Das glauben wir

Jetzt aber endlich mal Ruhe

Redaktion am 24.11.2025

Info Icon Foto: Roswitha Dorfner

Mit dem Ersten Advent beginnt die „staade Zeit“ – die aber so still gar nicht ist. Wir feiern auf Weihnachtsmärkten und suchen hektisch nach Geschenken. Dabei hätten wir Ruhe und Besinnung eigentlich dringend nötig. – Spirituelle Gedanken zur Bedeutung der Stille.

Weißt du was? Lass mich doch ein­fach mal in Ruhe!“ Wer kennt sie nicht, sol­che Sät­ze, die wir gele­gent­lich jeman­dem sagen oder sagen möch­ten, wenn er ein­fach nicht merkt, dass er uns mit irgend­et­was über­for­dert, nervt oder quält. Es ist das Gefühl, dass ein­fach etwas Zuviel“ ist. Wir möch­ten einen Stopp, brau­chen Ruhe, Stil­le. Wir suchen eine Her­ber­ge, in der wir nach einer lan­gen Rei­se ein­mal ras­ten dürfen.

Immer dann, wenn wir im Leben stark unter­trei­ben“ oder über­trei­ben“ wol­len, wenn wir also das gute Maß – was nicht immer Mit­tel­maß“ sein muss und sein darf –, nicht fin­den und das inne­re Gleich­ge­wicht zu ver­lie­ren dro­hen, könn­te uns das etwas spöt­tisch klin­gen­de, aber zutref­fen­de Wort von Kurt Tuchol­sky davor bewah­ren, auf irgend­et­was all­zu schnell und blind abzu­fah­ren“, wenn er meint: Alles ist wahr, auch das Gegenteil“.

Man sagt ger­ne: Das Leben ist nicht ein­fach“ und meint damit, dass es von uns häu­fig als schwie­rig emp­fun­den wird. Aber die­ses ein­fach“ kann man auch ganz wort­wört­lich neh­men, denn unser Leben ist tat­säch­lich nicht ein­fach“, son­dern immer zwei­fach“, ist also immer ein stän­di­ges Wech­sel­spiel, eine stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit vie­len nur schein­ba­ren Gegen­sät­zen“ wie zum Bei­spiel: Anspan­nung, Ent­span­nung, Ich und Du, Nähe und Distanz, Geduld und Unge­duld, Streit und Har­mo­nie… Gegen­sät­ze die aber nur in einem Zusam­men­spiel, in einem Gleich­ge­wicht zu ein­an­der wah­res, gelun­ge­nes und glück­li­ches Leben ausmachen.

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Aller­dings ist die­ses Gleich­ge­wicht, nach dem wir suchen, in man­chen Lebens­si­tua­tio­nen sehr schwie­rig, zumal wir – von star­ken Gewohn­hei­ten geprägt- in unse­rer Fähig­keit, in Balan­ce zu blei­ben, häu­fig abrü­cken und in eine krank­ma­chen­de Schief­hal­tung“ hin­ein­rut­schen kön­nen. In die­se Schief­hal­tung führt zur­zeit ein gewis­ses Über­maß“, das wir in allen Lebens­be­rei­chen spü­ren. Wir kom­men all­mäh­lich von der Zivi­li­sa­ti­on“ zur Zuvie­li­sa­ti­on“, wie es der Propst von St. Flo­ri­an, Johan­nes Holz­in­ger, ein­mal genannt hat. Wir seh­nen uns gera­de­zu nach Ruhe.

In einer Stu­die wur­de ein­mal fest­ge­stellt, dass uns in unse­rem Zusam­men­le­ben eine ganz bestimm­te Bit­te, die jemand an uns hat, in ganz beson­de­rer Wei­se schwer­fällt, auf sie ein­zu­ge­hen, sie zu erfül­len. Es ist die Bit­te: Lass mich in Ruhe!“ Es sind dies ganz sicher nicht die Situa­tio­nen, in denen wir den ande­ren bewusst quä­len oder stö­ren wol­len. Es sind wohl eher die Situa­tio­nen, in denen wir es doch so gut mit dem ande­ren mei­nen“, dass wir ihm oder ihr doch ger­ne hel­fen“ möch­ten, wenn wir uns für ihn oder für sie ver­ant­wort­lich füh­len. Den ande­ren in Ruhe las­sen“ bedeu­tet oft, Respekt vor der Mei­nung des ande­ren zu haben, ihn nicht von vorn­her­ein und vor­schnell immer wie­der beleh­ren und ver­bes­sern, gän­geln, bestim­men oder bevor­mun­den zu wol­len. In Ruhe las­sen“ bedeu­tet oft: Dem ande­ren sei­nen eige­nen Rhyth­mus zu las­sen, nicht stän­dig in sei­ne eige­nen inne­ren Abläu­fe ein­zu­grei­fen, Geduld auf­zu­brin­gen, war­ten zu kön­nen, dem ande­ren ver­trau­ens­voll auch etwas zuzu­mu­ten. Den ande­ren nicht stö­ren, behin­dern oder beläs­ti­gen mit unse­ren oft hek­ti­schen vor­schnel­len Hilfs­an­ge­bo­ten“, son­dern ihm die Wahl zu las­sen“. Nicht in der Hek­tik, son­dern in der Ruhe“ liegt offen­bar die Kraft. Ein Mensch, den wir in Ruhe las­sen, wird ganz sicher in die­ser Ruhe ein gelas­se­ner Mensch.

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Aber selbst, wenn alle um uns her­um uns in Ruhe las­sen wür­den, wir kämen meis­tens sel­ber nicht zur Ruhe. Es gibt so vie­les in uns, was uns ein­fach nicht zur Ruhe kom­men las­sen möch­te. Es sind viel­leicht die vie­len Erin­ne­run­gen, die uns immer wie­der quä­len und aufs Neue beun­ru­hi­gen kön­nen, es sind viel­leicht die zu vie­len“ Wün­sche, die immer mehr und immer uner­füll­ba­rer erschei­nen. Oder wir erin­nern uns an ein altes Sprich­wort, dass uns mahnt, dass wir unse­re Ange­le­gen­hei­ten nicht unnö­tig immer wie­der auf die lan­ge Bank“ schie­ben soll­ten: Was du heu­te kannst besor­gen, ver­schie­be nicht auf mor­gen!“ Unbe­ar­bei­te­tes, Ver­dräng­tes, immer mehr Sor­gen Berei­ten­des raubt uns oft den Schlaf, macht uns ner­vös und ruhe­los. Wie kann ich dann mei­nen Mit­men­schen die Ruhe geben, die er braucht, wenn ich sel­ber kei­ne Ruhe habe. Auch die Din­ge, die bei mir in Unord­nung sind, schaf­fen Unru­he, Gewis­sens­bis­se. Zu vie­le schnel­len Ent­schlüs­se, die wir immer in über­eil­ter Hek­tik fas­sen, kön­nen dann nicht erfüllt wer­den und trei­ben uns noch mehr an. Zu star­ke und über­trie­be­ne Wün­sche und Begier­den wir­beln in unse­rer See­le stän­dig Staub auf, wenn sie dann nicht sofort oder immer noch nicht erfüllt wer­den. Unbe­rech­tig­te, nega­ti­ve Gedan­ken über uns selbst rau­ben uns den inne­ren Frie­den. Gera­de wenn uns vie­les inner­lich quält und beun­ru­higt, soll­ten wir uns nicht ver­schlie­ßen, son­dern jeman­den suchen, dem wir uns in unse­rer Unru­he anver­trau­en. Es gilt immer noch die Erfah­rung: Geteil­tes Leid ist hal­bes Leid!“

Auch wenn wir uns im Leben noch so mühen soll­ten, die nöti­ge Ruhe, Ent­span­nung und Erho­lung zu fin­den, wird es immer wie­der Situa­tio­nen geben, in denen all die­ses Mühen zusam­men­zu­bre­chen droht. Es wird uns plötz­lich alles Zuviel. Nichts geht mehr! Gera­de in die­sen Situa­tio­nen gilt es, dass sich unse­re inne­ren Wur­zeln wie­der nach dem aus­rich­ten, der uns wirk­lich und wahr­haf­tig die­se Ruhe und Gebor­gen­heit schen­ken kann. Wir erin­nern uns an sei­ne Wor­te: Kommt her zu mir, alle, die ihr müh­se­lig und bela­den seid. Ich will euch erqui­cken.“ (Mt 11,28) Er will uns also die Ruhe ver­schaf­fen, die wir wirk­lich brau­chen. Jesus kann­te selbst Zei­ten vol­ler Ärger und Zorn, Zei­ten vol­ler Müh­sal. Wie oft muss er nach den vie­len Streit­ge­sprä­chen, in die er ver­wi­ckelt wur­de, total müde und erschöpft gewe­sen sein. Er kennt dei­ne ange­spann­te Situa­ti­on. Er sieht dei­ne Sor­gen- und Zor­nes­fal­ten. Er sieht dei­ne hoch­ge­zo­ge­nen Schul­tern, weil so viel auf dir las­tet. Er sieht, was lei­se in dir weint. Er sieht sogar, was du nie einem ande­ren Men­schen zu sagen wagst. Er sieht, wenn du müde bist. Zu viel um die Ohren hast. Von Mar­tin Luther King ist die­ses Wort über­lie­fert: Inmit­ten äuße­rer Unru­he, emp­fand ich inne­re Ruhe. Wenn Furcht und Ver­zweif­lung mei­ne Mühen zunich­te­ma­chen woll­ten, ver­wan­del­te Gott die Müdig­keit und Ver­zweif­lung in die Span­nung neu­er Hoffnung.“

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Wenn in dei­nem Leben die nöti­ge Ruhe fehlt, wirst du von einer Unzahl an Din­gen und Ereig­nis­sen abge­lenkt. Du ver­lierst den Kon­takt mit Dir selbst. Eine alte Geschich­te kann uns dar­an erin­nern, wie gut es ist, dann die Stil­le zu suchen: Zu einem ein­sa­men Mönch kamen eines Tages Besu­cher. Sie frag­ten ihn: Was für einen Sinn siehst Du in Dei­nem Leben der Stil­le?‘ Der Mönch war gera­de damit beschäf­tigt, Was­ser aus einer Zis­ter­ne zu schöp­fen. Er sprach zu den Besu­chern: Schaut in die Zis­ter­ne! Was seht ihr?‘ Die Leu­te blick­ten in die tie­fe Zis­ter­ne. Wir sehen nichts.‘ Nach einer kur­zen Wei­le for­der­te der Ein­sied­ler die Leu­te noch ein­mal auf: Schaut in die Zis­ter­ne! Was seht ihr?‘ Die Leu­te blick­ten wie­der hin­un­ter. Ja, jetzt sehen wir uns sel­ber!‘ Da sag­te der Mönch: Schaut, als ich vor­hin Was­ser schöpf­te, war das Was­ser unru­hig. Jetzt ist das Was­ser ruhig. Das ist die Erfah­rung der Stil­le: Man sieht sich selber!‘“

Text: Sta­nis­laus Klemm

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