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Die Bibel erzählt vom prallen Leben – und damit auch von der damaligen Berufswelt. In unserer Serie stellen wir Menschen vor, die Berufe der Bibel heute leben. In der letzten Folge geht es um den Beruf des Zimmerers.
Deutsche verbringen im Schnitt 39 Jahre im Berufsleben. Siegfried Piske ist in seinem 52. Arbeitsjahr – doch an Rente denkt der 65-Jährige noch lange nicht. Er liebt und lebt seinen Beruf. Bereits in der sechsten Klasse wusste der junge Siegfried: „Ich werde Handwerker.“
Maurer, Zimmerer, Beton- und Stahlbetonbaumeister oder doch eher Dachdecker? Piske konnte sich nicht entscheiden und absolvierte daher in allen vier Bereichen eine Meisterprüfung. Er ist ein echter Allrounder.
Das ist nur eines der vielen Dinge, die ihn mit Josef, dem Ziehvater von Jesus und bekanntesten Zimmerer verbinden. Josefs Beruf wird im griechischen Original des Neuen Testaments mit „tekton“ (Mt 13,55 und Mk 6,3) umschrieben. Auch wenn Josef als Zimmerer bekannt ist, hat sich ein „tekton“ durchaus auch anderen handwerklichen Tätigkeiten angenommen und bedeutet wortwörtlich „Bauhandwerker“. Josef konnte wohl alles: vom Stuhl bis zum Dachstuhl.
Dennoch: Josef gilt als Schutzpatron der Zimmerer. Auch den Vilshofener Siegfried Piske kennt man als Schützer der Zimmerer-Zunft. Er ist Obermeister der Zimmererinnung Passau. Noch eine Analogie: Biblisch ist überliefert, dass Josef die Handwerkskunst an seinen Ziehsohn Jesus weitergab. Das hat auch Siegfried Piske getan: Sein Nesthäkchen, Tochter Maria (31), ist Maler- und Lackiermeisterin mit Fachrichtung Kirchenmalerei. Auch bei der Ältesten, Sabrina (32), geht es in ihrem Job als Architektin ums Bauen. Bei den Piskes herrscht geballte Familienpower: Piskes Frau Waltraud hilft im familieneigenen Betrieb mit, wo sie kann.
Denn da gibt es einiges zu tun. „Gebaut werden muss immer“, versichert Piske. Der langen Tradition seines Berufs ist er sich durchaus bewusst: „Die Zimmerei ist ein ureigener Beruf, Schutz vor Wind und Wetter war auch schon vor 2000 Jahren gefragt.“
Piske ist auf alteingesessene Handwerkstechniken spezialisiert. Er und sein neunköpfiges Team kümmern sich oft um Gebäude mit Denkmalschutz, historischen Fassaden oder Stuckarbeiten. Tochter Maria sorgt für die richtige Farbbestückung. Dabei seien seine Kunden hauptsächlich Privatpersonen: „Das ist das Schöne an meinem Beruf, dass man immer in Gesellschaft ist.“ Viele Klienten luden ihn und seine Handwerker auf einen Kaffee ins Haus ein. Dabei fiel Piske eines auf: „Es sind vor allem die einfachen Leute, die selber viel arbeiten oder gearbeitet haben, die einen zu sich hineinbitten – und ältere Menschen.“
„Gebaut werden muss immer.”
Damit das Handwerk auch in der Jugend wieder mehr Respekt und Anklang findet, geht Piske zu Berufsorientierungstagen an Schulen im Umkreis, schließlich ist er auch noch Kreishandwerksmeister. „Neulich habe ich mich mit einer unterhalten, die Pferdewissenschaften studiert. Ich habe sie gefragt, was sie damit einmal machen mag, und sie wusste es nicht. Da frage ich mich schon, ob etwas Handfestes da nicht sinnvoller wäre.“ Eine handwerkliche Ausbildung sei immer ein gutes Sprungbrett und erste praktische Erfahrungen seien sehr wertvoll. „Studieren kann man danach immer noch“, findet Piske.
In seinem Betrieb kennt er Nachwuchs-Probleme: Azubi-Bewerbungen bleiben bei der Firma Piske, genau wie bei vielen anderen Betrieben, aus. „Früher hatte man einen Stapel an Lebensläufen auf dem Tisch liegen, jetzt muss man fragen, ob überhaupt jemand angerufen hat“, bedauert der Firmenchef.
In seinen über 50 Berufsjahren habe sich aber nicht alles zum Schlechten gewendet. Piske ist Pragmatiker, kein Pessimist. Er geht mit der Zeit und freut sich, dass er immer noch Neues erlebt. „Letztens erst haben wir ein sechs auf zehn Meter großes Haus mit Lehmputz und Holz fertig gestellt.“
Ein Haus aus Lehm und Holz? Da hätte er wohl auch die Tektons Josef und Jesus brauchen können, die sicherlich Spezialisten für diese damals üblichen Materialien waren.
2000 Jahre später sind solche Experten rar: „Der klassische Umgang mit Holz wird heutzutage oft verlernt“, findet der 65-Jährige. Früher, als Handwerker kein vorgefertigtes Holz im Baumarkt kaufen konnten, sondern ihr Holz selbst im Wald gefällt haben, sei der Bezug dazu anders gewesen. Piskes liebstes Holz ist die Fichte. Auch mit Eiche, Esche oder – „wenn es edel sein soll“ – mit Nuss‑, Apfel- oder Birnbaumholz arbeitet er gerne.
Einen Wandel am Handwerksberuf kann Piske nur gutheißen: „Der Alkohol ist ein schlechter Partner auf dem Bau.“ Kein Bier vor vier: „Mei, eine Feiertagshalbe darf es dann schon ab und zu sein“, grinst Piske. In der Bibel hört man vor allem von Wein. Wein, der zu Wasser verwandelt wird, dem Weinstock und den Reben oder dem Weinüberfluss bei der Hochzeit zu Kana. Was viele nicht wissen: Auch das Bier war in der israelitischen Kultur verankert. Gerne trank man Dünnbier, da das Wasser oft unsauber war. Hopfen enthielt das Getränk damals noch nicht, dafür jedoch vergorene Getreideprodukte wie Gerste oder Hefe. Ob Josef oder Jesus auf der Baustelle ihren Durst mit Bier stillten, ist nicht überliefert.
Fest steht: Professionelle Arbeitskleidung trugen die beiden nicht. Erst seit dem 19. Jahrhundert gibt es eine traditionelle Zunftkleidung der Zimmerer. „Bei unseren Treffen mit der Innung erwecken wir diese Tradition.“ Cord im Akkord: In gleichen Outfits versammeln sich die Innungs-Mitglieder. Das sieht dann so aus: Unten eine schwarze Cordhose, dazu ein kragenloses Hemd und darüber ein Laiberl aus schwarzem Cord sowie eine Cordjacke und natürlich ein Filzhut mit breiter Krempe. Der sollte ursprünglich vor der Sonne schützen.
In dieser Traditionskluft sieht man heutzutage einige wenige junge Handwerker durch Deutschland wandern. Sie befinden sich nach ihrer Gesellenprüfung auf der Walz. Die Regeln sind streng: Drei Jahre und einen Tag müssen die Gesellen unterwegs sein und dürfen sich dabei ihrem Heimatort nie mehr als 50 Kilometer annähern. Dieses Konzept ist nicht verpflichtend. Piske hat sich damals gegen eine Walz entschieden: „Das hätte ich eigentlich machen sollen.“
Der Zimmerer Jesus hatte sich in Bewegung gesetzt. Er war allerdings nicht als Berufsanfänger drei Jahre auf der Walz unterwegs, sondern wurde als etwa 30-Jähriger zum Wanderprediger. Ein Jahr (mit Blick auf die Synoptiker) bzw. bis zu drei Jahre (mit Blick auf das Johannes-Evangelium) zog er umher und verkündete die Frohe Botschaft. So eine religiöse Laufbahn hat der ehemalige Ministrant Piske nicht. Nichts unterbrach seine Handwerkerkarriere. „Ich wurde zur Musterung für die Bundeswehr einberufen. Gerührt hat sich noch keiner, deshalb konnte ich immer weiterarbeiten. Auf den Brief warte ich noch heute“, schmunzelt Piske.
So musste er nie das Koppelschloss der Bundeswehr umschnallen. Wohl aber trägt Piske mit Stolz das Zunftzeichen der Zimmerer am Gürtel: Das Siegel zeigt eine Schrotsäge, einen Zirkel sowie gekreuzt ein Breitbeil und eine Axt. Gerade das Beil als Allround-Werkzeug war für Zimmerer schon zu biblischer Zeit wichtig. Gutes Werkzeug wurde vom Vater an den Sohn übergeben. Man mag sich vorstellen, wie Josef sein Werkzeug an Jesus weiterreichte als Zeichen lebendiger Handwerkstradition. Siegfried Piske lebt diese Tradition bis heute.
Text: Anna Kelbe
