Das glauben wir

Wir Narren …

Redaktion am 29.05.2026

Info Icon Foto: Adobe Stock
Der Narrenschiffbrunnen in Nürnberg von Bildhauer Jürgen Weber greift die bildhaften Darstellungen der Holzschnitte Albrecht Dürers zur Moralsatire „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brant auf.

Papst Leo XIV. hat ein Lehrschreiben zum Thema Künstliche Intelligenz vorgelegt. Schon einmal hat die Entwicklung einer neuen Technik eine epochale Phase des Übergangs begleitet und geprägt, erinnert der Autor des Editorials unserer aktuellen Ausgabe 23-2026. 

Die gute Nach­richt zuerst: Es war ein ziem­li­ches Durch­ein­an­der, damals, und man­che sahen schon das Ende der Welt nahen –, aber es ist dann doch wei­ter­ge­gan­gen. Damals, beim Über­gang vom Spä­ten Mit­tel­al­ter zur Frü­hen Neu­zeit im 15. und 16. Jahr­hun­dert, reih­te sich eine Kri­se an die nächs­te. Spiel­leu­te zogen durchs Land und bespaß­ten die Leu­te, Hof­nar­ren hiel­ten den Herr­schern den Spie­gel vor. Und dann gab es da noch die­se neue Tech­nik: den Buch­druck. Für den streng katho­li­schen Rechts­pro­fes­sor und Huma­nis­ten Sebas­ti­an Brant eine Neu­heit, die das Fass nun end­gül­tig zum Über­lau­fen brach­te: Die Welt sei ja eh schon ohne jeg­li­chen mora­li­schen Halt, vol­ler Hab­sucht und Gier, Eitel­keit und Neid – und nun kön­ne jeder Daher­ge­lau­fe­ne auf gedruck­tem Papier auch noch jed­mög­li­chen Irr­sinn ver­brei­ten, den die Men­schen glau­ben wol­len. Berühmt sind Brants Wor­te in sei­nem Nar­ren­schiff“ aus dem Jahr 1495: In Narr­heit ist die Welt ertaubt, und jedem Nar­ren man jetzt glaubt (…) Da schaut nun nie­mand stra­fend drein. Die Welt, die will betro­gen sein!“

Nar­ren, heu­te wür­de man sie Influen­cer nen­nen, gab es auch damals vie­le. Und erneut befin­den wir uns in einer Über­gangs­pha­se, geprägt von Krie­gen und Kri­sen, und beglei­tet von der Ent­wick­lung neu­er Medi­en, in denen die irr­sin­nigs­ten Ver­schwö­rungs­theo­rien die größ­ten Klick­zah­len errei­chen. Ein ziem­li­ches Durch­ein­an­der. Nie­mand kann vor­her­se­hen, wohin die Ent­wick­lung füh­ren wird – aber es gibt Hoff­nung, dass es auch nach die­sem Über­gang wei­ter­ge­hen wird.

Tech­no­lo­gie kann hei­len, ver­bin­den, bil­den und unser gemein­sa­mes Haus schüt­zen, aber sie kann auch spal­ten, aus­gren­zen und neue Unge­rech­tig­kei­ten her­vor­brin­gen. Abs­trakt betrach­tet ist sie per se weder eine Lösung für die Pro­ble­me der Mensch­heit noch ein Übel. Kon­kret betrach­tet aber ist sie nicht neu­tral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie kon­zi­pie­ren, finan­zie­ren, regu­lie­ren und nutzen.”

Sebas­ti­an Brant jeden­falls, dumm war er ja nicht, hat sein Werk Das Nar­ren­schiff“ in etwa 25 Auf­la­gen dru­cken, in meh­re­re Spra­chen über­set­zen las­sen – und er hat, obwohl er die kom­mer­zi­el­len Aus­wüch­se der neu­en Tech­nik anpran­ger­te, kräf­tig vom Buch­druck pro­fi­tiert. Wenn die­se neu­en Medi­en schon mal da sind …

… Dann nut­zen wir sie halt auch. Auch heu­te. Die jün­ge­re Gene­ra­ti­on tum­melt sich sowie­so am liebs­ten im Inter­net, aber auch die älte­re Gene­ra­ti­on wird zuge­ben müs­sen, dass sie schon mal die Künst­li­che Intel­li­genz (KI) genutzt hat – bei medi­zi­ni­schen Fra­gen, für Geschenk­ideen, bei Tipps und Tricks aller Art, die den All­tag betreffen.

Auch Papst Leo XIV. nutzt Inter­net und KI. Im Gegen­satz zu Sebas­ti­an Brant tut er dies aber sehr unauf­ge­regt, sach­lich, kom­pe­tent und dif­fe­ren­ziert. Nicht von Nar­ren, son­dern von einer von Gott geschaf­fe­nen groß­ar­ti­gen Mensch­heit“ schreibt er in sei­ner Enzy­kli­ka Magni­fi­ca huma­ni­tas“. Und mög­li­cher­wei­se ist eben sei­ne Zuver­sicht sei­ne größ­te Stär­ke. Ein Papst, der dar­an glaubt, dass wir Men­schen auch mit einer sich rasant (selbst) wei­ter ent­wi­ckeln­den neu­en Tech­nik gut zurecht­kom­men kön­nen, kann eben die­se Ent­wick­lung und ihre Aus­wüch­se auch glaub­haft kri­ti­sie­ren: etwa ihren Ein­satz in Krie­gen, oder dass die neue Tech­nik in den Hän­den von nur weni­gen Macht­ha­bern“ liegt. Papst Leos Auf­ruf: KI muss den Men­schen die­nen – und nicht umgekehrt.

Mit gedruck­tem Papier haben wir gelernt umzu­ge­hen. Wir haben gelernt Bücher, Zei­tun­gen, Flug­blät­ter und Pla­ka­te als Infor­ma­ti­ons­quel­le zu nut­zen, als Inspi­ra­ti­on für neue Ideen, und auch als Quel­le für Unter­hal­tung. Und wir haben gelernt, zu unter­schei­den, wann uns ein Papier infor­mie­ren, inspi­rie­ren, unter­hal­ten – oder aber an der Nase her­um­füh­ren will. War­um soll uns das nicht auch mit der KI gelin­gen? Mögen wir auch manch­mal Nar­ren sein, Men­schen kön­nen und wol­len wir bleiben.

Michael
Glaß

Redakteur

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