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Papst Leo XIV. hat ein Lehrschreiben zum Thema Künstliche Intelligenz vorgelegt. Schon einmal hat die Entwicklung einer neuen Technik eine epochale Phase des Übergangs begleitet und geprägt, erinnert der Autor des Editorials unserer aktuellen Ausgabe 23-2026.
Die gute Nachricht zuerst: Es war ein ziemliches Durcheinander, damals, und manche sahen schon das Ende der Welt nahen –, aber es ist dann doch weitergegangen. Damals, beim Übergang vom Späten Mittelalter zur Frühen Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert, reihte sich eine Krise an die nächste. Spielleute zogen durchs Land und bespaßten die Leute, Hofnarren hielten den Herrschern den Spiegel vor. Und dann gab es da noch diese neue Technik: den Buchdruck. Für den streng katholischen Rechtsprofessor und Humanisten Sebastian Brant eine Neuheit, die das Fass nun endgültig zum Überlaufen brachte: Die Welt sei ja eh schon ohne jeglichen moralischen Halt, voller Habsucht und Gier, Eitelkeit und Neid – und nun könne jeder Dahergelaufene auf gedrucktem Papier auch noch jedmöglichen Irrsinn verbreiten, den die Menschen glauben wollen. Berühmt sind Brants Worte in seinem „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1495: „In Narrheit ist die Welt ertaubt, und jedem Narren man jetzt glaubt (…) Da schaut nun niemand strafend drein. Die Welt, die will betrogen sein!“
Narren, heute würde man sie Influencer nennen, gab es auch damals viele. Und erneut befinden wir uns in einer Übergangsphase, geprägt von Kriegen und Krisen, und begleitet von der Entwicklung neuer Medien, in denen die irrsinnigsten Verschwörungstheorien die größten Klickzahlen erreichen. Ein ziemliches Durcheinander. Niemand kann vorhersehen, wohin die Entwicklung führen wird – aber es gibt Hoffnung, dass es auch nach diesem Übergang weitergehen wird.
„Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen.”
Sebastian Brant jedenfalls, dumm war er ja nicht, hat sein Werk „Das Narrenschiff“ in etwa 25 Auflagen drucken, in mehrere Sprachen übersetzen lassen – und er hat, obwohl er die kommerziellen Auswüchse der neuen Technik anprangerte, kräftig vom Buchdruck profitiert. Wenn diese neuen Medien schon mal da sind …
… Dann nutzen wir sie halt auch. Auch heute. Die jüngere Generation tummelt sich sowieso am liebsten im Internet, aber auch die ältere Generation wird zugeben müssen, dass sie schon mal die Künstliche Intelligenz (KI) genutzt hat – bei medizinischen Fragen, für Geschenkideen, bei Tipps und Tricks aller Art, die den Alltag betreffen.
Auch Papst Leo XIV. nutzt Internet und KI. Im Gegensatz zu Sebastian Brant tut er dies aber sehr unaufgeregt, sachlich, kompetent und differenziert. Nicht von Narren, sondern „von einer von Gott geschaffenen großartigen Menschheit“ schreibt er in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“. Und möglicherweise ist eben seine Zuversicht seine größte Stärke. Ein Papst, der daran glaubt, dass wir Menschen auch mit einer sich rasant (selbst) weiter entwickelnden neuen Technik gut zurechtkommen können, kann eben diese Entwicklung und ihre Auswüchse auch glaubhaft kritisieren: etwa ihren Einsatz in Kriegen, oder dass die neue Technik in den Händen von nur wenigen „Machthabern“ liegt. Papst Leos Aufruf: KI muss den Menschen dienen – und nicht umgekehrt.
Mit gedrucktem Papier haben wir gelernt umzugehen. Wir haben gelernt Bücher, Zeitungen, Flugblätter und Plakate als Informationsquelle zu nutzen, als Inspiration für neue Ideen, und auch als Quelle für Unterhaltung. Und wir haben gelernt, zu unterscheiden, wann uns ein Papier informieren, inspirieren, unterhalten – oder aber an der Nase herumführen will. Warum soll uns das nicht auch mit der KI gelingen? Mögen wir auch manchmal Narren sein, Menschen können und wollen wir bleiben.