Glaube und Tradition

Ein Zöllner, dem ohne Grenzen Respekt gezollt wird

Redaktion am 16.03.2026

Zöllner Rainer Gaßler am Gipfel des Lusen direkt an der tschechischen Grenze. Info Icon Foto: privat
Auch privat ist der Zöllner Rainer Gaßler gerne an der Grenze unterwegs. Hier ist der Wanderfreund den Lusen im Bayerischen Wald direkt an der tschechischen Grenze hochgekraxelt.

Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. Dieses Mal einen Zöllner.

Pfarr­ge­mein­de­rats­vor­sit­zen­der, Lek­tor, Kom­mu­ni­on­hel­fer, Kas­sier bei der Orts­ca­ri­tas und Ansprech­part­ner beim Hel­fer­kreis Asyl: Rai­ner Gaß­ler ist in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Titt­ling das Para­de­bei­spiel eines enga­gier­ten Bür­gers. So jemand wird für sei­ne zupa­cken­de Art geachtet.

Geäch­tet wor­den wäre Gaß­ler hin­ge­gen, hät­te er vor 2000 Jah­ren gelebt. Der 59-Jäh­ri­ge ist Zöll­ner – doch Respekt wur­de die­ser Berufs­grup­pe nicht gezollt. Der römi­sche Schrift­stel­ler Juli­us Pol­lux lis­tet ins­ge­samt 39 Schimpf­na­men für Zöll­ner auf. Zöll­ner waren oft betrü­ge­ri­sche, hab­gie­ri­ge Kol­la­bo­ra­teu­re der römi­schen Besatzungsmacht.

Als Lek­tor liest Gaß­ler bei Got­tes­diens­ten selbst aus der Bibel vor, wie es sei­nen Berufs­kol­le­gen von frü­her erging: Da muss ich manch­mal schon schmun­zeln, wenn ein Zöll­ner wie­der in sei­ner gan­zen Unbe­liebt­heit auf­tritt.“ So wie beim Evan­ge­lis­ten Lukas. Er erzählt man­che bibli­sche Block­bus­ter exklu­siv: Das popu­lärs­te Bei­spiel ist die ärm­li­che Geburt Jesu im Stall. Hin­zu kommt eben die Geschich­te des auf einen Baum kra­xeln­den Zachä­us. Lukas lie­fert mit der Zöll­ner-Geschich­te eine der bekann­tes­ten neu­tes­ta­ment­li­chen Bibelstellen.

Zachä­us war ganz oben und doch ganz klein (Lk 19,110) – in mehr­fa­cher Hin­sicht. Finan­zi­ell weit oben war der Ober­zöll­ner, weil er ein sehr ver­mö­gen­der Mann war. Er war auch oben, weil er auf einen Maul­beer­fei­gen­baum klet­ter­te, als der Wan­der­pre­di­ger Jesus nach Jeri­cho kam. Klein war er nicht nur, was sei­ne Kör­per­ma­ße anging. Zachä­us wur­de auch von sei­nen Mit­men­schen klein gemacht.

Aus­ge­rech­net bei die­sem Ver­ach­te­ten blieb Jesus ste­hen und lud sich selbst zu ihm zum Essen ein. Völ­lig ver­wan­delt ver­sprach Zachä­us im Anschluss: Herr, die Hälf­te mei­nes Ver­mö­gens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefor­dert habe, gebe ich ihm das Vier­fa­che zurück.“ Es ist eine klas­si­sche Sau­lus-Pau­lus-Bibel­ge­schich­te: Jesus geht zu den Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft, das stößt der Mehr­heit sau­er auf, gibt den Außen­sei­tern jedoch den ent­schei­den­den Anstoß zur Umkehr.

Die jüdi­sche Gesell­schaft zur Zeit Jesu zog kla­re Trenn­li­ni­en zwi­schen Gut und Böse. Zu Zwei­te­rem zähl­ten Hei­den, Pro­sti­tu­ier­te oder Räu­ber – war­um aber Zöll­ner? Die Ant­wort damals wie heu­te: Nie­mand zahlt eben ger­ne Steu­ern oder Zöl­le. Den Frust dar­über lädt man bei denen ab, die das Geld ein­trei­ben. Zudem gab es damals nicht über­all fes­te Zollsätze.

Meist waren Zöll­ner ver­pflich­tet, jähr­lich eine gewis­se Fix­sum­me an die Regie­rung abzu­ge­ben. Die Mehr­ein­nah­men waren ihr Gewinn. Da gab es nach oben kei­ne Gren­ze und so grif­fen man­che Zöll­ner beherzt zu.

Heu­te sind Zöll­ner an Geset­ze und fes­te Sät­ze gebun­den. Pro­ble­me mit dem schlech­ten Image aus der Bibel hat­te ich eigent­lich nie. Klar, die Kli­schees hört man schon ab und zu“, so Gaß­ler. Dem Zoll ver­dankt er nicht nur sei­nen abso­lu­ten Traum­job“, son­dern auch sei­ne Frau Rosi. Sie arbei­tet auch beim Zoll. Eine gren­zen­lo­se Lie­be unter Grenz­be­am­ten, zwei Söh­ne inbe­grif­fen, die bei­de schon grö­ßer sind als der klei­ne Zachäus.

Der bibli­sche Ober­zöll­ner wür­de sei­nen Job nicht wie­der­erken­nen. Ob im Büro, an der Gren­ze, am Flug­ha­fen oder bei der IT: Die Mög­lich­kei­ten beim Job sind viel­fäl­tig“, so die Gaßlers.

Da muss ich manch­mal schon schmun­zeln, wenn ein Zöll­ner wie­der in sei­ner gan­zen Unbe­liebt­heit auftritt.”

Zöllner Rainer Gaßler über Berufskollegen, über die in der Bibel berichtet wird

Dafür ist Rai­ner Gaß­ler das per­fek­te Bei­spiel. Seit 2022 ist er im Haupt­zoll­amt Lands­hut im Stabs­be­reich inter­ne Revi­si­on – ein Büro­job ohne Außen­dienst. Das war am Anfang sei­ner Lauf­bahn noch anders. 1992 begann er im Münch­ner Flug­ha­fen mit der Rei­se­ab­fer­ti­gung am Gate. Das war zum Teil schon echt ver­rückt, was die Leu­te alles in und aus dem Urlaub mit­ge­nom­men haben.“ Muscheln, Koral­len oder Rie­sen­pa­ckun­gen mit Ziga­ret­ten: Sol­che Pro­ble­me kann­te Zachä­us nicht. Inner­halb der EU dür­fen der­zeit bis zu 800 Glimm­stän­gel zoll­frei ein­ge­führt wer­den, von außer­halb der EU sind es 200 Stück.

Dann mach­te sich Gaß­ler auf zu neu­en Gren­zen: Bis 1997 war er in Köln beim Zoll­kri­mi­nal­amt tätig. Das war eine inter­es­san­te Zeit. Man kann es ein wenig mit dem Bun­des­kri­mi­nal­amt ver­glei­chen.“ Gaß­ler küm­mer­te sich um Außen­wirt­schafts­über­wa­chung. Hin­ter dem sper­ri­gen Begriff ver­birgt sich Span­nen­des wie die Kon­trol­le des Han­dels mit Uran oder Che­mie­waf­fen. Dann zog es ihn wie­der zurück in sei­ne nie­der­baye­ri­sche Hei­mat. Schließ­lich hat er zwei Grenz­über­gän­ge direkt vor der Haus­tür. Gaß­ler arbei­te­te in Phil­ipps­reut an der tsche­chi­schen Gren­ze sowie in Baye­risch Eisenstein.

Das Jahr 2004 mar­kier­te eine Gren­ze für den deut­schen Zoll: Durch die EU-Ost­erwei­te­rung wur­den vie­le Stel­len vor Ort abge­baut. Ich hat­te Glück und bin bis 2010 im Zoll­amt in Pas­sau gelan­det.“ Die fol­gen­den zwölf Jah­re war Gaß­ler im Zoll­amt im ober­ös­ter­rei­chi­schen Suben an der Auto­bahn tätig.

Dass das Beam­ten­tum sei­ne Vor­tei­le hat, merk­te der gebür­ti­ge Arn­bru­cker (Land­kreis Regen) bereits bei sei­nem Vater. Der war Förs­ter, ein Traum­be­ruf vie­ler Waid­ler. Nach dem Abitur an der Fach­ober­schu­le Pas­sau ging Gaß­ler vier Jah­re zur Bun­des­wehr. Zur Fin­dung mei­ner damals wie auch immer gear­te­ten Per­spek­ti­ven“, lacht der Diplom-Finanz­wirt heu­te. Sei­nen Diplom­ti­tel erhielt Gaß­ler nach einem dua­len Stu­di­um. Ein­ein­halb Jah­re pauk­te er theo­re­tisch, ein­ein­halb Jah­re pro­bier­te er sich prak­tisch aus. 
Eine so lan­ge Aus­bil­dung hat­ten Zöll­ner zur Zeit Jesu nicht nötig. Zoll­stel­len wur­den damals ein­fach an Pri­vat­per­so­nen, die ohne­hin schon sehr ver­mö­gend waren, verpachtet.

Einer von ihnen war Mat­thä­us, spä­te­rer Apos­tel von Jesus. Der Mär­ty­rer ist bis heu­te der Schutz­pa­tron der Zöll­ner. Mat­thä­us soll, so wur­de es lan­ge ange­nom­men, das gleich­na­mi­ge Evan­ge­li­um ver­fasst haben. Bibel­wis­sen­schaft­ler haben gute Argu­men­te, dass dies nicht stimmt. Wäre es doch so, wür­de sich Mat­thä­us sicher freu­en, dass ein Berufs­kol­le­ge sonn­tags Geschich­ten aus sei­ner Feder in der Kir­che vor­liest. Auf jeden Fall wür­de es ihn glück­lich machen, zu sehen, wie sozi­al ein­ge­bun­den und geach­tet Zöll­ner inzwi­schen sind.

Text: Anna Kelbel 

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