Glaube und Tradition

Dieser Keramiker trifft immer den richtigen Ton

Redaktion am 23.02.2026

Mit bis zu 1280 Grad werden Töpferwerke von Keramiker Thomas-Maximilian Auer-Nebl gebrannt. Info Icon Foto: Anna Kelbel
Hier geht es heiß her: Mit bis zu 1280 Grad werden Töpferwerke von Keramiker Thomas-Maximilian Auer-Nebl gebrannt.

Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der heutigen Folge: der Keramiker Thomas-Maximilian Auer-Nebl.

Am sechs­ten Tag form­te Gott den Men­schen aus Erde wie ein Töp­fer. So steht es im Buch Gene­sis, in der jün­ge­ren der bei­den bild­ge­wal­ti­gen Schöp­fungs­ge­schich­ten. Am Tag dar­auf gönn­te er sich einen Ruhe­tag. Sechs Tage die Woche formt auch Tho­mas-Maxi­mi­li­an Auer-Nebl in sei­ner Werk­statt – min­des­tens. Ruhe­tag? Sel­ten. Eine 40-Stun­den-Woche gibt es bei mir nie. Unter 70 Arbeits­stun­den kom­me ich nicht raus“, so der Kera­mik­meis­ter. Sel­ten macht er vor 21 Uhr sei­ne Werk­statt zu, auch wenn er jeden Mor­gen pünkt­lich um neun Uhr star­tet. In Auer-Nebls Leben gibt der Ton den Ton an – zum Glück“, fin­det er. Wobei bei ihm auch der Ton die Musik macht – oder doch die Musik den Ton? Auer-Nebl arbei­tet am liebs­ten mit einer Musik­box. Sei­ne Emp­feh­lung: der Pod­cast Kunst­ver­bre­chen“. Eine schau­ri­ge True-Crime-Sen­dung, die von gestoh­le­nen Gemäl­den, Tage­bü­chern oder Sta­tu­en handelt.

Drau­ßen in Pas­saus Alt­stadt ist es stock­dun­kel. Der 38-Jäh­ri­ge bückt sich selbst­ver­ges­sen im Licht sei­ner Werk­statt in der Milch­gas­se über die Dreh­schei­be. Der klei­ne Laden­raum links dane­ben hat schon seit Stun­den zu. Doch Auer-Nebl hat Bestel­lun­gen und außer­dem flutscht es gera­de. Sei­ne ele­gan­te, geschmei­di­ge Kunst­fer­tig­keit hat so gar nichts von der fröh­li­chen Batze­rei mit Ton, wie sie vie­le aus dem eige­nen Kunst­un­ter­richt in Erin­ne­rung haben. Schöp­fer und Töp­fer rei­men sich wohl nicht nur zufäl­lig. Auer-Nebl stellt gera­de eine Serie schlan­ker Tas­sen her. 50 Mal dreht er genau die­sel­be Form: 50 Eben­bil­der. Auch Gott schuf, so die pries­ter­ge­schicht­li­che Über­lie­fe­rung, Eben­bil­der. Als Bild Got­tes“ (Gen 1,27) schuf er den Men­schen. Für sei­ne Schöp­fung und den Men­schen hat­te Jah­we einen Plan.

Auch Auer-Nebl hat einen Plan, wenn er sich an sei­ne Dreh­schei­be setzt – und der ist kei­nes­wegs gött­lich: Vie­le den­ken immer, dass man sich als Kera­mi­ker ein­fach mal spon­tan über­legt, was man macht. Doch wir sind kei­ne Künst­ler im klas­si­schen Sin­ne. Ich wür­de viel­mehr sagen, dass ich ein Hand­werk mit einem gestal­te­ri­schen Aspekt aus­übe“, so Auer-Nebl. Er hat einen eige­nen For­men­ka­ta­log, den er immer wei­ter ent­wi­ckelt. Die­ses Ver­zeich­nis ist wich­tig, weil Kun­den immer wie­der Sets nach­be­stel­len oder erwei­tern wollen.

Kera­mik-Ken­ner Auer-Nebl ent­wirft, tes­tet, ver­wirft, tes­tet wei­ter. Nicht jede Idee zün­det dabei direkt. Dass das nor­mal ist, zeigt das Alte Tes­ta­ment: Miss­riet das Gefäß in der Hand des Töp­fers, so mach­te der Töp­fer dar­aus wie­der ein ande­res Gefäß, ganz wie es ihm gefiel.“ (Jer 18,16) Was in der Lebens­welt zu bibli­scher Zeit jedem Men­schen ver­traut wäre, nut­ze der Pro­phet Jere­mia für eine wuch­ti­ge Lek­ti­on Got­tes (Jer 18,6): Sie­he, wie der Ton in der Hand des Schöp­fers, so seid ihr in mei­ner Hand.“ Als Mensch mit Schwä­chen könn­te man es da fast mit der Angst krie­gen, wenn man die Akri­bie des Töp­fers Auer-Nebl sieht. Er ist per­fek­tio­nis­tisch, alles muss ihm zu 100 Pro­zent gefal­len, wenn es über die Laden­the­ke neben sei­ner Werk­statt geht.

Thomas-Maximilian Auer-Nebl vor seinem Meisterstück, einem schwarzen Segmentofen Info Icon Foto: Anna Kelbel
Thomas-Maximilian Auer-Nebl vor seinem Meisterstück, einem schwarzen Segmentofen: Für dieses Werk erhielt er unter anderem den Bayerischen Staatspreis.

Das sind nur 70 Pro­zent sei­ner Waren. Der Rest sind expli­zi­te Kun­den­wün­sche, die in der Werk­statt geholt wer­den.“ Um die­se zu erfül­len, braucht Auer-Nebl eine Men­ge an Mate­ri­al. Zwei Ton­nen Ton gehen im Jahr durch sei­ne Hän­de: Ein Las­ter vol­ler 10-Kilo­gramm-Packerl Ton hält zwei­mal jähr­lich vor sei­ner Werk­statt. Die wer­den in den Hin­ter­raum der Werk­statt ein­ge­la­gert. Dort geht es heiß her: Drei Brenn­öfen ste­hen dort. Dort hin­ein kom­men die Kunst­wer­ke, zunächst bei 940 Grad, dann bei 1280 Grad. Wegen enorm gestie­ge­ner Ener­gie­kos­ten war­tet der Kera­mik­meis­ter immer, bis die Öfen knall­voll“ sind. Dann wird gebrannt.

Nicht nur die Öfen bren­nen für die Ton­ge­fä­ße, auch Auer-Nebl brennt für sei­ne Wer­ke, schon seit Kind­heits­ta­gen. Er und sein zwei Jah­re älte­rer Bru­der Sebas­ti­an wuch­sen im Land­kreis Strau­bing-Bogen zunächst sehr musisch auf. Ich glau­be, ich habe als Kind sie­ben ver­schie­de­ne Instru­men­te gelernt.“ Der Glau­be spiel­te eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le: Mei­ne Eltern sind aus der Kir­che aus­ge­tre­ten. Mein Bru­der hat noch die Erst­kom­mu­ni­on bekom­men, ich hin­ge­gen nicht mehr.“

Malen statt Mes­se: Neben Zei­chen­kur­sen besuch­te der vier­jäh­ri­ge Tho­mas-Maxi­mi­li­an auch einen Töp­fer­kurs. Es ent­stand sein ers­tes Ton-Kunst­werk, ein Vogerl. Eigent­lich war es nur mit viel Fan­ta­sie ein Vogel“, rudert Auer-Nebl zurück. Das Tier war klein, dafür aber läng­lich und hat­te gar kei­ne Bei­ne. Mei­ne Eltern haben es daheim immer noch irgend­wo stehen.“

Vor sei­nem Abitur an der Fach­ober­schu­le in Deg­gen­dorf 2006 absol­vier­te Auer-Nebl ein frei­wil­li­ges Prak­ti­kum bei der Kera­mik­werk­statt Pflugk in Lal­ling (Land­kreis Deg­gen­dorf). Nach einer Stun­de in die­ser tol­len Werk­statt war für mich alles klar“, erin­nert sich Auer-Nebl. Er hat­te schon rasch den Dreh an der Dreh­schei­be raus und konn­te sich kei­ne ande­re Aus­bil­dung mehr vor­stel­len. Die jahr­tau­sen­de­al­te Kul­tur­tech­nik fas­zi­nier­te ihn. Zeit, dass sich was dreht“, wie im Grö­ne­mey­er-Refrain, hieß es nun für Auer-Nebl wie schon für die Hand­wer­ker an den ers­ten Töp­fer­schei­ben, die etwa 3000 v. Chr. erfun­den wur­den. Das ältes­te bekann­te Ton­ge­fäß stammt aus Japan und ist sogar rund 17.000 Jah­re alt. Auch zu Zei­ten Jesu waren Töp­fer von hoher Bedeu­tung. Aus den Ton­ge­fä­ßen aß man nicht nur, man lager­te dar­in auch Wein oder Öl.

Auer-Nebl begann eine Aus­bil­dung an der Berufs­fach­schu­le für Kera­mik in Lands­hut und absol­vier­te dort direkt im Anschluss die Meis­ter­schu­le für Kera­mik und Design. Bei sei­nem Meis­ter­stück traf Auer-Nebl den rich­ti­gen Ton: Er wur­de mit dem För­der­preis sei­ner Kera­mik­schu­le sowie mit dem Baye­ri­schen Staats­preis aus­ge­zeich­net. Das prä­mier­te Werk war ein schwar­zer Ofen aus Seg­men­ten, der fast so groß ist wie sein Meis­ter selbst. Noch heu­te steht das Kunst­werk in sei­nem Laden in der Milchgasse.

In mei­ner Meis­ter­schul­klas­se war ich der ein­zi­ge Mann. Ich wür­de sagen, dass rund 85 Pro­zent aller Kera­mi­ker weib­lich sind“, so der 38-Jäh­ri­ge. Die Töp­fe­rei steht auch unter weib­li­chem Schutz: Eine Schutz­pa­tro­nin ist weib­lich, eine Sel­ten­heit unter den vie­len männ­li­chen Hand­wer­ker-Hei­li­gen. Radeg­unis von Thü­rin­gen war im 6. Jahr­hun­dert ein frü­her Fall für die Me-too-Bewe­gung: Sie trenn­te sich von ihrem gewalt­tä­ti­gen Mann, einem Fran­ken­kö­nig, grün­de­te ein Klos­ter und för­der­te dort das Hand­werk, neben Weben auch das Töpfern.

Nach sei­nem Meis­ter­ab­schluss blieb Auer-Nebl der Kera­mik­schu­le treu und war sechs Jah­re lang neben­be­ruf­li­che Lehr­kraft. Zugleich öff­ne­te er 2012 sei­ne Werk­statt in der Pas­sau­er Milch­gas­se. Dort sitzt er auch wäh­rend des Inter­views mit dem Bis­tums­blatt neben sei­ner Dreh­schei­be. Hän­de und Hose sind vol­ler Lehm, schräg vor ihm ste­hen ein Hau­fen Roh­lin­ge und alles ist mit Zei­tungs­pa­pier abge­deckt. Man­che wür­den sagen, hier herrscht Cha­os, aber ich fin­de mich zurecht.“ Das his­to­ri­sche Gemäu­er mit nied­ri­gen Decken sorgt für das rich­ti­ge Flair für das noch viel älte­re Handwerk.

Bei so vie­len Tel­lern, Tas­sen, Schüs­seln und Scha­len täg­lich um sich her­um: Aus wel­cher Kera­mik isst ein Exper­te wie Auer-Nebl? Vie­le den­ken immer, ich hät­te nur Sachen von mir daheim, aber das stimmt nicht – im Gegen­teil. Ich lie­be es, immer wie­der bei Kera­mi­kern aus dem Umkreis etwas zu holen.“ Und weit dar­über hin­aus: Nach einem ein­mo­na­ti­gen Prak­ti­kum in Bra­si­li­en nahm er sich Geschirr von dort mit. Der flei­ßi­ge Kera­mik­meis­ter gönnt sich selbst kei­nen Urlaub, also ver­sam­melt er die Welt in sei­ner Küche.

Text und Fotos: Anna Kelbel

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