Glaube und Tradition

Ein Händchen fürs Handwerk

Redaktion am 18.05.2026

Siegfried Piske in der Zunftkleidung der Zimmerer. Info Icon Foto: privat
Siegfried Piske in der Zunftkleidung der Zimmerer: Die Cord-Kluft trägt er bei Treffen mit der Zimmerer-Innung. Den Stock, auf den sich Piske stützt, nennt man Stenz. Dieser knotig gewachsene Wanderstab ist ein Symbol des Handwerksstolzes.

Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der letzten Folge geht es um den Beruf des Zimmerers.

Deut­sche ver­brin­gen im Schnitt 39 Jah­re im Berufs­le­ben. Sieg­fried Piske ist in sei­nem 52. Arbeits­jahr – doch an Ren­te denkt der 65-Jäh­ri­ge noch lan­ge nicht. Er liebt und lebt sei­nen Beruf. Bereits in der sechs­ten Klas­se wuss­te der jun­ge Sieg­fried: Ich wer­de Handwerker.“

Mau­rer, Zim­me­rer, Beton- und Stahl­be­ton­bau­meis­ter oder doch eher Dach­de­cker? Piske konn­te sich nicht ent­schei­den und absol­vier­te daher in allen vier Berei­chen eine Meis­ter­prü­fung. Er ist ein ech­ter Allrounder.

Das ist nur eines der vie­len Din­ge, die ihn mit Josef, dem Zieh­va­ter von Jesus und bekann­tes­ten Zim­me­rer ver­bin­den. Josefs Beruf wird im grie­chi­schen Ori­gi­nal des Neu­en Tes­ta­ments mit tek­ton“ (Mt 13,55 und Mk 6,3) umschrie­ben. Auch wenn Josef als Zim­me­rer bekannt ist, hat sich ein tek­ton“ durch­aus auch ande­ren hand­werk­li­chen Tätig­kei­ten ange­nom­men und bedeu­tet wort­wört­lich Bau­hand­wer­ker“. Josef konn­te wohl alles: vom Stuhl bis zum Dachstuhl.

Den­noch: Josef gilt als Schutz­pa­tron der Zim­me­rer. Auch den Vils­ho­fe­ner Sieg­fried Piske kennt man als Schüt­zer der Zim­me­rer-Zunft. Er ist Ober­meis­ter der Zim­me­re­rin­nung Pas­sau. Noch eine Ana­lo­gie: Biblisch ist über­lie­fert, dass Josef die Hand­werks­kunst an sei­nen Zieh­sohn Jesus wei­ter­gab. Das hat auch Sieg­fried Piske getan: Sein Nest­häk­chen, Toch­ter Maria (31), ist Maler- und Lackier­meis­te­rin mit Fach­rich­tung Kir­chen­ma­le­rei. Auch bei der Ältes­ten, Sabri­na (32), geht es in ihrem Job als Archi­tek­tin ums Bau­en. Bei den Piskes herrscht geball­te Fami­li­en­power: Piskes Frau Wal­traud hilft im fami­li­en­ei­ge­nen Betrieb mit, wo sie kann.

Denn da gibt es eini­ges zu tun. Gebaut wer­den muss immer“, ver­si­chert Piske. Der lan­gen Tra­di­ti­on sei­nes Berufs ist er sich durch­aus bewusst: Die Zim­me­rei ist ein urei­ge­ner Beruf, Schutz vor Wind und Wet­ter war auch schon vor 2000 Jah­ren gefragt.“

Piske ist auf alt­ein­ge­ses­se­ne Hand­werks­tech­ni­ken spe­zia­li­siert. Er und sein neun­köp­fi­ges Team küm­mern sich oft um Gebäu­de mit Denk­mal­schutz, his­to­ri­schen Fas­sa­den oder Stuck­ar­bei­ten. Toch­ter Maria sorgt für die rich­ti­ge Farb­be­stü­ckung. Dabei sei­en sei­ne Kun­den haupt­säch­lich Pri­vat­per­so­nen: Das ist das Schö­ne an mei­nem Beruf, dass man immer in Gesell­schaft ist.“ Vie­le Kli­en­ten luden ihn und sei­ne Hand­wer­ker auf einen Kaf­fee ins Haus ein. Dabei fiel Piske eines auf: Es sind vor allem die ein­fa­chen Leu­te, die sel­ber viel arbei­ten oder gear­bei­tet haben, die einen zu sich hin­ein­bit­ten – und älte­re Menschen.“

Gebaut wer­den muss immer.”

Handwerks-Allrounder Siegfried Piske

Damit das Hand­werk auch in der Jugend wie­der mehr Respekt und Anklang fin­det, geht Piske zu Berufs­ori­en­tie­rungs­ta­gen an Schu­len im Umkreis, schließ­lich ist er auch noch Kreis­hand­werks­meis­ter. Neu­lich habe ich mich mit einer unter­hal­ten, die Pfer­de­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Ich habe sie gefragt, was sie damit ein­mal machen mag, und sie wuss­te es nicht. Da fra­ge ich mich schon, ob etwas Hand­fes­tes da nicht sinn­vol­ler wäre.“ Eine hand­werk­li­che Aus­bil­dung sei immer ein gutes Sprung­brett und ers­te prak­ti­sche Erfah­run­gen sei­en sehr wert­voll. Stu­die­ren kann man danach immer noch“, fin­det Piske. 
In sei­nem Betrieb kennt er Nach­wuchs-Pro­ble­me: Azu­bi-Bewer­bun­gen blei­ben bei der Fir­ma Piske, genau wie bei vie­len ande­ren Betrie­ben, aus. Frü­her hat­te man einen Sta­pel an Lebens­läu­fen auf dem Tisch lie­gen, jetzt muss man fra­gen, ob über­haupt jemand ange­ru­fen hat“, bedau­ert der Firmenchef.

In sei­nen über 50 Berufs­jah­ren habe sich aber nicht alles zum Schlech­ten gewen­det. Piske ist Prag­ma­ti­ker, kein Pes­si­mist. Er geht mit der Zeit und freut sich, dass er immer noch Neu­es erlebt. Letz­tens erst haben wir ein sechs auf zehn Meter gro­ßes Haus mit Lehm­putz und Holz fer­tig gestellt.“

Ein Haus aus Lehm und Holz? Da hät­te er wohl auch die Tek­tons Josef und Jesus brau­chen kön­nen, die sicher­lich Spe­zia­lis­ten für die­se damals übli­chen Mate­ria­li­en waren. 

2000 Jah­re spä­ter sind sol­che Exper­ten rar: Der klas­si­sche Umgang mit Holz wird heut­zu­ta­ge oft ver­lernt“, fin­det der 65-Jäh­ri­ge. Frü­her, als Hand­wer­ker kein vor­ge­fer­tig­tes Holz im Bau­markt kau­fen konn­ten, son­dern ihr Holz selbst im Wald gefällt haben, sei der Bezug dazu anders gewe­sen. Piskes liebs­tes Holz ist die Fich­te. Auch mit Eiche, Esche oder – wenn es edel sein soll“ – mit Nuss‑, Apfel- oder Birn­baum­holz arbei­tet er gerne.

Einen Wan­del am Hand­werks­be­ruf kann Piske nur gut­hei­ßen: Der Alko­hol ist ein schlech­ter Part­ner auf dem Bau.“ Kein Bier vor vier: Mei, eine Fei­er­tags­hal­be darf es dann schon ab und zu sein“, grinst Piske. In der Bibel hört man vor allem von Wein. Wein, der zu Was­ser ver­wan­delt wird, dem Wein­stock und den Reben oder dem Wein­über­fluss bei der Hoch­zeit zu Kana. Was vie­le nicht wis­sen: Auch das Bier war in der israe­li­ti­schen Kul­tur ver­an­kert. Ger­ne trank man Dünn­bier, da das Was­ser oft unsau­ber war. Hop­fen ent­hielt das Getränk damals noch nicht, dafür jedoch ver­go­re­ne Getrei­de­pro­duk­te wie Gers­te oder Hefe. Ob Josef oder Jesus auf der Bau­stel­le ihren Durst mit Bier still­ten, ist nicht überliefert.

Fest steht: Pro­fes­sio­nel­le Arbeits­klei­dung tru­gen die bei­den nicht. Erst seit dem 19. Jahr­hun­dert gibt es eine tra­di­tio­nel­le Zunft­klei­dung der Zim­me­rer. Bei unse­ren Tref­fen mit der Innung erwe­cken wir die­se Tra­di­ti­on.“ Cord im Akkord: In glei­chen Out­fits ver­sam­meln sich die Innungs-Mit­glie­der. Das sieht dann so aus: Unten eine schwar­ze Cord­ho­se, dazu ein kra­gen­lo­ses Hemd und dar­über ein Lai­berl aus schwar­zem Cord sowie eine Cord­ja­cke und natür­lich ein Filz­hut mit brei­ter Krem­pe. Der soll­te ursprüng­lich vor der Son­ne schützen.

In die­ser Tra­di­ti­ons­kluft sieht man heut­zu­ta­ge eini­ge weni­ge jun­ge Hand­wer­ker durch Deutsch­land wan­dern. Sie befin­den sich nach ihrer Gesel­len­prü­fung auf der Walz. Die Regeln sind streng: Drei Jah­re und einen Tag müs­sen die Gesel­len unter­wegs sein und dür­fen sich dabei ihrem Hei­mat­ort nie mehr als 50 Kilo­me­ter annä­hern. Die­ses Kon­zept ist nicht ver­pflich­tend. Piske hat sich damals gegen eine Walz ent­schie­den: Das hät­te ich eigent­lich machen sollen.“

Der Zim­me­rer Jesus hat­te sich in Bewe­gung gesetzt. Er war aller­dings nicht als Berufs­an­fän­ger drei Jah­re auf der Walz unter­wegs, son­dern wur­de als etwa 30-Jäh­ri­ger zum Wan­der­pre­di­ger. Ein Jahr (mit Blick auf die Syn­op­ti­ker) bzw. bis zu drei Jah­re (mit Blick auf das Johan­nes-Evan­ge­li­um) zog er umher und ver­kün­de­te die Fro­he Bot­schaft. So eine reli­giö­se Lauf­bahn hat der ehe­ma­li­ge Minis­trant Piske nicht. Nichts unter­brach sei­ne Hand­wer­ker­kar­rie­re. Ich wur­de zur Mus­te­rung für die Bun­des­wehr ein­be­ru­fen. Gerührt hat sich noch kei­ner, des­halb konn­te ich immer wei­ter­ar­bei­ten. Auf den Brief war­te ich noch heu­te“, schmun­zelt Piske.

So muss­te er nie das Kop­pel­schloss der Bun­des­wehr umschnal­len. Wohl aber trägt Piske mit Stolz das Zunft­zei­chen der Zim­me­rer am Gür­tel: Das Sie­gel zeigt eine Schrot­sä­ge, einen Zir­kel sowie gekreuzt ein Breit­beil und eine Axt. Gera­de das Beil als All­round-Werk­zeug war für Zim­me­rer schon zu bibli­scher Zeit wich­tig. Gutes Werk­zeug wur­de vom Vater an den Sohn über­ge­ben. Man mag sich vor­stel­len, wie Josef sein Werk­zeug an Jesus wei­ter­reich­te als Zei­chen leben­di­ger Hand­werks­tra­di­ti­on. Sieg­fried Piske lebt die­se Tra­di­ti­on bis heute.

Text: Anna Kelbe

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