Foto: Wolfgang Terhörst
Weihnachtliche Geheimnisse förderte die Entdeckung unserer Autorin zutage: Eine ungewöhnliche Krippe aus dem Bestand des Seraphischen Liebeswerks Altötting, die nun erstmals öffentlich ausgestellt wurde.
Es gibt diese kleinen, feinen, leisen Geschichten, die unser adventlich gestimmtes Herz wärmen, die unsere jetzt offenere Sinne empfänglich machen – und die bleiben.
Eine solche erzählt eine Krippe aus Altötting, deren Figuren lange Zeit unbeachtet im Nebenraum eines Archivs ihr Dasein fristeten – verteilt auf eine royalblaue Kunststoffwanne, alten mit Geschenkpapier beklebten Schachteln und einem rechteckigen, in braun-beigem Hahnentritt gemusterten Karton. Zunächst einmal weckte die Plastikwanne mein Interesse, weil sie mir im Weg stand – an dieser Stelle werde ich persönlich und bleibe es im Fortlauf der Geschichte, denn die Krippe, über die ich ein bisschen erzählen möchte, war mir mehr als ein Jahrzehnt als Archivarin quasi anvertraut. In besagter Wanne also lagen auf einem Polster aus Geschenkpapier desolat aussehende römische Legionäre – kleine bekleidete Krippenfiguren mit eher grob geschnitzten Gesichtszügen und Pappmachekörpern, die auf grün bemalten kleinen Sperrholzrechtecken montiert waren, zusammen mit einem prächtigen Holzelefanten und verschiedenen, ebenfalls kunstvoll geschnitzten Schafen und zwei grauen Wölfen, die sich stilistisch stark von der „Kampftruppe“ des römischen Imperators unterschieden. Auf Nachfrage erfuhr ich dann, dass es in den Niederungen meines Archivs ein ganzes Krippensammelsurium geben soll – in verschiedenen Kartons und deutlich erkennbar aus verschiedenen Quellen zusammengetragen.
Foto: Wolfgang Terhörst
Und tatsächlich: die grauen Stahlschränke des Archivs bargen noch weitere Kostbarkeiten. Klassische Hirtenfiguren tauchten auf in unterschiedlicher Größe und künstlerischer Ausarbeitung, sowie Kamele, Pferde, Ochs und Esel, die ebenfalls deutlich erkennbar von verschiedenen Schnitzern stammen mussten. Joseph, Maria und das neugeborene Jesuskind, auf Stroh gebettet, lagen in einem Kästchen – interessanterweise mit einer Mutter Jesu rechts vom Betrachter aus angeordnet (fast immer ist es sonst Josef, der dort steht).
Foto: Wolfgang Terhörst
Und dann erblickten jene das Licht der Welt wieder, die so ganz anders aussahen als das bereits entdeckte Krippenpersonal; lange hatten sie verborgen in einem Schuhkarton ausgeharrt, die drei Magier (Weise) aus dem Morgenland − gestaltet als drei Könige in prächtigen, mit Paletten bestickten bodenlangen Schleppen, in seidenen Gewändern und Turbanen, auf jedem von ihnen prangt ein goldenes Emblem ihrer prophetischen Fähigkeiten. Sie halten goldene Stäbe in ihren Händen, Sinnbilder ihrer Macht und ihres Ansehens und werden begleitet von einigen Dienern, die ihren Herren in ihrer Pracht nur minder nachstehen. Die Weisen sind auf dem Weg zum göttlichen Kind, den ihnen ein Engel weist – ebenfalls kunstfertig fein ausgearbeitet in weißem Seidenkleid, ihre Unterkunft ist ein gelbes orientalisches Seidenzelt.
Die Schönheit der Figuren und ihre Ausstattung nimmt gefangen. Man will sofort mehr über sie wissen, denn es ist auch für den laienhaften Betrachter schnell ersichtlich, dass sie älter, prächtiger und kunstfertiger sind als die anderen. Die Heiligen Drei Könige stehen als Gruppe für sich; nichts deutet darauf hin, dass sie ihr Ziel, das Neugeborene in Bethlehem, schon erreicht hätten. Im Schuhkarton lagen auch noch ein samtenes Präsentationskissen mit einem kleinen güldenen Zepter, einem feinen Krönchen, einem zinnernen Kännchen und einem Kästchen aus rotem Samt, das auf seinem Deckel mit einer Schmuckplatte einer alten Kropfkette abschließt, wie sie im bayerischen Oberland, im Inntal und im Chiemgau, von den Frauen und Mädchen seit alters her getragen wird.
„SLW-Krippe“ − Impressionen
Es ist auch das Inntal, aus der die Könige ihren Weg nach Altötting, ins Seraphische Liebeswerk (SLW), das Kinderhilfswerk der Kapuziner fanden. Es ist auch die Heimat des langjährigen, die Stiftung und den Förderverein bis heute prägenden Präses, P. Altmann Reimeier, der 1903 in Kolbermoor das Licht der Welt erblickte. Ludwig Reimeier, wie der Kapuzinerpater mit bürgerlichem Namen hieß, blieb seiner Heimat und den Menschen an der Mangfall zeitlebens immer besonders verbunden. Die Könige, ihr Gefolge, die wunderbaren Kamele, Elefant und Pferde in ihrem ungewöhnlich prächtigen orientalischen Ambiente waren denn auch ein persönliches Geschenk von daheim, von einer ihm nahestehenden Person in lebenslanger Zuneigung.
Im Laufe der Jahrzehnte ergänzten die Mallersdorfer Schwestern, die sich der Figuren angenommen hatten, die Szenerie mit klassischem Krippeninventar nach ihrem Geschmack. Die dazu gekauften Schafe und ein Pferd schnitzte Alfons Buchleitner aus Tann. Das weitere Personal der Krippe hat seinen Ursprung in den aufgelassenen ehemaligen Liebeswerkheimen in Sankt Ingbert im Saarland und in Bad Aibling. Die umfangreiche Figurensammlung fristete bis in den Advent 2025 ein Schattendasein, eine Begutachtung durch den ehemaligen Sammlungsleiter des Bayerischen Nationalmuseums entfiel coronabedingt.
Dankenswerterweise nahmen sich die Altöttinger Krippenfreunde der Liebeswerkkrippe auf Vermittlung von Kapuzinerpater Br. Marinus Parzinger an. Sie wurde fachmännisch etwas überholt und zeigte sich nun erstmals öffentlich in ihrer ganzen Schönheit im Burghauser Stadtmuseum während der Burgweihnacht. Zu wünschen ist ihr, dass sie auch künftig immer wieder zu betrachten ist und dass die Könige als die gezeigt werden, die sie sind, selbstbewusst und neugierig auf der Suche nach dem Licht der Welt.
Text: Maximiliane Heigl-Saalfrank



