Die Bedeutung der Menschenwürde hat Bischof Stefan Oster SDB am Festtag Mariä Himmelfahrt in Altötting betont. In einer programmatischen Predigt erklärte er, wie der oberste Grundwert der deutschen Verfassung mithilfe des christlichen Glaubens verstanden werden und wie er unsere Gesellschaft voranbringen kann.
Im „Herzen Bayerns“ war auch dieses Jahr eigentlich alles so wie fast immer am 14. und 15. August: Über 2000 Besucher von überallher; festliche Musik; ein Bischof, der Kräuterbuschen segnet, sich über den „strahlenden Sommertag“ freut, und der betont: „Der Himmel ist offen für uns alle.“ Beinahe zur Tradition gehört es mittlerweile auch, dass Passaus Bischof Oster zur Feier des Patroziniums der Gnadenkapelle mit „schweren Themen“ im Gepäck nach Altötting kommt – ähnlich wie Wallfahrer, die nicht selten mit ihren Sorgen zu „Unserer Lieben Frau“ pilgern. War es vergangenes Jahr die Künstliche Intelligenz, über die Bischof Oster gepredigt hatte, sprach er heuer über „das Verhältnis von Staat und Religion“ – eine Beziehung, die nicht selten kompliziert ist, aber nicht erst seit Beginn der Bundesrepublik besteht und auch das deutsche Grundgesetz beeinflusst hat, wie Oster ausführte; und ein Verhältnis, das gerade jetzt „angesichts der vielen Umbrüche, Veränderungen und Krisen“ sehr fruchtbar und gewinnbringend sein könne. Bischof Oster jedenfalls rief die Besucher am Ende des Gottesdienstes dazu auf, „für das Gelingen unserer Demokratie“ einen Beitrag zu leisten.
Dass Bischof Oster diesen Aufruf weniger als Forderung, sondern eher als Aufmunterung versteht, zeigten seine Ausführungen über Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Grundsatz, nach den Schrecken des II. Weltkriegs geschrieben von christlich geprägten Autoren, sei nicht nur „Konstruktionspunkt für alle folgenden Punkte“ des Grundgesetzes, sondern müsste für Christen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: Denn nach christlicher Auffassung sind „Menschen in einzigartiger Weise als Gottes Ebenbilder geschaffen“ worden; eine „Ebenbildlichkeit Gottes als Quelle unserer Würde“, die wir Menschen zwar durch eigenes Verschulden „verdunkeln“ könnten, die uns aber niemand wegnehmen könne. Dem christlichen Glauben nach habe Gott den Menschen Würde geschenkt. Demnach sei jeder Einzelne dazu in der Lage, so zu leben, wie es auch in der Präambel des Grundgesetzes steht: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“.
Hier können Sie sich die Predigt ansehen:
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Mariä Himmelfahrt in Altötting – Impressionen
Für Bischof Oster ist dieser „deskriptive“, also „beschreibende“ Charakter der Würde – „Die Würde ist unantastbar“ –, wie ihn Christen verstehen, ein klarer Vorteil gegenüber jenen, die die Unantastbarkeit der Würde des Menschen vor allem philosophisch erklären und „normativ“ begründen, also quasi vorschreiben – „Die Würde darf nicht angetastet werden“. Einfach ausgedrückt: Wer von einer Idee bereits überzeugt ist, der will auch danach handeln. Wer Regeln einfach nur vorgesetzt bekommt, der fragt irgendwann nach guten Gründen, die eine auseinanderdriftende Gesellschaft aber immer weniger nennen kann.
Auch eben jenes Auseinanderdriften, das zunehmende Gegeneinander in der Gesellschaft sprach Bischof Oster an – eine Entwicklung, die zugleich den „Ruf nach der einfachen und schnellen Lösung durch eine starke Autorität an der Spitze“ fördere, und die den Rechtsstaat und die Demokratie gefährde. Ein Umbruch, der laut Bischof Oster insbesondere auch mit einer zunehmenden „Verdunstung des Glaubens“ zusammenhängt.
Die gesamte Festmesse im Video
Ihnen entgeht ein toller Beitrag!
Bischof Oster nannte mehrere Punkte, „von denen ich annehme, dass die allermeisten Mütter und Väter unseres Grundgesetzes daran noch nicht einmal im Entferntesten gedacht haben, als sie den Satz von der unantastbaren Würde ins Grundgesetz hinein formuliert hatten“, darunter: Die Diskussion um Abtreibung als Menschenrecht; die Beihilfe zum Suizid als Geschäftsmodell; die Nutzung der Möglichkeit einer Leihmutterschaft im Ausland. Er beklagte außerdem die Zurschaustellung von „Lebensweisen, sexuellen Präferenzen und angeeigneten Identitäten“ beim Christopher Street Day (CSD), die deutlich mache, „wie fundamental sich Gesellschaft verändert hat“. Zwar seien auch die Teilnehmer am CSD „geliebte Kinder Gottes mit unverlierbarer Würde, die wir in ihrer Freiheit zu achten haben“; was dort inhaltlich vertreten werde, dürfe ausgehend vom christlichen Menschenbild jedoch auch kritisiert werden. Bischof Oster wandte sich schließlich der „(politisch) anderen Seite“ zu und verteidigte mit Nachdruck die „Würde der Menschen auf der Flucht“ und jener „aus anderen Kulturen, Ethnien und mit anderen Glaubensvorstellungen“. Bischof Oster betonte: „Wir Christen sind immer zur Achtung von jedem Menschen berufen und vor allem: nie zur Gewalt.“
Für Bischof Oster war christlicher Glaube nicht nur bei der Entstehung des Grundgesetzes von wesentlicher Bedeutung, sondern er biete der Gesellschaft auch heute eine Zukunftsperspektive. „Unsere Vision für diese Zeit ist: Wir halten den Himmel offen – und dieser Himmel ist nicht nur ein Gedanke, nicht nur eine leise Ahnung. Der Himmel beginnt jetzt schon in unserem Herzen und er öffnet sich besonders an Festen und Tagen wie diesen. Weil wir Kinder der Mutter sind, die unser Herr schon in den Himmel aufgenommen hat.“
„Unsere Vision für diese Zeit ist: Wir halten den Himmel offen.”
Die Gottesmutter Maria als Vorbild ebenso wie die Bedeutung des Miteinanders hob Wallfahrtsrektor Prälat Klaus Metzl in seiner Predigt beim Gottesdienst am Vorabend des Festtages hervor. Maria sei eine „Mitglaubende“ gewesen, und „auch wir können nur glauben im Mitglauben mit der einen Kirche, die unser aller Mutter ist“, betonte er. Deutlich zeige das Gnadenbild in Altötting den Weg: „Schaut auf Jesus. Seid Glaubende und werdet es immer neu (…)“. (Marien-)Wallfahrtsorte hätten im Laufe der Zeit „eine Art ‚Geografie des Glaubens‘ eingezeichnet“ und förderten dadurch auch das Miteinander. Prälat Metzl zitierte Aussagen Papst Benedikts XVI. zur Bedeutung des Wallfahrens: „Nun, das Erste ist dies, wir gehen zueinander und wir gehen miteinander. Und dies ist schon etwas Wichtiges, (…) dass wir in der Tat in der vorangehenden Zeit Pilgernde sind, und es nur im Miteinander sein können. Und dieses Miteinander-Gehen schenkt uns dann auch, dass wir den Himmel wieder sehen, dass wir trotz aller Krisen, die gerade das Land bedrängen, doch auch wieder des Segens innewerden, der noch immer über unserem bayerischen Lande liegt.“
Beeindruckend war auch dieses Jahr die musikalische Gestaltung. Bei der Festmesse erklang Wolfgang Amadeus Mozarts Missa in C („Krönungsmesse“), aufgeführt von Kapellchor und ‑orchester unter Leitung von Kapellmeister Stephan Thinnes – und kräftig unterstützt von insgesamt 16 Sängerinnen und Sängern von außerhalb, die Thinnes‘ Einladung zu der „Mitsingmesse“ gefolgt waren. Den Vorabendgottesdienst gestaltete die Altöttinger Hofmusik; die anschließende Lichterprozession die Altöttinger Musikkapelle; die Schola Autingensis gestaltete die Marienvesper in der Stiftspfarrkirche am Nachmittag des Festtages mit anschließendem Ave am Gnadenaltar, zelebriert von Prälat Metzl.
Den Vorabendgottesdienst und die Lichterprozession besuchten u.a. Innenminister Joachim Herrmann, MdL und CSU-Generalsekretär Martin Huber, MdB Stephan Mayer, Bezirksrätin Gisela Kriegl, Altöttings Landrat Tobias Windhorst und Altöttings Dritter Bürgermeister Hubert Rothmayer; Altöttings Erster Bürgermeister Stephan Antwerpen und Zweite Bürgermeisterin Christine Burghart nahmen sowohl am Vorabendgottesdienst als auch an der Festmesse teil.



