Mit Rückenwind und Regenlust

Redaktion am 21.07.2025

Der Autor auf dem Rad auf dem Weg zur Arbeit hoch über Germannsdorf . Info Icon Foto: Anna Krinninger
Autor Wolfgang Krinninger auf dem Weg zur Arbeit hoch über Germannsdorf.

Beim Stadtradeln zählt drei Wochen lang jeder Kilometer – auch gegen Wind, Wetter und innere Widerstände. Ein Pendler zieht nach über 1000 Radkilometern Bilanz: über Motivation, Muskelaufbau und die Vision einer radfreundlichen Zukunft.

Stadt­ra­deln ist ein Wett­be­werb, bei dem es dar­um geht, 21 Tage lang mög­lichst vie­le Wege kli­ma­freund­lich mit dem Fahr­rad zurück­zu­le­gen. Egal ob zur Arbeit oder in der Frei­zeit. Jeder Kilo­me­ter zählt! In Pas­sau hat­ten sich heu­er 65 Fir­men, Schu­len, Insti­tu­tio­nen, Ver­ei­ne etc. für das Event ange­mel­det, dar­un­ter auch das Team Bis­tum Pas­sau und Cari­tas Pas­sau“, für das auch ich erst­mals an den Start ging. War­um? Weil ich sehr gern Rad fah­re. Und weil ich nach mehr als 30 Jah­ren als Pend­ler (rund 70 Kilo­me­ter pro Tag) über­zeugt bin, dass das Auto für den Arbeits­weg zu viel Ener­gie und zu viel Platz braucht und zu lan­ge im Stau steht. Aber ist das Rad eine Alter­na­ti­ve? Hier ein paar (Straßen-)rand-Bemerkungen nach 1011 Kilo­me­tern Stadt­ra­deln – als Pend­ler mit dem E‑Bike, in der Frei­zeit mit dem Rennrad.

Autor Wolfgang Krinninger auf dem Rad in der Freizeit in Böhmen. Info Icon Foto: Anna Krinninger
Autor Wolfgang Krinninger in der Freizeit in Böhmen.

Unter ein­ein­halb Stun­den ist die Stre­cke von Pas­sau in mei­nen Hei­mat­ort Brei­ten­berg im Baye­ri­schen Wald nicht zu schaf­fen. Auch wenn Blitz und Don­ner im Rücken wie ein Tur­bo wir­ken, ich berg­auf kurb­le,
was mein Kör­per her­gibt, und mich berg­ab wind­schlüpf­rig ver­ren­ke, mehr geht (für mich) nicht. Von Haus­tür zu Haus­tür kann ich damit zeit­lich immer­hin mit dem Bus mit­hal­ten. Mit dem Auto brau­che ich – je nach Ver­kehrs­la­ge in der Stadt – 30 bis 45 Minu­ten weni­ger. Dafür wird Stoß­stan­ge an Stoß­stan­ge das Ner­ven­kos­tüm sehr viel stär­ker stra­pa­ziert. Und: Durch mei­ne täg­li­chen Pend­ler-Übungs­ein­hei­ten kann ich mir wei­te­res Aus­dau­er­trai­ning am Abend spa­ren. Trotz elek­tri­scher Unter­stüt­zung spürt man nach eini­gen Tagen, dass das bestän­di­ge Trai­ning dem Kör­per gut tut.

Die­sen Moti­va­ti­ons­schub braucht es aber auch. Spä­tes­tens, wenn am stock­fins­te­ren Mor­gen der Regen aufs Dach­fens­ter trom­melt, kommt der eige­ne Schwei­ne­hund ins Spiel und die Ver­su­chung ist groß, den Wecker genau so zu igno­rie­ren wie die bereit­lie­gen­den Radl­kla­mot­ten. Doch Stadt­ra­deln sei Dank: Die App auf dem Han­dy zeigt immer an, wie­vie­le Kilo­me­ter die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gestram­pelt sind. Das ist Anreiz genug, die gemüt­li­che Bett­statt zei­tig zu ver­las­sen und – wenn nötig – ins Regen­zeug zu schlüpfen.

– Klei­ner Erfah­rungs­hin­weis am Ran­de: Blit­zer­leuch­te­te schwar­ze Wol­ken von hin­ten machen voll schnell, aber sie holen dich immer ein und machen dich furcht­bar nass.

Nur gut, dass wir in den drei Wochen Stadt­ra­deln mehr auf der Sunseit‘n“ unter­wegs waren. Dann kos­tet das Auf­ste­hen kaum Über­win­dung. Am frü­hen Mor­gen drau­ßen in Bewe­gung zu sein, die Stil­le, das Licht, die Geschwin­dig­keit, die unge­brems­te Frei­heit des Den­kens – die­ses Zusam­men­spiel schenkt wun­der­vol­le Momen­te. Man spürt das Leben mit allen Sinnen.

Beim Stadtradeln musste man auch lernen, mit großer Hitze umzugehen. Hier hält der Autor eine Hand in einen Brunnen. Info Icon Foto: Wolfgang Krinninger
Radfahren in einer der schönsten Regionen des Landes ist ein Geschenk. Doch beim Stadtradeln musste man auch lernen, mit großer Hitze oder strömendem Regen umzugehen.

Für mei­nen Arbeits­weg habe ich über­wie­gend klei­ne Stra­ßen und Wege aus­ge­wählt. Haupt­rou­ten mei­de ich, soweit es geht. Zu laut, zu stres­sig, zu gefähr­lich – auch wenn ich den Ein­druck gewon­nen habe, dass das Mit­ein­an­der von Rad­lern und Auto­fah­rern ein wenig bes­ser gewor­den ist. Durch den Pedelec-Boom der ver­gan­ge­nen Jah­re haben sehr vie­le Men­schen das Rad­fah­ren für sich ent­deckt. Und wer am eige­nen Leib erfah­ren hat, was es heißt, wenn man völ­lig unge­schützt von einem Auto, Lkw oder Bus bedrängt wird, hält danach eher einen aus­rei­chen­den Sicher­heits­ab­stand ein.

Umge­kehrt fällt natür­lich auch uns Rad­lern kein Zacken aus der Kro­ne, wenn wir etwa hin­ter­her fah­ren­den Auto­fah­rern ein Zei­chen geben, dass sie über­ho­len kön­nen, sobald wir in unüber­sicht­li­chen Kur­ven sehen, dass kein Gegen­ver­kehr kommt. Klei­ne Ges­ten machen die Welt ein wenig freund­li­cher. Der Königs­weg wäre, wenn sich Rad­ler und Auto­fah­rer gar nicht oder nur wenig in die Que­re kom­men wür­den, doch davon sind wir bei uns lei­der noch sehr weit ent­fernt. Ein paar schma­le Ali­bi-Rad­we­ge, die mit Vor­fahrt-ach­ten-Schil­dern gepflas­tert sind und nach kur­zer Zeit wie­der in Stra­ßen ein­mün­den, sind defi­ni­tiv kei­ne Lösung. Wer wis­sen möch­te, wie es bes­ser geht, braucht nur nach Frei­burg oder Kopen­ha­gen zu schauen.

Wenn kon­se­quent in die Rad­in­fra­struk­tur inves­tiert wird, der Rad­ver­kehr nicht als Anhäng­sel, son­dern als Rück­grat urba­ner Mobi­li­tät mit­ge­plant wird, steigt auch die Nut­zung – und die Lebens­qua­li­tät in den Städ­ten. Aber die Hoff­nung stirbt schließ­lich zuletzt. Viel­leicht ist der Rad­ler­tun­nel in Pas­sau ja doch der Anfang von etwas Größerem.

Mein Fazit nach drei Wochen Stadt­ra­deln: Den Königs­weg fürs Pend­ler­di­lem­ma hab ich nicht gefun­den. Ich set­ze auch künf­tig auf eine Mischung: Rad, Bus, Motor­rad, Home­of­fice, Auto. Und natür­lich wer­de ich auch nächs­tes Jahr wie­der beim Stadt­ra­deln teil­neh­men und jeden Mor­gen ver­su­chen, den eige­nen Schwei­ne­hund zu über­win­den. Ein letz­ter Tipp dazu: Wenn’s kalt ist, der Gegen­wind bläst und dir der Regen ins Gesicht peitscht, hilft es, eine gute Play­list auf den pfei­fen­den Lip­pen zu haben. Rain­drops keep fal­ling on my head“, darf dabei auf kei­nen Fall fehlen.

Wolfgang
Krinninger

Chefredakteur

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