Es gibt Momente, die so groß sind, dass man sie nicht sofort fassen kann. Das Herz ist voll, doch man fühlt sich leer, weiß nicht, wohin mit all der Energie und all dem Glück. Und bis die Augen zu funkeln beginnen, vergehen einige Minuten. Die Geburt eines Kindes ist so ein hymnisch-himmliches Ereignis. Oder auch das Ja-Wort bei der eigenen Hochzeit oder das Bestehen einer wichtigen Prüfung.
Mein letztes Gänsehaut-Erlebnis ist viele Nummern kleiner: die Zielankunft bei der Maratona dles Dolomites, einem der schönsten Jedermann-Radrennen der Welt. Gemeinsam mit Tausenden anderen Bergradlern strampelten wir auf für den Verkehr gesperrten Passstraßen durch die spektakuläre Berglandschaft der Dolomiten – zwölf Frauen und Männer, jung und alt, Anfänger und Erfahrene – vereint durch eine verrückte Idee und die Entschlossenheit, sie umzusetzen.
Um 5 Uhr klingelte am Renntag der Wecker. Um 5.30 Uhr rollten wir zum Startort La Villa. Der ganze Ort war voller Radfahrer, über uns kreisten zwei Hubschrauber, über Lautsprecher gab es letzte Instruktionen. Dann wurden wir mit dem Segen des Dekans auf die Pässe geschickt. Trotz der riesigen Menschenmenge war ab jetzt jeder auf sich allein gestellt. Die quirlige Aufregung vor dem Start wich einer Stille, die nur das gleichmäßige Klicken der Kette, das eigene Atmen, vielleicht noch quietschende Bremsen oder knacksende Lager durchbrachen. Das Kurbeln wurde zu einer Art Meditation. Es ging – zumindest für mich – nicht mehr um Zeit oder Tempo. Es ging darum, im Moment zu sein. Konzentriert, angestrengt, in sich ruhend. Erfahrene Radler hatten uns einige Grundregeln mitgegeben: Jeder fährt sein eigenes Tempo, bloß nicht überziehen. Das könnte am nächsten Anstieg das Aus bedeuten. Und: Essen, wann immer es möglich ist. Trotz der Anstrengung bergauf und der Konzentration auf den rasanten Abfahrten blieb Zeit zum Staunen: die schneebedeckte Marmolata in der Ferne, das gewaltige Sellamassiv und die vielen anderen schroffen Gipfel, die sich in den blauen Himmel reckten. Überwältigend.
Foto: privat
Nach dem Rennen trafen wir uns nicht sofort wieder. Zu groß waren die Zeitabstände und das Gewusel am Ziel. So konnte jeder noch ein paar Minuten das Erlebte mit sich selbst ausmachen. Das war gut so. Später saßen wir gemeinsam auf einer Wiese, stießen miteinander an, lachten, ratschten und freuten uns. Wir waren angekommen! Alle Anspannung fiel ab, das Hinfiebern und die Anstrengung wichen einer wohltuenden Leichtigkeit in einer schönen Gemeinschaft.
Bei der Rückfahrt über den Brenner, die Räder auf dem Heckträger fest verzurrt, blieb vor allem eines: Dankbarkeit. Für die Beine, die uns getragen hatten. Für die Gemeinschaft unter Freunden, für das Glück, von Unfällen verschont zu bleiben, für die Berge, die uns demütig gemacht und gleichzeitig großzügig belohnt hatten.
Natürlich hatte ich vor der Rückfahrt im Kirchlein unseres Ferienorts eine Kerze angezündet und mir all das Schöne noch einmal vor Augen geführt. Spätestens da war mir klar: Die Formel für erfüllte Tage ist manchmal erstaunlich einfach.
Wolfgang
Krinninger
Chefredakteur