Foto: Wolfgang Terhörst
Juliane Birner überschaut ein ganzes Jahrhundert. Ein Gespräch über Freud, Leid und das was trägt mit unserer wahrscheinlich langjährigsten Leserin.
Der härteste „Konkurrent“ ist im Alter von 101 inzwischen verstorben. Nun zieht sie in der Umgebung von Palling-Tyrlbrunn (Landkreis Traunstein) einsam ihre Kreise: Juliane Birner ist am 18. November 102 Jahre geworden. Obwohl, einsam wirkt sie ganz und gar nicht – und das nicht nur, weil ihr Sohn Hermann und dessen Frau mit im Haus wohnen und sich kümmern. Juliane Birner wirkt zufrieden und lebensfroh. Besonders wohl fühlt sie sich in ihrem mit dem Holzofen mollig warm eingeheizten Zimmer. Doch beim Besuch des Bistumsblatt-Redakteurs macht die alte Dame eine Ausnahme und kommt in die Wohnküche, wo Sohn Hermann mit von seiner Frau selbstgebackenem Kuchen und Schokolade eingedeckt hat. Der frisch aufgebrühte Kaffee duftet und schmeckt ein wenig nach Zimt – das habe er sich als Wien-Freund in Österreich abgeschaut, so Hermann.
Dann geht die Tür auf und herein kommt – ohne Stock oder Rollator – eine kleine Frau mit wachem und freundlichem Gesichtsausdruck. 1923 im winzigen Weiler Bandsham bei Trostberg geboren: Was müssen diese Augen schon alles gesehen, was muss diese zierliche Person schon alles erlebt haben! Ob das hohe Alter in den Genen liege, frage ich. Nein nein, winkt Juliane ab: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so alt werde, meine Mutter ist mit 49 Jahren schon gestorben, mein Vater mit 70, Großvater mit 62. Aber so wie’s der Herrgott will!“ Vielleicht liegt genau in dieser Aussage schon ein Lebensgeheimnis: auf Gott vertrauen, trotz aller Widrigkeiten bei sich bleiben, „Kurs halten“. Oder liegt es an der „Extra-Taufe“, von der die alte Dame ganz unbefangen erzählt und über das sie herzlich lachen kann: Als kleines Mädchen sei sie im Übermut in den Teich beim Haus der Eltern gefallen und der Vater habe sie nach einem gewagten Sprung von der Leiter gerade noch rechtzeitig herausziehen können.
Foto: Hermann Birner
Juliane ist das einzige Kind geblieben und hat neben dem Schulbesuch schon früh auf der kleinen Selbstversorger-Landwirtschaft – fünf Kühe, zwei Schweine, Hühner – mit anpacken müssen, besonders nachdem die Mutter 1939 früh verstorben war. Zuvor hatten der Vater als Maurer und die Mutter als Näherin die kleine Familie schon mühsam durch die Weltwirtschaftskrise manövriert. Und Juliane hatte schon damals den Altöttinger Liebfrauenboten ausgetragen: „Ja freilich“, bestätigt die alte Dame – und das die Oma das Blatt schon gehabt hat, „vo‘m ersten Kriag, des is oiwei scho da gwen“. Und so ist es bis heute geblieben, Juliane liest ihn noch immer, als „Passauer Bistumsblatt – vereint mit dem Altöttinger Liebfrauenboten“. Soweit es die Augen halt zulassen.
Der Zweite Weltkrieg hat dann die Lage nicht eben verbessert. Obwohl Juliane der Zeit durchaus auch gute Seiten abgewinnen konnte. Denn zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet, kam sie gemeinsam mit einer Nachbarstochter erstmals aus der kleinen Heimatwelt heraus – immerhin nach Kötzting in den Bayerischen Wald: „Das hat uns gefallen!“ Und das, obwohl sie für ihren Glauben einmal beinahe Kopf und Kragen riskierte, weil sie unbedingt zum Sonntagsgottesdienst wollte und sich dazu heimlich aus dem Lager geschlichen hatte.
Zwei oder drei Mal sei es gut gegangen, doch dann habe sie die Lagerleiterin erwischt und „gleich ordentlich zusammengepackt“. Weil die Wärterin aus der gleichen Gegend stammte, wie sich herausstellte, sei es aber glimpflich abgelaufen.
Mit der Heirat 1949 besserten sich dann die Zeiten für Juliane. Ihr Mann fand Arbeit im neu errichteten Linde-Werk in Tacherting-Schalchen und arbeitete sich dort hoch. Bald konnte sich die Familie ihr erstes eigenes Auto leisten, ein Goggomobil – womit nach dem Kauf auf dem Heimweg gleich ein Umweg über Altötting gefahren wurde, wie Juliane Birner amüsiert erzählt.
Foto: Wolfgang Terhörst
Und zu erzählen gäbe es noch so vieles, auch nach 90 Minuten spannender und kurzweiliger Unterhaltung. Doch ich möchte die Kraft meiner Gastgeberin nicht überstrapazieren. Nach einigen von ihr mit großer Gleichmut ertragenen Fotos verabschiede ich mich von Juliane Birner, unserer wohl ältesten Leserin. „Bis zum 103. Geburtstag!“ „So Gott will!“ – der Glaube habe ihr immer geholfen: „Das braucht der Mensch“. Wie zur Bestätigung entdecke ich beim Hinausgehen einen Zettel mit dem Altöttinger Haussegen („am Gnadenbild berührt“) neben dem Garderobenspiegel – früher ein Geschenk an unsere Abonnenten. Doch wer solche Leserinnen und Leser hat, ist eigentlich selbst reich beschenkt.
Wolfgang
Terhörst
Redaktionsleiter



