Foto: Anna Krinninger
Beim Stadtradeln zählt drei Wochen lang jeder Kilometer – auch gegen Wind, Wetter und innere Widerstände. Ein Pendler zieht nach über 1000 Radkilometern Bilanz: über Motivation, Muskelaufbau und die Vision einer radfreundlichen Zukunft.
Stadtradeln ist ein Wettbewerb, bei dem es darum geht, 21 Tage lang möglichst viele Wege klimafreundlich mit dem Fahrrad zurückzulegen. Egal ob zur Arbeit oder in der Freizeit. Jeder Kilometer zählt! In Passau hatten sich heuer 65 Firmen, Schulen, Institutionen, Vereine etc. für das Event angemeldet, darunter auch das Team „Bistum Passau und Caritas Passau“, für das auch ich erstmals an den Start ging. Warum? Weil ich sehr gern Rad fahre. Und weil ich nach mehr als 30 Jahren als Pendler (rund 70 Kilometer pro Tag) überzeugt bin, dass das Auto für den Arbeitsweg zu viel Energie und zu viel Platz braucht und zu lange im Stau steht. Aber ist das Rad eine Alternative? Hier ein paar (Straßen-)rand-Bemerkungen nach 1011 Kilometern Stadtradeln – als Pendler mit dem E‑Bike, in der Freizeit mit dem Rennrad.
Foto: Anna Krinninger
Unter eineinhalb Stunden ist die Strecke von Passau in meinen Heimatort Breitenberg im Bayerischen Wald nicht zu schaffen. Auch wenn Blitz und Donner im Rücken wie ein Turbo wirken, ich bergauf kurble,
was mein Körper hergibt, und mich bergab windschlüpfrig verrenke, mehr geht (für mich) nicht. Von Haustür zu Haustür kann ich damit zeitlich immerhin mit dem Bus mithalten. Mit dem Auto brauche ich – je nach Verkehrslage in der Stadt – 30 bis 45 Minuten weniger. Dafür wird Stoßstange an Stoßstange das Nervenkostüm sehr viel stärker strapaziert. Und: Durch meine täglichen Pendler-Übungseinheiten kann ich mir weiteres Ausdauertraining am Abend sparen. Trotz elektrischer Unterstützung spürt man nach einigen Tagen, dass das beständige Training dem Körper gut tut.
Diesen Motivationsschub braucht es aber auch. Spätestens, wenn am stockfinsteren Morgen der Regen aufs Dachfenster trommelt, kommt der eigene Schweinehund ins Spiel und die Versuchung ist groß, den Wecker genau so zu ignorieren wie die bereitliegenden Radlklamotten. Doch Stadtradeln sei Dank: Die App auf dem Handy zeigt immer an, wieviele Kilometer die Kolleginnen und Kollegen gestrampelt sind. Das ist Anreiz genug, die gemütliche Bettstatt zeitig zu verlassen und – wenn nötig – ins Regenzeug zu schlüpfen.
– Kleiner Erfahrungshinweis am Rande: Blitzerleuchtete schwarze Wolken von hinten machen voll schnell, aber sie holen dich immer ein und machen dich furchtbar nass.
Nur gut, dass wir in den drei Wochen Stadtradeln mehr auf der „Sunseit‘n“ unterwegs waren. Dann kostet das Aufstehen kaum Überwindung. Am frühen Morgen draußen in Bewegung zu sein, die Stille, das Licht, die Geschwindigkeit, die ungebremste Freiheit des Denkens – dieses Zusammenspiel schenkt wundervolle Momente. Man spürt das Leben mit allen Sinnen.
Foto: Wolfgang Krinninger
Für meinen Arbeitsweg habe ich überwiegend kleine Straßen und Wege ausgewählt. Hauptrouten meide ich, soweit es geht. Zu laut, zu stressig, zu gefährlich – auch wenn ich den Eindruck gewonnen habe, dass das Miteinander von Radlern und Autofahrern ein wenig besser geworden ist. Durch den Pedelec-Boom der vergangenen Jahre haben sehr viele Menschen das Radfahren für sich entdeckt. Und wer am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt, wenn man völlig ungeschützt von einem Auto, Lkw oder Bus bedrängt wird, hält danach eher einen ausreichenden Sicherheitsabstand ein.
Umgekehrt fällt natürlich auch uns Radlern kein Zacken aus der Krone, wenn wir etwa hinterher fahrenden Autofahrern ein Zeichen geben, dass sie überholen können, sobald wir in unübersichtlichen Kurven sehen, dass kein Gegenverkehr kommt. Kleine Gesten machen die Welt ein wenig freundlicher. Der Königsweg wäre, wenn sich Radler und Autofahrer gar nicht oder nur wenig in die Quere kommen würden, doch davon sind wir bei uns leider noch sehr weit entfernt. Ein paar schmale Alibi-Radwege, die mit Vorfahrt-achten-Schildern gepflastert sind und nach kurzer Zeit wieder in Straßen einmünden, sind definitiv keine Lösung. Wer wissen möchte, wie es besser geht, braucht nur nach Freiburg oder Kopenhagen zu schauen.
Wenn konsequent in die Radinfrastruktur investiert wird, der Radverkehr nicht als Anhängsel, sondern als Rückgrat urbaner Mobilität mitgeplant wird, steigt auch die Nutzung – und die Lebensqualität in den Städten. Aber die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt. Vielleicht ist der Radlertunnel in Passau ja doch der Anfang von etwas Größerem.
Mein Fazit nach drei Wochen Stadtradeln: Den Königsweg fürs Pendlerdilemma hab ich nicht gefunden. Ich setze auch künftig auf eine Mischung: Rad, Bus, Motorrad, Homeoffice, Auto. Und natürlich werde ich auch nächstes Jahr wieder beim Stadtradeln teilnehmen und jeden Morgen versuchen, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Ein letzter Tipp dazu: Wenn’s kalt ist, der Gegenwind bläst und dir der Regen ins Gesicht peitscht, hilft es, eine gute Playlist auf den pfeifenden Lippen zu haben. „Raindrops keep falling on my head“, darf dabei auf keinen Fall fehlen.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



