Arbeiten im Hospiz – was macht das mit mir?

Wolfgang-Christian Bayer am 09.04.2019

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Zum Weltkrankentag am 11. Februar: Zwei Schwestern erzählen aus ihrem Berufsalltag im Niederalteicher Hospiz, wie sie mit Krankheit, Tod und Sterben umgehen und wie diese Arbeit ihr Leben und Denken beeinflusst.

Im Zim­mer Nr. 3 im Nie­der­al­tei­cher St. Ursu­la-Hos­piz ist ein mun­te­res Gespräch im Gang. Schwes­ter Maria und Schwes­ter Eli­sa­beth sit­zen am Bett einer Pati­en­tin, die erst letz­ten Sep­tem­ber die Dia­gno­se einer unheil­ba­ren Krank­heit bekom­men hat. Im St. Ursu­la-Hos­piz ver­bringt sie nun die letz­te Weg­stre­cke ihres Lebens. Seit Eröff­nung der Ein­rich­tung vor drei­ein­halb Jah­ren hat das Pfle­ge­per­so­nal hier 407 Pati­en­ten – die im Hos­piz Gäs­te genannt wer­den – betreut und beglei­tet bis zum Tod. Wenn schwe­re Krank­heit, Tod und Ster­ben zum Berufs­all­tag gehö­ren – was macht das mit den Schwes­tern? Mich haben die drei­ein­halb Jah­re im Hos­piz schon ver­än­dert. Das Leben wird inten­si­ver und bewuss­ter“, stellt Eli­sa­beth Hand­los bei einem Gespräch im Schwes­tern-Auf­ent­halts- und Pau­sen­raum fest. Die 31-jäh­ri­ge Alten­pfle­ge­rin aus Kirch­berg im Wald hat vor ihrer Zeit im Hos­piz im sta­tio­nä­ren Alten­pfle­ge­heim, im ambu­lan­ten Pfle­ge­dienst und in einer Reha-Kli­nik gear­bei­tet. Da hat man auch immer ver­sucht, das Bes­te zu geben, aber das hat nicht gereicht“, bedau­ert sie. Für mich war es ein­fach nicht befrie­di­gend, wenn ich 15 Leu­te waschen muss­te und wenn dann viel­leicht jemand gefragt hat, ob ich noch 15 Minu­ten am Bett sit­zen blei­ben kann, muss­te ich sagen, es tut mir leid, ich muss jetzt wei­ter. Ich habe das Scha­dens­be­gren­zung‘ genannt.“ Eli­sa­beth Hand­los wei­ter: Das ist der Unter­schied zu frü­her, dass ich jetzt befrie­digt von der Arbeit raus gehe. Wir haben hier wesent­lich mehr Zeit. Ich kann den Men­schen wirk­lich Gutes tun in ihrer letz­ten Pha­se und sie bis zum Schluss beglei­ten. Hier im Hos­piz ist es oft ein schö­nes Ster­ben, in Ruhe, beglei­tet, symptomfrei.“

Natür­lich sei­en da auch Fäl­le, die ihr nahe gehen. Aber mich belas­tet nicht das Ster­ben an sich, son­dern die Schick­sals­schlä­ge, die dahin­ter ste­hen, wenn bei jün­ge­ren Pati­en­ten viel­leicht noch Kin­der zurück blei­ben. Das berührt mich dann schon stark.“ Mit nach Hau­se nimmt die 31-Jäh­ri­ge die­se Pro­ble­me den­noch nicht, denn da ist dann gleich Ram­bazam­ba“ mit den zwei eige­nen klei­nen Kin­dern. Und dadurch, dass ich viel Sport mache – von Wan­dern und Tou­rens­ki­ge­hen bis zum Fuß­ball­spie­len in der Damen-Mann­schaft von Kirch­berg in der Bezirks­ober­li­ga – habe ich auch einen guten Aus­gleich. Das nimmt viel Druck weg und macht den Kopf frei!“ In Erin­ne­rung blei­ben Eli­sa­beth Hand­los vor allem Glücks­mo­men­te, wenn Pati­en­ten zum Bei­spiel sagen: Ihr habt‘s mir noch­mal wahn­sin­nig schö­ne Wochen oder Mona­te geschenkt!“

Von sol­chen unver­gess­li­chen Momen­ten im Hos­piz kann auch Maria Egin­ger berich­ten: Wenn sich eine Pati­en­tin, die einen gro­ßen Gar­ten hat­te, so beson­ders freut, weil man ihr ein Laven­del­sträu­ßerl ans Bett bringt, an dem sie rie­chen kann. Die Leu­te sind so dank­bar für die Zeit, die Zuwen­dung und die Auf­merk­sam­keit.“ Die 62-jäh­ri­ge Kran­ken­schwes­ter steht seit 45 Jah­ren im Berufs­le­ben und hat schon vie­le Sta­tio­nen durch­lau­fen – zum Bei­spiel in der Neu­ro­lo­gie, in der Onko­lo­gie, in der Not­auf­nah­me, sie hat ihre Eltern gepflegt und war im ambu­lan­ten Pfle­ge­dienst, als ihre Kin­der klein waren. Die exami­nier­te Pfle­ge­fach­kraft aus Grat­ters­dorf zieht Bilanz: Egal wo ich war, man hat die Leu­te zwar gut ver­sorgt, aber für mehr Zuwen­dung und Auf­merk­sam­keit hat die Zeit halt nie gereicht. Die­se Zeit habe ich jetzt, Men­schen bis zum Ende wirk­lich zu beglei­ten. Wir haben hier einen ganz ande­ren Per­so­nal­schlüs­sel. Eine Schwes­ter ist im Hos­piz für drei oder vier Pati­en­ten da.“ Zum Ster­ben hat sie eine ganz natür­li­che Ein­stel­lung: Man beglei­tet die Men­schen ja auf ihrem Lei­dens­weg bis zum Ende und dann ist das oft ein­fach eine Erlö­sung, wenn sie in Ruhe ein­schla­fen kön­nen, ohne Schmer­zen. Man fühlt natür­lich mit, aber man lei­det nicht mit. Man braucht ein biss­chen Distanz als Selbstschutz.“

Nahe gehen ihr vor allem Fami­li­en-Geschich­ten, die sich manch­mal im Hin­ter­grund abspie­len: Wenn sich die Ange­hö­ri­gen unter­ein­an­der bekämp­fen, ja bekrie­gen, ist das ganz schlimm. Ich denk mir dann immer, auf die­sem letz­ten Weg kann man sich doch irgend­wie eini­gen. Der Ster­ben­de soll ja in Frie­den gehen kön­nen. Aber das ist dann nicht möglich.“ 

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Eine Arbeit, die befriedigt: Für die Menschen wirklich da sein, ihnen Gutes tun und auch mal zuhören – dafür haben die Pflegefachkräfte im St. Ursula-Hospiz – hier Maria Eginger und Elisabeth Handlos (v.r.)

Heim­ge­hen und abschal­ten – geht das auf Knopf­druck? In der Regel kann ich das ganz gut“, meint die 62-jäh­ri­ge Kran­ken­schwes­ter. Ich gehe dann zu Hau­se in mei­nen Gar­ten, habe ein paar Hüh­ner und Kat­zen zu versorgen.“

Jeder steckt das anders weg“, erklärt Ire­ne Bas­mer. Sie ist als Pfle­ge­dienst­lei­te­rin für das Team von 21 Pfle­ge­fach­kräf­ten im Hos­piz ver­ant­wort­lich. Aber dass das Ster­ben mit jedem, der hier arbei­tet, etwas macht, ist ganz klar. Bei uns wird auch mal geweint.“ Ganz wich­tig fin­det Ire­ne Bas­mer neben dem Aus­tausch im Pfle­ge­team auch die regel­mä­ßi­gen Super­vi­sio­nen: Da kann das Team im offe­nen Gespräch mit einer Theo­lo­gin vie­les aufarbeiten.“

Maria Egin­ger zieht Bilanz: Die Arbeit im Hos­piz hat mich unheim­lich geer­det. Ich brau­che vie­les nicht mehr, zum Bei­spiel kei­ne ober­fläch­li­chen Bezie­hun­gen. Ich weiß, was Gesund­heit bedeu­tet, freue mich auch an Klei­nig­kei­ten. Man ist zufrie­den und dankbar!“

Auch bei Eli­sa­beth Hand­los haben sich die Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben: Finan­zi­el­le, mate­ri­el­le Din­ge sind nicht mehr so wich­tig. Ich brau­che kei­nen 3500 Euro-Urlaub. Es sind die Momen­te, die zäh­len. Die Bezie­hun­gen, die man hat. Wenn jemand zu mir sagt, das mach ich, wenn ich in Ren­te bin, dann sage ich, mach es lie­ber gleich, denn man weiß nie, was in 5 oder 15 Jah­ren ist!“ Und sen­si­bler sei sie gewor­den, meint Eli­sa­beth Hand­los: Schick­sals­schlä­ge erle­ben wir hier im Hos­piz genug. Bei nega­ti­ven Schlag­zei­len im Radio und Fern­se­hen schal­te ich bewusst ab!“

Bild und Text: Uschi Friedenberger

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