Foto: Wolfgang Terhörst
In Kürze soll die wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum Passau veröffentlicht werden. Das Passauer Bistumsblatt vereint mit dem Altöttinger Liebfrauenboten hat dazu in der aktuellen Ausgabe ein Sonderthema mit 20 Seiten gestaltet.
Und jetzt geh. Du hast noch ein gutes Stück Weg vor dir“ (nach 1 Kön 19,8) – dieses biblische Wort steht als Leitgedanke über dem Aufarbeitungsprozess des sexuellen Missbrauchs im Bistum Passau – und auch über unserem Themenschwerpunkt in der Mitte dieser Ausgabe des Bistumsblatts. Es erinnert uns daran, dass Aufarbeitung kein Ziel, sondern ein Weg ist: ein Weg, der Mut braucht, Demut und die Bereitschaft, immer wieder neu zu lernen.
Der Zeitpunkt für dieses Sonderthema ist nicht zufällig gewählt: In Kürze wird die wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt im Bistum Passau veröffentlicht. Studienleiter Prof. Dr. Marc von Knorring hat dafür viele Interviews mit Betroffenen geführt, Berge von Akten gesichtet, gelesen und ausgewertet (s. Seiten II/III). Eine Arbeit, die Spuren in der Seele hinterließ. „Natürlich wird da etwas in einem aufgewühlt“, sagte er im Interview. Vermutlich werde er erst in ein paar Jahren sagen können, ob und wie ihn diese Aufgabe verändert hat.
„Es geht um die Betroffenen, um ihre Geschichten. Sie haben das Recht, gehört zu werden. Es ist wichtig, dass jemand die Hintergründe recherchiert, nachfragt, wie ihr Fall mit anderen zusammenhängt, aufzeigt, wie es so weit kommen konnte.”
Neben ihm haben Dr. Barbara Osdarty, Wolfgang Terhörst und ich mit weiteren Verantwortlichen gesprochen, die mit der Aufarbeitung von Missbrauch und Gewalt in der Kirche befasst sind. Michael Steindorfner, der als Bub über Jahre von einem Priester sexuell missbraucht worden war, erzählte uns, welche Last Betroffene ihr ganzes Leben zu tragen haben, welche Risse dadurch in den Familien entstehen (S VIII/IX). Bildhauer Andreas Kuhnlein erklärte, was ihn dazu brachte, Missbrauch zu seinem künstlerischen Lebensthema zu machen (S VI/VII). Und natürlich kommen auch die Hoffnungsmenschen zu Wort, die Prävention und Kinderschutz vorantreiben und für ein achtsames Miteinander einstehen.
Noch wissen nur die Macher und die prüfenden Juristen, was genau die Aufarbeitungsstudie ans Licht bringen wird. Eines aber steht fest: Viel zu viele Menschen sind durch das Verhalten von Vertreterinnen und Vertretern der Kirche zutiefst verletzt worden – in ihrem Vertrauen, in ihrer Würde, in ihrer Seele, in ihrem Glauben. Diese Wunden heilen wohl nie ganz. Aber sie heilen auf keinen Fall durch Schweigen, sondern nur durch das klare Bekenntnis zur Wahrheit. Es ist Aufgabe der Kirche, hinzusehen, zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Die Studie ist eine Etappe auf dem langen Weg der Aufarbeitung, der Ehrlichkeit, der Umkehr, des reflektierten Aufbruchs.
Dass diese Auseinandersetzung nicht einfach ist, wissen wir. Doch sie ist unverzichtbar, wenn Kirche ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will – ein Ort des Lebens, der Hoffnung und des Schutzes zu sein. Als Kirchenzeitung wollen wir diesen Prozess begleiten. Wir wollen Raum schaffen für das Leid und die Verlorenheit, aber auch für das Ringen um Gerechtigkeit, Schutz und Heilung.
„Und jetzt geh. Du hast noch ein gutes Stück Weg vor dir!“ Dieses Wort erinnert uns auch daran, dass nur eine Kirche, die sich ehrlich ihren Schatten stellt, glaubwürdig vom Licht sprechen kann.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



