Dabei sein war alles. Einmal im Jahr rief der Breitenberger Ski-Pionier Walter Oggolter die wagemutige Jugend auf den Höpflberg zu Riesenslalom und Abfahrtslauf. Wegducken war nicht drin. Wer sich drückte, riskierte nicht nur Spott, sondern die soziale Verbannung – ein Schicksal, schlimmer als jeder Sturz. Doch „Augen zu und durch!“ haut halt auch nicht immer hin. Selbst fünf Jahrzehnte später erinnere ich mich nur widerwillig an den Rennverlauf: die Panik in meinem Hirn, die auf der Hälfte der Strecke den eindeutigen Befehl an meine Knie ausgab, den Hintern jetzt und sofort mit Wumms in den Schnee zu wuchten. Offiziell war natürlich die Skibindung schuld, dass ich als menschliche Lawine ins Tal kugelte.
Die Freude am Skifahren ist geblieben, doch die wilde Lust am alpinen Wettkampf hat sich in stille Bewunderung verwandelt. Tief im Sofa versunken, nippe ich heute am Kräutertee, wenn sich die tollkühnen Helden aus dem Starthäuserl in die Tiefe stürzen oder die Biathleten von Schießstand zu Schießstand hetzen. Der Höhepunkt 2026: die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo. 19 Tage pures Adrenalin, vom 4. bis 22. Februar. 2900 Athleten aus 90 Nationen, die um Sekunden, Zentimeter, um den Traum von Gold kämpfen. Ein Fest des Sports – und ein Fest für uns, die wir mitfiebern, mitjubeln, mitleiden.
„Diese großen Sportveranstaltungen sind ein starkes Zeichen der Geschwisterlichkeit und wecken die Hoffnung auf eine Welt in Frieden. Dies ist auch der Sinn des olympischen Friedens, einem uralten Brauch, der die Spiele begleitet. Ich wünsche mir, dass alle, denen der Frieden zwischen den Völkern am Herzen liegt und die in verantwortungsvollen Positionen sind, bei dieser Gelegenheit konkrete Gesten der Entspannung und des Dialogs setzen.”
Doch schon vor dem olympischen Feuerwerk bot die Saison Dramatik pur: Emma Aicher und Linus Straßer, die sich im Weltcup noch einmal aufs Podest kämpften. Leonhard Pfund und Marlene Fichtner, die ihren ersten Weltcup-Sieg nach 30 Minuten Glückseligkeit wieder verloren – disqualifiziert wegen einer nicht geschulterten Flinte. Man hätte mitheulen können. Und dann Kitzbühel: Als Fußball-Legende Bastian Schweinsteiger nach dem Rennen auf Ski-Star Lucas Pinheiro Braathen wartete – nicht um zu geben, sondern zu bitten. Gerührt überreichte der Brasilianer sein signiertes Rennleibchen. Selbst Idole sind manchmal auch einfach Fans.
Spannung, Mut, Willenskraft, pure Freude – der Wintersport steckt voller Leben und gehört zu den schönsten Nebensachen der Welt. Bei Wettbewerben im Schnee oft vorn dabei: die Österreicher. Da ist es nur folgerichtig, dass auch Josef Grünwidl bei seiner Amtseinführung zum Erzbischof von Wien darauf zu sprechen kam. „Wir haben heute alle in Österreich ein bewegendes Erlebnis mitfeiern dürfen, das sogar international Beachtung gefunden hat“, sagte er bei seiner Weihe. „Ich meine natürlich die Abfahrt in Kitzbühel, die Streif“, fuhr er fort – und hatte die Lacher auf seiner Seite. Da sei es darum gegangen, wer der Schnellste sei und am Schluss auf dem Stockerl stehe. „Ich stehe hier jetzt auch auf einem Podest“, meinte er lächelnd, „aber deshalb bin ich nicht der Wichtigste in der Erzdiözese Wien. Denn in der Kirche geht es nicht darum, wer vorne steht und oben steht, sondern es geht darum, wer groß ist in der Liebe.“
Was für ein schönes Wort! Ein Motto, das olympisch klingt und das auch dann noch gilt, wenn in Mailand und Cortina längst alle Hymnen verklungen und die Siegerpodeste abgebaut und gut verstaut sind.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur



