Sympathisch ist dieser Typ ja nicht gerade. Erst zettelt er einen Krieg an, dann findet er seinen Heimweg nicht, überall erzählt er Lügengeschichten, und bei der Lösung von Konflikten neigt er zur Gewalt. Wer mag schon diesen Odysseus? Und was interessieren uns eigentlich diese alten Griechen in ihren Sandalen und Stoffkleidern?
Und doch hat‘s „der Wütende“, wie sich der Name Odysseus aus dem Altgriechischen übersetzen lässt, mal wieder ins Kino geschafft. Dieses Mal mit Matt Damon in der Hauptrolle, der ja sonst recht sympathisch rüberkommt. Ich kenne noch den alten Schinken aus dem Jahr 1954 mit Kirk Douglas in der Titelrolle – und zugegeben, spannend fand ich den früher schon: Die vielen Abenteuer in einer mythischen Welt mit den Göttern Poseidon, Athene etc., der mächtigen Zauberin Kirke, dem Meeresungeheuer Skylla, dem einäugigen Zyklopen Polyphem, den menschenfressenden Riesen … Das hat schon was.
Wenn ein fast 3000 Jahre altes Epos so lange überdauert, zählt es zurecht zum klassischen Bildungskanon, das ab und an neu verfilmt werden will. Der Zeitpunkt für eine Neuverfilmung kommt aber vielleicht nicht zufällig und verrät womöglich mehr über uns selbst, als uns lieb ist:
Trifft die Geschichte der Irrfahrten des Odysseus einen Nerv? Kriege, Katastrophen, Klimawandel sind die „Ungeheuer“, die unsere Moderne beuteln und dank neuer Medien auch den Sofahelden in seinem ganz privaten Ithaka im Wohnzimmer erreichen.
Wie Odysseus lieben wir unsere Heimat, alles Fremde aber schätzen viele nur auf maßgeschneiderten Pauschalreisen; Irrfahrten und Abenteuer nur im TV. Viele aber sehnen sich nach echten Helden, die anpacken und sich was trauen. So einer wie Odysseus …?
Sind wir vielleicht sogar ein bisschen Odysseus? Auch wir sind doch gerne die Herrscher über unser eigenes Geschick und lassen uns nur ungern dreinreden, weder von unseren Nächsten noch von Göttern.
Aber mitreden wollen wir. Auch die Nebenschauplätze und die Debatten, die diesen Film begleiten, erzählen viel über uns. Zum Beispiel die Frage, ob die schöne Helena von Troja im Film eine dunkle Hautfarbe haben darf. Auf der Plattform X hat sich u.a. ein berühmter US-Tech-Unternehmer darüber beschwert, dass die laut Epos „schönste Frau der Welt“ nicht von einer Schauspielerin mit weißer Hautfarbe besetzt worden sei. Ziemlich kleinkariert. Und ein in diesen „Neuen Mainstream Medien“ vermittelter „Zeitgeist“, bei dem sich Odysseus nur verwundert die Augen gerieben hätte, denn die Frage, welche Hautfarbe jemand hatte, spielte im antiken Griechenland keine besondere Rolle. In diesem Punkt sind wir Katholiken uns mit den alten Griechen übrigens einig.
Allerdings machen wir Katholiken lieber Wallfahrten statt Irrfahrten. Gemeinsam mit Menschen, die wir gern haben, egal wer sie schön findet. Und als Christen wissen wir, dass nicht viele Götter mit uns spielen, sondern ein Gott uns begleitet; dass der ganz normale tägliche Wahnsinn und die vielen Irrfahrten auf unseren Lebenswegen nicht auf einer kleinen Insel im Ionischen Meer enden, sondern in einem himmlischen Paradies; dass auf dem Weg dorthin nicht die Abenteuer zählen, sondern die Taten, die aus Nächstenliebe geschehen – die kleinen in der Nachbarschaft ebenso wie die großen, die das weltweite Zusammenleben fördern. Mit diesem Wissen lässt sich ein altes Epos auf großer Leinwand erst so richtig genießen. Viel Spaß im Kino wünscht Ihnen:


