Foto: Roswitha Dorfner
Mit dem Ersten Advent beginnt die „staade Zeit“ – die aber so still gar nicht ist. Wir feiern auf Weihnachtsmärkten und suchen hektisch nach Geschenken. Dabei hätten wir Ruhe und Besinnung eigentlich dringend nötig. – Spirituelle Gedanken zur Bedeutung der Stille.
Weißt du was? Lass mich doch einfach mal in Ruhe!“ Wer kennt sie nicht, solche Sätze, die wir gelegentlich jemandem sagen oder sagen möchten, wenn er einfach nicht merkt, dass er uns mit irgendetwas überfordert, nervt oder quält. Es ist das Gefühl, dass einfach etwas „Zuviel“ ist. Wir möchten einen Stopp, brauchen Ruhe, Stille. Wir suchen eine Herberge, in der wir nach einer langen Reise einmal rasten dürfen.
Immer dann, wenn wir im Leben stark „untertreiben“ oder „übertreiben“ wollen, wenn wir also das gute Maß – was nicht immer „Mittelmaß“ sein muss und sein darf –, nicht finden und das innere Gleichgewicht zu verlieren drohen, könnte uns das etwas spöttisch klingende, aber zutreffende Wort von Kurt Tucholsky davor bewahren, auf irgendetwas allzu schnell und blind „abzufahren“, wenn er meint: „Alles ist wahr, auch das Gegenteil“.
Man sagt gerne: „Das Leben ist nicht einfach“ und meint damit, dass es von uns häufig als schwierig empfunden wird. Aber dieses „einfach“ kann man auch ganz wortwörtlich nehmen, denn unser Leben ist tatsächlich nicht „einfach“, sondern immer „zweifach“, ist also immer ein ständiges Wechselspiel, eine ständige Auseinandersetzung mit vielen nur scheinbaren „Gegensätzen“ wie zum Beispiel: Anspannung, Entspannung, Ich und Du, Nähe und Distanz, Geduld und Ungeduld, Streit und Harmonie… Gegensätze die aber nur in einem Zusammenspiel, in einem Gleichgewicht zu einander wahres, gelungenes und glückliches Leben ausmachen.
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Allerdings ist dieses Gleichgewicht, nach dem wir suchen, in manchen Lebenssituationen sehr schwierig, zumal wir – von starken Gewohnheiten geprägt- in unserer Fähigkeit, in Balance zu bleiben, häufig abrücken und in eine krankmachende „Schiefhaltung“ hineinrutschen können. In diese Schiefhaltung führt zurzeit ein gewisses „Übermaß“, das wir in allen Lebensbereichen spüren. Wir kommen allmählich von der „Zivilisation“ zur „Zuvielisation“, wie es der Propst von St. Florian, Johannes Holzinger, einmal genannt hat. Wir sehnen uns geradezu nach Ruhe.
In einer Studie wurde einmal festgestellt, dass uns in unserem Zusammenleben eine ganz bestimmte Bitte, die jemand an uns hat, in ganz besonderer Weise schwerfällt, auf sie einzugehen, sie zu erfüllen. Es ist die Bitte: „Lass mich in Ruhe!“ Es sind dies ganz sicher nicht die Situationen, in denen wir den anderen bewusst quälen oder stören wollen. Es sind wohl eher die Situationen, in denen wir es doch „so gut mit dem anderen meinen“, dass wir „ihm oder ihr doch gerne helfen“ möchten, wenn wir uns für ihn oder für sie verantwortlich fühlen. Den anderen „in Ruhe lassen“ bedeutet oft, Respekt vor der Meinung des anderen zu haben, ihn nicht von vornherein und vorschnell immer wieder belehren und verbessern, gängeln, bestimmen oder bevormunden zu wollen. „In Ruhe lassen“ bedeutet oft: Dem anderen seinen eigenen Rhythmus zu lassen, nicht ständig in seine eigenen inneren Abläufe einzugreifen, Geduld aufzubringen, warten zu können, dem anderen vertrauensvoll auch etwas zuzumuten. Den anderen nicht stören, behindern oder belästigen mit unseren oft hektischen vorschnellen „Hilfsangeboten“, sondern ihm „die Wahl zu lassen“. Nicht in der Hektik, sondern in „der Ruhe“ liegt offenbar die Kraft. Ein Mensch, den wir in Ruhe lassen, wird ganz sicher in dieser Ruhe ein gelassener Mensch.
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Aber selbst, wenn alle um uns herum uns in Ruhe lassen würden, wir kämen meistens selber nicht zur Ruhe. Es gibt so vieles in uns, was uns einfach nicht zur Ruhe kommen lassen möchte. Es sind vielleicht die vielen Erinnerungen, die uns immer wieder quälen und aufs Neue beunruhigen können, es sind vielleicht die „zu vielen“ Wünsche, die immer mehr und immer unerfüllbarer erscheinen. Oder wir erinnern uns an ein altes Sprichwort, dass uns mahnt, dass wir unsere Angelegenheiten nicht unnötig immer wieder „auf die lange Bank“ schieben sollten: „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen!“ Unbearbeitetes, Verdrängtes, immer mehr Sorgen Bereitendes raubt uns oft den Schlaf, macht uns nervös und ruhelos. Wie kann ich dann meinen Mitmenschen die Ruhe geben, die er braucht, wenn ich selber keine Ruhe habe. Auch die Dinge, die bei mir in Unordnung sind, schaffen Unruhe, Gewissensbisse. Zu viele schnellen Entschlüsse, die wir immer in übereilter Hektik fassen, können dann nicht erfüllt werden und treiben uns noch mehr an. Zu starke und übertriebene Wünsche und Begierden wirbeln in unserer Seele ständig Staub auf, wenn sie dann nicht sofort oder immer noch nicht erfüllt werden. Unberechtigte, negative Gedanken über uns selbst rauben uns den inneren Frieden. Gerade wenn uns vieles innerlich quält und beunruhigt, sollten wir uns nicht verschließen, sondern jemanden suchen, dem wir uns in unserer Unruhe anvertrauen. Es gilt immer noch die Erfahrung: „Geteiltes Leid ist halbes Leid!“
Auch wenn wir uns im Leben noch so mühen sollten, die nötige Ruhe, Entspannung und Erholung zu finden, wird es immer wieder Situationen geben, in denen all dieses Mühen zusammenzubrechen droht. Es wird uns plötzlich alles Zuviel. Nichts geht mehr! Gerade in diesen Situationen gilt es, dass sich unsere inneren Wurzeln wieder nach dem ausrichten, der uns wirklich und wahrhaftig diese Ruhe und Geborgenheit schenken kann. Wir erinnern uns an seine Worte: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28) Er will uns also die Ruhe verschaffen, die wir wirklich brauchen. Jesus kannte selbst Zeiten voller Ärger und Zorn, Zeiten voller Mühsal. Wie oft muss er nach den vielen Streitgesprächen, in die er verwickelt wurde, total müde und erschöpft gewesen sein. Er kennt deine angespannte Situation. Er sieht deine Sorgen- und Zornesfalten. Er sieht deine hochgezogenen Schultern, weil so viel auf dir lastet. Er sieht, was leise in dir weint. Er sieht sogar, was du nie einem anderen Menschen zu sagen wagst. Er sieht, wenn du müde bist. Zu viel um die Ohren hast. Von Martin Luther King ist dieses Wort überliefert: „Inmitten äußerer Unruhe, empfand ich innere Ruhe. Wenn Furcht und Verzweiflung meine Mühen zunichtemachen wollten, verwandelte Gott die Müdigkeit und Verzweiflung in die Spannung neuer Hoffnung.“
Foto: Roswitha Dorfner
Wenn in deinem Leben die nötige Ruhe fehlt, wirst du von einer Unzahl an Dingen und Ereignissen abgelenkt. Du verlierst den Kontakt mit Dir selbst. Eine alte Geschichte kann uns daran erinnern, wie gut es ist, dann die Stille zu suchen: „Zu einem einsamen Mönch kamen eines Tages Besucher. Sie fragten ihn: ‚Was für einen Sinn siehst Du in Deinem Leben der Stille?‘ Der Mönch war gerade damit beschäftigt, Wasser aus einer Zisterne zu schöpfen. Er sprach zu den Besuchern: ‚Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?‘ Die Leute blickten in die tiefe Zisterne. ‚Wir sehen nichts.‘ Nach einer kurzen Weile forderte der Einsiedler die Leute noch einmal auf: ‚Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?‘ Die Leute blickten wieder hinunter. ‚Ja, jetzt sehen wir uns selber!‘ Da sagte der Mönch: ‚Schaut, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selber!‘“
Text: Stanislaus Klemm



