Foto: Roswitha Dorfner
Das Findelkind Moses, von der Tochter des Pharaos in einem Binsenkörbchen aus dem Nil gerettet, wird zum Retter seines Volkes Israels – der Jesusknabe in der Strohkrippe von Bethlehem geboren, wird zum Retter der Menschheit. Weihnachtliche Gedanken.
Der französische Dichter Honoré de Balzac schrieb einmal: „Wer sagt, es gibt sieben Wunder auf dieser Welt, hat noch nie die Geburt eines Kindes erlebt. Wer sagt, Reichtum ist alles, hat noch nie ein Kind lächeln gesehen. Wer sagt, diese Welt sei nicht mehr zu retten, hat vergessen, dass Kinder Hoffnung bedeuten“. Der Säugling Moses am Nil und das Jesuskind in Bethlehem haben diese Hoffnung erfüllt.
Der abgebildete Holzschnitt des Künstlers Nikolaus Schmitt aus Nennig (siehe weiter unten) zeigt die Rettung eines männlichen Säuglings, der am Nil Fluss in einem Schilfkörbchen liegend von einer herrschaftlich aussehenden jungen Frau, der Tochter des Pharaos aufgefunden wird. Sie streichelt das Kind und unterhält sich mit einer jungen Hebräerin mit einem punktförmigen Stammeszeichen auf der Stirn, Mirjam, die das Schilfkörbchen hält. Vor rund 3000 Jahren wurde dieser kleine Moses in Ägypten geboren.
Damals wollte der ägyptische Pharao Ramses II. die Israeliten, Hebräer genannt, ausrotten oder zumindest stark dezimieren. Er befürchtete nämlich eine zu große Fruchtbarkeit dieses Volkes, das er sich zu billigen Sklaven gemacht hatte und gab Anweisungen, alle neu geborenen Kinder unter zwei Jahren in den Nil zu werfen. In diese schreckliche Zeit hinein wurde der kleine Moses geboren. Seine Mutter Joschebed, eine Tochter aus dem Hebräerstamm Levi, hatte einen Bruder namens Kehat. Dieser hatte später einen Sohn namens Amram. Joschebed heiratete diesen Mann, also ihren Neffen, was zu dieser Zeit noch nicht verboten war. Sie bekamen drei Kinder: Tochter Mirjam und die Söhne Aaron und Moses. Die Mutter wollte ihr jüngstes Kind Moses vor dem sicheren Tod bewahren, versteckte ihn zunächst, hatte aber große Angst, entdeckt zu werden. Sie legte das Kind dann in ein Schilfkörbchen und stellte es so am Nil ab, dass es auch entdeckt werden konnte. Das wurde es tatsächlich bald, von der Tochter des Pharaos und deren Dienerin. Die Schwester von Moses, Mirjam, hatte von ihrer Mutter die Order bekommen, versteckt in der Nähe des Flusses auf das Kind im Körbchen aufzupassen. Sie lief dann sofort zur Tochter des Pharaos, die das Kind gefunden hatte, und machte ihr den Vorschlag, das Kind, so lange es gestillt werden musste, einer hebräischen Amme zu übergeben. Nach deren Einwilligung brachte Mirjam Moses zurück zur leiblichen Mutter, wo er dann so lange blieb, bis die Stillzeit zu Ende war. So überlebte Moses und konnte doch noch vorerst in seiner eigenen Familie aufwachsen, bevor er dann von der Tochter des Pharaos adoptiert wurde.
Foto: Stanislaus Klemm
Der Anblick des unschuldigen Kindes im Schilfkästchen weckt spontane Assoziationen. Dieses mit Stroh gefüllte Binsenkörbchen lässt einen an ein kleines Schiffchen erinnern, gewissermaßen an eine kleine „Arche“, ein Schiff, das Noah und den Seinen zur Rettung wurde. Wir sehen aber auch gleichzeitig Jesus, das Kind in einer mit Stroh ausgelegten Krippe, so wie Moses ebenfalls „ausgesetzt“, „weil in der Herberge kein Platz war.“ (Lk 2,7). Beide Kinder werden gleich zu Beginn ihres Lebens bedroht, aber auch gerettet. Moses musste die Verfolgung Pharaos und Jesus die des Herodes fürchten. Beide Machthaber hatten entschieden, alle Babys unter zwei Jahren töten zu lassen.
Beide Kinder wurden gerettet, Moses durch eine Adoption und Jesus, weil seine Eltern mit ihm rechtzeitig nach Ägypten fliehen konnten. Moses musste später allerdings Ägypten Ägypten wieder verlassen, um ein zweites Mal gerettet zu werden, er ging ins Exil, als er im Anflug eines „heiligen“ Zorns einen ägyptischen Aufseher, der seine Landsleute quälte, erschlagen hatte und die Rache des Pharaos fürchten musste. Dieses „Ägypten“ bringt dem Moses nun das Exil, wird aber für Jesus zum Asyl, bedeutet Vertreibung und Aufnahme zugleich.
Beide Kinder, Moses und Jesus, beide „Gerettete“, sollten zum „Retter“ werden. In beiden wird die rettende Vollmacht Gottes erscheinen: wenn Moses in Jahwes Namen das Rote Meer sich teilen lässt, um sein Volk hindurchziehen zu lassen und Jesus den Sturm auf dem See Genezareth bändigt, um uns allen unsere Ängste zu nehmen.
Der Name „Moses“ bedeutet: „der aus dem Wasser gezogene“, „der Gerettete“, er rettet später sein Volk Israel aus der Sklaverei und führte sie ins gelobte Land. Der Name „Jesus“ leitet sich von der hebräischen Wurzel „jaša“ ab, was ebenfalls „retten“ bedeutet, auch er wird zum erwarteten Messias und zum Retter der Menschheit. Was beide Kinder, Moses und Jesus an Botschaft überbringen, ist Hoffnung.
Am Anfang des Heilsweges sowohl des geknechteten Hebräervolkes als auch der übrigen Menschheit steht Gott. Sein Erlösungswerk fängt nicht an mit Größe, Pomp, Macht, Gewalt, Überrumpelung und Kampf, sondern mit der Ohnmacht, dem Liebreiz eines kleinen Kindes. Das ist seine Handschrift, er will nicht siegen mit Gewalt. Natürlich könnte er das, nein er will von Anfang an mit Liebe überzeugen. In diese buchstäbliche Kleinheit und Armseligkeit von Schilfkörbchen und Futterkrippe legt Gott seine Zusage und seine Liebe zu uns Menschen.
Was am Leben Jesu und an seiner Lehre wirklich fasziniert, das sind nicht so sehr seine großen spektakulären Auftritte oder Wunder, es sind eher seine „leisen Töne“, seine Aufmerksamkeit dem „Kleinen“, Bescheidenen und Schwachen gegenüber. Als ein Kind kam er in diese Welt. Jesus stellte einmal ein kleines Kind in seine Mitte, als es um „große“ Maßstäbe ging. Er drohte Schreckliches an, sollte jemand einem dieser Kleinsten Ärgernis geben. Er übersah nie das stumme Elend auf seinem Weg. Er bewunderte und lobte die arme Witwe, die ihr kleines Scherflein in den Opferkasten legte. Es rührte ihn an, wenn ein Hilfesuchender ihn nur berührte. Er wollte für die schwachen Menschen immer eine Hoffnung sein, das „geknickte Rohr nicht brechen“ und den „glimmenden Docht nicht auslöschen“, wie bereits prophezeit wurde. (Jes 42,3)
Seine eigentliche Lehre sind keine philosophischen, theologischen oder psychologischen Theorien oder Lehrsätze. Jesus selbst ist es, der mit seinen eigenen, ganz einfachen, für jeden verständlichen Worten zeigen wollte, worauf wir achten sollen. Er selbst identifizierte sich mit den Menschen, den „Kleinen“, die hungern, dürsten, die sich fremd, nackt, krank und gefangen fühlen, und er forderte uns auf, uns um solche Notleidende zu kümmern. Gemeint sind die „Werke der Barmherzigkeit“ (Mt 25,31−46). Hunger und Durst sind dabei nicht nur mit Brot und Wasser zu stillen. Auch Fremdheit, Nacktheit, Krankheit und Gefangenschaft gibt es in vielen, oft nicht beachteten Erscheinungsformen. Sie alle gilt es zu entdecken und sich um sie zu kümmern.
Text: Stanislaus Klemm
Anm.: Unser Autor ist Theologe und Psychologe und ehemaliger Mitarbeiter der Telefonseelsorge Saar sowie der Lebensberatung des Bistums Trier in Neunkirchen.



