icons / 24px / close
Einstellungen erfolgreich gespeichert

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Mehr erfahren

Weltkirche

Warum wir Ausschwitz nicht vergessen dürfen

Wolfgang Krinninger am 15.01.2020

Auschwitz info-icon-20px Antonia Krinninger

Die Soldaten der Roten Armee wussten, dass die Nationalsozialisten Lager betrieben, in denen ungeheure Grausamkeiten verübt wurden.

Und doch waren sie auf das, was sie in Ausch­witz erwar­te­te, nicht vor­be­rei­tet: Auf die apa­thisch her­um­lie­gen­den, völ­lig aus­ge­mer­gel­ten Men­schen, auf die Lei­chen­ber­ge, auf die abge­ma­ger­ten Kinder. 

Das KZ Ausch­witz wur­de am 27. Janu­ar 1945 von der Roten Armee befreit. Etwa 8600 Häft­lin­ge waren zu dem Zeit­punkt noch im Lager­kom­plex, Hun­der­te von ihnen so schwach, dass sie in den fol­gen­den Tagen trotz­dem star­ben. In den Tagen vor der Befrei­ung hat­te sich der voll­kom­me­ne Hass des Nazi-Vor­ha­bens“ (Ronald S. Lau­der, Prä­si­dent des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses) noch ein­mal offen­bart: Tau­sen­de Häft­lin­ge wur­den von der SS auf Todes­mär­schen ohne Pro­vi­ant, ohne Pau­sen, ohne war­me Klei­dung in Rich­tung Wes­ten, in den Abgrund getrieben. 

Min­des­tens 1,1 Mil­lio­nen Men­schen ermor­de­ten die Nazis allein in Ausch­witz, die meis­ten davon Juden aus ver­schie­de­nen Län­dern Euro­pas. Die­ser Ort sei alle­zeit ein Auf­schrei der Ver­zweif­lung und Mah­nung an die Mensch­heit“, heißt es an einem Denk­mal im Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au. Und der dama­li­ge Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck mahn­te 2015: Es gibt kei­ne deut­sche Iden­ti­tät ohne Ausch­witz. Die Erin­ne­rung an den Holo­caust bleibt eine Sache aller Bür­ger, die in Deutsch­land leben.“

Und doch ist die­se Erin­ne­rung gefähr­det. Laut einer Stu­die der Ber­tels­mann­stif­tung von 2015 möch­ten mehr als die Hälf­te (55 Pro­zent) der befrag­ten Deut­schen unter die­ses Kapi­tel ihrer Geschich­te einen Schluss­strich zie­hen. Hin­zu kommt, dass es bald kei­ne Zeit­zeu­gen mehr geben wird, die in Schul­klas­sen, Par­la­men­ten oder TV-Dis­kus­sio­nen das Unfass­ba­re schil­dern kön­nen. Die Gefahr, dass die Erin­ne­rung immer mehr ver­blasst, ist groß. 

Der 27. Janu­ar, 75 Jah­re nach der Befrei­ung, ist des­halb ein (überlebens)wichtiger Denk­tag“ für die­ses Land. Durch viel zu vie­le – vor allem auch jun­ge – Köp­fe wabert inzwi­schen wie­der das brau­ne Gedan­ken­gut von einst. Anders­den­ken­de wer­den mit Hass über­zo­gen und nie­der­ge­brüllt, Poli­ti­ker bedroht, Juden kön­nen sich nicht sicher fühlen. 

Wenn Ver­ste­hen unmög­lich ist, dann ist Wis­sen not­wen­dig, denn was gesche­hen ist, könn­te zurück­keh­ren“, lau­te­te eine Maxi­me des Ausch­witz-Über­le­ben­den Bru­no Levi. Wie für vie­le ande­re, war auch für ihn Gott in Ausch­witz gestor­ben. Wie soll­te es einen Gott geben, der so etwas zulässt? Und doch: Mehr als über Gott sagt Ausch­witz etwas über den Men­schen. Wozu er fähig ist, wie gott­los er sei kann, wie hem­mungs­los brutal. 

Kei­ner von uns trägt eine Schuld an den Nazi­ver­bre­chen von damals. Aber jeder von uns, in dem ein Fun­ken Patrio­tis­mus steckt, ist ver­ant­wort­lich dafür, dass so etwas nie wie­der pas­siert. Und Ausch­witz begann nicht erst mit dem Bau einer unbarm­her­zi­gen, per­fek­tio­nier­ten Tötungs­ma­schi­ne­rie. Ausch­witz begann mit dem Weg­schau­en und Weg­hö­ren, es begann damit, dass die Men­schen auf­hör­ten, ihres Bru­ders, ihrer Schwes­ter Hüter zu sein. Ausch­witz begann, als die Wür­de des Men­schen antast­bar wur­de. Dann gab es kein Hal­ten mehr.

Wolf­gang Krinninger

Foto: Anto­nia Krinninger

Sie haben Fragen zum Artikel?
Wir helfen Ihnen gerne.

Krinninger_Wolfgang

Wolfgang Krinninger

Chefredakteur