Warum wir Ausschwitz nicht vergessen dürfen

Karin Altendorfer am 15.01.2020

Auschwitz

Die Soldaten der Roten Armee wussten, dass die Nationalsozialisten Lager betrieben, in denen ungeheure Grausamkeiten verübt wurden.

Und doch waren sie auf das, was sie in Ausch­witz erwar­te­te, nicht vor­be­rei­tet: Auf die apa­thisch her­um­lie­gen­den, völ­lig aus­ge­mer­gel­ten Men­schen, auf die Lei­chen­ber­ge, auf die abge­ma­ger­ten Kinder. 

Das KZ Ausch­witz wur­de am 27. Janu­ar 1945 von der Roten Armee befreit. Etwa 8600 Häft­lin­ge waren zu dem Zeit­punkt noch im Lager­kom­plex, Hun­der­te von ihnen so schwach, dass sie in den fol­gen­den Tagen trotz­dem star­ben. In den Tagen vor der Befrei­ung hat­te sich der voll­kom­me­ne Hass des Nazi-Vor­ha­bens“ (Ronald S. Lau­der, Prä­si­dent des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses) noch ein­mal offen­bart: Tau­sen­de Häft­lin­ge wur­den von der SS auf Todes­mär­schen ohne Pro­vi­ant, ohne Pau­sen, ohne war­me Klei­dung in Rich­tung Wes­ten, in den Abgrund getrieben. 

Min­des­tens 1,1 Mil­lio­nen Men­schen ermor­de­ten die Nazis allein in Ausch­witz, die meis­ten davon Juden aus ver­schie­de­nen Län­dern Euro­pas. Die­ser Ort sei alle­zeit ein Auf­schrei der Ver­zweif­lung und Mah­nung an die Mensch­heit“, heißt es an einem Denk­mal im Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz-Bir­ken­au. Und der dama­li­ge Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck mahn­te 2015: Es gibt kei­ne deut­sche Iden­ti­tät ohne Ausch­witz. Die Erin­ne­rung an den Holo­caust bleibt eine Sache aller Bür­ger, die in Deutsch­land leben.“

Und doch ist die­se Erin­ne­rung gefähr­det. Laut einer Stu­die der Ber­tels­mann­stif­tung von 2015 möch­ten mehr als die Hälf­te (55 Pro­zent) der befrag­ten Deut­schen unter die­ses Kapi­tel ihrer Geschich­te einen Schluss­strich zie­hen. Hin­zu kommt, dass es bald kei­ne Zeit­zeu­gen mehr geben wird, die in Schul­klas­sen, Par­la­men­ten oder TV-Dis­kus­sio­nen das Unfass­ba­re schil­dern kön­nen. Die Gefahr, dass die Erin­ne­rung immer mehr ver­blasst, ist groß. 

Der 27. Janu­ar, 75 Jah­re nach der Befrei­ung, ist des­halb ein (überlebens)wichtiger Denk­tag“ für die­ses Land. Durch viel zu vie­le – vor allem auch jun­ge – Köp­fe wabert inzwi­schen wie­der das brau­ne Gedan­ken­gut von einst. Anders­den­ken­de wer­den mit Hass über­zo­gen und nie­der­ge­brüllt, Poli­ti­ker bedroht, Juden kön­nen sich nicht sicher fühlen. 

Wenn Ver­ste­hen unmög­lich ist, dann ist Wis­sen not­wen­dig, denn was gesche­hen ist, könn­te zurück­keh­ren“, lau­te­te eine Maxi­me des Ausch­witz-Über­le­ben­den Bru­no Levi. Wie für vie­le ande­re, war auch für ihn Gott in Ausch­witz gestor­ben. Wie soll­te es einen Gott geben, der so etwas zulässt? Und doch: Mehr als über Gott sagt Ausch­witz etwas über den Men­schen. Wozu er fähig ist, wie gott­los er sei kann, wie hem­mungs­los brutal. 

Kei­ner von uns trägt eine Schuld an den Nazi­ver­bre­chen von damals. Aber jeder von uns, in dem ein Fun­ken Patrio­tis­mus steckt, ist ver­ant­wort­lich dafür, dass so etwas nie wie­der pas­siert. Und Ausch­witz begann nicht erst mit dem Bau einer unbarm­her­zi­gen, per­fek­tio­nier­ten Tötungs­ma­schi­ne­rie. Ausch­witz begann mit dem Weg­schau­en und Weg­hö­ren, es begann damit, dass die Men­schen auf­hör­ten, ihres Bru­ders, ihrer Schwes­ter Hüter zu sein. Ausch­witz begann, als die Wür­de des Men­schen antast­bar wur­de. Dann gab es kein Hal­ten mehr.

Wolf­gang Krinninger

Foto: Anto­nia Krinninger

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Wolfgang Krinninger

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