Bistum

Erinnerungskultur fördern

Redaktion am 23.02.2026

Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine. Info Icon Foto: Stefanie Hintermayr / pbp
Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine für Adelgunde Dölzer und Willi Heckmann in der Passauer Altstadt.

Stolpersteine laden dazu ein, innezuhalten, nachzudenken, Fragen zu stellen und die Vergangenheit auf eine neue Weise zu begreifen.

Sie sind nicht unum­strit­ten, die Stol­per­stei­ne von Künst­ler Gun­ter Dem­nig, obwohl es sie inzwi­schen in über 1200 Gemein­den in Deutsch­land gibt. Wäh­rend man­che sie als unwür­di­ge Form“ des Geden­kens emp­fin­den, sind sie für ande­re ein wich­ti­ger Bestand­teil der Erin­ne­rungs­kul­tur. So auch für Klaus Stan­jek, Nef­fe des homo­se­xu­el­len Musi­kers Wil­helm Heck­mann, der in Pas­sau ver­haf­tet und depor­tiert wur­de, und für Gabi Döl­zer, Enke­lin von Adel­gun­de Döl­zer, die von den Natio­nal­so­zia­lis­ten im Rah­men der Akti­on T4“ ermor­det wur­de. Bei­de haben sich sehr gewünscht, dass in Pas­sau mit solch einem Stein an ihre Vor­fah­ren erin­nert wird.

Ein Foto und Blumen beim Stolperstein für Wilhelm Heckmann. Info Icon Foto: Stefanie Hintermayr / pbp
Ein Foto und Blumen beim Stolperstein für Wilhelm Heckmann.

Bis zur Ver­le­gung war es ein lan­ger Weg. Als ich das ers­te Mal über die Stol­per­stei­ne nach­dach­te“, erin­nert sich Gabi Döl­zer, habe ich nicht geahnt, was da auf mich zukommt.“ Klaus Stan­jek erging es ähn­lich. Immer wie­der Anfra­gen, Ver­trös­tun­gen, Ableh­nun­gen, kei­ne Ant­wort. Jah­re sind ver­gan­gen, vie­le Jah­re. Coro­na mag dabei eine Rol­le gespielt haben, viel­leicht auch ande­re Grün­de. Ent­schei­dend ist: Das Durch­hal­ten der bei­den und all jener, die sich mit der Zeit eben­falls für die Stei­ne zu enga­gie­ren began­nen, wur­de belohnt. Nun gibt es sie, die klei­nen, glän­zen­den, ins Pflas­ter ein­ge­las­se­nen Erin­ne­rungs­hel­fer“, über die Pas­san­ten – natür­lich nur im über­tra­ge­nen Sinn – stol­pern, wenn sie in Pas­sau unter­wegs sind. Sie sol­len die Men­schen einer­seits dazu ein­la­den, Adel­gun­de und Wil­li nicht zu ver­ges­sen, ande­rer­seits aber auch, Fra­gen zu stel­len, nach­zu­den­ken und viel­leicht aus dem Schick­sal jener Ver­folg­ten auch Leh­ren für die Zukunft zu ziehen.

Die Ver­le­gung der Stei­ne, die Gun­ter Dem­nig per­sön­lich vor­ge­nom­men hat, fand im klei­nen, dabei aber sehr wür­de­vol­len Rah­men statt. In der Roß­trän­ke bei­spiels­wei­se wur­de Wil­li Heck­manns Lieb­lings­lied, Wei­ße Chry­san­the­men“ gespielt, die ent­spre­chen­den Blu­men wur­den am Stein nie­der­ge­legt – ein bewe­gen­der Moment für alle, die dabei waren, ein Moment auch, der Ver­gan­gen­heit greif­bar mach­te, der Wil­li – über das Akkor­de­on – sozu­sa­gen noch ein letz­tes Mal eine Stim­me gab.

Ein neuer Stolperstein in Passau erinnert an den homosexuellen Musiker Wilhelm Heckmann. Info Icon Foto: Barbara Osdarty
Ein neuer Stolperstein in Passau erinnert an den homosexuellen Musiker Wilhelm Heckmann.

Im Anschluss an die Ver­le­gung der Stei­ne fand im Fest­saal St. Valen­tin am Dom­platz eine Gedenk­fei­er statt, an der auch zahl­rei­che Besu­cher teil­ge­nom­men haben. Es war eine sehr per­sön­li­che Fei­er, vor allem des­we­gen, weil die Nach­fah­ren der Ver­folg­ten selbst Ein­blick in das gaben, was ihren Ange­hö­ri­gen wider­fah­ren ist. Geschich­te haut­nah, so nah sogar, dass manch einer zu Trä­nen gerührt war, und zwar auch von denen, die nur als Gäs­te vor Ort waren und zu kei­ner der Fami­li­en in enge­rem Kon­takt ste­hen. Neben den Erin­ne­rungs­bei­trä­gen von Gabi Döl­zer und Klaus Stan­jek war es vor allem der Bei­trag von Dr. Win­fried Helm zum The­ma Die Erin­ne­rung an die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Euthanasie‘-Morde“, der tie­fe Betrof­fen­heit schuf. Denn dass es so etwas gege­ben hat, das war den meis­ten im Publi­kum klar, vie­le hat­ten sich auch vor­her schon mit dem The­ma befasst; aber nicht in wel­cher Häu­fig­keit und mit wel­cher Grausamkeit.

Ein neuer Stolperstein in Passau erinnert an Adelgunde Dölzer. Info Icon Foto: Barbara Osdarty
Ein neuer Stolperstein in Passau erinnert an Adelgunde Dölzer, eines der sogenannten „Euthanasieopfer“ im Dritten Reich.

Orga­ni­siert wor­den ist die Ver­an­stal­tung vom Stadt­ju­gend­ring Pas­sau in Zusam­men­ar­beit mit der Que­er­seel­sor­ge des Bis­tums Pas­sau und der Initia­ti­ve Wochen zur Demo­kra­tie“. Für das sehr ein­fühl­sam gestal­te­te musi­ka­li­sche Rah­men­pro­gramm, das wesent­lich dazu bei­trug, ein wür­de­vol­les Geden­ken zu ermög­li­chen, zeich­ne­te die Spiel­grup­pe des 1. Pas­sau­er Akkor­de­on­or­ches­ters verantwortlich.

Die Paten­schaft für den Stein für Adel­gun­de Döl­zer über­nimmt die Montesso­ri-Schu­le in Pas­sau, die Paten­schaft für Wil­li Heck­manns Stein das Auer­sperg-Gym­na­si­um Freu­den­hain. An den Schu­len gab es ent­spre­chen­de Pro­jek­te und Arbeits­grup­pen. Auch die AG Erin­ne­rungs­kul­tur am Gym­na­si­um Leo­pol­dinum hat sich mit den Lebens­ge­schich­ten bei­der Opfer befasst. Der Stein, der dafür sorgt, dass der Namen mei­nes Onkels und sein Schick­sal nicht ver­ges­sen wer­den, freut mich“, so Stan­jek, aber die Tat­sa­che, dass so vie­le jun­ge Men­schen in das Pro­jekt ein­ge­bun­den waren, bedeu­tet mir eigent­lich fast noch mehr. Als Fil­me­ma­cher über­nimmt man eine gesell­schaft­li­che Verantwortung.

Man möch­te etwas bewir­ken.“ In die­sem Fall sei nicht er der­je­ni­ge gewe­sen, der Ver­än­de­rung initi­iert, aber: Ich bin über­zeugt, dass die Beschäf­ti­gung mit der Lebens­ge­schich­te von Wil­li und Adel­gun­de bei den Jugend­li­chen etwas bewir­ken kann, und das ist gut.“

Barbara
Osdarty

Redakteurin

Weitere Nachrichten

Bistum
10.03.2026

Kein Platz für Resignation

Das 4. Simbacher Kirchengespräch der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) strahlte weltoffenen Glanz aus: Mit…

Kirche vor Ort
10.03.2026

Pater Benjamin Bakowski wird Generaloberer des Paulinerordens

Stellvertretender Wallfahrtsrektor von Altötting und deutscher Provinzial wurde vom Generalkapitel in…

Die Mitbrüder beglückwünschen Pater Benjamin Bakowski.
02.03.2026

Exoten-Status

Elternzeit-Väter haben immer noch einen Exoten-Status, stellt der Autor des Editorials unserer aktuellen…

Wolfgang Krinninger mit seinen Kindern.
Bistum
02.03.2026

Der indische Waidler

Gipfelerlebnis zum Sonnenaufgang: Hohenaus Pfarrer David Raj Savarimuthu liebt das Wandern auf die Berge des…

Der Sonnenaufgang auf dem Lusen ist für Pfarrer David Savarimuthu jedes Mal faszinierend.