Foto: Anna Kelbel
Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer neuen Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der heutigen Folge: der Keramiker Thomas-Maximilian Auer-Nebl.
Am sechsten Tag formte Gott den Menschen aus Erde wie ein Töpfer. So steht es im Buch Genesis, in der jüngeren der beiden bildgewaltigen Schöpfungsgeschichten. Am Tag darauf gönnte er sich einen Ruhetag. Sechs Tage die Woche formt auch Thomas-Maximilian Auer-Nebl in seiner Werkstatt – mindestens. Ruhetag? Selten. „Eine 40-Stunden-Woche gibt es bei mir nie. Unter 70 Arbeitsstunden komme ich nicht raus“, so der Keramikmeister. Selten macht er vor 21 Uhr seine Werkstatt zu, auch wenn er jeden Morgen pünktlich um neun Uhr startet. In Auer-Nebls Leben gibt der Ton den Ton an – „zum Glück“, findet er. Wobei bei ihm auch der Ton die Musik macht – oder doch die Musik den Ton? Auer-Nebl arbeitet am liebsten mit einer Musikbox. Seine Empfehlung: der Podcast „Kunstverbrechen“. Eine schaurige True-Crime-Sendung, die von gestohlenen Gemälden, Tagebüchern oder Statuen handelt.
Draußen in Passaus Altstadt ist es stockdunkel. Der 38-Jährige bückt sich selbstvergessen im Licht seiner Werkstatt in der Milchgasse über die Drehscheibe. Der kleine Ladenraum links daneben hat schon seit Stunden zu. Doch Auer-Nebl hat Bestellungen und außerdem flutscht es gerade. Seine elegante, geschmeidige Kunstfertigkeit hat so gar nichts von der fröhlichen Batzerei mit Ton, wie sie viele aus dem eigenen Kunstunterricht in Erinnerung haben. Schöpfer und Töpfer reimen sich wohl nicht nur zufällig. Auer-Nebl stellt gerade eine Serie schlanker Tassen her. 50 Mal dreht er genau dieselbe Form: 50 Ebenbilder. Auch Gott schuf, so die priestergeschichtliche Überlieferung, Ebenbilder. „Als Bild Gottes“ (Gen 1,27) schuf er den Menschen. Für seine Schöpfung und den Menschen hatte Jahwe einen Plan.
Auch Auer-Nebl hat einen Plan, wenn er sich an seine Drehscheibe setzt – und der ist keineswegs göttlich: „Viele denken immer, dass man sich als Keramiker einfach mal spontan überlegt, was man macht. Doch wir sind keine Künstler im klassischen Sinne. Ich würde vielmehr sagen, dass ich ein Handwerk mit einem gestalterischen Aspekt ausübe“, so Auer-Nebl. Er hat einen eigenen Formenkatalog, den er immer weiter entwickelt. Dieses Verzeichnis ist wichtig, weil Kunden immer wieder Sets nachbestellen oder erweitern wollen.
Keramik-Kenner Auer-Nebl entwirft, testet, verwirft, testet weiter. Nicht jede Idee zündet dabei direkt. Dass das normal ist, zeigt das Alte Testament: „Missriet das Gefäß in der Hand des Töpfers, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel.“ (Jer 18,1−6) Was in der Lebenswelt zu biblischer Zeit jedem Menschen vertraut wäre, nutze der Prophet Jeremia für eine wuchtige Lektion Gottes (Jer 18,6): „Siehe, wie der Ton in der Hand des Schöpfers, so seid ihr in meiner Hand.“ Als Mensch mit Schwächen könnte man es da fast mit der Angst kriegen, wenn man die Akribie des Töpfers Auer-Nebl sieht. Er ist perfektionistisch, alles muss ihm zu 100 Prozent gefallen, wenn es über die Ladentheke neben seiner Werkstatt geht.
Foto: Anna Kelbel
Das sind nur 70 Prozent seiner Waren. „Der Rest sind explizite Kundenwünsche, die in der Werkstatt geholt werden.“ Um diese zu erfüllen, braucht Auer-Nebl eine Menge an Material. Zwei Tonnen Ton gehen im Jahr durch seine Hände: Ein Laster voller 10-Kilogramm-Packerl Ton hält zweimal jährlich vor seiner Werkstatt. Die werden in den Hinterraum der Werkstatt eingelagert. Dort geht es heiß her: Drei Brennöfen stehen dort. Dort hinein kommen die Kunstwerke, zunächst bei 940 Grad, dann bei 1280 Grad. Wegen enorm gestiegener Energiekosten wartet der Keramikmeister immer, bis die Öfen „knallvoll“ sind. Dann wird gebrannt.
Nicht nur die Öfen brennen für die Tongefäße, auch Auer-Nebl brennt für seine Werke, schon seit Kindheitstagen. Er und sein zwei Jahre älterer Bruder Sebastian wuchsen im Landkreis Straubing-Bogen zunächst sehr musisch auf. „Ich glaube, ich habe als Kind sieben verschiedene Instrumente gelernt.“ Der Glaube spielte eine untergeordnete Rolle: „Meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten. Mein Bruder hat noch die Erstkommunion bekommen, ich hingegen nicht mehr.“
Malen statt Messe: Neben Zeichenkursen besuchte der vierjährige Thomas-Maximilian auch einen Töpferkurs. Es entstand sein erstes Ton-Kunstwerk, ein Vogerl. „Eigentlich war es nur mit viel Fantasie ein Vogel“, rudert Auer-Nebl zurück. „Das Tier war klein, dafür aber länglich und hatte gar keine Beine. Meine Eltern haben es daheim immer noch irgendwo stehen.“
Vor seinem Abitur an der Fachoberschule in Deggendorf 2006 absolvierte Auer-Nebl ein freiwilliges Praktikum bei der Keramikwerkstatt Pflugk in Lalling (Landkreis Deggendorf). „Nach einer Stunde in dieser tollen Werkstatt war für mich alles klar“, erinnert sich Auer-Nebl. Er hatte schon rasch den Dreh an der Drehscheibe raus und konnte sich keine andere Ausbildung mehr vorstellen. Die jahrtausendealte Kulturtechnik faszinierte ihn. „Zeit, dass sich was dreht“, wie im Grönemeyer-Refrain, hieß es nun für Auer-Nebl wie schon für die Handwerker an den ersten Töpferscheiben, die etwa 3000 v. Chr. erfunden wurden. Das älteste bekannte Tongefäß stammt aus Japan und ist sogar rund 17.000 Jahre alt. Auch zu Zeiten Jesu waren Töpfer von hoher Bedeutung. Aus den Tongefäßen aß man nicht nur, man lagerte darin auch Wein oder Öl.
Auer-Nebl begann eine Ausbildung an der Berufsfachschule für Keramik in Landshut und absolvierte dort direkt im Anschluss die Meisterschule für Keramik und Design. Bei seinem Meisterstück traf Auer-Nebl den richtigen Ton: Er wurde mit dem Förderpreis seiner Keramikschule sowie mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Das prämierte Werk war ein schwarzer Ofen aus Segmenten, der fast so groß ist wie sein Meister selbst. Noch heute steht das Kunstwerk in seinem Laden in der Milchgasse.
„In meiner Meisterschulklasse war ich der einzige Mann. Ich würde sagen, dass rund 85 Prozent aller Keramiker weiblich sind“, so der 38-Jährige. Die Töpferei steht auch unter weiblichem Schutz: Eine Schutzpatronin ist weiblich, eine Seltenheit unter den vielen männlichen Handwerker-Heiligen. Radegunis von Thüringen war im 6. Jahrhundert ein früher Fall für die Me-too-Bewegung: Sie trennte sich von ihrem gewalttätigen Mann, einem Frankenkönig, gründete ein Kloster und förderte dort das Handwerk, neben Weben auch das Töpfern.
Nach seinem Meisterabschluss blieb Auer-Nebl der Keramikschule treu und war sechs Jahre lang nebenberufliche Lehrkraft. Zugleich öffnete er 2012 seine Werkstatt in der Passauer Milchgasse. Dort sitzt er auch während des Interviews mit dem Bistumsblatt neben seiner Drehscheibe. Hände und Hose sind voller Lehm, schräg vor ihm stehen ein Haufen Rohlinge und alles ist mit Zeitungspapier abgedeckt. „Manche würden sagen, hier herrscht Chaos, aber ich finde mich zurecht.“ Das historische Gemäuer mit niedrigen Decken sorgt für das richtige Flair für das noch viel ältere Handwerk.
Bei so vielen Tellern, Tassen, Schüsseln und Schalen täglich um sich herum: Aus welcher Keramik isst ein Experte wie Auer-Nebl? „Viele denken immer, ich hätte nur Sachen von mir daheim, aber das stimmt nicht – im Gegenteil. Ich liebe es, immer wieder bei Keramikern aus dem Umkreis etwas zu holen.“ Und weit darüber hinaus: Nach einem einmonatigen Praktikum in Brasilien nahm er sich Geschirr von dort mit. Der fleißige Keramikmeister gönnt sich selbst keinen Urlaub, also versammelt er die Welt in seiner Küche.
Text und Fotos: Anna Kelbel



