JOMO ist übri­gens als Gegen­trend ent­stan­den zu dem viel bekann­te­ren FOMO“ („Fear of mis­sing out“), also die Angst, etwas zu ver­pas­sen. Die­se Angst wur­de auch durch die Sozia­len Medi­en beflü­gelt. Kein Wun­der: Wer stän­dig zum Bei­spiel auf Insta­gram die (schein­bar) per­fek­ten, sor­gen­frei­en Leben der Men­schen vor­ge­führt bekommt mit ihren tol­len Bezie­hun­gen, ihren durch­trai­nier­ten Kör­pern und ihrer Auf­se­hen erre­gen­den Frei­zeit­ge­stal­tung, der möch­te auch ger­ne mit­hal­ten. Das macht vie­le Betrach­ter mit ihrem eige­nen Leben unzu­frie­den. Der Kon­su­ment bekommt ja nicht mit, dass in die­ser Schein­welt hin­ter den Kulis­sen auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Das bes­te Rezept: Das Han­dy mal bewusst zur Sei­te legen. Und dafür lie­ber die (manch­mal klei­nen) Freu­den des eige­nen Lebens genie­ßen. Eine Hand­voll ech­ter Freun­de ist doch mehr wert als eine rie­si­ge Insta­gram-Gemein­de. Stun­den­lang im Inter­net die Leben ande­rer Men­schen zu ver­fol­gen – das bezeich­nen auch immer mehr jun­ge Men­schen als Ver­plem­pern kost­ba­rer Lebens­zeit“. Muss man wirk­lich jede gut insze­nier­te Cap­puc­ci­no-Tas­se bewun­dern, die jemand ins Netz gestellt hat, der gera­de mal wie­der in einem ange­sag­ten Café chic früh­stückt? Muss man nicht! Statt­des­sen könn­te man sich dar­über freu­en, mal wie­der etwas (ver­meint­lich Wich­ti­ges) ver­passt zu haben.

Friedenberger Uschi

Ursula Friedenberger

Redakteurin