Wenn ich zur Zeit auf die Social-Media-Profile meiner Freunde schaue, gibt es da eigentlich nur ein Thema: Urlaub. Viele sind schon unterwegs, andere bereiten sich auf eine Reise vor, wieder andere freuen sich auf eine Auszeit daheim. Sobald ich Bilder vom Meer sehe, von Sonne, Strand und Muscheln, fange ich an zu träumen. Fernweh.
Apropos Muscheln: Da denke ich sofort an meine Kindheit. Stundenlang bin ich mit meinem Papa geschnorchelt oder mit Mama am Strand entlang gewandert, über die Jahre haben wir bestimmt hunderte Muscheln in allen Farben und Formen gefunden. Es waren unvergessliche Momente. Einige besonders schöne Fundstücke habe ich heute noch, filigrane Schätze, die weit mehr sind als nur schöne Mitbringsel: kleine Anker, die die Erinnerung lebendig halten. Kein Wunder, dass ich mich gefreut habe, als mein kleiner Sohn im letzten Urlaub das Muschelsuchen für sich entdeckt hat.
Der Tag war perfekt: Es hatte kurz vorher einen Sturm gegeben und so standen die Chancen für eine beachtliche Ausbeute durchaus gut. Als der Zwerg also beschloss, mit seinem Eimer loszuziehen, war ich guter Dinge. Dann kam er zurück – und ich war, nun ja, überrascht, oder, wenn ich ehrlich bin, enttäuscht. Keine einzige Muschel. Es tat mir so leid für ihn. Umsonst unterwegs.
„Unser Suchen kann kein Ende finden. Unser Ziel ist in der anderen Welt.”
Mein Sohn dagegen empfand das Ganze gar nicht als Misserfolg, sondern war total glücklich. „Macht doch nichts, es war lustig“, meinte er nur. „Und schau mal, ich hab Steine gefunden.“ Hm – ein Haufen von, zumindest für mich, sehr gewöhnlichen Kieselsteinen, wie es sie daheim auch gibt. Ein adäquater Ersatz für bunte, schillernde Muscheln?
Ich habe mich gefragt, warum ich so enttäuscht war, der Kleine aber so zufrieden. Er wollte doch eigentlich auch Muscheln finden …
Ich denke, es hat zum Teil mit den eigenen Erwartungen zu tun. Ich hatte mich so sehr auf Muscheln gefreut, dass ich ganz fixiert darauf war; der Kleine dagegen war offen, war bereit, das wahr- und anzunehmen, was der Moment bietet.
Er hat mir übrigens gezeigt, dass die Steine keineswegs so langweilig sind wie gedacht: Sind sie nass, zeigen sie ganz außergewöhnliche Muster, fast ein wenig magisch. Es sind würdige Stücke für sein „Erinnerungsschatzkästchen“. Doch ich wäre daran vorbeigegangen!
Ich glaube, ihm ging es von Anfang an, anders als mir, weniger ums Finden als ums Suchen. Suchen aber heißt: bereit sein, die Komfortzone zu verlassen, Neues zu wagen, genau hinzuschauen, zu entdecken, anders zu sehen. Kurz gesagt: dem Unerwarteten zu begegnen und es zuzulassen.
Das Suchen, davon bin ich überzeugt, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Es ist der Motor jeglicher Entwicklung – beruflich, persönlich, aber auch spirituell. So viele Menschen wie vielleicht noch nie wähnen sich heute auf der Suche – und merken dabei nicht, dass sie das Suchen verlernt haben. Denn sie sind, wie ich an jenem Tag am Strand, nicht frei, haben, auch wenn es ihnen kaum bewusst ist, längst eine Idee, wie das „Ziel“ aussieht, was sie zu finden hoffen. So verhindern sie letztlich selbst, was sie doch eigentlich ersehnen: Erneuerung, Berührung, Begegnung – mit anderen Menschen, vielleicht auch mit Gott.

