Kirche vor Ort

Abwarten und Tee trinken

Redaktion am 13.02.2026

Info Icon Foto: Roswitha Dorfner
Kapuzinerbruder Michael Wies mit Kapuzinerbruder Marinus Parzinger im Februar 2026 bei einer Vesper zum Tag des gottgeweihten Lebens im Provinzhaus Heilig Kreuz in Altötting.

Seit Anfang des Jahres lebt Bruder Michael Wies im Altöttinger Kloster St. Konrad. Der junge Kapuziner bringt eine eindrucksvolle Bilanz aus Frankfurt mit. Innere Ruhe findet er im Glaubensleben – und mit einem ganz besonderen Hobby.

Bru­der Micha­el Wies redet schnell, denkt schnell und han­delt schnell. Und er weiß es. Ich bin Frank­fur­ter Tem­po gewohnt“, erklärt Br. Micha­el mit Ver­weis auf die ver­gan­ge­nen elf Jah­re mit­ten in der hes­si­schen Groß­stadt, wo das Kapu­zi­ner­klos­ter Lieb­frau­en liegt. Im Juni­o­rat, als Aus­zu­bil­den­der sei­nes Ordens hat­te er 2014 begon­nen und zum Schluss die Ver­ant­wor­tung als Lei­ter des Klos­ters selbst, der Obdach­lo­sen-Ein­rich­tung Fran­zis­kus­treff samt der gleich­na­mi­gen Stif­tung getra­gen. Br. Micha­el hat viel bewegt in der schnell­le­bi­gen Finanzmetropole.

Doch nun wird sich der jun­ge Kapu­zi­ner (43) ein wenig umge­wöh­nen müs­sen. Seit Anfang des Jah­res ver­stärkt er die Gemein­schaft im Alt­öt­tin­ger St. Kon­rad-Klos­ter – und hat schnell gemerkt, dass in der baye­ri­schen Pro­vinz die Uhren etwas lang­sa­mer gehen. Ich muss mich jetzt echt in Geduld üben“, gibt Br. Micha­el zu – aber auch, dass es ihm gut­tue nach den Frank­fur­ter Jah­ren. Er genie­ße die Stil­le und die Regel­mä­ßig­keit der Gebets‑, Essens- und Ruhe­zei­ten in St. Kon­rad: Ich mer­ke jetzt deut­lich, wie mein Kör­per erst­mal run­ter­fährt“. Und er folgt damit der wohl­mei­nen­den Wei­sung sei­nes Ordens­obe­ren P. Hel­mut Rakow­ski: Bru­der Micha­el, bit­te hin­hö­ren, zuhö­ren, lang­sam“. Er sol­le sich in Ruhe ein­ar­bei­ten und die Brü­der­ge­mein­schaft kennenlernen.

Info Icon Foto: Wolfgang Terhörst
Ankommen und aufbrechen: Kapuzinerbruder Michael Wies (43) möchte im Gnadenort Altötting franziskanische Akzente setzen.

Dafür ist er dank­bar, denn als frisch ernann­ter Vize-Prä­ses im SLW Bay­ern soll er nach und nach Prä­ses Br. Mari­nus Par­zin­ger in der Lei­tung der Kin­der- und Jugend­hil­fe­stif­tung mit ihren bay­ern­weit 1100 Mit­ar­bei­tern in acht Ein­rich­tun­gen und 37 Stand­or­ten ent­las­ten. Der Auf­trag sei anders als in Frank­furt, und der Ort ist ganz anders, die Kul­tur ist anders – da ist es schon ganz gut, wenn ich jetzt ein biss­chen durch­at­men kann, ein wenig schau­en und hören.“ Das gilt auch für die Klos­ter­ge­mein­schaft, in der er sich gera­de ein­lebt, wo die älte­ren Mit­brü­der ihm einen Ver­trau­ens­vor­schuss gege­ben und in den Haus­vor­stand gewählt haben. In St. Kon­rad über­nimmt Bru­der Micha­el Mit­ver­ant­wor­tung für Pfor­ten­dienst, Sakris­tei, Küche und Hep­doma­dar­dienst (Vor­be­ter). Er kön­ne zwar als Jung­spund“ neue Per­spek­ti­ven, neu­en Schwung ins Klos­ter­le­ben brin­gen, wol­le aber signa­li­sie­ren: Hey, ich bin jetzt hier kein Unru­he­stif­ter, aber viel­leicht berei­chern wir uns gegenseitig!“

Auch wenn Bru­der Micha­el sehr ger­ne in Frank­furt war und dort beruf­lich wie pri­vat bes­tens ver­netzt – gezö­gert hat er beim Anruf des Pro­vin­zi­als nicht. Ver­set­zun­gen gehör­ten einer­seits zum Kapu­zinerle­ben dazu und die Auf­ga­be in Alt­öt­ting mit dem SLW bie­te ihm ande­rer­seits neue span­nen­de Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten in sei­nem Spe­zi­al­ge­biet Stiftungswesen.

Bes­tens vor­be­rei­tet dafür ist Br. Micha­el ohne­hin: Berufs­aus­bil­dung als Bank­kauf­mann, Stu­di­um des Sozi­al­we­sens an der Katho­li­schen Hoch­schu­le Müns­ter (Abschluss Diplom-Sozi­al­ar­bei­ter und Diplom-Päd­ago­ge) sowie jede Men­ge prak­ti­sche Erfah­rung samt Aus­lands­ein­satz auf den Phil­ip­pi­nen wäh­rend der Ordensausbildung.

Dabei war kei­nes­wegs vor­pro­gram­miert, dass er ein­mal Ordens­bru­der wer­den wür­de. Er sei zwar in einem katho­li­schen Eltern­haus auf­ge­wach­sen und tief ver­wur­zelt in der Spi­ri­tua­li­tät sei­nes Geburts­or­tes Coes­feld im west­fä­li­schen Müns­ter­land mit der Ver­eh­rung des Hei­li­gen Kreu­zes und der seli­gen Anna Katha­ri­na Emme­rich sowie jah­re­lang enga­giert als Mess­dien­erlei­ter – habe aber eigent­lich nach der Berufs­aus­bil­dung eine Fami­lie grün­den und Kin­der bekom­men wol­len. Die Wen­de kam wäh­rend einer Jugend­wall­fahrt ins fran­zö­si­sche Vézelay 2006, wo Micha­el Wies die Bio­gra­fien des hei­li­gen Fran­zis­kus und der hei­li­gen Kla­ra ken­nen­ge­lernt habe. Nach die­ser Pil­ger­rei­se habe ich gemerkt, dass mich die­se Such­fra­ge des hei­li­gen Fran­zis­kus nicht mehr los­ge­las­sen hat: Wor­aus lebe ich?“

Lass es dir genug sein, auf die Fra­ge nach dem, wer du bist, zu ant­wor­ten: Ich bin ein Kapu­zi­ner­bru­der. Gegen eine Gesell­schaft, in der sich die Men­schen von ihrer beruf­li­chen Rol­le her defi­nie­ren, lass es dir stets genug sein, an ers­ter Stel­le Bru­der zu sein. Dei­ne Frei­heit fin­de immer dar­in, gebun­den an Gott zu sein, der für dich sorgt wie eine gute Mut­ter, ein lie­ben­der Vater.”

Br. Marinus Parzinger, damals Provinzial, bei der Ewigen Profess von Br. Michael Wies am 17. Oktober 2015.

War­um er am 4. Okto­ber 2007 schließ­lich bei den Kapu­zi­nern ein­ge­tre­ten ist? Ich wuss­te im Her­zen – wenn ich mich aus­ein­an­der­set­ze, dann mit der fran­zis­ka­ni­schen Spi­ri­tua­li­tät“, erklärt Bru­der Micha­el. Fran­zis­kus und die Armut, der Rand der Gesell­schaft: Das ist mein Leib- und Magen­the­ma. Gerech­tig­keits­fra­gen, das hat mich immer fasziniert.“

Er möch­te nun erst ein­mal in Alt­öt­ting Fuß fas­sen, aber mit der Zeit ger­ne Akzen­te set­zen in der Lebens­be­glei­tung und ‑bera­tung für Men­schen, die nach fran­zis­ka­ni­schen Wer­ten suchen. Er sei jeder­zeit ansprech­bar: Ich glau­be, ich bin ja erkenn­bar“, betont Br. Micha­el mit Ver­weis auf sei­nen Habit, die kapu­zi­ni­sche Ordens­tracht. Die­se trägt er sehr kon­se­quent: Ja, ich habe da eine Sendung.“

Aus­gleich fin­det der jun­ge Kapu­zi­ner beim Fahr­rad­fah­ren, schwim­men oder wan­dern: Ich bin ger­ne in der Natur“. Bru­der Micha­el ist sehr gesel­lig, ger­ne unter Men­schen, genießt aber auch die ruhi­gen Momen­te: Ich habe die letz­ten Wochen viel gele­sen, Musik gehört und ein­fach viel Tee getrun­ken.“ Wobei wir bei sei­ner gro­ßen Lei­den­schaft im Pri­va­ten wären: Tee. Er genießt ihn nicht nur, son­dern beschäf­tigt sich seit eini­gen Jah­ren inten­siv mit den Urpflan­zen des Tees in sei­nen Anbau­ge­bie­ten. Und wenn Bru­der Micha­el dann sei­ne Mit­brü­der auf einen Tee­nach­mit­tag ein­lädt, ver­bin­den sich Gelas­sen­heit und Gesel­lig­keit auf wun­der­ba­re Weise.

Wolfgang
Terhörst

Redaktionsleiter

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