Das glauben wir

„So wie‘s der Herrgott will“

Redaktion am 05.01.2026

Juliane Birner greift beim Besuch des Redakteurs gerne zur druckfrischen Ausgabe ihrer Sonntagszeitung. Info Icon Foto: Wolfgang Terhörst
Zufriedenheit: Juliane Birner greift beim Besuch des Redakteurs gerne zur druckfrischen Ausgabe ihrer Sonntagszeitung.

Juliane Birner überschaut ein ganzes Jahrhundert. Ein Gespräch über Freud, Leid und das was trägt mit unserer wahrscheinlich langjährigsten Leserin.

Der här­tes­te Kon­kur­rent“ ist im Alter von 101 inzwi­schen ver­stor­ben. Nun zieht sie in der Umge­bung von Pal­ling-Tyrl­brunn (Land­kreis Traun­stein) ein­sam ihre Krei­se: Julia­ne Bir­ner ist am 18. Novem­ber 102 Jah­re gewor­den. Obwohl, ein­sam wirkt sie ganz und gar nicht – und das nicht nur, weil ihr Sohn Her­mann und des­sen Frau mit im Haus woh­nen und sich küm­mern. Julia­ne Bir­ner wirkt zufrie­den und lebens­froh. Beson­ders wohl fühlt sie sich in ihrem mit dem Holz­ofen mol­lig warm ein­ge­heiz­ten Zim­mer. Doch beim Besuch des Bis­tums­blatt-Redak­teurs macht die alte Dame eine Aus­nah­me und kommt in die Wohn­kü­che, wo Sohn Her­mann mit von sei­ner Frau selbst­ge­ba­cke­nem Kuchen und Scho­ko­la­de ein­ge­deckt hat. Der frisch auf­ge­brüh­te Kaf­fee duf­tet und schmeckt ein wenig nach Zimt – das habe er sich als Wien-Freund in Öster­reich abge­schaut, so Hermann.

Dann geht die Tür auf und her­ein kommt – ohne Stock oder Rol­la­tor – eine klei­ne Frau mit wachem und freund­li­chem Gesichts­aus­druck. 1923 im win­zi­gen Wei­ler Bands­ham bei Trost­berg gebo­ren: Was müs­sen die­se Augen schon alles gese­hen, was muss die­se zier­li­che Per­son schon alles erlebt haben! Ob das hohe Alter in den Genen lie­ge, fra­ge ich. Nein nein, winkt Julia­ne ab: Ich hät­te nie gedacht, dass ich so alt wer­de, mei­ne Mut­ter ist mit 49 Jah­ren schon gestor­ben, mein Vater mit 70, Groß­va­ter mit 62. Aber so wie’s der Herr­gott will!“ Viel­leicht liegt genau in die­ser Aus­sa­ge schon ein Lebens­ge­heim­nis: auf Gott ver­trau­en, trotz aller Wid­rig­kei­ten bei sich blei­ben, Kurs hal­ten“. Oder liegt es an der Extra-Tau­fe“, von der die alte Dame ganz unbe­fan­gen erzählt und über das sie herz­lich lachen kann: Als klei­nes Mäd­chen sei sie im Über­mut in den Teich beim Haus der Eltern gefal­len und der Vater habe sie nach einem gewag­ten Sprung von der Lei­ter gera­de noch recht­zei­tig her­aus­zie­hen können.

Juliane Birner 1946 im Jahr ihrer Heirat. Info Icon Foto: Hermann Birner
Juliane Birner 1946 im Jahr ihrer Heirat.

Julia­ne ist das ein­zi­ge Kind geblie­ben und hat neben dem Schul­be­such schon früh auf der klei­nen Selbst­ver­sor­ger-Land­wirt­schaft – fünf Kühe, zwei Schwei­ne, Hüh­ner – mit anpa­cken müs­sen, beson­ders nach­dem die Mut­ter 1939 früh ver­stor­ben war. Zuvor hat­ten der Vater als Mau­rer und die Mut­ter als Nähe­rin die klei­ne Fami­lie schon müh­sam durch die Welt­wirt­schafts­kri­se manö­vriert. Und Julia­ne hat­te schon damals den Alt­öt­tin­ger Lieb­frau­en­bo­ten aus­ge­tra­gen: Ja frei­lich“, bestä­tigt die alte Dame – und das die Oma das Blatt schon gehabt hat, vo‘m ers­ten Kriag, des is oiwei scho da gwen“. Und so ist es bis heu­te geblie­ben, Julia­ne liest ihn noch immer, als Pas­sau­er Bis­tums­blatt – ver­eint mit dem Alt­öt­tin­ger Lieb­frau­en­bo­ten“. Soweit es die Augen halt zulassen.

Der Zwei­te Welt­krieg hat dann die Lage nicht eben ver­bes­sert. Obwohl Julia­ne der Zeit durch­aus auch gute Sei­ten abge­win­nen konn­te. Denn zum Reichs­ar­beits­dienst ver­pflich­tet, kam sie gemein­sam mit einer Nach­bars­toch­ter erst­mals aus der klei­nen Hei­mat­welt her­aus – immer­hin nach Kötzting in den Baye­ri­schen Wald: Das hat uns gefal­len!“ Und das, obwohl sie für ihren Glau­ben ein­mal bei­na­he Kopf und Kra­gen ris­kier­te, weil sie unbe­dingt zum Sonn­tags­got­tes­dienst woll­te und sich dazu heim­lich aus dem Lager geschli­chen hatte.

Zwei oder drei Mal sei es gut gegan­gen, doch dann habe sie die Lager­lei­te­rin erwischt und gleich ordent­lich zusam­men­ge­packt“. Weil die Wär­te­rin aus der glei­chen Gegend stamm­te, wie sich her­aus­stell­te, sei es aber glimpf­lich abgelaufen.

Mit der Hei­rat 1949 bes­ser­ten sich dann die Zei­ten für Julia­ne. Ihr Mann fand Arbeit im neu errich­te­ten Lin­de-Werk in Tacher­ting-Schal­chen und arbei­te­te sich dort hoch. Bald konn­te sich die Fami­lie ihr ers­tes eige­nes Auto leis­ten, ein Gog­go­mo­bil – womit nach dem Kauf auf dem Heim­weg gleich ein Umweg über Alt­öt­ting gefah­ren wur­de, wie Julia­ne Bir­ner amü­siert erzählt.

Info Icon Foto: Wolfgang Terhörst
„Altöttinger Haussegen“ im Hausflur, wie es ihn lange Zeit beim Altöttinger Liebfrauenboten gab.

Und zu erzäh­len gäbe es noch so vie­les, auch nach 90 Minu­ten span­nen­der und kurz­wei­li­ger Unter­hal­tung. Doch ich möch­te die Kraft mei­ner Gast­ge­be­rin nicht über­stra­pa­zie­ren. Nach eini­gen von ihr mit gro­ßer Gleich­mut ertra­ge­nen Fotos ver­ab­schie­de ich mich von Julia­ne Bir­ner, unse­rer wohl ältes­ten Lese­rin. Bis zum 103. Geburts­tag!“ So Gott will!“ – der Glau­be habe ihr immer gehol­fen: Das braucht der Mensch“. Wie zur Bestä­ti­gung ent­de­cke ich beim Hin­aus­ge­hen einen Zet­tel mit dem Alt­öt­tin­ger Haus­segen („am Gna­den­bild berührt“) neben dem Gar­de­ro­ben­spie­gel – frü­her ein Geschenk an unse­re Abon­nen­ten. Doch wer sol­che Lese­rin­nen und Leser hat, ist eigent­lich selbst reich beschenkt.

Wolfgang
Terhörst

Redaktionsleiter

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