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Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. Dieses Mal einen Zöllner.
Pfarrgemeinderatsvorsitzender, Lektor, Kommunionhelfer, Kassier bei der Ortscaritas und Ansprechpartner beim Helferkreis Asyl: Rainer Gaßler ist in seiner Heimatgemeinde Tittling das Paradebeispiel eines engagierten Bürgers. So jemand wird für seine zupackende Art geachtet.
Geächtet worden wäre Gaßler hingegen, hätte er vor 2000 Jahren gelebt. Der 59-Jährige ist Zöllner – doch Respekt wurde dieser Berufsgruppe nicht gezollt. Der römische Schriftsteller Julius Pollux listet insgesamt 39 Schimpfnamen für Zöllner auf. Zöllner waren oft betrügerische, habgierige Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht.
Als Lektor liest Gaßler bei Gottesdiensten selbst aus der Bibel vor, wie es seinen Berufskollegen von früher erging: „Da muss ich manchmal schon schmunzeln, wenn ein Zöllner wieder in seiner ganzen Unbeliebtheit auftritt.“ So wie beim Evangelisten Lukas. Er erzählt manche biblische Blockbuster exklusiv: Das populärste Beispiel ist die ärmliche Geburt Jesu im Stall. Hinzu kommt eben die Geschichte des auf einen Baum kraxelnden Zachäus. Lukas liefert mit der Zöllner-Geschichte eine der bekanntesten neutestamentlichen Bibelstellen.
Zachäus war ganz oben und doch ganz klein (Lk 19,1−10) – in mehrfacher Hinsicht. Finanziell weit oben war der Oberzöllner, weil er ein sehr vermögender Mann war. Er war auch oben, weil er auf einen Maulbeerfeigenbaum kletterte, als der Wanderprediger Jesus nach Jericho kam. Klein war er nicht nur, was seine Körpermaße anging. Zachäus wurde auch von seinen Mitmenschen klein gemacht.
Ausgerechnet bei diesem Verachteten blieb Jesus stehen und lud sich selbst zu ihm zum Essen ein. Völlig verwandelt versprach Zachäus im Anschluss: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ Es ist eine klassische Saulus-Paulus-Bibelgeschichte: Jesus geht zu den Ausgestoßenen der Gesellschaft, das stößt der Mehrheit sauer auf, gibt den Außenseitern jedoch den entscheidenden Anstoß zur Umkehr.
Die jüdische Gesellschaft zur Zeit Jesu zog klare Trennlinien zwischen Gut und Böse. Zu Zweiterem zählten Heiden, Prostituierte oder Räuber – warum aber Zöllner? Die Antwort damals wie heute: Niemand zahlt eben gerne Steuern oder Zölle. Den Frust darüber lädt man bei denen ab, die das Geld eintreiben. Zudem gab es damals nicht überall feste Zollsätze.
Meist waren Zöllner verpflichtet, jährlich eine gewisse Fixsumme an die Regierung abzugeben. Die Mehreinnahmen waren ihr Gewinn. Da gab es nach oben keine Grenze und so griffen manche Zöllner beherzt zu.
Heute sind Zöllner an Gesetze und feste Sätze gebunden. „Probleme mit dem schlechten Image aus der Bibel hatte ich eigentlich nie. Klar, die Klischees hört man schon ab und zu“, so Gaßler. Dem Zoll verdankt er nicht nur seinen „absoluten Traumjob“, sondern auch seine Frau Rosi. Sie arbeitet auch beim Zoll. Eine grenzenlose Liebe unter Grenzbeamten, zwei Söhne inbegriffen, die beide schon größer sind als der kleine Zachäus.
Der biblische Oberzöllner würde seinen Job nicht wiedererkennen. Ob im Büro, an der Grenze, am Flughafen oder bei der IT: „Die Möglichkeiten beim Job sind vielfältig“, so die Gaßlers.
„Da muss ich manchmal schon schmunzeln, wenn ein Zöllner wieder in seiner ganzen Unbeliebtheit auftritt.”
Dafür ist Rainer Gaßler das perfekte Beispiel. Seit 2022 ist er im Hauptzollamt Landshut im Stabsbereich interne Revision – ein Bürojob ohne Außendienst. Das war am Anfang seiner Laufbahn noch anders. 1992 begann er im Münchner Flughafen mit der Reiseabfertigung am Gate. „Das war zum Teil schon echt verrückt, was die Leute alles in und aus dem Urlaub mitgenommen haben.“ Muscheln, Korallen oder Riesenpackungen mit Zigaretten: Solche Probleme kannte Zachäus nicht. Innerhalb der EU dürfen derzeit bis zu 800 Glimmstängel zollfrei eingeführt werden, von außerhalb der EU sind es 200 Stück.
Dann machte sich Gaßler auf zu neuen Grenzen: Bis 1997 war er in Köln beim Zollkriminalamt tätig. „Das war eine interessante Zeit. Man kann es ein wenig mit dem Bundeskriminalamt vergleichen.“ Gaßler kümmerte sich um Außenwirtschaftsüberwachung. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich Spannendes wie die Kontrolle des Handels mit Uran oder Chemiewaffen. Dann zog es ihn wieder zurück in seine niederbayerische Heimat. Schließlich hat er zwei Grenzübergänge direkt vor der Haustür. Gaßler arbeitete in Philippsreut an der tschechischen Grenze sowie in Bayerisch Eisenstein.
Das Jahr 2004 markierte eine Grenze für den deutschen Zoll: Durch die EU-Osterweiterung wurden viele Stellen vor Ort abgebaut. „Ich hatte Glück und bin bis 2010 im Zollamt in Passau gelandet.“ Die folgenden zwölf Jahre war Gaßler im Zollamt im oberösterreichischen Suben an der Autobahn tätig.
Dass das Beamtentum seine Vorteile hat, merkte der gebürtige Arnbrucker (Landkreis Regen) bereits bei seinem Vater. Der war Förster, ein Traumberuf vieler Waidler. Nach dem Abitur an der Fachoberschule Passau ging Gaßler vier Jahre zur Bundeswehr. „Zur Findung meiner damals wie auch immer gearteten Perspektiven“, lacht der Diplom-Finanzwirt heute. Seinen Diplomtitel erhielt Gaßler nach einem dualen Studium. Eineinhalb Jahre paukte er theoretisch, eineinhalb Jahre probierte er sich praktisch aus.
Eine so lange Ausbildung hatten Zöllner zur Zeit Jesu nicht nötig. Zollstellen wurden damals einfach an Privatpersonen, die ohnehin schon sehr vermögend waren, verpachtet.
Einer von ihnen war Matthäus, späterer Apostel von Jesus. Der Märtyrer ist bis heute der Schutzpatron der Zöllner. Matthäus soll, so wurde es lange angenommen, das gleichnamige Evangelium verfasst haben. Bibelwissenschaftler haben gute Argumente, dass dies nicht stimmt. Wäre es doch so, würde sich Matthäus sicher freuen, dass ein Berufskollege sonntags Geschichten aus seiner Feder in der Kirche vorliest. Auf jeden Fall würde es ihn glücklich machen, zu sehen, wie sozial eingebunden und geachtet Zöllner inzwischen sind.
Text: Anna Kelbel

